Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg (1933–1945)

Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Beitragvon Interessierter » 11. Februar 2020, 12:42

Kinder der NS-„Heilanstalt Lublinitz“ bekommen hohe Dosen an Schlaftabletten verabreicht und sterben. Ihre "Schuld": Sie sind geistig behindert. Dr. Elisabeth Hecker entscheidet wörtlich über Leben und Tod.

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Die ehemalige "Abteilung B" der Heil- und Pflegeanstalt in Lublinitz.

Als Mädchen besuchte Zofia Podzorska die Gräber ihrer Schwestern jede Woche. "Aber das Grab des Jungen fehlte", sagt die 75-Jährige. "Der Junge" war ihr Bruder Stanislaw. Er verstarb 1943 im Alter von elf Jahren, drei Jahre vor Podzorskas Geburt. "Ich wusste, dass zwei meiner Schwestern früh erkrankten und nicht überlebten", erinnert sich Podzorska. "Über den Jungen erzählten meine Eltern nur, dass er in der Heilanstalt Lublinitz war".

In Lublinitz (polnisch: Lubliniec), gut hundert Kilometer von Podzorskas Wohnort entfernt, liegt Stanislaw in einem Massengrab. Auf dem Friedhof hinter dem Gelände der Klinik wuchert Gras über die Steinrahmen der Gräber. Hier brennen keine Kerzen, hier liegen kaum Blumen. Eine Blechtafel bezeichnet den verlassenen Ort als "Platz des Nationalen Gedenkens". Darunter steht "Massengrab für 194 Kinder - Opfer eines Experiments, durchgeführt von den Nationalsozialisten in den Jahren 1942-1944".

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Friedhof und Gedenktafel hinter der neuropsychiatrischen Klinik in Lublinitz.

Kinder wie Stanislaw Polok belasteten in den Augen der Nationalsozialisten die Gesellschaft. Stanislaw hatte Epilepsie. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, so erzählte es der Vater Jahre später bei einer Vernehmung, verbesserte sich sein Zustand. Doch im Jahr 1942 wurde Stanislaw nach Lublinitz geschickt. "Wir wollten uns damit nicht einverstanden erklären, es wurde uns aber eröffnet, dass dies eine Verfügung der Behörden sei", erzählte der Vater den Ermittlern.

"Tötungsermächtigung" für die Ärzte


Auf Wunsch Hitlers mussten Ärzte Patienten mit psychischen Krankheiten und Fehlbildungen melden. Gutachter entschieden dann, ob sie ermordet werden sollten. Dann schickte der Reichsausschuss eine "Tötungsermächtigung" an die Ärzte: "Einer Behandlung des Kindes aufgrund der einschlägigen Bestimmungen … steht nichts im Wege". Auch eine deutsche Ärztin der Heilanstalt Lublinitz verwendete den Jargon. In einem Schreiben meldete Dr. Elisabeth Hecker einen Jungen und bat den Reichsausschuss darum, "die Ermächtigung bald zu bekommen".

Jan Polok fühlte sich unwohl, als er seinen Sohn zum ersten Mal in Lublinitz besuchte. "Anfangs wollte man ihn mir nicht zeigen", sagte er aus, "aber dann wurde er angekleidet und zu mir geführt". Die Ärzte machten ihm keine Hoffnung auf Genesung. "Von Anfang an nahmen wir an, dass mit ihm etwas vorgenommen worden ist", sagte Polok 26 Jahre später zu den Ermittlern. Sein Sohn sei immer kräftig gewesen, plötzlich wirkte er schwach. Am 4. September 1943 starb Stanislaw Polok, für die Eltern war es ein Schock.


Zofia Podzorska erfuhr erst durch unsere Recherche, dass ihr Bruder gezielt ermordet wurde.

Schlafmittel zum Töten

Die Deutschen übernahmen die Heilanstalt Lublinitz in den ersten Tagen der Besatzung. Im Herbst 1941 entstand die "Jugendpsychiatrische Abteilung" unter Leitung von Elisabeth Hecker. Zusammen mit drei Assistenzärztinnen diagnostizierte sie Neuankömmlinge, bevor sie sie auf andere Stationen überwies. Unheilbar Kranke schickte Hecker in die "Abteilung B". Dort, auf einem alten Gutshof abseits des Klinikgeländes, verabreichte Ernst Buchalik den jungen Patienten Luminal in Tablettenform.

Laut Buchalik, Leiter der Heilanstalt, sollte das Schlafmittel die Kinder vor Selbstverletzung schützen. Allerdings benutzten Ärzte Luminal gerne als Mittel zur Euthanasie. Auch Ernst Buchalik war in die Führerkanzlei und die Kinderfachabteilung Brandenburg-Görden gebeten worden. Dort wiesen die Nationalsozialisten ihn in die Methoden der Kindereuthanasie ein. Buchalik lernte, wie er Kinder mit einer hohen Dosierung töten kann.

In einem Notizheft hielten die Pflegerinnen in Lublinitz fest, wie viel Luminal sie den Kindern verabreichten. Demnach erhielten 235 Kinder im Alter von 1 bis 14 Jahren Luminaltabletten. Von diesen 235 Kindern starben 221. Die Staatsanwaltschaft Dortmund eröffnete 1965 ein Ermittlungsverfahren gegen Ernst Buchalik, Elisabeth Hecker, vier Assistenzärzte und -ärztinnen und acht Pflegerinnen. Auf Hecker lastete ein schwerer Verdacht. Denn sie war es, die entschied, welche Kinder in die "Abteilung B" kamen und welche nicht.

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Re: Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Beitragvon HPA » 11. Februar 2020, 13:31

Auch in der DDR konnten beteiligte Ärzte an der Aktion "T4" u.ä. ungehindert ihre Karrieren fortsetzen. Da konnte man es sogar noch zum Professor und Nationalpreisträger bringen
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Re: Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Beitragvon zonenhasser » 11. Februar 2020, 14:19

HPA hat geschrieben:Auch in der DDR konnten beteiligte Ärzte an der Aktion "T4" u.ä. ungehindert ihre Karrieren fortsetzen. Da konnte man es sogar noch zum Professor und Nationalpreisträger bringen

Rosemarie Albrecht konnte mit Wissen der Stasi ungestört ihrer Tätigkeit nachgehen, obwohl zumindest der Stasi bekannt war, dass sie an Euthanasie-Maßnahmen beteiligt war. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen .
Die “Rote Fahne” schrieb noch “wir werden siegen”, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz.
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Re: Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Beitragvon Kumpel » 11. Februar 2020, 15:26

Sowas gehört doch restlos aufgeklärt. Das ist man den Opfern schuldig.
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Re: Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Beitragvon HPA » 11. Februar 2020, 16:35

https://ef-magazin.de/2015/10/01/7620-e ... -karrieren

. Besonderes Augenmerk legte Olaf Kappelt in seinem Vortrag auf die Karrieren von nationalsozialistisch belasteten Medizinern in der DDR. Insbesondere Ärztinnen und Ärzte, die vor 1945 an den Euthanasie-Morden an geistig und körperlich behinderten Kindern beteiligt gewesen waren, bildeten in der DDR offenbar ein Netzwerk, mit dessen Hilfe sie sich gegenseitig deckten und förderten. So wurde etwa Margarete Hielscher, die 1930 über das Thema „Die Unfruchtbarmachung Schwachsinniger aus rassenhygienischen und sozialen Gründen“ promoviert hatte und zwischen 1943 und 1945 als Leiterin der Kinderfachabteilung der Thüringischen Landesheilanstalten Stadtroda für die Tötung von mindestens 72 Kindern durch Nahrungsentzug und/oder Vergiftung mit einer Überdosis des Schlafmittels Luminal verantwortlich war, 1946 SED-Mitglied, wurde trotz hinreichender Beweise für ihre Mitwirkung an der Ermordung von Kindern nicht vor Gericht gestellt und blieb bis zu ihrem Ruhestand Ärztin in Stadtroda. Ebenfalls an den Thüringischen Landesheilanstalten Stadtroda tätig gewesen war die spätere Medizinprofessorin Rosemarie Albrecht, die es in der DDR bis zur Dekanin der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena brachte und mit dem Ehrentitel „Verdiente Ärztin des Volkes“ ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2000 wurde bekannt, dass sich in den Akten der DDR-Staatssicherheit Hinweise auf eine Beteiligung Albrechts an den Euthanasie-Morden in Stadtroda fanden; das Simon Wiesenthal Center setzte sie auf die Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Das Landgericht Gera stellte das Verfahren gegen die inzwischen 90-jährige Rosemarie Albrecht 2005 wegen Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten ein; zuvor hatten 22 frühere Kollegen eine Solidaritätserklärung für sie abgegeben, darunter der emeritierte Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Jena, Erich Häßler. Dieser wiederum war 1919/20 Freikorpskämpfer gewesen, 1933 in die SA und 1937 auch in die NSDAP eingetreten, war Sachbearbeiter und Schulungsredner im Rassenpolitischen Amt Leipzig und ebenfalls in das nationalsozialistische Euthanasieprogramm verstrickt. 1945 zunächst kaltgestellt, konnte er seine Karriere als Kinderarzt bereits 1949 wieder aufnehmen.

Häßlers Vorgänger als Direktor der Jenaer Kinderklinik, der gebürtige Ägypter Jussuf Ibrahim, hatte diese Position bereits während der NS-Zeit innegehabt; Ibrahim hatte mit der NSDAP sympathisiert, aber wegen seiner Herkunft nicht Mitglied werden können und war mindestens insoweit an den Euthanasie-Morden in Stadtroda beteiligt gewesen, als er spätestens seit 1943 von den dortigen Vorgängen wusste und dessen ungeachtet schwerbehinderte Patienten seiner Klinik nach Stadtroda überwies. In mindestens zwei Fällen empfahl er auf den handschriftlichen Überweisungsschreiben selbst die Euthanasie. Er behielt seine Stellung bis zu seinem Tod 1953, wurde 1947 Ehrendoktor der Sozialpädagogischen Fakultät der Universität Jena und Ehrenbürger der Stadt, erhielt 1949 den Ehrentitel „Verdienter Arzt des Volkes“ und 1952 den Nationalpreis erster Klasse. In Jena wurden die Universitätskinderklinik, zwei Kindergärten und eine Straße nach ihm benannt, nach dem Bekanntwerden seiner Mitwirkung am nationalsozialistischen Euthanasieprogramm jedoch im Jahr 2000 umbenannt.

Ein weiterer namhafter DDR-Mediziner, Harry Güthert, Professor in Jena und Erfurt und bis 1985 Chefredakteur der Fachzeitschrift „Zentralblatt für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie“, war seit 1937 NSDAP-Mitglied gewesen und war als Pathologe unter anderem im Konzentrationslager Buchenwald tätig gewesen.
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Re: Schuld ohne Sühne-Als Ärzte zu Mördern wurden

Beitragvon Kumpel » 11. Februar 2020, 16:44

''Siegfried Dallmann, NSDAP-Mitglied seit 1934, Mitglied der SA und 1939 Gaustudentenführer von Thüringen, war von 1950 bis 1952 Finanzminister des Landes Brandenburg und bis 1990 Abgeordneter in der Volkskammer''

Krass.
'' Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert.''
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