Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Alles zum Thema Geheimdienste und Sicherheit in der DDR und in der BRD

Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 9. Mai 2024, 18:37

Im Nachfolgenden wird der Versuch unternommen, der HV A XI eine Gestalt zu geben, was ihre Aufgaben, ihre Mitarbeiter und vor allem ihre Quellen betrifft.
Autor/in: Helmut Müller-Enbergs

Dies wird durch den Umstand erschwert, dass zu dieser Abteilung kaum archivarische Überlieferungen bei der Stasi-Unterlagenbehörde vorliegen, da es den Mitarbeitern gelang, bis Juni 1990 entsprechende Bestände nahezu vollständig zu vernichten. Übrig geblieben ist lediglich die von der HV A angelegte und verfilmte Kartei, die unter dem Namen »Rosenholz« bekannt ist und deren Daten seit 2004 in Deutschland in der Stasi-Unterlagenbehörde zugänglich sind. Bis dahin befanden sich die »Rosenholz«-Dateien im Besitz der USA, und die CIA sorgte dafür, dass bei ihrer Rückgabe alle Bezüge zu amerikanischen und anderen nicht-deutschen Staatsbürgern zurückgehalten wurden. Ferner ist eine besondere Datei mit dem Namen SIRA, dem System der Informationsrecherche der HV A, überliefert bzw. wurde mühsam wieder rekonstruiert.

In diesen elektronischen Datenbanken der HV A sind u. a. die von den inoffiziellen Mitarbeitern (IM) beschafften Unterlagen mit ihren Titeln, die Decknamen der IM und ihre individuellen Registriernummern sowie die von den Auswertern vergebenen Beurteilungen verzeichnet. Außerdem existieren vereinzelte IM-Akten, die wegen ihrer geringen Bedeutung nicht im Archiv der HV A, sondern in dem des MfS abgelegt wurden. Darüber hinaus haben einzelne Offiziere dieser Abteilung ihre Erinnerungen veröffentlicht bzw. sind mit Stellungnahmen an die Öffentlichkeit getreten. Schließlich trugen Ermittlungsbehörden Angaben zu einzelnen IM und ihren Offizieren zusammen, die herangezogen wurden, wenn es zu Anklagen und Verurteilungen kam. Diese Quellenlage lässt erahnen, dass die Rekonstruktion der HV A XI einem überwiegend unvollständigen Puzzle gleicht.


Die im Februar 1971 als eigenständige Abteilung gebildete HV A XI befasste sich mit allen Fragen politischer und militärischer Natur, die mit den USA (und Kanada) in Beziehung standen. Die operative Arbeit gegen die amerikanischen Nachrichtendienste oblag einer anderen Struktureinheit der HV A, namentlich der HV A IX,4 und die Arbeit gegen die NATO übernahm die HV A XII. Die breiter angelegte nachrichtendienstliche Arbeit in den USA wurde erst zu dem Zeitpunkt aufgenommen, als eine staatliche Anerkennung der DDR absehbar war, die es auch der DDR ermöglichte, diplomatische Vertretungen zu eröffnen. Das Aufklärungsprogramm war großzügig gefasst; es wurde zwischen Haupt- und Basisobjekten unterschieden. »

Unter den Hauptobjekten galt das Interesse vor allem dem Weißen Haus, dem US-Verteidigungsministerium, dem Kongress und dem Pentagon. Dabei stand die HV A jeweils vor beachtlichen Problemen. Da sie im Weißen Haus einen häufigen Personalwechsel beobachtete, schien ihr die Methode des »Herausbrechens« für das nachrichtendienstliche Eindringen als besonders viel versprechend. Es galt also eine dort bereits tätige Person für sich zu gewinnen. Beim Verteidigungsministerium und beim Kongress erschien es der HV A kaum realistisch, Quellen zu platzieren, da dort ausschließlich US-Bürger tätig sein durften, die mindestens seit sieben Jahren in den Staaten lebten und darüber hinaus den obligatorischen Einsatz eines Lügendetektors zu überstehen hatten.

Da es der HV A schwerfiel, in die personellen Strukturen des Weißen Hauses einzudringen, interessierte sie sich für entsprechende Einrichtungen in dessen Umfeld. Dazu gehörten so bekannte Institute wie

• die Heritage Foundation (Washington, D. C.),

• das Institute for Contempary Studies for Public Policy Research (San Francisco),

• das American Enterprice Institute (Washington, D. C.),

• die Hoover Institution on War, Peace and Revolution (Stanford University,

Kalifornien),

• das Centre for Strategic and International Studies (Georgetown University),

• die School of International Affairs (Columbia University, New York),

• die RAND-Cooperation (Santa Monica, Kalifornien),

• die School of Advanced International Studies (Johns Hopkins University,

Washington, D. C.),

• die Fletcher School of Law and Diplomacy (Tufts University, Medford),

• das Massachusetts Institute of Technology (Cambridge).


Für diese verschiedenen Zielobjekte waren innerhalb der HV A XI die Leitung und diverse Referate mit insgesamt 61 Mitarbeitern zuständig, wobei die bedeutendsten Einrichtungen der Leitung selbst vorbehalten blieben. Um das unglaubliche Ausmaß der Aufgaben erfüllen zu können, suchte die HV A XI inoffizielle Mitarbeiter, »die den Kampf auf Leben und Tod zu führen gewillt sind!«.

Die Leitung der HV A XI war allein mit zwölf Zielobjekten in den USA befasst, von denen die drei wichtigsten das Pentagon, das Weiße Haus und das Außenministerium waren.
Als erster Leiter war mit Heinz Geyer11 ein erfahrener Mann bestimmt worden, der wesentlich am Aufbau dieser Abteilung beteiligt gewesen ist. Ihm folgte sein bisheriger Stellvertreter Jürgen Rogalla,12 der bis zum Ende der DDR die HV A XI leitete. Rogalla standen zunächst Horst Klugow, dann Manfred Kleinpeter15 und zuletzt als 1. Stellvertreter Armin Grohs zur Seite. Jeder von ihnen war für bestimmte Referate zuständig, die in den folgenden Kapiteln näher beschrieben werden.

Oberst Jürgen Rogalla
Einschleusungen / Übersiedlungen in die USA
US-Streitkräfte in Europa
Auswertung und Information

Oberst Armin Grohs
US-Botschaft in Bonn / US-Bürger in der Bundesrepublik
Ausbildung und Kadergewinnung

Oberst Manfred Kleinpeter
US-Bürger in Europa
UNO-Vertretung in den USA
USA-Forschung in der DDR
US-Streitkräfte in West-Berlin / Militärmission in Potsdam

..... wird fortgesetzt.

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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 9. Mai 2024, 18:51

Dem Leitungsstab direkt angeschlossen war das vierköpfige Auswertungs- und Informationsreferat von Rolf Hoth und seinem Stellvertreter Siegfried Weber.
Hier liefen alle Materialien, Analysen, Berichte, Dokumente usw. zusammen, die von IM der HV A XI operativ beschafft und intern in ihrer Summe als Informationen bezeichnet wurden.

Beispiele:
Eine Quelle war der Abteilungsleiter im Bekleidungshaus Hertie in Hanau, der als Ermittler »Walter« operierte, und seine Ehefrau, die Kurierin »Waltraud«. Sie waren seit August 1967 mit der HV A verbunden und beschafften in der Zeit von April 1970 bis Oktober 1983 291 Informationen, meist in Form von Dokumenten. Die Informationen waren überwiegend das Ergebnis ihrer Kontakte zu den US-Landstreitkräften in Europa in Heidelberg.

Der ausländische Bürger »William« lieferte von Juni 1970 bis August 1984 insgesamt 74 Informationen, darunter 58 Dokumente. Sie betrafen die Führungsstruktur von General Motors, Pläne von Senatoren und Kongressabgeordneten, meistens mit Bezug auf die amerikanische Innenpolitik. Vereinzelt gehen auf »William« auch Sitzungsprotokolle des Instituts für Kommunistische Angelegenheiten der Columbia University zurück. Zu den Quellen der Leitung gehörte auch »Fürst«, der offenkundig im Umfeld der US-Army in Grafenwöhr operierte. Auf ihn gehen von Dezember 1981 bis Juli 1984 60 Informationen, darunter 26 Dokumente zurück. Dazu zählen die US-Felddienstvorschriften zur Nuklearmunition (109 Seiten) und Feststellungen zu schweren Sprengkörpern (318 Seiten).

Die von den einzelnen IM gelieferten Informationen reichten die Diensteinheiten an die entsprechenden Auswertungsabteilungen der HV A weiter, siehe Bild.


Für Nordamerika, Kanada und Mexiko war das Referat 1 der HV A XI mit seinen 20 Mitarbeitern zuständig.
Die Leitung lag zunächst bei Horst Klugow, dann bei Artur Birgel – zwischenzeitlich bei Horst Joachimi – und zuletzt bei Ralph-Dieter Lehmann. Das Referat arbeitete während seiner Existenz sehr effektiv und legte für 555 Bürger Aktenvorgänge an. Es verfügte über 18 bundesdeutsche IM24 und 15 ausländische Bürger, mit denen es kooperierte oder die es »abschöpfte«.

Nennenswert sind gleichwohl nur wenige dieser Quellen, darunter insbesondere der US-Sergeant »Kid« von der 6912 Electronic Security Group in Berlin-Marienfelde. Er lieferte von April 1985 bis Februar 1986 64 Informationen, darunter zwölf Dokumente. Hierbei handelt es sich um Dossiers über die elektronische Kampfführung, wie z. B. das Dokument »Canopy Wing«, das Schwachstellen der Hochfrequenz-Kommunikation des Sowjet-Generalstabs analysierte. 35 dieser 64 Informationen wurden als »sehr wertvoll« eingestuft. In der DDR, wohin »Kid« 1987 übersiedelte und deutscher Staatsbürger wurde, war er im Objekt »Brücke« in Ost-Berlin damit befasst, die Funkaufklärung der US-Air Force auszuwerten. Im April 1991 wurde er von einem amerikanischen Nachrichtendienst in die USA verbracht bzw. entführt und wegen Spionage zu 38 Jahren Haft verurteilt, von denen er zwölf Jahre im Gefängnis verbüßte, bevor er begnadigt 2003 in seine Wahlheimat Deutschland zurückkehrte.

Der ausländische Bürger »Anker«29 ist, verglichen mit »Kid«, von wesentlich geringerer Bedeutung. Er wurde zunächst von der Abteilung XV der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt geführt (bei der auch die Quelle im BND, Gabriele Gast, angebunden war) und lieferte von April 1982 bis Oktober 1988 62 Informationen, bei denen es sich überwiegend um Fotokopien (49) handelt, die einen Bezug zur Luftwaffe und zum US-Stützpunkt Ramstein aufweisen. Wiederholt standen Fragen der »Exercise Schedule FY 2 / 81 – FY 3 / 82« und hinsichtlich elektronischer Bordgeräte in Flugzeugen im Mittelpunkt.

Der Ingenieur und Führungs-IM (FIM) »Bernd« und seine Frau, zugleich Perspektiv-IM (PIM) »Angela«,30 die als Sekretärin beim FDP-Landesvorstand in West-Berlin arbeitete, wurden zwar als Quellen geführt, lieferten jedoch im Zeitraum von Juli 1977 bis Mai 1982 im Gegensatz zum inhaltlichen Schwerpunkt des Referats vornehmlich Informationen über die FDP. Schon von deutlich geringerem Stellenwert waren PIM »Robby« mit 22 und »Harry Winter« mit elf Informationen. Siehe Bild.




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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 10. Mai 2024, 12:45

US-Botschaft in Bonn

Im Referat 2 konzentrierte man sich auf die US-Botschaften in Bonn und in den deutschsprachigen Ländern wie Österreich oder der Schweiz, aber auch auf amerikanische Staatsbürger in der Bundesrepublik Deutschland. In der Summe handelt es sich um sechs Institutionen. Die Leitung des Referats wechselte wiederholt. Sie wurde übernommen von Horst Klugow, Heinz Schockenbäumer, Manfred Kleinpeter und zuletzt von Volker Lätzsch, die insgesamt 16 Mitarbeiter zu ihrem Stab zählten.

Das Referat 2 war operativ außerordentlich leistungsstark. Es führte mit 538 Vorgängen nahezu so viele wie das Referat 1, verfügte jedoch mit 23 bundesdeutschen IM über ein größeres Netz, darunter sechs, die in Zielobjekten tätig waren. Hinzu kamen die Kontaktperson (KP) »Tom« und fünf ausländische Kontakte.

Eine O-Quelle, so lautete eine der vielen Sonderbezeichnungen für IM und steht für Objektquelle, gehörte für die HV A zu den wichtigsten IM, weil sie in einer Zieleinrichtung tätig war. Dazu zählte eine Sachbearbeiterin im Bundesministerium der Verteidigung mit dem Decknamen »Erich«. Sie lieferte im Zeitraum von November 1969 bis November 1987 2303 Informationen, überwiegend in Form von Dokumenten (1611). Dabei handelt es sich um interne Unterlagen des Bundesministeriums, aber auch der NATO sowie um militärische Forschungsvorhaben.

Von kaum geringerer Bedeutung war die Fremdsprachensekretärin, die als O-Quelle »Gerhard« in der US-Botschaft in Bonn arbeitete. Auf sie gehen 1545 Informationen (in 1364 Fällen als Dokument) zurück, die im Zeitraum von März 1976 bis Mai 1989 beim Referat 2 eintrafen. Sie geben einen beachtlichen Einblick in die Arbeit der US-Botschaft, insbesondere, was militärische Fragen betrifft. »Gerhard« berichtete ausführlich über die Pershing II, auch hinsichtlich deren Stationierung in der Bundesrepublik Deutschland.

Siehe Bild.



Quellen in den USA

Die operative Arbeit des Referats 3 zielte auf das Führen von Quellen in den USA und Übersiedlungen von DDR-Bürgern in das »Operationsgebiet«. Die entsprechenden Vorgänge wurden einheitlich unter dem Objektvorgang »Aufbau« geführt.

Die Übersiedlung von DDR-Bürgern ins Ausland war ein aufwendiges und langwieriges Unternehmen: Für die zu diesem Zweck eingesetzten Bürger musste eine geeignete Biographie ersonnen werden (»Legende«), sie hatten sich unauffällig im Zielland zu integrieren, zumeist zunächst in der Bundesrepublik, um dann den Sprung in die USA zu schaffen.
Das operative Aufgabengebiet des Referats 3 umfasste die Auswahl und operative Vorbereitung von Einsatzkadern zur Übersiedlung in das »Operationsgebiet«. Nachweislich führte das Referat insgesamt 281 Vorgänge, was im Vergleich zu den Nachbarreferaten einem Anteil von 11,5 Prozent entspricht. Jährlich wurden durchschnittlich ein bis zwei Übersiedlungskandidaten ausgebildet und »abgesetzt«.

Innerhalb der HV A XI erfolgte die Anleitung des Referats zunächst durch den stellvertretenden Abteilungsleiter Armin Grohs.42 Spätestens seit November 1985 übernahm Abteilungsleiter Jürgen Rogalla diese Aufgabe jedoch selbst. Erster Leiter des Referats 3 wie auch der vormaligen Arbeitsgruppe »Übersiedlungen« war von Februar 1971 bis Januar 1978 Eberhard Kopprasch. Ihm folgte Bernd Gentz, ab Oktober 1982 übernahm Ralf Schirrmann diese Aufgabe und von November 1985 bis März 1990 Lothar Ziemer. Stellvertretende Leiter waren seit März 1977 Bernd Gentz und nach ihm Heiko-Bernd Schilling. Das Referat verfügte über 13 Mitarbeiter, zumeist Ingenieure, die in der Lage waren, auch fachspezifische Informationen zu bewerten und oftmals anschließend als Offizier im besonderen Einsatz in den Auslandseinsatz übernommen wurden. Anfangs waren dem Referat Günter Enterlein als Referent und Reinhard Krull als Sachbearbeiter zugeteilt. Der gelernte Staatswissenschaftler Günter Enterlein war von 1977 bis 1985 als OibE »Georg« in den USA. Zum Zeitpunkt seiner Auflösung versah neben dem Leiter Ziemer und seinem Stellvertreter Heiko-Bernd Schilling noch Günter Burmeister als Referent seinen Dienst im Referat 3.

Der amerikanische Techniker, die A-Quelle »Dupont«, dürfte zeitweise die bedeutendste und älteste Quelle des Referats gewesen sein (zusammen mit »Lore«). Bereits im Dezember 1964 hatte Oberstleutnant Armin Grohs den Vorgang angelegt.

Dupont berichtete über die American Ordnance Association , die sich mit den Anforderungen der amerikanischen Rüstung befasste. Vielfach konnte er konkrete Angaben zur Rüstungstechnik machen, etwa zur Beschichtung von Raketenköpfen oder von Artilleriegeschosshülsen der Calspan Inc. New York. Ebenso hatte er Kenntnis von einigen militärischen Entwicklungen in den USA, wie z. B. der Cruise Missile. »Dupont« nutzte von 1967 bis September 1973 die Deckadresse »Born«, an die er für Außenstehende unverfängliche Sätze schrieb, die jedoch für die HV A dechiffrierbare Angaben über Treff- oder Ablageorte von Informationen enthielten. Bei der Deckadresse handelte es sich um die Wohnanschrift eines Bezirksdirektors für Post- und Fernmeldewesen in Berlin-Friedrichsfelde (Marie-Curie-Allee). Namentlich nannte »Dupont« in der Anschrift stets Günter Hansen, wobei es sich dabei um den Arbeitsnamen von Hauptmann Günter Burmeister handelte. Im Bedarfsfall wurde dies mit der Behauptung erklärt, Hansen studiere in Berlin, wohne jedoch außerhalb. Die eingehende Post wurde von Oberleutnant Volker Lange oder Hauptmann Georg Ziesche (Arbeitsname Georg Fischer) abgeholt. Als Hauptmann Lothar Ziemer den Vorgang übernahm, wies er »Dupont« eine neue Deckadresse zu.

Im Januar 1974 legte Horst Joachimi den Vorgang zur A-Quelle »Hampe« an. Dahinter verbarg sich ein amerikanischer Politikwissenschaftler, der zu Fragen friedlicher Koexistenz forschte und regelmäßig nach Europa, auch Osteuropa, reiste, um an wissenschaftlichen Tagungen teilzunehmen. Ab 1975 wurde dieser Vorgang in den Händen des operativen Referenten, Hauptmann Lothar Ziemer – er gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zum Referat 1 – zu einer wertvollen Quelle des Referats. Allerdings konnte der Verdacht, er könne ein Doppelagent sein, weder bestätigt noch jemals widerlegt werden. Der gestandene Familienvater kam ein- bis zweimal im Jahr in die DDR und sprach seine Berichte auf ein Tonband. Eine Instrukteurverbindung wurde nicht zu ihm unterhalten, man händigte ihm lediglich eine Deckadresse aus. Ab 1986 meldete er sich nicht mehr.





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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 10. Mai 2024, 13:04

Die Residenturen in der DDR-Botschaft und der UNO

Das Referat 4 betreute die Filialen der HV A in der DDR-Vertretung bei der UNO in New York und die DDR-Botschaften in Washington und Mexiko. Ihre verdeckt tätigen Offiziere bezeichnete die HV A intern als »legal abgedeckte Residenturen«. Insgesamt war das Referat für sieben Einrichtungen zuständig. Leiter des Referats war von 1974 bis 1976 Horst Joachimi, zuletzt Dietmar Schober (Dietmar Scheinhard). Stellvertretende Leiter waren von Februar 1978 bis November 1982 Herbert Thomas, Heinz-Joachim Switalla, als dieser selbst in der DDR-Botschaft eingesetzt war, und zuletzt Wolfgang Busch.

Der Resident der HV A in der DDR-Vertretung bei der UNO in New York war von 1976 bis 1981 Horst Joachimi (OibE »Sibylle«), der gleichfalls für die Residentur in der DDR-Botschaft in Mexiko zuständig war, aber offiziell als 1. Sekretär des diplomatischen Dienstes auftrat. Eine »sehr große Hilfe« waren ihm dabei der Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS) »Tulpe«, der während der Vollversammlungen in New York weilte, wie auch GMS »Herbert«, der als Stellvertreter des Ständigen Vertreters der DDR bei der UNO, Peter Florin, fungierte. Eine enge Kooperation erfolgte mit dem KGB-Residenten in New York, Juri Drosdow. Das Referat 4 führte insgesamt 278 Vorgänge und im Dezember 1988 jeweils zwei bundesdeutsche Perspektiv-IM und Kontaktpersonen69 sowie weitere 15 ausländische IM / KP.

Die wichtigste Quelle des Referats 4 war der 2. Sekretär und Presseattaché der UNO-Vertretung der DDR (und Agent des BND), »Hempel«. Auf ihn gehen im Zeitraum von März 1974 bis Mai 1989 216 Informationen zurück, darunter in 16 Fällen Dokumente. Gleichwohl gingen 23 seiner Informationen, die meist die amerikanische Politik bewerteten, in Analysen für die SED-Führung ein. Der Offizier im besonderen Einsatz mit dem Decknamen »Sommer«, offenkundig in der DDR-Botschaft in den USA tätig, lieferte von April 1981 bis Juni 1985 196 Informationen, in 100 Fällen handelte es sich dabei um Dokumente. Hierzu zählen das Handbuch der US-Streitkräfte, Reden des US-Kongresses, das Telefonbuch des Pentagon und eine Übersicht über die Generäle und Admirale der US-Streitkräfte, Luftwaffe und Marine. An dritter Stelle steht der ehemalige Assistent an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, »Pfeil«, offensichtlich an der DDR-Botschaft in den USA tätig, mit 187 Informationen. Diese betreffen im Zeitraum von April 1979 bis Januar 1989 die amerikanische Innen- und Außenpolitik. Nur selten waren Dokumente darunter (11). Die Note »wertvoll« wurde in 28 Fällen für seine Informationen vergeben. Erwähnenswert sind ferner »Damm« mit 140, OibE »Andre« mit 134, »Lindner« mit 131, »Jürgen Heine« mit 108 sowie OibE »Vogt«71 mit 100 Informationen. Unter den ausländischen Quellen, bei denen es sich vermutlich mehrheitlich um amerikanische Staatsbürger handelt, deren Identität vorerst nur dem CIA bekannt ist, ragen »Efeu«72 mit 99, »Düse« mit 45, »Riese« mit 41, »Vogel« mit 36, »Laub« mit 31 und schließlich »Spaten« mit 14 Informationen heraus.

Die beiden Residenturen des Referats 4 – in der UNO (Nummer 102) und in der DDR-Botschaft (Nummer 101) – waren ungewöhnlich informationsstark. Auf dem Gebiet der Wissenschafts- und Technikspionage beschafften sie 1069 bzw. 1694 Informationen. Auf militärpolitischem Gebiet brachte es die Residentur der DDR-Botschaft sogar auf 2699 Informationen. Auf dem Gebiet der Gegenspionage, vornehmlich Erkenntnisse über nachrichtendienstlich tätige Personen betreffend, trug die Residentur in der UNO 228, in der DDR-Botschaft 263 Informationen zusammen. Hinzu kamen 224 »Regimematerialien«, die die Residenturen in Washington und Ottawa lieferten. In der Summe kam das Referat 4 in der DDR-Botschaft somit auf 4871 Informationen, in der UNO auf 1297 Informationen.

Markus Wolf stellte der operativen Arbeit dieser Residenturen dennoch ein niederschmetterndes Zeugnis aus: »Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der UNO in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus, dass sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. (…) Gelegentlich gelangten wir durch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen (…), aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. Echte nachrichtendienstliche Quellen (…) gab es in der Zeit, die ich übersehen kann, in den USA nicht.« Ähnlich äußerte sich sein ehemaliger Resident bei der UNO Joachimi: »Die illegale Arbeit beschränkte sich im wesentlichen auf das Verbindungswesen.« Solche Behauptungen dürfen wohl getrost als »gelebter Quellenschutz« bezeichnet werden.

Angesichts der umfassenden Beobachtung der DDR-Botschaft bzw. -Vertretung war es kaum verwunderlich, dass die Legalresidentur gelegentlich Schlagzeilen produzierte. Exemplarisch war dafür der Fall eines Professors von der Technischen Hochschule Dresden mit dem Decknamen »Welle«. Von seinen Einsätzen in den USA brachte er im Januar 1979 einen Strukturplan des Elektronik-, Forschungs- und Entwicklungskommandos der US-Army mit. Im Mai 1980 gelangte er an Inhalte von der Jahrestagung der amerikanischen physikalischen Gesellschaft.
Keine weltbewegenden Informationen, aber als er nach einem Treffen in Mexiko mit einem Amerikaner mit dem Decknamen »Fichte«, der seine Dienste angeboten hatte, wieder in die USA reiste, wurde er dort im November 1981 festgenommen. Offenbar hatte »Fichte« als Lockvogel eines amerikanischen Dienstes fungiert. Natürlich berichteten die Medien ausführlich über diesen Fall, und »Welle« konnte erst nach Jahren an der Glienicker Brücke in Berlin ausgetauscht werden.


US-Streitkräfte in Europa

Das Referat 5 kümmerte sich operativ um die US-Streitkräfte in Europa, insbesondere um die Militärobjekte in Heidelberg (USAREUR), Stuttgart (USEUCOM), Ramstein und Kaiserslautern. Ferner filterte es jene amerikanischen Bürger und Studenten der Universität Heidelberg heraus, die in die DDR einreisten. Für das Referat sind die Objekte »Camp«, »Mensa« und »Pat« verzeichnet.
Mit seinen elf Mitarbeitern gehörte es zum Anleitungsbereich von Jürgen Rogalla. Das Referat ist (vermutlich) aus einer Arbeitsgruppe entstanden, die seit September 1977 von Hans Krüger geleitet wurde, der bis August 1984 Leiter des Referats 5 war. Auf ihn folgte Bernd Gentz und als stellvertretender Leiter Olaf Walter. Das Referat hat 223 Vorgänge angelegt und zuletzt in der Bundesrepublik ein IM-Netz unterhalten.

Spitzenquelle des Referats 5 war die A-Quelle »Antos«, eine amerikanische Staatsbürgerin, die an einer Schule in Heidelberg arbeitete. Sie lieferte von Januar 1986 bis April 1989 193 Informationen, zumeist in Form von Dokumenten. Darunter das 116-seitige Chemical Reference Handbook und oftmals Unterlagen zur amerikanischen Militärpolizei. »Mike«, scheinbar der einzige ausländische Kontaktpartner des Referats, lieferte von Juli 1985 bis November 1987 142 Informationen, darunter meist recht umfangreiche Kopien mit militärtechnischen Analysen zum NATO-Großmanöver Reforger wie auch die 120-seitige Ausarbeitung »Reforger – Certain Strike« oder jene über »Employment of Atomic Demolition Munition«.





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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 10. Mai 2024, 13:05

Beim Referat 6 handelte es sich (vermutlich) um die operative Außengruppe 2, die innerhalb der Akademie der Wissenschaften mit Auswertungsfragen befasst war. Offiziell firmierte sie unter »AdW-Dienstleistungsbereich« in der Lychener Straße in Berlin-Prenzlauer Berg. Für sie ist das Objekt »Foto I« erfasst. Das Referat gehörte zum Anleitungsbereich von Manfred Kleinpeter. Leiter war seit 1974 Kurt Zeichner (Kurt Reiss), der eine Zeit lang die schon erwähnte Sekretärin »Gerhard« in der US-Botschaft in Bonn geführt hat, und mit dem OibE »Rat« auch einen nachrichtendienstlich aktiven Offizier in den USA unterhielt. Letzter stellvertretender Leiter war ab Januar 1989 Peter Eberhardt.


USA-Forschung

Beim Referat 7 handelte es sich um eine operative Außengruppe. Sie koordinierte unter dem Dach des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten die USA-Forschung in der DDR, insbesondere bei der Akademie der Wissenschaften, beim Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW) und beim Institut für Internationale Beziehungen in Potsdam-Babelsberg (IIB). Eine vielfältige USA-Forschung konnte sich die DDR »nicht leisten«, weshalb sie systematisiert werden sollte. Zwei Objekte sind für das Referat verzeichnet, darunter das mit dem Namen »City«. Das Referat gehörte zum Anleitungsbereich von Armin Grohs. Leiter waren von Juli 1977 bis August 1978 Manfred Kleinpeter, ab Oktober 1979 Rolf Hoth und ab April 1981 Horst Joachimi. Als Stellvertreter fungierten von September 1978 bis September 1979 Rolf Hoth und zuletzt Fritz-Joachim Stahlbohm.


Eine weitere Quelle vermochte der HV A XI in den Siebziger- und Achtzigerjahren kaum noch Informationen bringen (72 sind lediglich verzeichnet). Dennoch war sie für die operative Arbeit in den USA von einiger Bedeutung. Es handelt sich um einen Hamburger Kaufmann mit dem Decknamen »Maler«, der sowohl Markus Wolf als auch den Führungsoffizier Heinz Geyer erheblich inspiriert hatte. »Viel von meinem Wissen über die USA, über das politische Denken, die Hoffnungen und Ängste dort«, erinnert sich Wolf, »verdanke« er ihm. »Maler« und »Clivia« »waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. Beide waren in Deutschland geboren« – »Maler« in Hamburg –, »hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und mussten vor dem NS-Terror fliehen. Beide fanden in den USA Asyl, wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom, der andere als Jurist –, und beide wurden vom OSS, dem Vorläufer der CIA, angeworben. (…) Er besaß einflussreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer, der Minister für Gesamtdeutsche Fragen, von dem ›Maler‹ sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich berichten ließ.« Und auch Heinz Geyer erhielt seinen »ersten tieferen Einblick in das gesellschaftliche System der USA« durch »Maler«.





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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 11. Mai 2024, 08:52

Der Mann der Steinmeier sein sollte Er musste letztlich auf 3 Namen hören: Eberhard Lüttich (real), Eberhard Reinhard (HV A), Dietrich Steinmeier USA-Legende. [shocked]

Von einem solchen Leben wird Eberhard Lüttich nicht einmal geträumt haben, als er im Mansfelder Walzwerk in Hettstedt seiner Arbeit nachging und von dort zum Studium an die Hochschule für Binnenhandel in Leipzig delegiert wurde, wo er 1962 ein Diplom erhielt. In Römhild, im damaligen Bezirk Suhl gelegen, fand er bei der Konsumgenossenschaft Arbeit. Hier wurde das MfS auf ihn aufmerksam und warb ihn als IM. Er muss Eindruck gemacht haben, denn 1964 trat er als Unterleutnant in den Dienst der Bezirksverwaltung in Suhl ein. Er wechselte dort zur »Aufklärung«, der für Spionage zuständigen Abteilung XV der Bezirksverwaltung. Und landete irgendwann als Schläfer in den USA.

Die Stasi unterschied bei ihren Spionen zwischen so genannten Perspektivagenten und "Warteagenten". Die Erstgenannten fingen als "Lehrlinge" an und wurden aufgebaut, bis sie an einem Punkt angelangt waren, an dem sie der Zentrale nützlich sein konnten. Perspektivagenten landeten nicht selten in hohen Regierungsämtern. Warteagenten waren zuverlässige Leute, meist Genossen, die sich auf einen ihnen bekannten Tag X vorbereiteten, um dann aktiv zu werden: Im Kriegsfall etwa sollten sie Sabotageakte verüben oder bestimmte Aktionen finanziell absichern.

Dieser Werdegang ist ungewöhnlich. Er wurde am 16. April 1939 in Leipzig geboren, wuchs bei Pflegeeltern auf, deren Namen Sch. er zunächst annahm. Als Zehnjähriger trug er wieder den Namen seiner Mutter, die bereits während seines ersten Lebensjahrs verstorben war. Innerhalb der HV A benutzte er den Arbeitsnamen Eberhard Reinhard. Mit seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik am 3. Oktober 1972 begann in Hamburg sein zweites Leben unter dem Namen Hans Dietrich Steinmeier.

Lüttich lernte unter falschen Identitäten zu leben, erhielt eine umfangreiche Funkausbildung, übte das Anlegen von Toten Briefkästen (TBK) – das übliche Programm. Anfangs wurde er langsam mit dem »Operationsgebiet« vertraut gemacht: Zunächst ein Eintagesbesuch in West-Berlin, dann einige Tage in Hamburg, einen Monat in Zürich, dann sechs Wochen – der Sprache wegen – in London. Auf diese Weise akklimatisierte er sich, gewöhnte sich an das westliche Leben und die westliche Kleidung.

Das Besondere war, dass er schließlich in die Haut des Bundesbürgers Hans Dietrich Steinmeier schlüpfte. Wer war das?
Der echte Hans Dietrich Steinmeier, am 9. August 1937 in Anklam geboren, hatte in der Bundesrepublik als Kranfahrer und Elektriker gearbeitet, sich in eine ostdeutsche Frau verliebt und sie alle zwei bis drei Wochen in Ost-Berlin besucht. Ihre Treffen fanden in einer konspirativen Wohnung statt, von deren Charakter Steinmeier freilich nichts geahnt hat. Da die HV A möglichst viele Informationen über den echten Steinmeier mithilfe geeigneter Technik sammeln wollte, lud ihn seine Freundin, bei der eine Beziehung zur HV A anzunehmen ist, dorthin ein. Im Mai 1972 sollte Lüttich ihn sogar einmal unauffällig beobachten können. Er war Lüttich äußerlich ähnlich, so dass er sich als Doppelgängerlegende eignete. Steinmeier wurde von seiner Freundin (vermutlich auf Geheiß der HV A) überredet, heimlich in die DDR überzusiedeln, damit er sie heiraten könnte. Den wahren Hintergrund, dass seine Identität fortan für einen Offizier der HV A benötigt wurde, wird auch sie nicht geahnt haben. Allein die Mutter des echten Steinmeier wusste, dass ihr Sohn in die DDR übergesiedelt war, war aber von ihm zum Schweigen angehalten worden.


Entwickelt worden war diese Legende von Eberhard Kopprasch, einem der Experten der legendären Arbeitsgruppe S (Sicherheit), der später 2. Sekretär der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn war. Ihr zufolge sollte Lüttich, erkundigte sich jemand nach ihm, in Moskau beim Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe tätig sein. Es werden nicht viele nach ihm gefragt haben. Tatsächlich wurde er mit einem gefälschten Ausweis, aber echter Geburtsurkunde und echtem Vertriebenenausweis, echten Schul- und Arbeitszeugnissen, sogar mit einem Mitgliedsausweis für die Gewerkschaft ausgestattet. Das war alles, was der vermeintliche Steinmeier mit sich führte, während das Leben des 33-jährigen Lüttich abrupt endete. Ihn gab es nicht mehr – nie mehr, dafür existierte Steinmeier von nun an zweimal: Der echte Steinmeier in Ost-Berlin, der falsche ab dem 3. Oktober 1972 in Hamburg.

Der echte Hans Dietrich Steinmeier hatte nicht studiert, weshalb der vermeintliche Steinmeier zunächst als Lagerarbeiter tätig war, um nebenher Betriebswirtschaft zu studieren. Die Eingewöhnung ließ sich gut an. In den USA quartierte er sich später als Untermieter in der West End Avenue in New York ein. Nachdem er die Formalitäten bis hin zur Krankenversicherung erledigt hatte, einen gültigen Führerschein besaß und auch die Green Card erworben hatte, konnte er sich zwar legal in den USA aufhalten, musste sich aber an seinen Arbeitsplatz und auch an die amerikanische Kultur erst gewöhnen, die sich von jener im thüringischen Römhild und Suhl oder der in Hamburg stark unterschied. In Ost-Berlin gab man ihm dafür ein gutes Jahr Zeit, dann wurde ihm aufgetragen, für ein unbegrenztes Bleiberecht zu sorgen: Er sollte eine geeignete Frauenbekanntschaft machen, heiraten – und somit amerikanischer Staatsbürger werden. Zugleich sollte er nachrichtendienstliche Duftmarken setzen, indem er Tote Briefkästen anlegte und den Funkkontakt technisch vorbereitete.


Ost-Berlin begrüßte seine Erwägung, bei der Schenker-Spedition zu arbeiten, die Filialen in Deutschland und den USA unterhielt.
Hans Dietrich Steinmeier ist ehrgeizig: Sein nächster Job beim Logistikkonzern Schenker in Hamburg soll für ihn das Sprungbrett nach Amerika sein. Er ist überzeugt, durch Fleiß die schwachen schulischen Leistungen früherer Jahre wettmachen zu können – bislang hat er es lediglich zum Hilfsarbeiter gebracht. Dabei sollen ihm ein nachgeholter Schul­abschluss und ein begonnenes Abendstudium der Betriebswirtschaft helfen.

Ein halbes Jahr nach seinem Start bei Schenker beschließt er, gleich seinen ersten Urlaub dazu zu nutzen, um erstmals in die USA zu reisen. Dabei will er auch herausfinden, wie es ihm gelingen könnte, in Amerika Fuß zu fassen. Sein Status als Student hilft ihm, die ansonsten aufwändigen Einreisebestimmungen zu umgehen. Obwohl er noch nie dort gewesen ist, kennt seine Begeisterung für dieses Land keine Grenzen. So fiebert er dem Tag entgegen, an dem es losgehen soll. Im November 1973 ist es so weit. Schon während dieser Reise gelingt es Steinmeier, in der New Yorker Niederlassung von Schenker einen Job zu finden.


.....wird fortgesetzt
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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 12. Mai 2024, 09:48

Im fünften Jahr seines operativen Einsatzes wurde er angehalten, einen dienstlichen Überblick über die Transporte, insbesondere Militärtransporte, zwischen den USA und Europa zu gewinnen, die von Schenker organisiert wurden. Gleichfalls hatte er interessante Kontakte zu suchen, vor allem im studentischen Milieu.

Dem kam er ebenso nach wie dem Auftrag, eine Beziehung zu einer geeigneten Frau zu pflegen, die schließlich tatsächlich in einer Hochzeit mündete.


Geeignet war sie nicht. Und er heiratete sie, ohne vorab das MfS zu informieren. [denken]

Die HV A hatte genaue Vorstellungen, welche Frau der falsche Steinmeier zu finden hatte. Die Amerikanerin sollte eine möglichst exponierte Stellung innehaben, intelligent und bereit sein, sich in eine nachrichtendienstlich relevante Position lancieren zu lassen. Der falsche Steinmeier sollte also entsprechend seiner beruflichen Stellung nach einem angemessenen Äquivalent suchen. Doch die Liebe, beinahe einer der größten Risikofaktoren operativer Arbeit, führte in die falsche Richtung: eine Exilkubanerin, die er – kaum in die USA eingereist – in der Firma kennengelernt hatte. Sie entsprach überhaupt nicht den Erwartungen in Ost-Berlin, und als er angehalten war, zu heiraten, machte er dennoch die Exil­kubanerin zu seiner Frau. Der HV A offenbarte er allerdings erst bei einem Treffen in Mexiko City im Februar 1977, wen er geheiratet hatte. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, bestand Lüttich darauf, sie nicht in den nachrichtendienstlichen Kontext hineinzuziehen, womit sie operativ als nicht nutzbar galt, wie es damals hieß. Noch später wurde Eberhard Kopprasch bekannt, dass die Gattin auch die falsche politische Einstellung hatte – sie wandte sich aktiv gegen das Kuba Castros.

Das Verhältnis zwischen HV A und Lüttich geriet daraufhin in eine kritische Phase; es war klar, dass die HV A diese neue Situation schlucken musste. Gleichwohl war Ost-Berlin daran interessiert, Lüttichs Frau vorgestellt zu bekommen, weshalb er sie unter dem Vorwand, es gebe hier Geschäftsinteressen der Abteilung Ost seiner Firma, in die DDR mitnahm: Im Juli 1978 kam es zu einem Aufenthalt in Lehnitz. Eine offene Ansprache erfolgte offensichtlich nicht, zumal Lüttichs Frau keinen Zweifel an ihrer Einstellung zum Kommunismus ließ. Eine Aussprache war auch später nicht beabsichtigt, da Lüttichs Frau schwanger wurde, wie sich der Vorgangsführer erinnert. Sie selbst kannte Lüttich nur unter seiner falschen Identität, und die Annahme liegt nahe, dass sie von seiner Vergangenheit kaum, von seiner operativen Geschichte gar nichts wusste.

Lediglich in der in den USA erschienenen Biographie von Markus Wolf wird die Suche nach einer Frau für Lüttich in dem ihm gewidmeten Absatz eigenwillig thematisiert: »We tended single men in the hope that they would enhance their immigration status by marrying American women. But the Romeo strategy that had served us so well in Germany didn’t work in America.« [grins]
Also, die Romeo Strategie, die in Deutschland funktioniert, klappte in den USA gar nicht.

Immerhin: Es war der HV A XI gelungen, binnen zehn Jahren – von den ersten Ausbildungsschritten bis zur echten operativen Arbeit – einen Offizier im besonderen Einsatz von Suhl ins Herz eines Schlüsselobjekts des militärisch-industriellen Komplexes in New York zu verpflanzen – anfangs als clerk (Bürogehilfe), der später bis zum Assistant Vize President (Vizedirektor) der Exportabteilung von Schenker aufstieg, zuständig für den Mittleren Osten, West-Europa, Japan und auch den Fernen Osten, bei einem Jahresgehalt von 32 000 Dollar.

In den USA gab es später verschiedene Methoden der Kontaktaufnahme. So fand z. B. am 16. jedes Monats ein Lauftreff statt, der durch einen bestimmten Durchgang des New Yorker Minskoff-Theaters führte. Falls erforderlich, wurde der falsche Steinmeier dort angesprochen. Wichtigste Verbindungsmethode blieb jedoch der persönliche Treff. 1974, während eines Urlaubs, machte er sich auf den Weg nach Ost-Berlin. Später, im September 1975, als Hinweise auf eine gegnerische nachrichtendienstliche Bearbeitung hindeuteten (Filmteam, Beschattung, intensive Passkontrolle), häuften sich die Treffen in Drittländern. Die vermeintliche Beschattung erwies sich jedoch als nachrichtendienstlich bedingtes Stress-Symptom Lüttichs.

Kontakt über kubanische Frequenz
Der weiterer Verbindungsweg war eine Funklinie mit entsprechenden Schlüsselunterlagen und einem Radio, die aber erst ab 1977 genutzt wurde – zunächst auf einer kubanischen Frequenz mit gesprochenen Zahlen, dann ab Oktober 1978 auf einer ostdeutschen mit Morsezeichen. Insbesondere an dieser Möglichkeit hatte die HV A jahrelang getüftelt – die westlichen Nachrichtendienste waren mehr als verblüfft, als sie davon erfuhren.




Wird fortgesetzt.....
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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 12. Mai 2024, 10:24

Fast wie im Film [blush]
Ein Verbindungsweg bestand über Tote Briefkästen, von denen er sieben angelegt, aber nur einen genutzt hat.
Dieser befand sich in einer Holzverkleidung in einem China-Restaurant in Manhattan am Trinity-Place – Deckname »Orient«. Dort steckte er die Nachricht oder das Mikrat (winziges Filmnegativ) in eine Marlboro-Schachtel, die als Container diente. Dass er einen TBK belegt oder entleert hatte, zeigte er durch ein gefärbtes Papierstückchen an, das er in einen Spalt neben einem Telefonapparat in der 3. Etage im World-Trade-Center steckte. Entleert wurde der TBK von einem IM, der offiziell in der DDR-Delegation bei der UNO tätig war.

Niemand durfte es wissen
Bei einem Platzen seiner nachrichtendienstlichen Verbindung hätte Lüttich sich nach Mexico City absetzen und dort die DDR-Botschaft aufsuchen müssen. Dort hätte er den wirklichen Hintergrund freilich nicht offenlegen dürfen, vielmehr unter Vorlage seiner falschen Identität Interesse an einem Studium in der DDR signalisieren sollen. Die HV A hätte dann Be­scheid gewusst, aber diese Variante kam nie zum Einsatz.

..............................

Der echte Steinmeier in der DDR und der Erfolg des Verfassungsschutzes

In der DDR erfuhr der echte Steinmeier derweil einige Aufmerksamkeit. Seine Korrespondenz, etwaige Besucher und auch sein Verhalten am Arbeitsplatz wurden vom MfS kontrolliert, was ihm zugleich einige Vorteile in privaten Dingen brachte, wie den schnelleren Zugang zu einem PKW. Mit seiner Frau zog er nach Wismar. Das Paar hatte eine gemeinsame Tochter.

Abwehrspezialisten des Verfassungsschutzes agierten erfolgreich
Die Post an die Mutter in der Bundesrepublik wurde vom MfS regelmäßig abgefangen, aber nicht immer klappte das. So war – trotz aller Konspiration – nicht nur seiner Mutter, sondern auch seinem früheren Umfeld bekannt, dass er in Wismar lebte, verheiratet und Vater war. Der Verfassungsschutz vermutete hinter dieser Identität zu Recht eine nachrichtendienstliche Handschrift.
1979 wurde ein Haftbefehl ausgestellt.....

Richtig erfolgreich waren die Abwehrspezialisten Ende der siebziger Jahre, als sie häufige An- und Abmeldungen überprüften und mit Zuzügen aus dem Ausland verglichen: Über Drittstaaten platzierte Stasi-Schläfer gingen so reihenweise ins Netz.


Dem echten Steinmeier sagte die DDR alsbald auch nicht mehr zu, und er focht leidenschaftlich und hartnäckig für seine ständige Ausreise, [flash] die wohl erst mit dem Fall der Mauer möglich wurde.
Dass er Legendenspender war, wird er vor der Enttarnung des falschen Steinmeier kaum geahnt haben.


Lüttich wurde am 16. November 1979 auf dem Hamburger Flughafen festgenommen. Er räumte sogleich ein, erinnert sich einer der beteiligten Ermittlungsbeamten, nicht Steinmeier, sondern Eberhard Reinhard zu sein. Ansonsten schwieg er. Wer er wirklich war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, doch dürfte ebenso niemand einen Zweifel gehabt haben, dass er Mitarbeiter eines DDR-Geheimdienstes war.

Damit war das Bundesamt für Verfassungsschutz auf eine bis dahin gänzlich unbekannte Einschleusungsvariante in die USA gestoßen.


Das neue Leben des Eberhard Lüttich

Er muss sich nach einer kurzen Zeit entschieden haben, sich vom nachrichtendienstlichen Auftrag der HV A abzusetzen, was er, das ist sicher aus den nächsten Schritten zu schließen, nur im Einvernehmen mit den zuständigen amerikanischen Stellen – eher FBI als CIA – getan haben wird. Es scheint so, als habe er seine Freiheit und seine Rückkehr zu seiner Familie in die USA ausgehandelt. Handeln konnte er allein mit seinem operativen Wissen, das vollständig auszubreiten erforderlich ist, um in den Genuss des Straffreiheit versprechenden § 153 e StPO zu kommen.

Lüttich konnte ein knappes halbes Jahr nach seiner Verhaftung in die USA zu seiner Familie reisen. Nur lebt er dort unter erneut unter einem anderen Namen.

Bis zu seiner Verhaftung 1979 befand sich der Vorgang jedoch noch immer in der Entwicklungsphase und war gerade erst im Begriff, informatorisch Früchte abzuwerfen. Nachgewiesen ist allerdings keine Information. Was konnte er offenlegen? Zunächst das Verbindungswesen: Insbesondere nannte er die Deckadresse in Extertal, deren Inhaber daraufhin in Untersuchungshaft genommen und zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt worden ist. Der Grund: »Deckadresse für einen sehr gefährlichen Agenten«.

Die zweite Enttarnung, die auf ihn zurückzuführen ist, betrifft eine Sekretärin »Gitta« in der SPD-Stadtfraktion in Bonn, zu der er noch von Suhl aus den Kontakt gesucht hatte. Auf sie wurde bereits am 23. November 1979, nur eine Woche nach Lüttichs Verhaftung, in den Medien hingewiesen. Doch vor Gericht konnte der Verdacht gegen sie nicht erhärtet werden. Unklar blieb, ob sie den nachrichtendienstlichen Hintergrund bei ihren Besuchen in der DDR erkannt hatte. Weitere Enttarnungen gelangten nicht in die Medien und wurden auch nicht vor Gericht verhandelt.

Demnach wird sich Eberhard Lüttich zu den sonstigen Vorgängen seiner Suhler Zeit – immerhin 22 – nicht ausreichend geäußert haben. Dabei wäre eine wirklich heiße Spur der Vorgang des OibE »Rat« gewesen, den er selbst während seiner Suhler Zeit entwickelt und den er in New York im Word Trade Center als Mitarbeiter einer Speditionsfirma wieder getroffen hatte. Dieses Beispiel deutet an, dass Lüttich – zumindest nach seiner Verhaftung in Deutschland – nicht sein ganzes operatives Wissen offenbart hat. Er nannte zwar Vorgänge, die aber schon vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik erloschen und auch strafrechtlich verjährt waren. Andere wie eine Ärztin »Kerstin« aus Münster oder einen Vertreter »Hermann« aus Düsseldorf verschwieg er.


Fortsetzung folgt.......
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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 12. Mai 2024, 10:25

Das Resümee der HV A

Die HV A hingegen musste theoretisch gleichwohl von seinem »Verrat« ausgehen, doch war ihr bekannt, dass er sich nur bedingt eingelassen hatte. Das wusste sie offenbar von ihrem IM »Pirol«, dem es gelungen war, die Aussagen Lüttichs zu beschaffen. Mit den Worten Heinz Geyers: »Nach anfänglicher Aussageverweigerung gab er auf.

Dank des Einsatzes des Kundschafters ›Pirol‹, der die Akte von Lüttich mit dessen Aussagen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz beschaffte, konnte der eingetretene Schaden bewertet und die nötigen Schlussfolgerungen über die weitere operative Arbeit in Richtung USA gezogen werden.« Auf dieser Basis konnte die HV A einige Vorgänge weiterführen. Neben dem erwähnten »Rat« auch den Vorgang eines Ingenieurs »Wolfgang« aus Erkrath, den sie erst im September 1986 zu den Akten legte. Gleichfalls hätte es einiges Aufheben um einen Professor der TH Darmstadt gegeben, wäre seine erwogene oder vollzogene Beziehung zu Lüttich bekannt geworden, was aber nicht der Fall war. Der Vorgang war allerdings schon im November 1978 versiegt, was Lüttich nicht unbedingt gewusst haben muss.

Die HV A musste nun ihr mühsam aufgebautes Netz in den USA re­orga­nisieren. Eine bald zehnjährige operative Arbeit war Makulatur geworden.

»Der Fehler«, so Horst Joachimi, habe in der Verwendung Lüttichs in der Zentrale gelegen: »Er galt als Übersiedlungskandidat. So lernte ich ihn auch kennen. Eines Tages war er weg. Keiner fragte, aber jeder ahnte, wo er sein könnte. (…) Einen Übersiedlungskandidaten lässt man nicht in der Zentrale Staub wischen.« Wie groß die Niederlage war, skizziert Markus Wolf in seinen Erinnerungen: »Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen, und wir mussten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten ›Illegalen‹ nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen, darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar.

Alles andere als erfreulich war auch, dass Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte, sondern auch berichtete, dass unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte, die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. Es hatte Jahre gedauert, diesen Sender aufzubauen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann , der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefasst.«


Zusammenfassung

Die in den Siebzigerjahren eingerichtete Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit hat ihre hochgesteckten Ziele nicht erreichen können. Ziel war das Eindringen in wesentliche Institutionen der USA, entweder mit amerikanischen oder mit aus der DDR übergesiedelten inoffiziellen Mitarbeitern. Bei diesem Bemühen bediente sie sich der legalen (über diplomatisch abgesicherte Offiziere) und der illegalen Linie (über inoffizielle Netzwerke). Mithilfe der beiden legalen Residenturen in New York und Washington trug sie eine beträchtliche Anzahl an Informationen zusammen, insbesondere auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. In der Summe handelt es sich um über 6000 Informationen. In der veröffentlichten Publizistik ehemaliger HV A-Mitarbeiter wird der Wert dieser Arbeit allerdings eher als teuer denn als wertvoll eingestuft. Hinsichtlich der illegalen Linie siedelte sie mehrere Offiziere in die USA über, die in die Rolle von Bundesbürgern geschlüpft waren. Diese langwierigen Aktivitäten, unter Einsatz von hauptamtlichen Mitarbeitern, endeten jedoch, als Lüttich im November 1979 enttarnt wurde, und mit ihm auch die gesamte Einschleusungsphilosophie. Bedeutende Informationen wurden jedoch nicht in den USA erbeutet, sondern durch Bundesbürger und amerikanische Bedienstete in der Bundesrepublik, sei es in der US-Botschaft in Bonn oder bei der US-Air Force in Berlin. Über sie gewann die HV A zwar einen tiefen Einblick in politische und militärische Absichten und Kenntnisse der USA, vermochte mit diesem Wissen jedoch kaum auf die politische Führung der DDR einzuwirken: »Sie war«, resümierte ihr ehemaliger HV A-Resident in New York Joachimi, »für unsere Hinweise und Vorschläge wenig aufgeschlossen. Sie hatte ihr festgefügtes, unerschütterliches Bild von der Welt.

Erweist sich so – abgesehen vom Untergang des Staates – nicht von vorneherein die DDR-Spionage in den USA als nutzlos? Die Skepsis blieb, denn wenige Monate vor seinem Tod gab es in den USA ernsthafte Erwägungen, Markus Wolf einzuladen, was ihm zuvor verwehrt worden war. Doch zu spät: Bevor eine Entscheidung fiel, verstarb er.

(aus veröffentl. Unterlagen Müller-Enbergs)
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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 16. Mai 2024, 18:36

Ein Interview mit Horst Joachimi

Wenn man sich damit beschäftigt, merkt man, wie verlogen das Stasi-Leben doch war.

Vater und Mutter gehen 1974 an die DDR Botschaft in die USA. Ihrer Tochter erzählen Sie, dass sie in die UdSSR fliegen, an einen geheimen Ort.
Dazu fliegen sie extra von Ostberlin nach Warschau, damit die Tochter es glaubt. Dann wieder zurück, um mit SAS nach USA zu fliegen.

Jahre später macht das Außenministerium einen Fehler, es teilt der Tochter versehentlich die Wahrheit mit. Dieser Bruch bleibt.
Auch als Joachimi aufgrund eines Überläufers zurück muss. 1989 flieht die Tochter über Ungarn in den Westen.

Wieder Jahre später erkrankt sie und stirbt, am Ende bleibt sie unversöhnt mit den Eltern. Ganz schlimm. War es das wirklich wert?


https://www.mz.de/mitteldeutschland/sta ... er-2316548

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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon Merkur » 16. Mai 2024, 18:49

augenzeuge hat geschrieben:Ein Interview mit Horst Joachimi
Wenn man sich damit beschäftigt, merkt man, wie verlogen das Stasi-Leben doch war.
AZ


Wenn man sich wirklich damit beschäftigt, ergibt sich die Erkenntnis, dass jeder Nachrichtendienst mit entsprechenden Legenden arbeitet, um konkrete Tätigkeiten zu verschleiern. Man muss das nicht auf die „Stasi“ reduzieren. Neulich las ich über Bundestrainer Nagelsmann:
„Der Bundestrainer erzählte von seiner starken Bindung, von einem "ausgezeichneten" Verhältnis zu seinem Vater, der beim Bundesnachrichtendienst arbeitete, von seinem Beruf aber kaum erzählte. "Er durfte über seinen Job nicht sprechen.“
Selbstverständlich muss jeder seine individuelle Sicht bzw. Meinung haben und schreiben. Quelle: Augenzeuge.
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Re: Die Amerika-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit

Beitragvon augenzeuge » 16. Mai 2024, 18:54

Merkur, ich freue mich, dass ich deine Aufmerksamkeit erreicht habe.

Ansonsten kann man das so sehen wie du, aber man kann sich auch fragen war das so wirklich notwendig? Und man kann Fehler eingestehen.

Ich werde aus dem Buch noch zitieren. Natürlich muss ich sagen, manchmal zieht es mir die Augenbrauen hoch...bei bestimmten Aussagen Joachimis heute. [grins]

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