Familiengeheimnisse Mutti und das Ministerium

Familiengeheimnisse Mutti und das Ministerium

Beitragvon Interessierter » 21. Januar 2018, 12:36

Mama ist die Beste! Am Muttertag sagt das jeder, und auch Marko Schubert wusste es, als er für sie eine Rede vorbereitete. Dann fand er ein mysteriöses Foto - und plötzlich fragte er sich: Wie gut kennt man eigentlich die Frau, die daheim kochte, putzte und bügelte?

Bild
Geburtstagsredner: So hochrangige Gratulanten kamen nicht zu jeder Jubilarin. Allerdings: Bekannt wurde dieser Herr, der unter anderem mit Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit für die DDR ausgehandelt hatte, den meisten Bürgern erst, als er seinen Job längst los war.

Meine Mutter wurde 70 Jahre alt. Schon Monate vorher war sie fix und fertig, so sehr beschäftigte sie sich mit dem großen Ereignis. Ich versuchte, sie zu beruhigen und vermittelte ihr das Gefühl, dass wir gemeinsam eine wirklich tolle Feier organisieren würden. Gleichzeitig nahm ich mir vor, eine kleine Rede zu halten.

Ich liebe meine Mutti. Bis ich mir mit 19 meine erste eigene Wohnung suchte, zog sie die Fäden in meinem Leben. Nach einer 42-Stunden-Woche wusch sie die komplette Wäsche, bügelte, kochte, reinigte die Wohnung, schmierte uns die Stullen und reihte sich freitags in die Schlange beim Fleischer ein. Sie kaufte unsere Lebensmittel, kümmerte sich um die Finanzen, beantragte den Telefonanschluss, organisierte die Anmeldung für den ersten Trabi und die Urlaube in FDGB-Ferienheimen. Sie ging zu Elternabenden und ließ uns abends ein Wannenbad ein, begleitete uns zur FDJ-Aufnahme und zum Frisör. Meine Mutter war das mit Abstand wichtigste aller Familienmitglieder; das wollte ich an ihrem 70. Geburtstag würdigen. Doch reichten diese Informationen für eine vernünftige Rede aus?

In unserem alten Kinderzimmer - dem jetzigen Esszimmer - nahm ich mir einige Fotoalben und begann zu blättern. Bereits nach wenigen Minuten stieß ich auf ein bemerkenswertes Bild: Ein schwergewichtiger Mann mit Doppelkinn überreichte ihr freudestrahlend einen riesigen Blumenstrauß und gratulierte ihr ebenfalls zu einem Geburtstag. Den Kerl kannte ich doch!

Auf dem Foto war Alexander Schalck-Golodkowski, der gewiefte Devisenbeschaffer der DDR.


Puzzleteile


Als ich meine Mutter darauf ansprach, reagierte sie brüskiert: "Aber das weißt du doch, dass der Alex die Rede zu meinem 50. gehalten hat!"

Nein, wusste ich nicht.

Zwei Dinge dämmerten mir langsam: Zum einen hatte fast ausschließlich mein Vater im Mittelpunkt des Familieninteresses gestanden, zum anderen musste ich nun 20 Jahre später gegen eine Rede von Schalck-Golodkowski antreten. Gegen den Alex!

Ich stöberte weiter und konnte immer mehr Puzzleteile aus meiner Erinnerung zusammensetzen. In meiner Kindheit wirkte meine Mutti nach außen oft arrogant. Der Grund dafür wurde mir erst jetzt wieder klar: Sie kommt aus Sachsen! In der Hauptstadt waren diese Landsleute alles andere als gern gesehen.

Für Berliner waren die Sachsen böse Menschen. Sie hatten uns den nuschelnden Leipziger Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht beschert, konnten besonders in und um Dresden kein Westfernsehen schauen und verständigten sich deshalb auch in dieser unverständlichen Sprache. Sie waren Leute aus Gummi-, Plaste- und Bergwerken; das wirklich Allerletzte. Ein wichtiger Teil ihres Lebensinhaltes bestand darin, ihre Herkunft zu verheimlichen.

Mit dem Beitrag und weiteren Fotos geht es hier weiter:
http://www.spiegel.de/einestages/famili ... 49938.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
Benutzeravatar
Interessierter
 
Beiträge: 16780
Registriert: 27. Februar 2011, 13:40

Zurück zu Der normale Alltag i.d. DDR/BRD

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste