In der Manndeckung des Staates

In der Manndeckung des Staates

Beitragvon Interessierter » 5. Juni 2018, 16:54

Wolfgang Böhme, einer der bekanntesten DDR-Handballer, wurde von bis zu zwölf IM beschattet. Der Film "Fallwurf Böhme" zeichnet seine Geschichte nach.

Das Bier will einfach nicht so recht schmecken, aber egal. Noch ’ne Runde! Wenigstens auf den Alkohol muss doch Verlass sein. Darauf, dass er die Wahrnehmung vernebelt, beim Abschweifen und Vergessen hilft. Das ist genau das, was Wolfgang Böhme an diesem Abend braucht. „Ich habe den Frust einfach weggespült“, sagt er heute. Und meint damals, vor 35 Jahren.

Am 30. Juli 1980 sitzt Böhme im „Szczecin“, einer Kneipe im Rostocker Stadtteil Lütten Klein, und wird am Fernseher Zeuge eines sporthistorischen Ereignisses. Zum ersten und einzigen Mal hat es die Handball-Nationalmannschaft seines Heimatlandes ins olympische Endspiel geschafft. Finalgegner der DDR-Auswahl in Moskau sind ausgerechnet die sowjetischen Gastgeber, das offizielle Bruderland. Die DDR ist krasser Außenseiter – und gewinnt trotzdem. Nach einem dramatischen Spiel mit Verlängerung heißt es 23:22 für die Deutschen. Eine Sensation, in der Heimat sitzen die Menschen vor ihren Fernsehern und jubeln.

Bei Wolfgang Böhme in Lütten Klein hält sich die Begeisterung in Grenzen. Einerseits freut er sich mit seinen alten Mannschaftskollegen, die gerade ihre Medaillen bekommen haben. Andererseits geistern diese Fragen durch seinen Kopf: Sollte er da nicht auch auf dem Feld in Moskau stehen, mit goldenem Andenken um den Hals? Er, einer der besten und bekanntesten Handballer seiner Zeit, der 192 Länderspiele für die DDR bestritten hatte, der vier Jahre Kapitän dieses Teams war. Natürlich sollte er! Nur die Staatsorgane sahen das anders.

Bis zu zwölf IM hängen an Böhmes Fersen

Abseits des Handballfeldes wird er allerdings, nach staatlichem Verständnis, auffällig. Ein Eintrag in seiner Stasi-Akte vermerkt „ausgeprägtes Interesse“ an Beatmusik, Feiern und Liebschaften. Böhmes Lebensstil passt einfach nicht ins sozialistische Weltbild des Vorzeigesportlers, der laut offizieller Doktrin „Diplomat im Trainingsanzug“ sein soll. Die Stasi setzt inoffizielle Mitarbeiter auf Böhme an. Zu Höchstzeiten, so erfährt er später, hängen ihm zwölf IM an den Fersen. „Ich war schon immer ein wenig unbedarft und leichtsinnig“, sagt Böhme rückblickend, „ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es solch einen Überwachungsapparat gibt.“

Ein paar Jahre hat Böhme noch Glück und darf seinen Beruf weiter ausüben – obwohl er immer wieder leichtsinnig vorgeht. In einem von der Stasi geöffneten Brief an eine Geliebte etwa droht Böhme damit, nach einem Wettkampf in Dänemark nicht in die DDR zurückzukehren. Bei der Handball-WM 1978 in Kopenhagen schleicht er in der Nacht vor dem Finale in das Zimmer der bundesdeutschen Nationalspieler Kurt Klühspies und Heiner Brand und erklärt mit Bierdosen, welche Taktik im Endspiel gegen die Sowjetunion hilfreich sein kann, gegen die die DDR im Halbfinale zuvor verloren hat. Tags darauf gewinnt die BRD das WM-Finale, am Abend feiern die Spieler der vermeintlich verfeindeten Staaten sogar gemeinsam. „Wenn das damals rausgekommen wäre, hätten wir alle ein Problem gehabt“, sagt Böhme.

Später gibt es immer mehr Berührungspunkte zwischen Böhme und dem Klassenfeind. Bei einer Auslandsreise lässt sich Böhme für ein signiertes Mannschaftsfoto bezahlen, die ihm unterbreiteten Angebote der Bundesligisten aus Kiel und Minden meldet er nicht wie vorgeschrieben bei den Staatsorganen. Die Stasi wird immer misstrauischer: Wie würde es denn aussehen, wenn einer der bekanntesten DDR-Sportler rübermacht? Schließlich schiebt sie diesem Szenario einen Riegel vor – und sperrt Böhme.

Der Geschasste fällt in ein tiefes Loch, flüchtet sich in den Alkohol, 1989 wird sein Ausreiseantrag schließlich bewilligt. Er geht in die Schweiz, wo er viele Jahre als Sportlehrer und Handballtrainer arbeitet. Heute sagt Böhme: „Ich bin zufrieden, dass ich zwei politische Systeme kennengelernt habe. Mir kann es nicht schlecht gehen – wenn ich nicht vergesse.

https://www.tagesspiegel.de/sport/wolfg ... 45708.html
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Re: In der Manndeckung des Staates

Beitragvon Grenzwolf62 » 5. Juni 2018, 17:23

Als ehemaliger DDR-Bürger würde ich sagen das er etwas unvorsichtig agiert hat.
Vielleicht verleitete manche ihre damalige exponierte Stellung zu einer gewissen Blauäugigkeit, siehe Biermann der zu Honeckers privat Kaffe trinken gehen durfte.
Ich bitte den Themeneröffner vorsorglich meine ganz neutrale Meinung dazu nicht wieder vorschnell mit meiner derzeitigen politischen Gesinnung in Zusammenhang zu bringen.
Danke im Voraus.
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Re: In der Manndeckung des Staates

Beitragvon Interessierter » 5. Juni 2018, 17:39

Warum sollte ich; konnte doch weder ein Asylant noch Merkel schuld dran sein.... [denken]
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