Gefangen auf dem Luxusliner: Eine Kreuzfahrt in Zeiten von CoronaSeit drei Wochen schippern 1700 Weltreisende ziellos umher – auch unser Autor
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Uwe Dulias
Uwe Dulias hat sich zum Eintritt in den Ruhestand vor zehn Wochen auf Weltreise mit der MS Magnifica begeben. Foto: privatIndischer Ozean. Die dunklen Wolken am Horizont lassen nichts Gutes ahnen. Die MSC Magnifica wühlt sich durch die Wellen. Das Wasser schimmert tief dunkelblau, als trage es Trauer. Corona-Zeit auf hoher See, knapp 18 Grad und 52 Sekunden vom Äquator entfernt. 1700 Passagiere sind gesund und wohlauf, aber zum Spielball des Schicksals geworden. Gefangen auf einem Luxusliner.
„Das Virus hat die Welt und uns verändert“, sagt Frank Zeidler (68) aus Schalksmühle. „Es hat mich demütig gemacht und meinen Respekt vor der Gewalt der Natur gestärkt.“
Seit drei Wochen hat keiner mehr einen Fuß an Land gesetzt. Seit Wochen irrt das Schiff rund um Australien. Die internationale Corona-Lage zwingt Kapitän Roberto Leotta ständig dazu, seinen Kurs neu zu definieren. „Es war erschreckend wie die Australier mit uns umgesprungen sind“, ärgert sich der Chemiker Bernd Wahle. In Sydney sollte das Schiff nur kurz auslaufen, um Grauwasser abzulassen. Kaum war die MSC Magnifica aus dem Hafengebiet, entzog die zuständige Behörde dem Schiff die Genehmigung zur Rückkehr.
In Fremantle musste die Magnifica am 24. März einen Stopp zum Bunkern von Proviant und Treibstoff einlegen. Das Schiff wurde von der Polizei wie ein feindliches Kriegsschiff bewacht. Als die Kreuzfahrer am 25. März ein zweites Mal Fremantle anlaufen mussten, weil der Zielhafen Dubai geschlossen wurde, machte Gouverneur McGowen den Hafen für Kreuzfahrtschiffe einfach dicht: Der Gouverneur wollte die nahen Wahlen gewinnen. Ein Minifrachter brauchte drei Tage, um das Schiff weit draußen zu versorgen.
Anfang April kreuzt die MSC Magnifica über den Indischen Ozean Richtung Suezkanal. Seit Wochen spielt die Krise mit Gemüt und Verstand der Passagiere Pingpong. Gerüchte zogen wie Pusteblumen über das Schiff und zerrten an den Nerven. Vieles wurde gar nicht oder falsch verstanden, trotzdem als Nachricht weitergereicht.
Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Der frühere Sprecher der PDS-Bundestagsfraktion Hanno Harnisch spielt nachmittags Skat und versucht im Spabereich zehn Kilo an Gewicht loszuwerden. Eine ältere „Kampfschwimmerin“ pflügt durch den kleinen Pool, als gelte es Weltrekorde zu brechen. Zu Dutzenden walken Paare über die 400-Meter-Distanz auf Deck 7.
„Die Kreuzfahrt ist offiziell beendet“, hatte Kapitän Roberto Leotta in Sydney erklärt. Eine Entscheidung, die MSC mit einer sehr kulanten Entschädigung versüßt: 35 Prozent des Kabinenpreises oder einen 50-Prozent-Gutschein für neue Kreuzfahrten, dazu Übernahme aller Kosten für die Rückreise.
Aber Geld ist nicht alles, besonders wenn es um Lebensträume geht. „Ich mag nicht mehr fliegen“, gibt Renate Richter (66) aus Stuttgart zu. „Deshalb habe ich meinen Mann zu dieser Kreuzfahrt überredet.“ Auch Günther aus Bremen sagt: „Die Route war doch ein Traum.“ Gut 70 Tage hatten alle immerhin träumen dürfen. Hatten die Weltenbummler mal Weltenentdecker spielen dürfen, an einem Traumziel nach dem anderen.
Klar, dass die Nachricht vom Ende der Weltreise enttäuschte. Aber die Seetage brachten die Beruhigung. Zwar weiß noch keiner, wann und wo wir in Europa anlanden, aber nach über drei Wochen auf offener See ist das Schiff quasi als Corona-frei beurkundet. Die mehr als 500 Crewmitglieder kümmern sich trotz der großen Virussorgen und Ängste in ihren Heimatländern aufopfernd um ihre Passagiere. Es wird geputzt, was das Zeug hält. Die Küche bereitet kreative Abende vor. Passagiere überschlagen sich mit Komplimenten für die Crew. Man wächst zusammen. „We are one family“ – wir sind eine Familie, freut sich der Barkeeper Nickel.
Und ausnahmslos alle Passagiere vertrauen ihrem Kapitän Roberto Leotta – irgendwann findet das Schiff einen sicheren Hafen, fährt die Crew in ihre Heimatländer, und auch wir Passagiere nehmen Freunde und Verwandte wieder in die Arme und drücken sie ganz fest an uns.
© Leipziger Volkszeitung 4. 4. 20