Dann werden wir sie verlieren - die Geschichte eines vergessenen Mordfalls

Dann werden wir sie verlieren - die Geschichte eines vergessenen Mordfalls

Beitragvon Grenzgänger » 11. September 2022, 19:00

Am Dienstag dieser Woche war ich mal wieder auf Recherchetour im Landeshauptarchiv Potsdam. Diesmal ging es nicht um Ereignisse während der DDR-Zeit im Oderland, sondern um die Nazi-Ära.
Dabei bin ich auf ein Ereignis aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs gestoßen, dass mich sehr beeindruckt hat. Ein Ereignis, dass bei aller Tragik durchaus differenziert betrachtet werden sollte. Und möglicherweise Anlass für ausgiebige Diskussionen bietet:

Im Februar 1945 stieß die Sowjetarmee immer weiter nach Westen vor. An der Oder entstanden an enigen Orten Brückenköpfe. Eines Tages drangen sowjetische Einheiten unter anderem nach Genschmar, einem Dorf nördlich von Küstrin, auf dem Westufer der Oder, vor. Offenbar völlig überraschend, da sich zu diesem Zeitpunkt noch Zivilisten in Genschmar befanden. Unter anderem auch ein Bauer mit seiner Familie. Wie bei vielen anderen auch, arbeiteten auf dessen Hof Fremdarbeiter aus den von Deutschland besetzten Ländern. Als die "Russen" vor dem Anwesen auftauchten und diesen besetzten, beschwerten sich einige der Fremdarbeiter bei ihnen über den Bauern. Er hätte sie - nach ihrer Aussage - "schlecht behandelt". Ob die Aussage der Wahrheit entspricht oder nicht, ist mir nicht bekannt. Fakt ist jedoch, dass der Bauer daraufhin kurzerhand von sowjetischen Soldaten erschossen wurde.

Kurze Zeit darauf gelang seiner Frau die Flucht in die ca. fünfzehn Kilometer entfernte Kreisstadt Seelow, wo sie bei einem ihr bekannten Bauern Unterkunft fand. Dort berichtete sie dem Schwager des Bauern, bei dem es sich laut Aktenlage um einen "überzeugten Nazi" handelte, von der Erschießung ihres Mannes durch die "Russen". Dieses Gespräch hörte eine im Zimmer anwesende, ca. 20-jährige polnische Fremdarbeiterin und ein gleichaltriger Landsmann an. Beide waren als Fremdarbeiter auf dem Hof des Seelower Bauern tätig. Angeblich soll die junge Polin - im Vertrauen das die im Raum befindlichen Deutschen die polnische Sprache nicht beherrschen - zu ihrem Landsmann daraufhin folgende Äußerung getätigt haben: " So etwas sollte mit jedem Bauern passieren, der seine Arbeiter schlecht behandelt."
Angeblich oder tatsächlich, hat die Bauern-Witwe die Worte der jungen Polin jedoch verstanden, da sie selbst polnisch sprach. Sie unterrichtete sofort ihren Gesprächspartner davon. Im Anschluss begaben sich beide unverzüglich zur lokalen Gestapo-Dienststelle. Der dortige Verantwortliche versprach eine "rasche Untersuchung" . Am späten Nachmittag desselben Tages fand im Haus des Seelower Bauern, eine makabere Prozession statt. An der neben drei Gestapo-Angehörigen, darunter ein Polnisch-Dolmetscher, noch ein Seelower Polizeibeamter, ein Hilfspolizist und ein Angehöriger der Wehrmacht teilnahmen.
Die "Delinquenten" wurden getrennt von einander durch die Gestapo verhört. Bereits nach wenigen Minuten räumten die jungen Polen die infrage stehende Äußerung ein. Aus den überlieferten, im Jahr 1948 von der " K 5" , dem Vorläufer der Staatssicherheit und der Kriminalpolizei Seelow angefertigten Vernehmungsprotokollen der beiden als Mittäter beschuldigten ehemaligen Polizisten, geht der konkrete Verlauf der Gestapo-Vernehmung nicht hervor. Angeblich hatten die Polizisten den Raum erst betreten, als die Vernehmung fast abgeschlossen war. Daher kann nicht gesagt werden, ob das Geständnis durch physische oder psychische Gewalt, möglicherweise auch durch Täuschung, zustande kam.
Bemerkenswert ist, dass der oben erwähnte "überzeugte Nazi" und Denunziant, noch während der Vernehmung, den Raum betrat und "Fertig" sagte. Bei seinen späteren Vernehmungen im Jahr 1948, gab der nun der Mittäterschaft bezichtigte, damals anwesende Polizist gegenüber der Volkspolizei an, dass an den Schuhen des Mannes, Schmutz klebte. So als ob dieser ein Loch geschaufelt hätte. Was ein Indiz dafür wäre, dass die Ermordung der beiden Polen von vornherein feststand!

Im Anschluss an die Vernehmung setzte sich der Verantwortliche der Gestapo telefonisch mit seinem Vorgesetzten in Verbindung. Nachdem dieser ihm das Geständnis der Polen mitgeteilt und die Frage " was mit ihnen geschehen soll" gestelllt hatte, hörte der Polizist, wie der Gestapo-Mann zu seinem Vorgesetzten sagte: " Geht in Ordnung. Dann werde ich sie wohl verlieren."


Kurz darauf begaben sich die Gestapo-Männer, jener "Nazi" und die beiden Polen, hinter die Scheune des Bauernhofes. Von dort ertönten, kurz hintereinander, zwei Pistolenschüsse. Der Hilfspolizist, der sich ebenfalls hinter die Scheune begeben hatte, sah noch wie die Männer ein Loch zuschippten.
Bei der Rückkehr in den Raum äußerte der Gestapo-Verantwortliche : " Die haben wir erledigt". Dann forderte er die Anwesenden auf, mit ihm Schnaps zu trinken. Die folgende Stunde verbrachten die Anwesenden damit, sich Schnaps " in den Hals zu gießen", ansonsten jedoch zu schweigen . So als hätte man Angst, über die Tat zu sprechen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Vorfall wieder aufgerollt. Wobei man den Gestapo-Leuten offenbar nicht habhaft werden konnte. Bei dem Verantwortlichen Gestapo-Mann führt die Spur der Akten nach Bielefeld. Von dort erfolgte im Jahr 1947, ein Jahr vor dem Beginn der offiziellen Ermittlungen, eine Anfrage der für die Entnazifizierung zuständigen Spurchkammer Bielefeld, zu einer Person mit demselben Vor und Familiennamen an das damalige LKA Brandenburg. Da der Mordfall zu diesem Zeitpunkt außerhalb von Seelow kaum und die Täterschaft jenes Gestapo-Mannes überhaupt nicht bekannt war, dürfte sie logischerweise nicht Gegenstand der Auskunft gewesen sein.
Die beiden Seelower Polizisten wurden zwar wegen anderer Dinge später gerichtlich verurteilt, von dem Vorwurf der Mittäterschaft im Mordfall jedoch freigesprochen. Zum Schicksal der Bauern-Witwe ist bekannt, dass diese wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" 1948 verhaftet und vor Gericht gestellt wurde. Das Urteil ist leider nicht überliefert. Genau wie das Schicksal des "Nazis", der sich offenbar nach dem Ende des Krieges aus der "Sowjet-Zone" abgesetzt hatte.

Aus den Akten der Volkspolizei gehen die Namen der beiden polnischen Opfer nicht hervor. Ein Zeuge benannte lediglich ihre Vornamen. Mir ist es aber gelungen in anderen Unterlagen, wenigstens die Personalien des jungen Mannes festzustellen. Während die mit ihm nach der Exumierung auf dem Seelower Bauernhof bestattete junge Frau, in den Unterlagen weiterhin als " unbekannte Polin" geführt wird. Bis vor kurzem galten die Umstände ihres Todes noch immer als ungeklärt. Man nahm an, dass beide "auf der Flucht" erschossen wurden. Anscheinend sind die Ermittlungen der Volkspolizei in dieser Angelegenheit, mittlerweile komplett in Vergesseneit geraten.

Jetzt zu meinen Fragen:

[b]1. Wie beurteilt ihr die Erschießung des Bauern? Handelte sich um eine "gerechte Strafe" oder haben sich die sowjetischen Soldaten nicht besser verhalten als die Gestapo?

2. Wie beurteilt ihr das Verhalten der Bauern-Witwe? Hätte Sie, im Wissen um die Folgen, nicht den Mund halten, vor allem jedoch von einer Anzeige bei der Gestapo absehen müssen? Welche Rolle spielt dabei die Traumatsierung der Frau durch den Tod ihres Mannes?

3. Wie beurteilt ihr den Freispruch der ehemaligen Polizisten vom Vorwurf der Mittäterschaft? Hätten die beiden nicht, aus Kenntnis um die Folgen und des offensichtlichen Unrechts, gegen die Maßnahmen der Gestapo einschreiten müssen?

4. Wie beurteilt ihr das Verhalten des Gestapo-Beamten? Der die Erschießung " nur" nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten und auf dessen ausdrücklichen Befehl, ausgeführt hatte.





Viele Grüße aus dem Oderbruch

Uwe [hallo]
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Re: Dann werden wir sie verlieren - die Geschichte eines vergessenen Mordfalls

Beitragvon Ari@D187 » 11. September 2022, 19:32

Genschmar wurde wohl kurz darauf zum Ort heftiger Kämpfe in deren Folge die Ortschaft komplett zerstört wurde.

Die Vorgänge/Vorfälle während der Endkämpfe 1945 zu beurteilen (nicht nur im Osten des Reiches)...schwierig.

Ari
Alles wird gut!
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Re: Dann werden wir sie verlieren - die Geschichte eines vergessenen Mordfalls

Beitragvon Grenzgänger » 11. September 2022, 20:22

Ari@D187 hat geschrieben:Genschmar wurde wohl kurz darauf zum Ort heftiger Kämpfe in deren Folge die Ortschaft komplett zerstört wurde.

Die Vorgänge/Vorfälle während der Endkämpfe 1945 zu beurteilen (nicht nur im Osten des Reiches)...schwierig.

Ari


Stimmt. Damals ist die gesamte Region an der Oder mehr oder weniger " in Schutt und Asche gefallen".
Es ist auch schwierig, mit dem Wissen von heute, Verhaltensweisen aus der Vergangenheit zu beurteilen. Oder gar zu verurteilen. Aber eine Meinung bildet man sich ja trotzdem.
Ich fange mal an: Meiner Ansicht nach, stellten die "wilden Erschießungen" der Sowjetarmee, nicht mehr und nicht weniger als Kriegsverbrechen dar. Und zwar ganz unabhängig von der individuellen Schuld des Getöteten. Dessen Schuld festzustellen, stand einzig und allein einem ordentlichen Gericht zu. Und keiner militärischen Einheit. Da gibt es sicher noch eine Menge Aufarbeitungsbedarf.

Das Verhalten der Frau sehe ich zwiespältig. Falls die Äußerung wirklich so wie angegeben gefallen ist und von der Frau ohne Zweifel verstanden wurde, ist ihre erste Reaktion, ihrem Gesprächspartner davon zu erzählen, selbstverständlich nachvollziehbar. Genau wie die Äußerung der Polin, die ja von den Deutschen aus ihrer Heimat verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurde, nicht minder nachvollziehbar ist.
Die Anzeige bei der Gestapo ist jedoch nicht nachvollziehbar, da diese die jungen Polen in Lebensgefahr brachte. Was den beiden "Anzeigeerstattern" hätte bekannt sein müssen.

Beachtenswert finde ich auch das anschließende "stille Schnapstrinken". Offenbar waren die Gestapo-Männer nicht völlig eiskalt, so dass der Schnaps ihre Skrupel lösen musste.

Gruß an alle
Uwe
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