von Werner Thal » 20. Mai 2022, 12:50
>>Neue Töne aus Russland - und was sie bedeuten
Ein Militärexperte kritisiert im Staatsfernsehen Wladimir Putins krieg gegen die Ukraine.
Später rudert er zurück.
BERLIN/MOSKAU :: Michail Chodarjonok ist das, was man einen klassischen Experten nennen
könnte. Vollgepumpt mit Fachwissen. Zuletzt diente der 68-Jährige in der Operativen Planung des russischen Generalstabs.
VChjodarjonok weiß also, was versagt, wenn er mit Blick auf den Ukraine-Krieg von einer "kompletten militärisch-
politischen Isolation" Russlands spricht und fordert: "Wir müssen da raus."
In Russland, wo der krieg nur "Spezialoperation" genannt werden darf, kommt das einer kleinen Revolution nahe.
Zumal der Ex-Offizier seine Brandrede in einer Propagandashow des Staatssenders Rossija 1 hielt.
Moderatorin Olga Skabejewa schien kaum fassen zu können, was ihr Gast da über "kommunikative Beruhigungspillen" des
Kreml von sich gab.
Was war das bloß? Das kremlkritische russische Portal "Medusa", das von Lettland aus arbeitet, bietet zwei Erklärungen an.
Es könnte sich um den "Weckruf" eines Ex-Militärs gehandelt haben, der nicht länger mit ansehen mag, wie Tausende
Soldaten sterben. "Oder es war eine Offenbarung der Realität, um die Nation auf weitere negative Nachrichten vorzubereiten."
In dem Fall wäre alles geplant gewesen - die Wutrede ebenso wie die Empörung der Moderatorin. Für eine "Show in der Show"
spricht, dass das Staatsfernsehen üblicherweise nichts dem Zufall überlässt. Auffällig war auch, dass Chodarjonok bei einem
erneuten Auftritt
in der Skabejewa-Show am Mittwoch plötzlich andere Töne anschlug. Die Ukraine werde in nächster Zeit b"Unangenehme
Überraschungen erleben".
Gut möglich also, dass der Kreml die Inszenierung steuerte. Nachdem die "Offenbarung" raus war, ruderte Chodarjonok öffentlich
zurück. Eine solche Doppelstrategie fährt auch die Führung um Wladimir Putin. Vor allem vom Präsidenten sind seit dem 9. Mai
keine allzu scharfen Attacken mehr zu hören. Putin hatte am "Tad des Sieges" zwar die Nato für die "Eskalation" in der Ukraine
verantwortlich gemacht, zugleich aber erstmals eigene Opfer erwähnt. Viele Kommentatoren waren sich einig, dass Putin
die Nation auf einen langen krieg einschwören wollte.
War Chodarjonoks Auftritt also nur der nächste Akt in einem Propagandaschauspiel? Zweifel bleiben. Teike seiner Analyse klangen
allzu deutlich nach einer Generalabrechnung. Wer zuhörte, musste den Eindruck gewinnen, dass die russische Armee in der
Ukraine kurz vor dem Untergang steht: Praktisch die ganze Welt ist gegen uns."