Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich

Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich

Beitragvon Interessierter » 7. März 2018, 11:07

Ob DDR, ob Nazi-Reich: Im Rückblick verklären die Menschen das normale unpolitische Leben

Vor kurzem wurde ich ( der Autor ) in dieser Zeitung für eine provokante Frage kritisiert, die ich im Zusammenhang mit den so genannten OstalgieShows gestellt hatte: „Was wäre in diesem Land für ein Geschrei, wenn nicht Kati Witt eine DDR-Show, sondern z. B. Johannes Heesters eine Dritte-Reich-Show moderieren würde?“

Mir geht es bei dieser Debatte aber um einen fundamentalen Unterschied: den, ob man Heinz Rühmann und die vielen anderen Kinolieblinge der dreißiger und vierziger Jahre einfach in ihren Filmen wieder sieht oder ob diese Filme im Rahmen einer Sendung ausgestrahlt werden, die auch mit den äußerlichen Symbolen des untergegangenen, verbrecherischen Regimes aufwartet. Ein Moderator in HJ-Uniform, ob im öffentlich-rechtlichen oder privaten Fernsehen, ist schwer vorstellbar. Aber das angeblich schönste Gesicht des DDR-Sozialismus posiert im Fernsehen mit Halstuch und Pionierbluse und wirbt mit FDJ-Hemd für eben diese DDR-Show des Senders.

Doch die Sache ist noch komplizierter. Ich bin nicht gegen diese DDR-Shows. Sie müssen nicht einmal versuchen, politisch überkorrekt zu sein, sondern vor allem gut und professionell gemacht sein. Ich glaube nämlich: Die Menschen haben ein Recht auf ihre Erinnerungen! Diese Alltagserfahrungen der Menschen sind auch in Diktaturen für den „normalen Bürger“ nicht primär durch Politik geprägt. Wer nicht bewusst politisch dachte und handeln wollte, wer nicht die Grenzen des Systems wirklich austestete oder wer einfach nur durch naives, unbewusstes Handeln an die Grenzen des in der SED-Diktatur Erlaubten stieß, lebte selbst im Unrechtsstaat DDR weitgehend unbehelligt.

Es gibt zwei unterschiedliche Sichten auf die DDR-Gesellschaft, wie auf jede andere Gesellschaft auch: Einerseits konnte man von außen unschwer das totalitäre System als Unrechtsstaat analysieren. Andererseits konnte der Einzelne, aus der Innenperspektive ganz andere Erfahrungen machen, wenn er sich mit den vom System gesetzten Grenzen abfand oder diese gar nicht bewusst verspürte. Und das war die übergroße (unpolitische) Mehrheit der Menschen. Ich glaube, wir müssen dieses Faktum akzeptieren, auch wenn ich mir gewünscht hätte, das sich mehr Menschen gegen das Unrechtssystem engagiert hätten.

Die DDR war ein Unrechtsstaat und das SED-Regime eine Diktatur. Hohe Einschaltquoten für solche Sendungen sagen noch nichts darüber aus, wie die meisten Menschen das politische System dieser vergangenen Diktatur einschätzen. Die DDR-Shows wollen kein politisches Oberseminar zur SED-Diktatur sein. Sie behandeln das konkrete Leben der Menschen mit ihren Erfahrungen im Alltag, in der Familie, mit Freunden und im Beruf. Die konkreten Erinnerungen betreffen nicht zuerst das abstrakte politische System, sondern das normale Leben.

Dieses Leben ist für den größeren Teil der Bevölkerung in diktatorischen wie demokratischen Systemen menschlich, allzu menschlich. Nur – und da wird es wieder kompliziert und missverständlich – das trifft wohl auch auf die Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern im Dritten Reich zu, selbst zu einer Zeit, als die Ostfront schon stand und der industrielle Massenmord an den Juden in schrecklichster Weise stattfand.

Der Autor ist in der DDR aufgewachsen und heute medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

https://www.tagesspiegel.de/meinung/auc ... 48590.html

Stellt sich also nur die Frage, warum ehemalige Bürger der DDR, die einen unpolitischen, menschlichen Alltag lebten, heute bei aller Kenntnis über diese menschenverachtende und menschrechtsverletzende SED - Diktatur, diesen untergegangenen Staat meinen verklären zu müssen?
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Re: Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich

Beitragvon karnak » 7. März 2018, 13:37

Mag sein , dass manche verklären, die sind aber von der Masse her zu vernachlässigen, sie sind nicht das Problem. Das Problem sind die, die denen die sich um Seriösität bei der Bewertung der Geschichte bemühen eben diese Verklärung unterstellen und zwar ausgelöst durch ihr eigenes ideologisches Brett vor dem Kopf.
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Re: Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich

Beitragvon Interessierter » 7. März 2018, 14:33

Hallo Kristian,
deine Meinung soll dir gerne unbenommen sein und bleiben; genau so wie ich das anders sehe. aber man muss ganz gewiss kein Brett vor dem Kopf haben und muss auch nichts unterstellen.
Man muss einfach nur hören und lesen was beispielsweise Teile von NVA, MfS, VP und ehemals aktiven SED - Genossen, in Foren, Blogs und anderen Medien so absondern.

Ich möchte als ein weiteres passendes Beispiel einen User dieses Forums, der angepasst und unpolitisch lebte, " Volkseigentum " klaute wie ein Rabe und heute nur gutes über die SED - Diktatur zu berichten weiß. Obwohl er sogar die Todesautomaten an der Grenze installierte, schämt er sich nicht, diesen Staat zu verklären.

Dabei ist es bei einem Teil nicht einmal Vorsatz. Nein sie sind einfach zu dumm, um beispielsweise zu begreifen, dass man die billigen Miete nicht loben kann und einfach die dadurch nicht mögliche Erhaltung der Bausubstanz ignoriert. Solche Beispiele der unüberlegten Lobhudelei lassen sich doch beliebig fortsetzen.

Da muss man gar nicht nicht erst von den fehlenden Freiheiten der Bürger und permanenten Meschenrechtsverletzung dieses Regimes anfangen.
Wenn du meinst man müsste ein ideoligisches Brett vor dem Kopf haben, nur weil man auspricht was häufig ( wie erwähnt ) zu hören und zu lesen ist, dann ist das wohl der " SED - Eintrichterung " geschuldet, dass immer der ( ehemalige ) Klassenfeind der Schuldige ist.

Die Aussage des Links, dass Teile der ehemaligen DDR - Bevölkerung, die DDR verklären nur weil sie ein normales, unpolitisches Leben durch Anpassung führen konnten, ist daher - meiner Meinung nach - total richtig.
Die Verklärung in Teilen von ehemaligen Angehörigen diverser Organe dieser Diktatur kommt hinzu.
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Re: Auch in der Diktatur ist der Alltag menschlich

Beitragvon Interessierter » 13. März 2018, 11:13

Alltag in der DDR: Im Land der Werktätigen

Bild

Der Alltag in der DDR war vor allem eines: organisiert. Spätestens ab dem ersten Geburtstag hatte die Deutsche Demokratische Republik ihre Finger im Spiel. Analog des berühmten Fünfjahresplans der DDR-Plankommission existierte auch ein fixes Schema für das Aufwachsen: Mit einem Jahr ging es in die Kinderkrippe, je früher die Prägung der Werktätigen in spe beginnen konnte, desto besser.

Die Erziehungsarbeit mit dem Ziel, die Kleinen zu großen Patrioten und in der Wolle gefärbten Sozialisten zu formen, folgte strikten Lehrplänen, vorgegeben und kontrolliert vom Staat. Damit kein Kind durchs Netz fiel, war das Bildungssystem dicht gewoben: etwas, das bis heute Experten beeindruckt. So hatte die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands das, was aktuell von vielen ersehnt wird, verwirklicht: Jedes Kind hatte nicht nur Anspruch auf einen Ganztags-Betreuungsplatz, sondern bekam auch einen. Ein Traum. Oder ein Albtraum, je nachdem.

Das Betreuungssystem sicherte zweierlei: die Arbeitskraft der Eltern, auch die der Mutter. Denn Arbeiten war zentrales Element im Arbeiter- und Bauernstaat, und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen. Mehr als 90 Prozent der Frauen hatten einen Vollzeitjob, die Kinderbetreuung machte es möglich. Zweitens sorgten Kita und Co. für eine lückenlose Aufsicht über die Kinder, die möglichst früh gegen zersetzende bürgerliche West-Einflüsse sowie Freiheitsgedanken geimpft werden sollten.

Dass die Strategie nicht bei allen der am Ende knapp 17 Millionen DDR-Bürger erfolgreich war, bewies die friedliche Revolution vor und bis 1989, an deren furiosem Ende der Fall der Mauer am 9. November 1989 stand. In diese Reihe des mutigen Widerstands gehört auch der Aufstand vom 17. Juni 1953.

https://www.noz.de/deutschland-welt/pol ... erktatigen
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