Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beitragvon Interessierter » 29. Dezember 2020, 08:23

Rudolf Marquard

Geboren am 30. April 1916 in Hamburg | erschossen am 30. März 1950 | Ort des Vorfalls: nahe Testorf (Mecklenburg-Vorpommern)

Bei einem der vormals oft geglückten Grenzübertritte wurde der 33-Jährige nahe Testorf von unbekannten Angehörigen der Grenztruppen erschossen. Sein Leichnam wurde ohne Wissen der Angehörigen auf dem Friedhof in Zarrentin begraben.


Der gebürtige Hamburger Rudolf Wilhelm Marquard diente während des Zweiten Weltkrieges in der Wehrmacht. Seine Frau verließ mit ihren beiden Kindern nach den verheerenden Bombenangriffen vom Juli und August 1943 die Stadt und zog zu ihren Eltern nach Kleinsaubernitz in Sachsen. Rudolf Marquard begab sich 1945 nach seiner Entlassung aus der britischen Kriegsgefangenschaft zu seiner Familie nach Sachsen. Dort erhielt der gelernte Kaufmann im Kreis Bautzen eine Neulehrerstelle. Im Jahr 1948 kam das fünfte Kind der Eheleute Marquard zur Welt.

Rudolf Marquard konnte sich jedoch mit dem stalinistischen Machtapparat und der politischen Ordnung nicht anfreunden. Aufgrund seiner besonderen Bemühungen um schwächere Schüler soll es zu Denunziationen des eigenwilligen Lehrers durch einige Kolleginnen und Kollegen gekommen sein. Vermutlich führten unter anderem auch diese Probleme am Arbeitsplatz zur Ablehnung seiner Anträge auf einen Reisepass. Um seine Eltern in Hamburg trotzdem besuchen zu können, überquerte Rudolf Marquard illegal die Grenze. Im Frühjahr 1950 machte er sich erneut auf den Weg nach Hamburg. Da er dort nicht eintraf und seine Eltern über mehrere Wochen kein Lebenszeichen von ihm erhielten, benachrichtigten sie die Familie ihres Sohnes in Kleinsaubernitz. Eine Freundin der Familie aus der Gegend um Zarrentin konnte schließlich in Erfahrung bringen, dass DDR-Grenzpolizisten Rudolf Marquard am 30. März 1950 an der innerdeutschen Grenze bei Testorf erschossen hatten.

Die Landesbehörde der Volkspolizei Mecklenburg veröffentlichte in einem Informationsblatt am 15. Mai 1950 folgende Suchanzeige: „Unbekannter Toter. Am 31.3.50 wurde an der Demarkationslinie bei Zarrentin, Kr. Hagenow, eine unbekannte männliche Leiche aufgefunden. Bei der Leiche wurde ein halber alter Ausweis ohne Paßbild auf den Namen Rudolf Marquard, geb. 3.10.16 in Hamburg, vorgefunden. Personenbeschreibung: Etwa 34 Jahre alt, etwa 1,78 m groß, schlanke Gestalt, mittelbl. Haar, rechts gescheitelt. Goldzahn: 5 oben rechts. Schuhgröße: 43–44. Narbe am linken Unterschenkel. Bekleidung: Blaugrauer Anzug, dunkelblauer Mantel, blaue Baskenmütze, blaugrau kariertes Sporthemd, graue Wollsocken, schwarze hohe Schnürschuhe, Strickjacke dunkelblau mit grauer Einfassung. Wo wird beschriebene Person vermisst?“

Die Witwe und ihre fünf Kinder überstanden die schwere Zeit nach dem Verlust des Ehemannes und Vaters nur dank der Hilfe von Angehörigen und Freunden. Da sie keine Sterbeurkunde ihres Mannes vorweisen konnte, verwehrte man der alleinerziehenden Mutter die staatliche Unterstützung. Zudem verweigerten ihr die DDR-Behörden die nötigen Dokumente für eine Reise zu ihren Schwiegereltern nach Hamburg. Auf eine erneute Anfrage zur Klärung des Falles an den Rat der Stadt Zarrentin erhielt sie im Mai 1954 schlicht die Angaben zum Todesdatum, dem Datum der Beerdigung sowie den Verweis, weitere Auskünfte könnten nicht erteilt werden. Durch Bemühungen der Familienangehörigen in Hamburg gelang es schließlich doch, Näheres über die Todesumstände zu erfahren.

Durch die Schussverletzung, die Rudolf Marquard in den frühen Morgenstunden des 30. März 1950 im Grenzbereich nahe Zarrentin erlitt, hatte er nach starkem Blutverlust das Bewusstsein verloren. Die Grenzposten hielten eine medizinische Versorgung nicht mehr für nötig und kümmerten sich nicht um den Sterbenden. Der genaue Todeszeitpunkt Marquards konnte später nicht mehr festgestellt werden. Die Grenzpolizei überführte den Toten im Morgengrauen des Unglückstages in die Leichenhalle von Zarrentin. Das Begräbnisregister der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Zarrentins enthält als Todesursache den Eintrag „Lungenschuss“. Am 5. April 1950 – zu diesem Zeitpunkt warteten die Eltern in Hamburg vermutlich noch auf den Besuch ihres Sohnes und die Familie in Kleinsaubernitz auf seine Rückkehr – wurde Rudolf Marquard auf dem Friedhof in Zarrentin beerdigt. Den Strafverfolgungsbehörden gelang es nach der Wiedervereinigung nicht, den Namen des DDR-Grenzpolizisten zu ermitteln, der seinerzeit den tödlichen Schuss auf Rudolf Marquard abgab.

https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/ ... -marquard/

Das ist einfach nicht zu fassen:
Die Grenzposten hielten eine medizinische Versorgung nicht mehr für nötig und kümmerten sich nicht um den Sterbenden.


" Mörder " kümmern sich eben nicht um ihre Opfer.
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Re: Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beitragvon augenzeuge » 29. Dezember 2020, 09:11

Humanismus nach real sozialistischem Verständnis.

Einige trauern diesem Verhalten immer noch nach,weil sie es nicht begriffen haben.
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Re: Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beitragvon Nostalgiker » 29. Dezember 2020, 09:43

augenzeuge hat geschrieben:Humanismus nach real sozialistischem Verständnis.

Einige trauern diesem Verhalten immer noch nach,weil sie es nicht begriffen haben.
AZ


Und Einige schreiben einfach nur Blödsinn.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin

Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts zu verlieren hat. Janis Joplin

Psychologen haben herausgefunden, dass Menschen, die immer bei anderen auf die Rechtschreibfehler hinweisen, eine Persönlichkeitsstörung haben und unzufrieden mit ihrem Leben sind. Netzfund
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Re: Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beitragvon Interessierter » 29. Dezember 2020, 09:56

Nostalgiker » 29. Dez 2020, 09:43

Und Einige schreiben einfach nur Blödsinn.


Ausgerechnet du unterstellst einigen, sie würden nur Blödsinn schreiben? Deine Beiträge lesend, hätten wir kein Energieproblem wenn Blödheit leuchten würde.

[grins]
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Re: Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beitragvon Nostalgiker » 29. Dezember 2020, 10:15

Na Pöbelst du mal wieder?
Was anderes kommt von dir ja nicht.

Wenn du anderen Blödheit bescheinigst kommt dir deine eigene wohl nicht ganz so schlimm vor.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin

Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts zu verlieren hat. Janis Joplin

Psychologen haben herausgefunden, dass Menschen, die immer bei anderen auf die Rechtschreibfehler hinweisen, eine Persönlichkeitsstörung haben und unzufrieden mit ihrem Leben sind. Netzfund
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Re: Beerdigt ohne Angehörige zu informieren

Beitragvon Dr. 213 » 29. Dezember 2020, 14:29

Unbekannte Wasserleichen, die heimlich Eingeäscherten, gefälschte Totenscheine, Unfallgeschichten usw......
Dort wo sich Stasi und MDI ziemlich sicher fühlten, das es z.B. keine Zeugen gibt, wurden Beweise vernichtet.
Wie in ganz gewöhnlichen Verbrecherorganisationen auch.

Dann noch die Fälle, wo die Organe selbst dann noch Vermißtenanzeigen von suchenden Angehörigen
zum Schein angenommen und bearbeitet haben, als die Opfer noch nicht einmal ganz kalt gewesen sind
und in irgendeiner KFZ- Garage zwischengelagert wurden.

In Berlin hat das Vertuschen eher schlecht funktioniert.
Wenn da in der Nacht Schüsse an der Mauer gefallen sind, haben suchende Angehörige oft davon Kenntnis
erhalten weil es im RIAS oder SFB gemeldet wurde oder die Schüsse einfach gehört wurden.
In einigen Fällen haben couragierte Angehörige das Lügenkonstrukt der Organe so zum Einsturz gebracht.

Herzlichst
Dr. 213
Dr. 213
 


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