von pentium » 27. März 2025, 11:37
In Kaiserslautern kam das Wahlergebnis für viele weniger überraschend. Die Anzeichen waren längst sichtbar und die Parallelen zu Teilen Ostdeutschlands sind markant: Die Westpfalz gilt als strukturschwach, die Kommunen sind hochverschuldet. Hier wohnen viele Arbeitslose, die Einkommen sind niedriger als anderswo.
Kaiserslautern war einmal als Arbeiterstadt bekannt: Große Unternehmen wie Opel oder die Pfaff-Nähmaschinenfabriken sorgten jahrzehntelang für Wohlstand und sichere Arbeitsplätze. Das nahgelegene Pirmasens galt als Hotspot der Schuhindustrie, bis die Produktion größtenteils ins Ausland verlagert wurde. Heute gibt es mit dem Fraunhofer-Institut oder dem Max-Planck-Institut in Kaiserslautern zwar einen neuen Arbeitsmarkt, aber dort arbeiten vor allem Akademiker. Die Arbeiter bleiben auf der Strecke und fühlen sich von der SPD vernachlässigt. Traditionell sozialdemokratische Hochburgen wurden allmählich von der AfD gekapert.
„Es tut weh, zu sehen, dass Kaiserslautern diesen Stempel bekommt.“
Medial wurde zuletzt auch häufig die Sicherheitslage in Kaiserslautern thematisiert. Der SWR ist der Frage nachgegangen: „Wie gefährlich ist es an der Mall in Kaiserslautern wirklich?“ Tatsächlich sprechen viele Menschen in Kaiserslautern die Mall an. Dort würden junge Männer rumhängen und es käme hin und wieder zu Konflikten. Und ohnehin sei die Mall viel zu groß, viele Ladenflächen stünden leer. Nicht weit vom Einkaufszentrum gibt es einen stillgelegten Skatepark - manche nennen ihn nur „das Loch“. Außerdem geistert ein Straßenzug mit verwahrlosten Häuserblöcken als Sinnbild für Kaiserslauterns Armut durch die Medien.
Wird dieses Bild dieser Stadt gerecht?
„Es tut weh, zu sehen, dass Kaiserslautern diesen Stempel als neue AfD-Hochburg bekommt“, sagt Stefan Glander, als er durch die Fußgängerzone läuft, vorbei an Klamottengeschäften, Drogerien und anderen Läden, die jede deutsche Innenstadt zieren. Glander ist Industriekaufmann und arbeitet bei den Stadtwerken. Der Mittfünfziger ist in Kaiserslautern geboren und hat sein ganzes Leben hier verbracht. Er sitzt seit über 15 Jahren für die Linke im Stadtrat. Im Februar kandidierte er für den Bundestag, was hier als Linker wenig erfolgsversprechend ist. Seine Partei hatte kaum Chancen, lag mit 6,1 Prozent deutlich unter dem bundesweiten Ergebnis der Linkspartei von 8,8 Prozent.
„Die Leute hätten auch die Mondpartei gewählt, um ihre Unzufriedenheit zu zeigen.“
Vor Fritz Goebel steht an diesem Tag ein alkoholfreies Weizenbier, vor Aufregung hat er kaum was getrunken. Spieltage, der Stammtisch, seine Heimat, die Pfalz – all das liegt Goebel am Herzen. „Ich bin eigentlich der klassische Spießer“, sagt er. Er möge das „Bürgerliche“. „Der FCK ist hier definitiv Religionsersatz.“
Ganz so spießig wirkt Fritz Goebel nicht. Klar, er sammelt Kuckucksuhren. Aber Fritz Goebel sucht noch die Aufregung, den Kontakt zu Menschen. Er geht abends gern aus, manchmal bis drei Uhr nachts. Deshalb wohnt er in der Nähe von Kneipen und Bars. Er hört gern die Rolling Stones, und in die Fankurve geht er für das „Theater“, für den „Zirkus“.
Über Fußball spricht Fritz Goebel leidenschaftlich. Bei Fragen zum Wahlergebnis in Kaiserslautern wirkt er nachdenklicher. „Das starke Abschneiden der AfD ist vor allem durch die regionalen Probleme begründet“, sagt Goebel und meint damit die hohe Pro-Kopf-Verschuldung der Stadt, den Sanierungsstau in der Kommune und die finanzielle Armut mancher Menschen in Kaiserslautern. Er findet es richtig, dass die Leute protestieren. Dass das über die AfD gehe, sei schon ein Problem. „Die Leute hätten auch die Mondpartei gewählt, wenn sie damit zeigen könnten, dass sie unzufrieden sind.“
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