Bundesliga-Fans in der DDR

Bundesliga-Fans in der DDR

Beitragvon Interessierter » 29. Mai 2018, 10:47

Wolles verbotene Liebe

Wolfgang Großmann wuchs nahe Dresden auf, entflammte aber früh für Borussia Mönchengladbach. Deshalb galt er als Staatsfeind, die Stasi jagte ihn, Freunde wurden zu Verrätern - ein Fan zwischen Ost und West.

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privat

Zur gleichen Zeit besteigt "Wolle", 25, am Abend des 11. Juni 1982 am Elbufer das Fahrgastschiff "Leipzig" zur Mondscheinfahrt der Weißen Flotte. Seine 13 Kumpels werden Schalke, Werder oder Hamburg genannt. Sie tragen Fanschals, die es in der DDR nicht zu kaufen gibt, und singen Lieder, die hier verboten sind. Sie sind der "Fanclub Dresdner Löwen 81": erster und einziger Bundesliga-Fanclub der DDR.

In Sachen Fußballbegeisterung lassen die Kontrollfreaks der DDR ihren Bürgern in diesen Jahren etwas Spielraum. Fankurven zählen zu den wenigen Orten im Land, wo man sagen - brüllen - darf, was man will. Nur: Die Liebe soll gefälligst auf die richtige Seite der Mauer fallen. Auf Wismut Aue, Stahl Brandenburg oder Dynamo Dresden, natürlich auf die DDR-Nationalmannschaft. Wer sich in Eintracht Frankfurt, den 1. FC Nürnberg oder Borussia Mönchengladbach verknallt, hat sich die Falsche ausgesucht.

Im Sommer 1981 sind das seine Leute. Sie hören im Stadion die Bundesliga-Konferenz im Radio und stellen ihre Zuneigung zu einem West-Verein auch deshalb so zur Schau, weil das so wunderbar das Establishment provoziert. Manchmal gibt es blaue Flecken durch die sozialistischen Wegweiser der Polizei, fast immer Keile mit den Fans aus Leipzig, Ost-Berlin oder Rostock.

Wolle ist glühender Fan von Borussia Mönchengladbach, der Verein seiner Geburtsstadt für ihn ein Symbol der Freiheit. Sein Herz schlug früh für die "Fohlenelf" um Günter Netzer, Berti Vogts, Jupp Heynckes und Hacki Wimmer. Den ersten Ausreiseantrag aus der DDR reicht er noch während seiner Lehre zum Baufacharbeiter ein. Von da an hat ihn die Staatssicherheit auf dem Kieker. Ein Mann will die DDR verlassen, weil er Fußball gucken möchte. Die Genossen lassen ihn nicht. Auch dann nicht, als er die Anträge direkt an Erich Honecker zu adressieren beginnt.

Gleich nach der Gründung wurden Fanclub-Mitglieder als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben. Mindestens zwei, wie die Unterlagen belegen, vermutlich drei oder vier. Sie sind Fans von Werder Bremen oder Bayern München, sie sind bei den als Taubenzüchter-Mitgliederversammlung getarnten "Löwen"-Treffen dabei, tauschen "kicker"-Ausgaben und zeigen stolz den nächsten Stuttgart-Schal, der es über die Grenze geschafft hat. Sie trinken Bier und quatschen über Fußball. Und erzählen es dann der Stasi.

"Politisch unreife Jugendliche"

Die sammelt Erkenntnisse wie "Das Spielen von Fußball-Toto ist im Fanclub Pflicht. Die Spielregeln sind beim Totomann zu erfahren" oder "Überhaupt wird bei jedem Treffen sehr viel Alkohol getrunken". Was die Stasi so notiert (Rechtschreibfehler wie im Original):


"Bei den bekanntlich zum Club gehörenden 14 Mitgliedern handelt es sich um Jugendliche, welche größtenteils politisch unreif und nicht in der Lage sind, einfache politische Zusammenhänge zu beurteilen und zu erfassen. In dem sie sich an den jeweiligen Handlungsorten vor den Unterkunfts-, Trainings- und Spielstätten ihrer Idole, den Spielern der BRD-Profimannschaften, zusammentreffen, um Eintrittskarten, kleine Geschenke oder Autogramme zu erhalten, stellen sie sich bereits bewusst, bzw. teils unbewusst in den Dienst westlicher Massenmedien, welche diese Verhaltensweise journalistisch bearbeiten und darüber in diffamierender Art und Weise berichten. Durch diese Handlungsweisen der Mitglieder der Gruppierung entstehen für die gegnerischen Kräfte unmittelbare Möglichkeiten zur Durchführung zielgerichteter Angriffe zum Nachteil des DDR-Sports, zur Diffamierung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR sowie zur Realisierung seiner Kontaktpolitik/Kontakttätigkeit."


Wolle, der Fußballfan, ist also ein Staatsfeind. Um die Gruppe zu "zersetzen", geben die zuständigen Offiziere einen "Operativen Vorgang" (OV) in Auftrag. Ein IM, der bei der Mondscheinfahrt gar nicht dabei ist, weiß hinterher trotzdem zu berichten, dass es "hoch hergegangen" sei und "auch eine Mädchenschulklasse" anwesend war.

Hier geht es weiter:
http://www.spiegel.de/einestages/bundes ... 08878.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Bundesliga-Fans in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 29. Mai 2018, 11:35

Nun ist auch erklärt, warum Mielke zum Schluss völlig verwirrt war. Unerhört von den Jugendlichen, nicht irgendeinem DYNAMO-Verein hintergerannt zu sein.! [flash]
Heute lacht man über damalige Blödheit des Staates, der seine "Feinde" selbst erfand oder erst aufbaute.
Damals aber war es keineswegs lustig, in Abstrusistan vom Kurs abzuweichen.

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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