So scheiterte Bernd Sieverts Flucht in die Freiheit

So scheiterte Bernd Sieverts Flucht in die Freiheit

Beitragvon Interessierter » 19. April 2018, 11:39

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Diese Skizze fertigte ein Offizier der DDR-Grenztruppen über die gescheiterte Flucht von Bernd Sievert am 5. September 1971 um 13.20 Uhr an
Quelle: BArch-MA DVH50-128300


Hörensagen kann tödlich sein. Zumindest aber lebensgefährlich. Wenn ausländische Staatsgäste in der DDR weilten, so erzählte man es sich im Ost-Berlin der 1970er- und 1980er-Jahre gern, wäre der Schießbefehl für die Grenzposten entlang des Todesstreifens aufgehoben. Die SED wolle nicht riskieren, dass es zu internationalen Komplikationen komme, weil man sich gegenüber den hochrangigen Besuchern anlässlich konkreter Tötungen für die barbarischen Grenzsicherungsmaßnahmen rechtfertigen müsse.

Auch Bernd Sievert hatte davon gehört. Und er wusste: Anfang September 1971 waren die Botschafter aller vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gleichzeitig zu Gast in der geteilten Stadt. Denn am 3. September war das Vier-Mächte-Abkommen über den Status Berlins unterschrieben worden, ein Meilenstein der Entspannungspolitik. „Die ganze politisch interessierte Öffentlichkeit schaute nach Berlin“, sagt Sievert im Rückblick: „Ich war so naiv anzunehmen, dass in der DDR nun der Schießbefehl für einige Tage außer Kraft gesetzt würde.“

Das ist der am besten dokumentierte Fluchtversuch ( weitere Fotos im Link )

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Bernd Sievert liegt niedergeschossen auf dem Todesstreifen Quelle: ullstein bild/ullstein bild

„Ich habe geglaubt, dass die Öffentlichkeit für mich ein gewisser Schutz wäre“, erklärt Bernd Sievert im Rückblick: „Aber das hat sich eben leider als Fehlplanung herausgestellt.“ Weder war der Schießbefehl aufgehoben noch schreckte die DDR-Grenzer die Sorge, dass Fotografen der Zeitungen des Springer-Verlages sie ablichten könnten.

Die beiden eingesetzten DDR-Grenzpostenpaare Waldemar L. und Rainhard K. sowie Klaus L. und Roland M., sahen, dass eine „männliche Person“ sich der innerstädtischen „Staatsgrenze“, also der Berliner Mauer, „annäherte“ und die Sperranlagen beobachtete. Schon in diesem Moment ging die erste Meldung des einen Doppelpostens an den zuständigen Zugführer ab.

„Der Grenzverletzer überstieg die hintere Begrenzung der pioniertechnischen Anlage“, heißt es weiter im Bericht des Grenzregiments. „Pioniertechnische Anlage“ war der schamhafte Ausdruck für den Todesstreifen der Berliner Mauer, der hier neben der „Hinterlandsicherung“ aus einem Signalzaun, dem asphaltierten Kolonnenweg, Panzersperren aus Stahl, dem stets akkurat geharkten und nachts beleuchteten Kontrollstreifen und dem „vorderen Sperrelement feindwärts“ bestand, der eigentlichen Berliner Mauer.

Angeblich oder tatsächlich in diesem Moment rief Waldemar L.: „Halt! Stehenbleiben!“ Doch Sievert hörte nicht darauf, sondern rannte mit der Obstkiste in der Hand quer über das breite Gelände, ohne jeden Schutz, auf das „vordere Sperrelement feindwärts“ zu. Er wollte die Kiste dort anlehnen und dann die Mauer überwinden.

In diesem Moment eröffneten zuerst Waldemar L. und Rainhard K., unmittelbar darauf auch Klaus L. und Roland M. das Feuer. Ihre Kalaschnikow-Sturmgewehre waren auf Dauerfeuer geschaltet. In kaum mehr als einer Sekunde verfeuerten die vier Grenzer insgesamt 47 Schuss: „Nach Abgabe mehrerer Feuerstöße wurde der Grenzverletzer ca. 30 Meter vor der Grenzmauer mit einem Durchschuss im rechten Oberschenkel zum Stehen gebracht“, heißt es im Bericht. In Wirklichkeit wurde er sogar zweimal getroffen und schwer verletzt.

Den vollständigen Bericht mit weiteren Fotos findet man hier:
https://www.welt.de/geschichte/article1 ... iheit.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: So scheiterte Bernd Sieverts Flucht in die Freiheit

Beitragvon augenzeuge » 19. April 2018, 16:40

Interessierter hat geschrieben:Ihre Kalaschnikow-Sturmgewehre waren auf Dauerfeuer geschaltet. In kaum mehr als einer Sekunde verfeuerten die vier Grenzer insgesamt 47 Schuss:
....In Wirklichkeit wurde er sogar zweimal getroffen und schwer verletzt.[/b]


Einfach schlimm.

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