Kindheit in der Nachkriegszeit

Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Interessierter » 22. Dezember 2017, 12:58

Als Thälmann-Pionier auf Du und Du mit "Iwan"

Als Europa 1948 in Schutt und Asche lag, war Detlev Crusius sechs Jahre alt. Da hatte er bereits eine mehrmonatige Flucht vor der Roten Armee hinter sich. Jetzt plantschte er mit russischen Soldaten im See und bekam einen Haarschnitt erster Güte verpasst.

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Kleine Pioniere: Solch eine Uniform besaß auch Detlef Crusius. In der ersten Klasse wurde er Jung-, später Thälmann-Pionier und "fand das spannend". Das Foto zeigt eine Pioniergruppe im Jahr 1968.

Die Nachkriegszeit begann für mich in Güstrow, denn das war der Ort, an dem meine Familie sich nach unserer Flucht endlich wieder zu Hause fühlte. In Güstrow bin ich in die Schule gekommen, hier lernte ich meine ersten russischen Vokabeln und Sätze, denn Russisch war Pflichtfach ab der ersten Klasse. Ich wurde auch Thälmann-Pionier, das wurde jeder meines Alters und ich fand das spannend. Mein Vater und meine Mutter wurden Mitglieder in der Gesellschaft "Deutsch-Sowjetische Freundschaft", das wurde auch jeder, vermutlich fand mein Vater das auch spannend.

Wir wohnten nicht weit von einer russischen Kaserne. Wenn die russischen Soldaten aus der Kaserne kamen und singend zu ihren Übungsplätzen marschierten, marschierten wir Kinder parallel auf dem Bürgersteig mit, behelmt mit kaputten Kochtöpfen, Mützen oder Papierhelmen. Und wir trugen einen Knüppel an einer Kordel über der Schulter wie die Soldaten ihre Kalaschnikow mit der dicken Munitionstrommel und der Mündung nach unten schräg auf dem Rücken. Die Soldaten sangen auf Russisch ein Marschlied, das klang in unseren deutschen Ohren wie "Leberwurst - Leberwurst", also sangen wir auf Deutsch auch "Leberwurst - Leberwurst".

Die Soldaten waren freundlich und lachten mit uns oder auch über uns und manchmal bekamen wir von ihnen etwas zu essen. Wenn meine Mutter es nicht merkte, nahm ich meine kleine Schwester Heliane mit. Sie war damals etwa drei Jahre alt und klein und dünn, und ihr Gesicht bestand nur aus teetassengroßen dunklen Augen, und sie konnte auf Kommando furchtbar heulten, wenn sie Uniformen sah. Wenn sie heulte, gab's meistens mehr von den Russen.

Baden mit den Russen

Die russischen Soldaten hatten selber nicht viel zu essen. Meine Mutter sagte: "Das sind janz arme Schweine, denen jeht et noch dreckiger als uns."

Meine Mutter war regelmäßig entsetzt, wenn ich mit meiner kleinen Schwester an der einen Hand und Brot oder Süßigkeiten und manchmal sogar Schokolade in der anderen wieder nach Hause kam. Ich verstand die Angst meiner Mutter nicht. Klar, manchmal waren die russischen Soldaten betrunken und dann ging man ihnen besser aus dem Weg. Einmal haben ein paar betrunkene Russen eine Frau auf der Straße umarmen wollen, so zum Spaß. Die Frau wehrte sich und fiel bei dem Handgemenge in eine Pfütze und hat dabei so laut geschrien, dass russische Militärpolizei dazukam. Die hat die Betrunkenen dann fast totgeschlagen. Man hat die Bewusstlosen nach der Prügelei blutüberströmt wie nasse Säcke auf einen Lkw geworfen und wegfahren.

In der Umgebung von Güstrow gibt es mehrere Seen, einer der kleineren ist der Sumpfsee, und wenn es warm war, gingen wir dort baden. Oft kamen die russischen Soldaten von ihren Übungsmärschen auf dem Rückweg am See vorbei, und wenn ihr Kommandeur gute Laune hatte, dann durften auch die Soldaten dort baden. Erst planschten die Soldaten im Wasser rum, ein paar Meter weiter planschten wir, dann planschten wir alle zusammen.

Grischas Geheimnis

Einmal hatte einer der Russen eine Schere bei sich, und die Soldaten fingen an, sich gegenseitig die Haare zu schneiden, sich gegenseitig kahl zu scheren. Die Soldaten beobachteten uns lachend, dann machte einer eine Handbewegung zu mir, und schon saß ich auf einem Baumstumpf und bekam einen russischen Militärhaarschnitt verpasst. Als Junge war ich blond und hatte einen ordentlichen Haarschnitt mit Scheitel - bis zu diesem Tag. Russen hatten keinen Haarschnitt, eigentlich nur Stoppeln auf dem Kopf, und so was hatte ich jetzt auch. Als ich an dem Abend nach Hause kam, wurde meine Mutter sehr laut. Dabei waren meine Haar gar nicht so kurz, wie bei den Soldaten. Ich hatte noch relativ viele Haare auf dem Kopf.

Güstrow war eine kleine Stadt und die russische Garnison war auch klein. Da waren viele Verbindungen zwischen Deutschen und Russen möglich, die in größeren Städten so direkt nach dem Krieg unmöglich gewesen wären. Besonders gut erinnere ich mich an Grischa. Der Grischa war etwas Besonderes in der russischen Armee, er wohnte nicht in der Kaserne, er wohnte bei uns im Haus, er sprach auch ganz gut Deutsch. Er versorgte das ganze Haus mit Konserven und anderen Dingen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen, geschweige denn gegessen hatte.

Einmal beobachtete ich, wie er irgendwas oben im Wasserkasten auf dem Klosett versteckte und merkte, dass ich das gesehen hatte. Er legte verschwörerisch den Finger auf die Lippen und sagte: "Nicht sprechen! Ich bringen Heringe mit." Danach gab es bei uns einige Tage Heringe mit Pellkartoffeln. Jedes Mal, wenn ich Grischa auf der Treppe begegnete, legte er den Finger auf die Lippen und grinste mich verschwörerisch an, auch noch, als gar nichts mehr im Wasserkasten versteckt war, denn ich war raufgeklettert und hatte nachgesehen.

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Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Schwarzmarkt-Treiben: Auf dem "Schwarzen Markt" vor dem Berliner Reichstag besieht sich 1945 ein russischer Soldat vor dem Tausch den offerierten Bademantel. "Geheimnisvolle Geschäfte" machten indes auch Mutter und Vater Crusius.

Wie die Geschichte mit Grischa weiter geht, erfährt man hier:
http://www.spiegel.de/einestages/kindhe ... 49655.html
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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Harsberg » 22. Dezember 2017, 13:59

denn Russisch war Pflichtfach ab der ersten Klasse.


Das stimmt nicht, ich habe erst ab der 5. Klasse Russischuntericht gehabt.

Mitglieder in der Gesellschaft "Deutsch-Sowjetische Freundschaft", das wurde auch jeder,


Auch das stimmt nicht, es war jedem freigestellt, dort Mitglied zu werden.
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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon augenzeuge » 22. Dezember 2017, 15:16

Mein Vater und meine Mutter wurden Mitglieder in der Gesellschaft "Deutsch-Sowjetische Freundschaft", das wurde auch jeder, vermutlich fand mein Vater das auch spannend.


Jeder wurde es nicht. Allerdings war es nur ein geringer Satz von Schülern der 70/80er Jahre, die dies ablehnten.
Insgesamt gab es aber 6 Mio Mitglieder.


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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Volker Zottmann » 22. Dezember 2017, 17:07

Der Schreiber schreibt von seinem Leben, seinen Erlebnissen.
Und warum soll denn in Güstrow nicht ab 1. Klasse Russisch Pflicht gewesen sein?

Meine erste Freundin lernte ich mit 15 kennen, sie war 13. Und damals schon absolut sprachsicher in Russisch. Grund: Sie hatte Russisch als Pflichtfach, in der ersten Klasse schon. In einer Spezialklasse in Rathenow wurde sie unterrichtet.
Generell war Russisch erst ab Oberstufe dran, doch verkennt nicht die Ausnahmen! Der @Alfred lehrte uns hier schon, dass nicht alles flächendeckend war in der Gepriesenen....
Warum soll dort in Güstrow nicht auch "Pflicht" bestanden haben, in die DSF einzutreten?
Als ich Lehrling wurde, also unmittelbar nach dem ich mit einem russischen Soldaten eine 48-jährige Brieffreundschaft einging, wurde auch ich genötigt dort einzutreten. Verweigerung sinnlos! Mit Gruppenzwang und Gruppenbestrafung wollte man es durchdrücken.
Ich war jedoch von allen Pflichtmitgliedern der Einzige, der dann fortan eine wirkliche Freundschaft pflegte, die zudem kostenlos war, keine 30 Ostpennige kostete. Das andere mit der Pflichtmitgliedschaft hatte nur den einen Grund, melden zu können, dass die Betriebsberufsschule geschlossen in diesen "Freundschaftsverein" eingetreten ist.
So bin ich dann 1970 sogar ein zweites mal dort Zwangsmitglied geworden. Nämlich bei der NVA. Dort waren die gleichen Trottel Bestimmer wie in der Lehre.

Also: Bei mir war nichts mit freiwillig und dennoch war ich da sogar 2 mal drinnen. Das erste mal genau 3 Jahre und das zweite mal 18 Monate.

Gruß Volker
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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon augenzeuge » 22. Dezember 2017, 17:31

Russisch wurde seit dem Schuljahr 1949/50 als Sprache der osteuropäischen Führungsmacht Sowjetunion in allen DDR-Schulen ab dem 5. Schuljahr obligatorisch als erste Fremdsprache gelehrt, seit dem Studienjahr 1951/52 war Russischunterricht auch für die Studenten der Hoch- und Fachschulen sämtlicher Fachrichtungen obligatorisch. Im Schuljahr 1952/53 wurden an ersten Grundschulen (später Polytechnische Oberschulen genannt) Klassen mit „erweitertem“ Russischunterricht eingerichtet, um einem kleinen Teil von Schülern bereits vom 3. Schuljahr an einen besseren Zugang zu dieser Sprache zu verschaffen.


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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Interessierter » 22. Dezember 2017, 17:52

Russischunterricht in der Besatzungszone - Die großzügige Hilfe der Befreier

Dampfmaschinen, Glühlampen, Badehosen - allesamt russische Erfindungen! Das jedenfalls lernte Willi Grünberg als Siebtklässler in der Sowjetischen Besatzungszone in der Schule. Bis er die Propaganda im Namen der Bildung nicht mehr ertrug und im Unterricht die Gegenrevolution probte.

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Russischunterricht: Ein Lehrer gibt in einer Schule in der DDR, Foto von Mai 1958, Russischuntericht.

Im Russischlehrbuch, das ich als Schüler in der Russischen Besatzungszone in der siebten Klasse bekam, las ich im Oktober 1948 einen erstaunlichen Satz:

@Harsberg:
Was du nicht selbst oder anders erlebt hast, stimmt also nicht.... [flash] In der DDR würde man dich neben " Karnak " platzieren, denn er denkt genauso. [blush]

Übrigens, den vollständigen, sehr humorvollen Beitrag findet man hier:
http://www.spiegel.de/einestages/russis ... 49090.html
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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Wosch » 22. Dezember 2017, 20:11

Russisch gab es ab der 5ten, in die DSF mußten wir als Lehrlinge beim VEB-Bau-(K) damals Alle rein, der Werbung konnten wir uns nicht entziehen. Kaderleiter, Betriebsparteisekretär und FDJ-Sekretär waren bei uns Stalinisten und die "überzeugten" mich, obwohl ich die Russen nicht unbedingt als meine Freunde ansah.

Wosch. [santa]
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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Harsberg » 23. Dezember 2017, 07:48

@Harsberg:
Was du nicht selbst oder anders erlebt hast, stimmt also nicht.... [flash] In der DDR würde man dich neben " Karnak " platzieren, denn er denkt genauso. [blush]


Tut mir Leid, das sind meine eigenen Erlebnisse aus meiner Schulzeit und nicht die Anderer. Das deckt sich mit den Erlebnissen meiner Cousins, die nicht in meinem Bezirk zur Schule gingen und gelernt haben.
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Re: Kindheit in der Nachkriegszeit

Beitragvon Interessierter » 23. Dezember 2017, 10:27

Harberg, das muss dir überhaupt nicht leidtun, wenn du es so erlebt hast. Nur wenn jemand es 1948 beispielsweise anders erlebt hast, solltest du nicht schreiben: " Das stimmt nicht " !

Wenn du es anders erlebt hast, käme ich nie auf die Idee zu schreiben: " Das stimmt nicht ". Warum will oder kann man nicht begreifen, dass Rituale in der DDR und übrigens auch in anderen Ländern, unterschiedlich gehandhabt und erlebt wurden? [denken]
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