Karl-Marx-Allee Boulevard der zerbrochenen Träume

Wie lief der Alltag in beiden deutschen Staaten zur Zeit der Teilung ab? Wie wurde gearbeitet? Was waren typische Berufe? Was wurde nach Feierabend gemacht? Wohin gings in den Urlaub?
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Karl-Marx-Allee Boulevard der zerbrochenen Träume

Beitragvon Interessierter » 10. Februar 2018, 10:53

Der Wessi redete nur Unfug: Als ein Politikstudent auf einer WG-Party in der Karl-Marx-Allee wichtigtuerisch über die DDR-Aufmarschmeile dozierte, reichte es Marko Schubert. Der einzige Ostdeutsche in der Runde ergriff das Wort - und erzählte von dem ersten Mal, an dem er gern auf eine Demo ging.

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Ich ( der Autor ) war auf einer großen WG-Party eines Arbeitskollegen eingeladen. Die Feier fand in der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain statt. Obwohl ich sehr spät kam, befanden sich noch viele Gäste in der Bude. Micha begrüßte mich euphorisch und stellte mir jeden einzeln vor. Die verqualmte Küche war wie immer das lautstarke Zentrum der Wohnung und besonders gut gefüllt. Bald war klar: Ich, der Junge von nebenan, war der einzige ehemalige Ostdeutsche auf der gesamten Party. Unglaublich, denn noch bis vor wenigen Jahren waren dieses Haus, die Straße und der Bezirk ausschließlich von Ossis bewohnt gewesen. In der Badewanne schwammen die letzten, einsamen Beck's Gold.

Manchmal kann ich gar nicht glauben, wie sehr sich meine Stadt verändert hat. Ziemlich schockiert öffnete ich mir eins meiner im Sixpack mitgebrachten "Berliner Pilsner" und sah mich erst mal um. Irgendwie kam mir die Wohnung bekannt vor. Ich ging in die Küche und lauschte den Gesprächen. Eine große Runde scharte sich um einen Typen mit Brille, der sich offenbar selbst gern reden hörte. Micha hatte ihn mir als Daniel aus Hannover vorgestellt, der in Berlin Politikwissenschaften studierte. Ich stellte mich daneben und hörte staunend zu. Er erklärte uns die Geschichte der Karl-Marx-Allee.

Leider redete er ausschließlich dummes Zeug. Ich wollte ihn am liebsten anschreien und sagen, dass diese Häuser nicht erst in den sechziger Jahren gebaut worden waren, dass es auch schon vor der Wende Badewannen und Fahrstühle gab - und dass in dieser Straße nicht jede Woche Panzer und Raketenwagen auffuhren. Die monumentale Karl-Marx-Allee, die bis 1961 noch Stalinallee geheißen hatte, war ab 1952 nach den Vorbildern der Prachtboulevards in Moskau, Lenin- und Stalingrad errichtet worden. Sie diente nicht nur dem städtischen Verkehr, sondern sollte Berlins Status als Hauptstadt verkörpern - und bot die Bühne für Aufmärsche und Paraden. Obwohl sich ab dem Strausberger Platz einige unschöne Plattenbauten anschlossen, blieb die schnurgerade Karl-Marx-Allee vom Alex bis zum Frankfurter Tor mit ihren Häusern im Zuckerbäckerstil eine der ungewöhnlichsten und vielleicht schönsten Straßen meiner Stadt. Die selbstverliebte Show des arroganten Wessis machte mich wütend. Selten hatte ich mich so aggressiv erlebt. Trotzdem behielt ich meinen Ärger für mich und schwieg. Warum?

Sinnlose Kämpfe

Ich hatte bis zu diesem Moment schon zu viele sinnlose Kämpfe ausgetragen, zu oft über meine verschwundene Heimat gesprochen, als ob ich sie gedemütigt vor anderen verteidigen müsste. Meine Lust auf weitere Diskussionen tendierte im Laufe der Jahre gegen Null. Mir wurde egal, wie andere die DDR deuteten oder was darüber in den Geschichtsbüchern stand.

Ich setzte mich an einen Tisch, schaute aus dem Fenster in die tiefschwarze Nacht und dachte nach. Vielleicht verlangte ich einfach zu viel. Auch ich hatte erst als junger Student erfahren, was genau hier einst geschehen war. Am 17. Juni 1953 hatte sich hier auf den Baustellen dieser prestigeträchtigen Straße der Widerstand formiert, in der DDR kam es zu einer Welle von Streiks und Protesten - der erste historisch bedeutende Aufstand in den Staaten des Ostblocks. Nachdem ich das in der DDR verbotene Buch "5 Tage im Juni" von Stefan Heym gelesen hatte, war ich sprachlos gewesen. Wie hatten sie es geschafft, uns diesen wichtigen Abschnitt der deutschen Geschichte so lange vorzuenthalten? Wie war es möglich, dass ich bis zu meinem 20. Lebensjahr noch nie davon gehört hatte?

Weiter mit dem Zeitzeugenbericht und 26 Fotos geht es hier:
http://www.spiegel.de/einestages/karl-m ... 49935.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Karl-Marx-Allee Boulevard der zerbrochenen Träume

Beitragvon augenzeuge » 10. Februar 2018, 11:08

"Diese Straße, die ehemalige Stalinallee und heutige Karl-Marx-Allee, hat wirklich sehr wenig mit euch zu tun. Sorry, aber es ist eine historische DDR-Straße, der Boulevard unser zerbrochenen Träume, dieser so optimistisch demonstrierenden Menschen - 1953 und 1989."


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