Diese Genüsse konnte man natürlich auch schon zu DDR-Zeiten genießen, vorausgesetzt, man ergatterte einen der raren Ferienplätze oder hatte sich im Jahr zuvor einen Ostseezeltschein gesichert, was ohne Beziehungen oder Bestechung nur alle drei Jahre möglich war.
Umso größer das Glück, wenn man endlich da war. Zwei oder drei Wochen Wasser, Wellen und Wind genießen. Jedenfalls so lange man sich mit der Natur begnügte. Gelegentlich starrte man auf das Wasser: Dort hinter dem Horizont liegt Schweden – oder Dänemark. Keine Mauer davor, kein Stacheldraht. Nur Wasser. Da saß man am Rand der DDR und schaute raus. In den Westen. Schnell an etwas anderes denken. Allenfalls abends Geschichten erzählen von abenteuerlichen Fluchten, von denen man so gehört hat.
Wenn wir über das Eingesperrtsein in der DDR und ihr unmenschliches Grenzsystem reden, meinen wir zumeist nur die Berliner Mauer und die sogenannte grüne Grenze. In der Tat vergessen wir, dass es auch oben im Norden, jenseits der Idylle von Rügen, Usedom, Boltenhagen oder Kühlungsborn ein engmaschiges, nach innen, also gegen die eigene Bevölkerung gerichtetes Sperrsystem gab. Der Blick auf das offene weite Meer war trügerisch.

Ehemaliger Wachturm in Kühlungsborn
Anders als in Berlin oder an der DDR-Westgrenze gab es keine so offensichtlichen Kennzeichen des Eingesperrtseins wie hohe Mauern oder Stacheldrahtverhaue mit vorgelagertem Sperrgürtel. Die SED und ihre Helfer wagten nicht, den Strand zu sperren – das taten sie nur an wenigen Stellen. Die Bevölkerung musste wenigstens im Urlaub bei Laune gehalten werden. Millionen liebten das Badevergnügen am Ostseestrand. Ein Zudrehen auch dieses Ventils hätte im Kessel „DDR“ womöglich schon viel früher Überdruck erzeugt.
So überwachte man den Durchschlupf auf andere, weniger offensichtliche, aber nicht minder perfide Art. Auf See und an der Küste durch die Volksmarine, die Grenzbrigade Küste, die Volkspolizei, durch so genannte „gesellschaftliche Kräfte“ und freiwillige Denunzianten, im Landesinneren vor allem durch die Stasi.
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