KGB-Gefängnis Potsdam

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

KGB-Gefängnis Potsdam

Beitragvon Interessierter » 25. Februar 2018, 12:02

Ein Ort der Verzweiflung

Nach Kriegsende 1945 errichtete der sowjetische Geheimdienst zahlreiche Gefängnisse in der russischen Besatzungszone - eines davon in Potsdam. Heute ist das Haus eine Gedenkstätte, immer mehr ehemalige Häftlinge kommen in das frühere Durchgangslager und suchen nach Spuren ihres Wegs in Stalins Gulag.


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Das ehemalige KGB-Gefängnis in Potsdam

Nicht nur der Tochter fiel es bei einem Spaziergang im Jahr 1999 auf: In Potsdams edlem Wohnviertel "Am Neuen Garten" blieb der Blick an einem heruntergekommenen Eckhaus Große Weinmeisterstraße/Leistikowstraße haften und ließ sie stutzen: Im grauen, verwitternden und bröckelnden Außenputz waren erkennbar zugemauerte Türen und schmale vergitterte Fenster waren zu sehen, mit Holzplatten verschlossene Kellerluken, Gitter vor dem alten Eingang, eine Gefängnistür mit Guckloch, einem "Spion". Dieser Anblick erinnerte Mutter und Tochter an die Erzählungen des Vaters, der von seinen Jahren als Gefangener in Workuta, dem sibirischen Gulag berichtet und dabei auch von einem schrecklichen Gefängnis in Potsdam gesprochen hatte. Bisher hatte er es nicht wiederfinden können, trotz Suche.

War es möglicherweise dieses trostlose Gebäude auf dem verwahrlosten, nachlässig umzäunten Eckgrundstück? Tatsächlich, auf einer kleinen Info-Tafel vor dem Haus lud eine Arbeitsgemeinschaft ein, bei Fragen zur Geschichte dieses ehemaligen KGB-Gefängnisses eine Potsdamer Telefonnummer anzurufen. Die Spaziergänger riefen an.

Geruch von Angst und offenen Toiletteneimern


Einige Zeit später betrat der ehemalige Häftling aufgeregt das Haus in der Leistikowstraße. Schon der Geruch im Innern, die Farbe der Wandanstriche, die ausgetretenen Stufen, der Maschendrahtzaun im Treppenhaus, die kalten Lampen, die massiven Gittertüren vor dem Erdgeschoss und zum Keller kamen ihm bekannt vor. Er fand den Weg durch den langen Gang mit den schweren Zellentüren, den aus der Decke herausragenden Abflussrohren bis zu seiner Zelle - das war sie, kein Zweifel. Zu prägend waren die Wochen und Monate gewesen, die der 19-Jährige hier allein zubringen musste, nur unterbrochen von den Gängen zu den quälenden Verhören und zum Leeren der "parascha", des Abortkübels. Alle Erinnerungen kamen jetzt hoch. Das Äußere des Hauses allein hatte nicht genügt, denn An- und Abtransporte von Gefangenen geschahen damals nachts.

Wochen und Monate hatte er hier im Ungewissen verbracht, verurteilt zu Untätigkeit, verwirrt durch eine Tag und Nacht grell blendende Lampe, kaum Tageslicht durch die Ritze der Fensterverblendung. Hunger, Angst, Verzweiflung und Schmerzen erinnerte er, den Schlafentzug durch nächtliche Verhöre, Sorgen um die Angehörigen draußen. Schmerzlich hatte er die absolute Rechtlosigkeit und das Ausgeliefertsein erlebt.

Keine Dokumente über das Unrecht

Die beim Abzug des sowjetischen Geheimdienstes 1994 fast völlig leer geräumten Zellen im Erdgeschoss und im Obergeschoss, die wenigen verbliebenen Gegenstände - Metallpritschen, einige verloren herumstehende Stühle und Tische - regen zu Fragen und Vermutungen in alle Richtungen an. Doch es gibt keinen offiziellen Bericht aus der Zeit des Gefängnis, kein historisch verwendbares Übergabeprotokoll, keine Akten.

Aber es gibt immer mehr ehemalige Häftlinge, Männer und Frauen, die von der Existenz des ehemaligen Gefängnisses in Potsdam erfahren. Sie kommen, sehen und berichten. Sie suchen Mithäftlinge, soweit sie nach über 50 Jahren am Leben und auffindbar sind, sie erzählen von den Lagern in Sibirien und Kasachstan, von ihrem Leben nach der Heimkehr in die DDR oder die Bundesrepublik. Und sie berichten vor allem vom Haftalltag in diesem Gefängnis, von den Verhören, von Folter und Demütigung, von unvorstellbaren sanitären Zuständen, vom Karzer, der 90 mal 90 Zentimeter großen Strafzelle, von Gewalt, Hunger und Ungeziefer und von den unglaublich hohen Strafen, zu denen sie verurteilt wurden - 25 Jahre Sibirien für einen vagen Verdacht waren keine Seltenheit.

Weiter geht es hier:
http://www.spiegel.de/einestages/kgb-ge ... 47957.html
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Re: KGB-Gefängnis Potsdam

Beitragvon Interessierter » 26. Februar 2018, 16:02

Gefängnisinschriften enträtselt - "Irmgard Gimperlein, Todesstrafe"

In der Hoffnung, dass Angehörige von ihrem Schicksal erfahren, ritzten Insassen des sowjetischen Geheimdienstgefängnisses in Potsdam Botschaften in Zellenwände. Erst 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sind einige der Nachrichten entziffert.

Schlimmer konnte es nicht kommen. Irmgard Gimperlein verlor ihren Job. Im Juli 1951 musste die 18-Jährige aus Bernau ihre Aushilfsstelle bei der "Vereinigung Volkseigener Erfassungs- und Ankauf-Betriebe landwirtschaftlicher Erzeugnisse" in Berlin-Buch aufgeben, weil sie schwanger war. Der Kindsvater hatte sich wegen illegaler Geschäfte und vor den fälligen Unterhaltszahlungen nach West-Berlin geflüchtet.

Ende Oktober trafen sich die beiden zufällig auf dem Bahnhof Gesundbrunnen. Heinz bot ihr einen Job an. Sie sollte Autonummern sowjetischer Fahrzeuge notieren. Wofür, das wusste sie anfangs nicht. Dann bat er sie, sich mit einem sowjetischen Offizier anzufreunden und ihn nach West-Berlin zu bringen. Und sie sollte herausfinden, wie viele sowjetische Soldaten in der Bernauer Kaserne untergebracht waren. Da wusste sie, dass sie für einen westlichen Nachrichtendienst arbeitete. Ihr Honorar als Agentin: 12,50 West- und 170 Ost-Mark.

Am 11. Dezember kam ihre Tochter zur Welt - und starb knapp zwei Monate später. Eine Woche darauf trat Irmgard eine neue Stelle an, diesmal als Stationsschwester im Krankenhaus Bernau. An ihrem ersten Arbeitstag, dem 15. Februar 1952, wurde sie verhaftet. Die Staatssicherheit der DDR übergab die junge Frau der sowjetischen Spionageabwehr. Zweieinhalb Monate saß sie im Untersuchungsgefängnis an der Leistikowstraße 1 in Potsdam, dann bekam sie ihr Urteil. Sie ritzte es in die Wand ihrer Kellerzelle:

"Irmgard Gimperlein. geb. 14.4.33 Todesstrafe 10.7.52".


Spurlos verschwunden

Das zentrale Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Militärspionageabwehr war ehemals eine zweistöckige Villa. Ganz in der Nähe, auf Schloss Cecilienhof, hatten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs während ihrer Potsdamer Konferenz über das Schicksal Deutschlands beraten. Kurz danach, im Sommer 1945, beschlagnahmten die Sowjets das Haus und bauten es zum Gefängnis um.

Es blieb ein Gefängnis - bis 1991. Was genau sich in den vergangenen Jahrzehnten darin abgespielt hatte, konnte zunächst nur stückweise, etwa anhand von Berichten noch lebender ehemaliger Insassen, rekonstruiert werden. Sowohl Deutsche als auch sowjetische Staatsbürger waren dort festgehalten worden. Wie viele, das ist bis heute nicht bekannt. Wer einmal in die Fänge sowjetischer Geheimdienste geraten war, galt für seine Angehörigen und die Öffentlichkeit meist als spurlos verschwunden.

Dabei hatten viele von ihnen durchaus Spuren hinterlassen: verzweifelte Botschaften, die die Betroffenen mit Holzspänen, Scherben, Besteckteilen oder was auch immer sie in der kargen Zelle ihres Kerkers fanden in die Wände kratzten, ritzten, schabten. Ihre Adressaten aber erreichten diese Botschaften nie.

1500 Inschriften

Als der Kalte Krieg zu Ende ging und die Mauer fiel, befand sich das ehemalige Gefängnis weiterhin in einem Sperrgebiet. Erst mit dem Abzug der russischen Armee aus Deutschland 1994 erhielt der Alteigentümer das Gebäude zurück. Damals fiel auf, dass die Wände des Hauses mit zahlreichen Inschriften bedeckt waren. Teils übermalt, teils ausgekratzt.

2009 initiierte die inzwischen dort eingerichtete Gedenkstätte ein Projekt zur systematischen Erfassung dieser Botschaften. Man entdeckte Namen, Initialen, Worte, Zahlen, Zeichnungen. Rund 1500 Inschriften dokumentierten Restauratoren an den Innen- und Außenwänden des Hauses. Zeichen, die Jahrzehnte später halfen, Angehörige ehemaliger Insassen zu ermittelt, und die Schicksale spurlos Verschwundener aufzuklären. Ihre Lebensgeschichten finden sich zusammengefasst in dem 2015 im Metropol Verlag erschienenen Buch "Sprechende Wände. Häftlingsinschriften im Gefängnis Leistikowstraße Potsdam". Sie geben Aufschluss über die tatsächliche oder vermeintliche Verstrickung von Ostdeutschen in die Informationsbeschaffung alliierter Geheimdienste während der Nachkriegsjahre.

Ende 1945 waren die ersten Häftlinge in das zentrale Durchgangs- und Untersuchungsgefängnis für die Sowjetische Besatzungszone gekommen, anfangs vor allem ehemalige Wehrmachtsangehörige, NS-Funktionsträger, Mitarbeiter deutscher Geheimdienste und Jugendliche, die beschuldigt wurden, Hitlers Untergrundtruppe "Werwolf" angehört zu haben. Bald gerieten auch solche Personen ins Visier, die der Spionage für westliche Stellen oder antikommunistische Organisationen verdächtigt wurden, oft schon wegen geringfügigster Taten. Häufig aber waren es auch wirtschaftliche Nöte, finanzielle Interessen, Abenteurertum oder schlicht Naivität, die Ostdeutsche in die Arme westlicher Geheimdienste trieben.

Im Potsdamer Gefängnis warteten sie auf ihr Urteil. Die Zeit, die dabei verging, veranschaulichen Zählstriche an den Wänden. Es war verboten, solche Inschriften anzufertigen. Worte, Zahlen und Zeichnungen fanden sich deshalb vor allen in den Zellenbereichen, die vom Wachpersonal durch den Türspion nur schwer einsehbar waren. Wer Namen, Adresse und Strafmaß hinterließ, wollte vermutlich, dass Angehörige von diesem Schicksal erfuhren.

Eine kleine Chance dazu bestand.

"Zum Tode verurteilt wegen Werwolf, bitte melden!"

Ottmar Kreißl, 1948 im Gefängnis inhaftiert, erinnerte sich später: "Während der endlosen Warterei in der Zelle tagsüber hatte ich auch den gekalkten Türstock untersucht und gesehen, dass da Nachrichten eingeritzt waren." Entziffern konnte er sie nicht, deshalb wischte er mit einem feuchten Lappen die weiße Farbe ab. "Was da zutage kam, ließ mir den Atem stocken. Es waren Namen zum Tode Verurteilter, meist blutjunger Burschen."

Insgesamt sechs solcher eingeritzten Nachrichten habe er entziffern können - und sie auswendig gelernt, berichtete Kreißl. Jahre danach erinnerte er sich nur noch an eine: "Anton Binderlechner, Jahrgang 1929, (…) 1946 zum Tode verurteilt, wegen Werwolf, bitte melden." Nach seiner Entlassung habe er die Informationen "bei den Freiheitlichen Juristen in West-Berlin zu Protokoll gegeben. Sie waren sehr dankbar und fanden auch einen der Namen in ihren Listen."

Wie Kreißl hatten in den Fünfzigerjahren auch andere ehemalige Insassen dem Deutschen Roten Kreuz in der Bundesrepublik oder Privatorganisationen wie dem von der CIA finanzierten "Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen" von Namen berichtet, die sie im Gefängnis gelesen hatten. Die Informationen drangen aber nie an die Öffentlichkeit und auch nicht zu den Angehörigen in der DDR.

Verschleppt und erschossen


Die 1947 in der Sowjetunion abgeschaffte Todesstrafe war im Januar 1950 wieder eingeführt worden. So finden sich unter den Inschriften im ehemaligen Potsdamer Gefängnis auch letzte Lebenszeichen derer, die gegen Ende der Stalin-Ära von sowjetischen Militärtribunalen zum Tode verurteilt, nach Moskau verschleppt und dort erschossen wurden.

Irmgard Gimperlein blieb dies erspart. Sie wurde am 16. September 1952 in Moskau begnadigt. Statt der Vollstreckung des Todesurteils erhielt sie eine 15-jährige Haftstrafe und wurde zur Zwangsarbeit nach Workuta geschickt. Drei Jahre später durfte sie nach Deutschland zurückkehren.

http://www.spiegel.de/einestages/haeftl ... 41142.html
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