Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, rechnet mit einem Scheitern des seit Mittwoch geltenden harten Lockdowns.
"Es ist schwer vorstellbar, dass der von der Politik als Messlatte genannte Wert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen durch diesen Lockdown nachhaltig unterschritten werden wird - egal, ob der Lockdown nun drei oder zehn Wochen dauert", fügte der Kassenarzt-Chef hinzu. "Ein Lockdown, egal wie hart, ist keine geeignete langfristige Strategie in der Pandemiebekämpfung." Gassen forderte stattdessen mehr Anstrengungen, um die Risikogruppen zu schützen. "Wir müssen diese fürchterlichen Todeszahlen in den Alten- und Pflegeheimen senken", sagte er. "Wenn nun neben den Gaststätten für einige Wochen auch Möbelhäuser oder Baumärkte geschlossen werden, hat das auf das Infektionsrisiko von Pflegeheimbewohnern allerdings unmittelbar keinen Einfluss." Man brauche unverändert eine Langfriststrategie, verlangte er. Dazu gehöre, dass das Personal in den Alten- und Pflegeheimen täglich getestet werde. Zudem dürfe kein Besucher ein Heim ohne negativen Schnelltest betreten. In einer Langfriststrategie müsse es darum gehen, die Kontakte zu reduzieren oder sicherer zu machen, ohne das öffentliche Leben lahm zu legen. "Ansonsten sind die Kollateralschäden für die Gesellschaft, für unsere Kinder und auch für die Wirtschaft viel zu hoch". Es müsse darum gehen, Menschenströme zu entzerren, zum Beispiel durch den Einsatz von mehr Bussen und Bahnen sowie subventionierten Taxifahrten für Risikogruppen. "Der öffentliche Personennahverkehr ist doch derzeit ein einziger Hotspot", beklagte er. Gassen forderte zudem, über eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten zu sprechen, um die Kundenströme zu entzerren.
https://www.ad-hoc-news.de/politik/der- ... n/61059086Ich finde das ziemlich interessant, aber frage mich, ob solche Bemerkungen wirklich zur Zeit hilfreich sind, gerade weil sie den Lockdown-Gegnern Futter geben, sich an die Vorschriften nicht zu halten, bzw. die Akzeptanz weiter verringern.
Ich würde mir da vor allem eine wissenschaftliche Untermalung anhand von Studien/Forschungen wünschen, ob das, was Gassen nennt, wirklich die Hauptproblemfelder sind, und ob man mit den Maßnahmen, die er nennt, das Geschehen so weit abdeckt, dass es eine ausreichende Wirkung hat.
Klar, für sich alleine ist das alles logisch, wenn auch etwas fraglich, ob es in der Form komplett möglich ist und wie sicher es ist. Auf jeden Fall müssen die Alten- und Pflegeheime besser geschützt werden, das versteht sich von selbst, und wenn bis heute noch nicht ordentlich getestet wird, dann kann man sich nur an den Kopf fassen, wieso dort so ein Risiko nicht erkannt oder ignoriert und in Kauf genommen wurde.
Der ÖPNV ist notwendig für viele Menschen, und wenn auch hier noch nicht alle Möglichkeiten zur Entzerrung ausgeschöpft wurden, muss man sich auch fragen, ob das der große Kostenfaktor gewesen wäre, der eine Zurückhaltung gerechtfertigt hätte. Ziemlich wahrscheinlich nicht vor dem Hintergrund all der anderen Kosten, die derzeit entstehen.
Unterm Strich bleibt es ja alles beim immer gleichen:
- Der Virus wird von Mensch zu Mensch übertragen, also ist die einzige Lösung, bis Impfungen den nötigen Schutz bieten, die Kontaktbeschränkung.
- Viele Menschen haben den Luxus, sich da weitgehend durch Einschränkungen im persönlichen Leben selbst schützen und zu einer effektiven Eindämmung durch die ausbleibenden Kontakte gut beitragen zu können, andere (und auch die gibt es zuhauf) aufgrund von Arbeit und sonstigen Lebensumständen aber nicht, oder zumindest bleibt ein Ausmaß, das für Risiken sorgt. Wie viele von diesen stecken sich und andere an, und wie gefährlich ist das? Sicher nicht so schlimm wie für die Risikogruppen, aber sind die auch dabei entstehenden Schäden hinnehmbar, dass die Aufrechterhaltung des Öffentlichen Lebens (natürlich auch mit Einschränkungen. Ich denke kaum jemand mit etwas Vernunft fordert derzeit eine Rückkehr zu 100% normalem Leben) diese im Wert übersteigt?
Man kann viele Meinungen dazu haben, ich würde mir für die Bewertung gerne Zahlen zur Abwägung wünschen...