Fotograf in der DDR - "Was machen Sie denn da?"

Wie entwickelte sich die Wirtschaft der DDR, wie die der Bundesrepublik während der Teilung Deutschlands. Welche Anzeichen gab es für die Entwicklung? Was waren die Ursachen?
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Fotograf in der DDR - "Was machen Sie denn da?"

Beitragvon Interessierter » 16. Januar 2018, 16:29

Bilderstreit im Arbeiter- und Bauernstaat: Sind Pfützen schlecht für das Ansehen des Sozialismus? Mit Fotos einer Großwohnsiedlung brachte Siegfried Wittenburg in den Achtzigern die Genossen in Rage. Auf einestages zeigt der Fotograf die Aufnahmen, die er damals gar nicht auszustellen wagte.

Bild
Ferienplatz: Ein einladendes Angebot - Werbetafel 1987 am Ostseehotel in Kühlungsborn

"Fotografiere das", sagte meine innere Stimme, als mein Blick durch das Fenster unserer neuen Wohnung auf die frischerrichtete, mustergültige Rostocker Großwohnsiedlung Lichtenhagen fiel. "Das ist so verrückt, das musst du festhalten. Tu es! Jetzt!" Es war verrückt, ich tat es.

Kurz zuvor, im Frühjahr 1981, war ich der Arbeitsgemeinschaft Fotografie des VEB Warnowwerft Warnemünde beigetreten. Unser junges "Volkskunstkollektiv" bereitete sich gerade auf die Bezirksfotoschau Rostock vor, die alle zwei Jahre vom Kulturbund veranstaltet wurde. "Hast du was, was du da mit einreichen kannst?", wollten die Kollegen von mir wissen. Ich hatte zumindest eine Idee: Ich würde typische Situationen fotografieren, die mir auf meinem täglichen Weg zur Arbeit begegneten.

Die Motive entwickelte und vergrößerte ich selbst im Badezimmer unserer Wohnung. Das Ergebnis fand ich technisch und gestalterisch einwandfrei - und zeigte die Bilder meiner Schwiegermutter: "Um Gottes Willen", war ihre Reaktion, "willst du dir dein Leben verderben?" Ich verstand nicht, was sie meinte.

"Unansehnlich"

Also reichte ich die Bilder ein - und bekam prompt eine Einladung zur Ausstellungseröffnung. Als Fotograf war ich damals noch unbekannt und deshalb umso überraschter, als die Bezirkschefin des Kulturbundes aufgeregt auf mich zukam, kaum dass ich meinen Namen gesagt hatte: "Herr Wittenburg, Herr Wittenburg, über Ihre Bilder haben wir so viel diskutiert", - ich fühlte mich schon fast geschmeichelt, als sie fortfuhr - "ob die denn nun veröffentlicht werden dürfen oder nicht."

Da verstand ich. Meine Fotos hatten die Genossen in ihren Ansichten zur sozialistischen Realität tief gespalten: Während einige der Ausstellungsbesucher anerkennend feststellten, dass die moddrigen Trampelpfade zwischen den gewaltigen Betonblöcken ihrem eigenen Weg zur Arbeit verblüffend ähnelten, vermuteten andere in der Abbildung von Modderpfützen eine unzulässige Kritik an fehlenden Straßen und Gehwegen. Die sozialistischen Errungenschaften im Wohnungsbau sahen sie durch derartige Aufnahmen offenbar in den Schmutz gezogen. Polarisierungen dieser Art sollten mir von da an noch öfter begegnen - die Befürworter und Gegner meiner Bilder fetzten sich über Jahre.

In meiner Stasi-Akte konnte ich später lesen, was etwa IM "Quartier" - ein mir vorgesetzter Kollege - über mein damaliges Hobby dachte: "Wittenburg versucht offenbar," so gab der Spitzel zu Protokoll, "mit bestimmten Bildern seine kritische Grundhaltung zu verdeutlichen (Darstellung von unansehnlichen Anblicken in Neubaugebieten), wobei aber dafür keine generelle Aussage getroffen werden kann." Genau das schien für die SED-Macht und ihrer Stasi überhaupt ein Problem zu sein - und mein Glück: Texte waren eindeutig. Aber Fotos? Gezeigt wurden die Modderbilder danach trotzdem nicht wieder.

Weiter mit dem Beitrag und Fotos geht es hier:
http://www.spiegel.de/einestages/fotogr ... 48994.html
Wer mit 20 kein Kommunist ist hat kein Herz .Wer mit 30 noch Kommunist ist hat keinen Verstand .
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Re: Fotograf in der DDR - "Was machen Sie denn da?"

Beitragvon Volker Zottmann » 16. Januar 2018, 18:26

Die Bilder:
Großartig Wilfried! Du hast sie zwar nicht geschossen, aber eben eingestellt. Da ist nichts geschönt, aber auch nichts weggelassen. Momentaufnahmen eben. Wie fast überall in der DDR wurde erst die Blöcke und Monate/teils Jahre später erst die Zuwegungen. Die armen Frauen. Konsum- und HO-Verkaufstellen hatte unser Ort 5, die sahen alle genauso aus. Ebenso die Gemüsegeschäfte.

Grandiose Blick vom Fotografen.
Was wieder kaum wer glaubt (hoffentlich liest der @Alfred nich mit) einen aus diesem Neptunwerft-Fotoklub kenne ich persönlich. Näheres erzähle ich aber höchstens Dir am Telefon.
Ich kenne vermutich den IM nicht, doch weiß ich wer dort die Ohren spitzte. Es muss aber nicht nur einer gewesen sein.....
Zufälle gibt es im Leben....
Ich schrieb ja schon von meinem Zeltplatz. Das Fernsehen berichtete inzwischen auch, doch die interessantesten Passagen meiner Einlassungen fielen ja der Schere zum Opfer. So hieß die Wiese auf der wir die ersten Jahre standen, die "Rote". Wie sich später rausstellte war da gefühlt jeder 3. bei der Stasi, aber eben zum Erholen..... Einer war jener....

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Fotograf in der DDR - "Was machen Sie denn da?"

Beitragvon augenzeuge » 16. Januar 2018, 19:44

http://cdn4.spiegel.de/images/image-104 ... 040573.jpg

PLAZIERT ???? Was ist das? Ich weiß es. So hat man vor der Rechtschreibreform geschrieben. Kaum zu glauben. [flash]

Ist das bei Rainer Maria:
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotog ... 805-6.html

AZ
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