War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 12. Oktober 2017, 11:18

Margot Hirsch
30.12.1933 - 18.6.1953
gest. um 19.15 Uhr in Halle auf dem Weg in die Klinik


Bild

Margot Hirsch wird am 30. Dezember 1933 in Breslau geboren; im Juni 1953 arbeitet sie als Verkäuferin in der Stoffabteilung des HO-Warenhauses am Markt. Sie ist frisch verheiratet (4. April 1953) mit dem Obstplantagenbesitzer Wilfried Hirsch aus Reideburg. Ihre Kolleginnen beschreiben sie als ausgesprochen lebenslustig und beliebt. Am 18. Juni nach Feierabend will sie sich mit ihrem Mann treffen, doch auf dem Markt wird auch am Tag nach dem großen Aufstand geschossen, und der Abteilungsleiter verbietet den Verkäuferinnen, das Warenhaus zu verlassen. Eine damalige Kollegin und Freundin berichtet, dass Margot Hirsch darum gebeten habe, das Haus verlassen zu dürfen, weil ihr Mann sie abholen wolle. Ausdrücklich auf eigene Verantwortung sei es ihr gestattet worden. (1) Kurz darauf wird sie an der Haltestelle der Straßenbahn von einer Kugel getroffen, die Brust und Herz durchbohrt, ihr Mann wird durch einen Querschläger an der Hand verletzt.

Ein Unfall? Am 18. Juni ziehen seit dem frühen Morgen mit Gewehren bewaffnete Polizeigruppen durch die Innenstadt, um größere Menschenansammlungen zu verhindern. Nach 16.00 Uhr kommen streikende Arbeiter aus den Betrieben auf den Markt, wo sie von Passanten mit Fragen nach der Lage der Dinge bedrängt werden. Der Markt wird zum Forum. Immer mehr Zuhörer versammeln sich um die Arbeiter, die wachsenden Gruppen diskutierender Hallenser ignorieren die Aufforderungen der Polizei, auseinander zu gehen.

Als gegen 18.00 Uhr an die tausend Menschen auf dem Markt versammelt sind, wird die Polizeiführung nervös, nun werden bewaffnete Einheiten der Kasernierten Volkspolizei und sowjetische Soldaten zum Markt beordert, die gegen 18.30 Uhr beginnen, den Platz gewaltsam zu räumen. Eine Augenzeugin berichtet: "Ich war am 18. Juni auf dem Markt und wartete auf die Straßenbahn. Am Roten Turm stand ein Russenpanzer und ringsherum war die Vopo aufmarschiert. Ohne Vorwarnung schossen sie mehrere Salven in die Menschenmenge." (2) Als geschossen wird, fliehen die Versammelten nach allen Richtungen. Margot Hirsch wird in einem nahen Schuhgeschäft in Sicherheit gebracht, stirbt aber auf dem Weg zur Klinik an ihren schweren Verletzungen. In einem Polizeibericht liest sich der Vorfall so: "Nach der Räumung des Marktplatzes in Halle, bei denen die anwesenden Menschen in die Nebenstraßen abgedrängt wurden, kam es zu einem Waffengebrauch durch die KVP. Eine Frau erhielt einen Lungenschuss, während bei ihrem Ehemann die Hand durchschossen wurde." Und an anderer Stelle: "Der Ehemann macht die Provokateure für den Tod seiner Frau verantwortlich". (3)

Für die Beerdigung von Margot Hirsch am Vormittag des 24. Juni auf dem Reideburger Friedhof (4) wird ein besonderer polizeilicher Einsatzplan erarbeitet, der heute gewiss komisch anmuten würde, wenn der Anlass nicht so traurig wäre: Ab 7.00 Uhr sollen zehn Polizisten in Zivil die Sicherung des Friedhofs und der anliegenden Straßen übernehmen, zehn weitere mit Karabinern bewaffnete Uniformierte sollen als Reserve im Holzschuppen der BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft) ausharren, ein Kradfahrer soll sich als Melder in Friedhofnähe bereithalten.
(5) Trotz des unübersehbaren Polizeiaufgebotes wagen sich - nach dem Bericht von Irma Hirsch, einer Schwägerin der Toten - viele Menschen auf den Friedhof, auch Kolleginnen aus dem HO-Warenhaus und dem Schuhgeschäft, in das sie schwer verletzt gebracht wurde. Auch die FDJ hatte einen Redner geschickt, aus seiner Rede ist nur der eine Satz überliefert: "Margot, wir versprechen dir, dass dir das nicht wieder passieren wird".

http://www.17juni53.de/tote/hirsch.html

Unvorstellbar, dass man ohne Vorwarnung einfach einmal mehrere Salven in die Menschenmenge hineinschoss.. [bloed]
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 14. Oktober 2017, 11:48

"Erna Dorn"
gest. 1.10.1953 unter dem Fallbeil in Dresden

Bild Bild

Unter dem Namen "Erna Dorn" wurde eine Frau, deren Identität bis heute ungeklärt ist, am 22. Juni 1953 als "Rädelsführerin" vom Bezirksgericht Halle zum Tode verurteilt und – zumindest den Akten nach – am 1. Oktober 1953 in Dresden mit der "Fallschwertmaschine" hingerichtet. Am 22. März 1994 erklärte die Staatsanwaltschaft Halle das Todesurteil für rechtswidrig und hob es auf. Die Recherchen zu ihrem Fall stoßen bis heute auf immer neue Rätsel, Widersprüche, Ungereimtheiten, auch Zeugnisverweigerungen noch lebender Zeitzeugen.

Der Fall der "KZ-Kommandeuse von Ravensbrück, Erna Dorn", die am 17. Juni in Halle mit "faschistischen Hetzreden" zu neuen Gewalttaten aufgerufen haben soll, ist eine Legende der SED-Propaganda. Sie wirkt bis heute nach, nicht nur in Stephan Hermlins Erzählung "Die Kommandeuse" von 1954, worin der Autor die entsprechenden Artikel in der DDR-Presse für bare Münze nimmt. (1)

So war am 26. Juni 1953 im "Neuen Deutschland" unter der Überschrift "Erna Dorn alias Gertrud Rabestein" die Biographie einer unter ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Ravensbrück berüchtigten SS-Hundeführerin auf die beschuldigte "Rädelsführerin von Halle" übertragen worden. Gertrud Rabestein war aber tatsächlich bereits 1948 verurteilt worden und verbüßte im Juni 1953 ihre lebenslängliche Haftstrafe im Zuchthaus Waldheim; sie verstarb Mitte der 70er Jahre im Zuchthaus Hoheneck. Und auch die angebliche "Rädelsführerschaft" der Erna Dorn erweist sich als unwahrscheinlich. André Gursky, Leiter der heutigen Gedenkstätte "Roter Ochse" in Halle, resümiert seine jahrelangen Recherchen in diesem Fall: "Belegbar ist die Führerschaft einer Frau Erna Dorn am 17. Juni 1953 weder im Zentralen Streikkomitee von Halle noch in anderen Streikleitungen. Ihr Wirken im Umfeld des Volksaufstandes bleibt nebulös, ebenso ihre aktenkundig vermerkte Hinrichtung in Dresden. Der Hinrichtungsfall selbst kann als Justizmord im Parteiauftrag bezeichnet werden, wobei die Identität der Hingerichteten bis heute nicht geklärt werden konnte." (2)

Der rätselhaft Fall geht hier weiter:
http://www.17juni53.de/tote/dorn.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon augenzeuge » 14. Oktober 2017, 16:31

Das ist ja irre. Man gibt einer Frau die Identität einer anderen Frau, die bereits im Knast sitzt?
Bei den vielen Lügen muss man sich fragen, wie konnte das funktionieren? Gab es am Ende wirklich ne Leiche?

AZ
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon pentium » 14. Oktober 2017, 16:48

Hier mal ein weiterer Beitrag!
http://www.zeit.de/2003/25/A-Dorn/komplettansicht

Am 22. Juni 1953 verurteilt das Bezirksgericht Halle in einem hanebüchenen Eilprozess Erna Dorn wegen "faschistischer und Kriegshetze" zum Tode. Sie habe Pläne unterstützt, "die Regierung der DDR zu stürzen bzw. in deren Gebiet eine Situation zu schaffen, die es den westlichen imperialistischen Mächten ermöglich hätte, bei uns in Deutschland mit einem neuen Korea und mit ihrem geplanten Feldzug gegen die Sowjetunion sowie die Volksdemokratien zu beginnen". Berufung und Gnadengesuch werden abgelehnt. Am 1. Oktober 1953 stirbt Erna Dorn in Dresden unter dem Fallbeil. Ihr Abschiedsbrief liest sich erstaunlich gefasst, etwas wirr wie viele ihrer Äußerungen, auch gewollt nebulös. Ihr Ende stilisiert sie zum Opfertod. Schweigend habe sie viele bewahrt. "Ich werde eben für alle büßen." Ein Geheimnis soll sie umgeben, bis zum Schluss, und länger.


Was wir wissen können, haben die Historiker Jens Ebert und Insa Eschebach recherchiert; ihre Dokumentation erschien 1994 unter dem Titel Die Kommandeuse im Berliner Dietz Verlag. Demnach wurde Erna Dorn am 17. Juli 1911 als Erna Kaminski in Tilsit geboren. Ihr Vater, gab sie an, war kaufmännischer Angestellter; das habe auch sie gelernt. In den dreißiger Jahren habe der Vater Karriere bei der Gestapo gemacht und sei sogar zu deren Leiter in Königsberg aufgestiegen. Er habe sie gleichfalls zur Gestapo gezwungen, behauptete Erna Dorn bei ihrer Vernehmung am 21.Juni 1953. "Meine Mutter war dagegen, weil, wenn mein Vater nach Hause kam und von seinen begangenen Verbrechen erzählte, meine Mutter es mit der Angst bekommen hat, weil ihr derartige Unmenschlichkeiten gar nicht vorstellbar waren."

Häufig klingen die Dornschen Aussagen nach der Sprache ihrer Vernehmer. Dennoch ist dies eine ungewöhnliche Passage. Sonst äußert Erna Dorn durchaus kein Unrechtsbewusstsein bezüglich des Nazi-Regimes, sondern schildert, scheint es, unbekümmert ihre Taten. Sie habe als Assistentin im Gestapo-Ermittlungsdienst gearbeitet, "um solche Personen zu ermitteln, die gegen das faschistische System hetzten und Gerüchte verbreiteten". Diese seien dann verhaftet worden. Auch Haussuchungen habe sie durchgeführt. Der Vernehmer fragt: "Wieviel Personen haben Sie liquidiert, welche sich gegen das faschistische Gewaltregime zur Wehr setzten?" – "Es können ca.80–90 Personen gewesen sein."


Wirklich ein verwirrender Fall...

..
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 16. Oktober 2017, 14:27

Hermann Stieler
14.11.1919 - 18.6.1953
um 11.55 Uhr tot aufgefunden im Volkspolizeikreisamt Bitterfeld


Hermann Stieler wird am 14. November 1919 in Jeßnitz geboren; am 17. Juni 1953 ist er Zimmermann, verheiratet und hat drei minderjährige Kinder. Er beteiligt sich am Bitterfelder Aufstand, laut Polizeiberichten in maßgeblicher Weise. So soll er sich "als führender Kopf und Rädelsführer" am Sturm auf die Untersuchungshaftanstalt beteiligt und im Namen des Kreisstreikkomitees Reden gehalten haben. (1) In den frühen Morgenstunden des 18. Juni wird er festgenommen und vorübergehend in eine Polizeihaftzelle gesperrt. Als er zum Transport in die Untersuchungshaftanstalt abgeholt werden soll, findet man ihn "mittels Taschentuch und Ärmelfutter am Heizkörper erhängt" vor. (2)

Über seinen namensgleichen Vater, den Elektriker Hermann Stieler (geb. 21.1.1892), weiß man mehr, dem nämlich wurde als Mitglied des Streikkomitees der Prozess gemacht. Dessen Frau Selma sucht vor dem Prozess ihren Mann auf Kosten des toten Sohnes zu entlasten: Es habe Verwechslungen gegeben oder der Sohn habe den Vater wissentlich belastet: "Unser ältester Sohn, der ebenfalls Hermann Stieler heißt, und von dem wir uns losgesagt hatten, weil er häufig vorbestraft war, ist, nach allem, was ich erfahren habe, an den Bitterfelder Vorgängen erheblich beteiligt gewesen. Er soll dort geredet und das Gefängnis geöffnet haben. Während der Untersuchung hat er sich in der Zelle erhängt. Es ist meine feste Überzeugung, dass mein Mann mit seinem gleichnamigen Sohn verwechselt wird, und dass ihm alles das zur Last gelegt wird, was unser Sohn auf dem Gewissen hat." (3)

Die Frage, wer hier wen aus welcher Not tatsächlich oder nur zum Schein verraten hat, muss offen bleiben. Die Akten sind in diesem Fall die einzigen Zeugen. Hermann Stieler senior kommt mit anderthalb Jahren Gefängnis relativ glimpflich davon und wird nach gut einem Jahr auf Bewährung entlassen. Als die Bewährungsfrist abgelaufen ist, wird ihm von der Hallenser Staatsanwaltschaft die Reststrafe erlassen; im Schreiben vom 6. Oktober 1956 heißt es: "Seit seiner Haftentlassung arbeitet Stieler ordentlich und verantwortungsvoll. Ausweislich des Strafregisterauszuges ist er noch nicht wieder in Erscheinung getreten." (4) Der Formulierungsfehler des Staatsanwalts entbehrt nicht einer unfreiwilligen Komik, denn das Ehepaar Stieler ist tatsächlich seit längerem in der DDR nicht mehr in Erscheinung getreten: Schon seit zwei Jahren sind die Stielers "westflüchtig", wie auf dem Schreiben handschriftlich vermerkt ist. (5) [flash]

http://www.17juni53.de/tote/stieler.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 18. Oktober 2017, 10:11

Kurt Arndt
10.7.1914 - 21.6.1953
gest. im Bergbaukrankenhaus Eisleben


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Kurt Arndt wird am 10. Juli 1914 in Aschersleben geboren, er heiratet 1937 in Wimmelburg, ist während des Krieges Soldat und arbeitet danach als Bergmann auf der Hütte in Eisleben, später im Schacht "Fortschritt". Die Bergleute vom Schacht "Fortschritt" hatten die Forderungen der anderen Bergarbeiter mit unterschrieben. An den Zerstörungen in der Stadt Eisleben hatte sich Kurt Arndt aber nicht beteiligt. Am Abend des 18. Juni kommt die Volkspolizei, um ihn zu Hause festzunehmen. Seine damals 16 jährige Tochter berichtet, dass ihr Vater durch ein Fenster über das nächste Dach zu fliehen versucht habe. "Die kriegen mich nicht!", habe er gerufen. Aber das Grundstück sei umstellt gewesen, und der Vater sei gleich beschossen worden, drei Schüsse hätten ihn niedergestreckt: in den Schenkel, in den Oberarm und in den Bauch. Die Mutter sei zu ihm aufs Dach geklettert und habe versucht, die stark blutende Bauchwunde zu stillen. (1)

Im Bergbaukrankenhaus Eisleben ist Kurt Arndt, Vater von vier Kindern, am 21. Juni gestorben. Warum Kurt Arndt sich der Verhaftung entziehen wollte, ist nicht bekannt, allerdings konnte er wissen, dass es an diesem Tag standrechtliche Erschießungen gegeben hatte, auf eine rechtsstaatliche Gerichtsbarkeit jedenfalls konnte er nicht vertrauen.

In einem Blitzfernschreiben meldet ein VP-Kommandeur am 19. Juni den Gebrauch von Schusswaffen, nämlich 2 Warnschüsse mit der Pistole 08, 1 Zielschuss mit dem Karabiner: "In der Nacht gegen 0.15 Uhr versuchte der Provokateur und Rädelsführer Kurt Arndt, Wimmelburg, bei der Festnahme aus seiner Wohnung zu flüchten, Arndt wurde auf dem Dach seines Hauses gesehen und nach ihm ein Warnschuss abgegeben, durch Nichtbefolgen des Warnschusses und weiterer Flucht wurde ein Zielschuss mit dem Karabiner abgegeben, der Arndt wurde durch Arm- und Oberschenkelschuss schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert." (2)

Wie der eine Zielschuss Kurt Arndt in Arm und Oberschenkel treffen und die Bauchwunde verursachen konnte, bleibt rätselhaft. (Auch der Obduktionsbericht verzeichnet drei Einschüsse.) Vermutlich wurde, wie es die Tochter berichtet, ohne Warnung gleich gezielt geschossen. Die Beerdigung schildert seine Tochter als deprimierendes Erlebnis, keine Nachbarn oder Freunde durften daran teilnehmen, nur die engsten Angehörigen. Der Friedhof von Wimmelburg sei während der Beerdigung umstellt gewesen und das Grab namenlos geblieben. Dennoch hätten dort auch fremde Menschen immer wieder Blumen abgelegt.

http://www.17juni53.de/tote/arndt.html

Immer wieder diese verlogene Darstellung der Abläufe und der nachfolgende, unmenschliche Verlauf der Beerdigung.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 20. Oktober 2017, 09:33

Wilhelm Ertmer
16.4.1901 - 17.6.1953
gest. um 10.35 Uhr in Rosslau


Wilhelm Ertmer wird am 16. April 1901 in Duderstedt geboren, er ist Uhrmacher in der Elbestadt, als die Roßlauer Werftarbeiter am frühen Morgen des 17. Juni ihren Streik beschließen. In einer außerordentlichen Betriebsversammlung haben die Genossen von der Parteileitung vergeblich versucht, die Belegschaft zu beschwichtigen; man traut ihren Worten nicht mehr. Die streikenden Arbeiter ziehen mit Sprechchören zum nächsten Großbetrieb, dem Elbewerk, dann nehmen sie Richtung auf die Baracken der Stadtverwaltung. Der Demonstrationszug, der inzwischen gewaltig angewachsen ist, nähert sich gegen 10.00 Uhr der Roßlauer Innenstadt.

Eine Autowerkstatt stellt einen LKW, provisorisch wird er zum Lautsprecherwagen umgerüstet. Der Bürgermeister wird abgeholt und begleitet den Zug, auf dem Friedensplatz werden Reden gehalten, eine Pyramide mit sozialistischen Losungen fällt unter den Schlägen von Ballhämmern, die die Werftarbeiter mitgenommen haben.

Vor dem Gerichtsgebäude wird die Freilassung der Gefangenen gefordert, dann das Tor mit einer Deichsel eingerammt. Schreibmaschinen, Akten fliegen aus dem Fenster. Der erste Gefangene kommt auf Strümpfen ins Freie. Ein Fleischer aus Rodeleben, den man verurteilt hatte, weil er in West-Berlin Därme zum Schlachten holen wollte.

Eine verhasste Staatsanwältin wird an den Haaren auf die Straße gezerrt, wird geschlagen und in eine Haftzelle gesperrt. Ein Mannschaftswagen mit elf Polizisten rückt an und wird von der Menge umgestoßen. Die Polizisten flüchten sich in die offene Haftanstalt. Die SED-Kreisleitung wird belagert, es fällt ein Schuss, man versucht, in die VP-Baracke einzudringen und greift den Amtsleiter tätlich an. Gegen 15.00 Uhr fährt ein Panzerspähwagen mit russischen Soldaten auf den Marktplatz; die letzte Durchsage vom Lautsprecherwagen lautet: "Leute, geht nach Hause, die Russen sind im Anmarsch!"

Bei alledem gibt es an diesem Tag in Roßlau nur einen Toten: den selbständigen Uhrmacher Wilhelm Ertmer, der auch dabei sein und mittun will, obwohl er um seine schwache Gesundheit weiß. Keine Kugel tötet ihn, sondern die Aufregung, denn er ist schwer herzkrank. Er ist dabei, als man versucht, vormittags die VP-Baracke zu stürmen; durch seinen plötzlichen Tod bekommt die Aktion einen Dämpfer, man lässt davon ab und wendet sich anderen Zielen zu. Auch diesen Toten fürchtet die Partei, er soll in aller Stille beigesetzt werden, die Angehörigen erst drei Stunden vor der Beerdigung Bescheid bekommen.

http://www.17juni53.de/tote/ertmer.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 22. Oktober 2017, 08:58

Adolf Grattenauer
18.10.1902 - 13.9.1955
gest. im Haftkrankenhaus Meusdorf


Am Morgen des 17. Juni hört Adolf Grattenauer Gerüchte von Streiks in den nahe gelegenen Industriezentren. Um sich selbst ein Bild zu machen, fährt er mit dem Motorrad nach Leuna und Merseburg, wo er Demonstrationszügen begegnet. Zurück auf dem Gut Wengelsdorf beraumt er eine Betriebsversammlung an, die nach Feierabend, gegen 16.30 Uhr stattfinden soll. Auf dieser Betriebsversammlung spricht Grattenauer zu den Arbeitern und Angestellten des Gutes. Seine Äußerungen zu den Ereignissen des Tages sind in etlichen Vernehmungsprotokollen ebenso unterschiedlich wie unzuverlässig wiedergegeben. Nach übereinstimmenden Aussagen sagte Grattenauer sinngemäß, es sei an der Zeit, dass die Regierung verschwindet, sonst drohe die große Pleite. Der Tag der Freiheit sei angebrochen, nun spüre jeder selbst, was Freiheit bedeute.

Nach dieser Versammlung versucht die Staatssicherheit, justiziables Beweismaterial und Zeugen gegen Grattenauer ausfindig zu machen, was offenbar nicht ganz einfach ist. Seine Frau berichtet von der Vernehmung eines leitenden Angestellten auf dem Gut. Dieser habe ihr nachher gestanden, dass er im Protokoll etwas anderes unterschrieben als tatsächlich gesagt habe, sie zitiert ihn mit den Worten: "Ich habe etwas anderes unterschreiben müssen, der Revolver lag auf dem Tisch, und ich habe doch Familie." (2)


Das Urteil wird am 6. November verkündet, es lautet auf dreieinhalb Jahre Zuchthaus. In der Urteilsbegründung heißt es: "Wenn der Senat bei der Strafzumessung unter dem Antrage der Staatsanwaltschaft des Bezirkes geblieben ist, die eine Zuchthausstrafe von vier Jahren beantragte, so aus dem Grunde, weil der Angeklagte beachtliche Arbeitsleistungen zeigte und sich vor dem 17.6.1953 für den Aufbau unserer Landwirtschaft tatkräftig eingesetzt hatte, und zwar im Rahmen seines Arbeitsgebietes, auf dem volkseigenen Gut." (6)

Adolf Grattenauer verbüßt seine Strafe im Zuchthaus Coswig, erkrankt an einer akuten Blinddarmreizung und stirbt wegen unterlassener ärztlicher Hilfeleistung am 13. September 1955. Der Mitgefangene Heinz Hildebrandt erinnert sich: "Adolf Grattenauer klagte Ende August 1955 über kolikartige Bauchschmerzen im Oberbauch. Er meldete das mehrere Tage lang jeden Morgen bei der Zellendurchsicht dem Wachpersonal. Seine Klagen wurden nicht beachtet. Nach etwa drei bis vier Tagen, es müsste die Zeit um den 3. September 1955 gewesen sein, steigerten sich die Schmerzen bei Grattenauer ins Unerträgliche, so dass er sich krümmte, den Oberbauch hielt, laut schrie und später nur noch wimmerte.

Nach mehrmaligem Klopfen an der Zellentür durch uns Mitgefangene öffnete der 'Schließer'. Unser Anliegen wegen des Adolf Grattenauer beantwortete er: 'Der soll sich nicht so haben'; und 'der simuliert'. Nach einiger Zeit verlor A. Grattenauer das Bewußtsein. Erst daraufhin, nachdem wir erneut den 'Schließer' gerufen hatten, wurde A. Grattenauer von mir und zwei anderen Kameraden in den Sanitätsbereich gebracht." (7)

Im Haftkrankenhaus Klein-Meusdorf wird der Blinddarm-Durchbruch festgestellt, die unternommenen medizinischen Bemühungen kommen zu spät. (8) Adolf Grattenauer wird am 24. Februar 1992 rehabilitiert.


Den vollständigen Beitrag findet man hier:
http://www.17juni53.de/tote/grattenauer.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 27. Oktober 2017, 10:58

Erich Langlitz
7.2.1902 - 23.6.1953
gest. um 1.20 Uhr in Spören


Erich Langlitz wird am 7. Februar 1902 in Kückenburg, Kreis Querfurt geboren; er ist Kraftfahrer. Am frühen Morgen des 23. Juni 1953 wird er von der Volkspolizei erschossen, weil er sich "der Festnahme durch die Flucht zu entziehen" sucht. (1) Erich Langlitz kommt durch eine Namensverwechslung der Polizei ums Leben. (2) Eigentlich sollte wohl der LPG-Vorsitzende von Glewitzsch, Otto Langitzsch, festgenommen werden.

In einem von den "Genossen der SED Glewitzsch" unterschriebenen Denunziationsschreiben war dieser bezichtigt worden, an der Bitterfelder Demonstration teilgenommen, Stalinbilder zertreten und dem amtierenden Bürgermeister seiner Gemeinde mit dem Strick gedroht zu haben. (3) Zwei Tage zuvor war die "rücksichtlose Festnahme" der noch vorhandenen Provokateure und Agenten befohlen worden, woraufhin Personenkontrollen in den Betrieben und auf der Straße, in Gaststätten und Wohnungen, aber auch gezielte Zugriffe zu etlichen Festnahmen führten. (4)

Man hat es auf den Falschen abgesehen, als bei dem Genossenschaftsbauern Erich Langlitz in Spören nachts ans Fenster geklopft wird. Ein VP-Meister Meise hat das Haus umstellen lassen und einem Wachtmeister Weisung gegeben, "an das Fenster zu klopfen und L. zum Herauskommen aufzufordern. Kurze Zeit später begab sich L. nach draußen auf den Hof und flüchtete. Meise lief hinterher und gab dem Sicherungsposten den Befehl zum Schießen. Der Sicherungsposten schoss aus der Hüfte in Fluchtrichtung und traf den L. in die linke Brustseite." (5) Erich Langlitz ist sofort tot. Weshalb er die Flucht ergriff, ist nicht bekannt, allerdings konnte er wissen, dass man nicht sehr wählerisch war bei diesen Verhaftungen, die zumeist eine Auslieferung an die Russen, an das MfS oder an die Justizbehörden nach sich zogen.

Ein an der Verwechslung schuldiger Polizist ist bald ermittelt, er wird "wegen seiner fahrlässigen Handlung in Disziplinarhaft genommen". (6) Die Beerdigung auf dem Friedhof in Spören wird staatlich organisiert; die Witwe des Erschossenen erhält eine Abfindung von fünftausend Mark.

http://www.17juni53.de/tote/langlitz.html

Weil Angehörige der damaligen Volkspolizei nicht richtig lesen konnten, wurde eben einfach einmal der Falsche erschossen.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 30. Oktober 2017, 10:27

August Hanke
9.12.1900 - 19.6.1953
gest. um 15.00 Uhr in der Nähe von Bergwitz (Kreis Gräfenhainichen)



August Hanke wird am 9. Dezember 1900 geboren, vor Kriegsende war er in der Grube Bergwitz beschäftigt und hatte dort auch mit russischen Kriegsgefangenen zu tun. In seinem kleinen Heimatort Bietegast (damals ca. 150 Einwohner) im Kreis Wittenberg war er Zellenleiter der NSDAP, weshalb er nach dem Krieg ohne Urteil in verschiedenen russischen Speziallagern (u.a. Torgau, Mühlberg) inhaftiert war. Frühestens 1949 soll er entlassen worden sein. (1)

Nach Aussagen einer Nachbarin lebt er nach der Haftentlassung sehr zurückgezogen; als eine Gruppe ehemaliger russischer Zwangsarbeiter ins Dorf kommt, soll er sie nicht empfangen haben. (2) August Hanke arbeitet an der Brikettpresse der Brikettfabrik Bergwitz und fährt täglich mit dem Rad zur Arbeit.

Als er am 19. Juni 1953 von der Frühschicht kommt, stehen sowjetische Truppen an der Fernstraße 100. Für diese letzte Begegnung des Bergmannes mit den Russen konnte kein Zeuge gefunden werden; es gibt Legenden, Vermutungen, Gerüchte, die in seinem Dorf die Runde machen. Die Russen, heißt es, hätten ihn angerufen, stehen zu bleiben, er sei aber weitergeradelt. Ein russischer LKW habe ihn überholt, heißt es, und man habe ihn als Zielscheibe benutzt. Sicher ist nur, dass man ihn gegen 15.00 Uhr auf der Straße zwischen Bergwitz und Pannigkau, nahe der Fernstraßenkreuzung, mit einem Kopfschuss von vorn aufgefunden hat.

Bei der Beerdigung in Bietegast (3) musste der Sarg, trotz der Bitten seiner Witwe, geschlossen bleiben.


http://www.17juni53.de/tote/hanke.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 1. November 2017, 11:01

Dieter Teich
24.4.1934 - 17.6.1953
gest. um 15.00 Uhr in Leipzig vor der MfS-Untersuchungshaftanstalt


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Am 17. Juni streikt auch sein Betrieb. Dieter Teich zieht vermutlich mit seinen Kollegen gemeinsam in die Stadt. Seit den Mittagsstunden fordern die Demonstranten vor der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in der Beethovenstraße die Freilassung der Gefangenen. Als die Forderung der Demonstranten, eine Abordnung in das Gebäude einzulassen, nicht erfüllt wird, beginnt die aufgebrachte Menge den Gebäudekomplex zu stürmen. Gegen 14.00 Uhr fahren sowjetische LKW vor, Soldaten geben Warnschüsse ab, ziehen sich jedoch dann wieder zurück. Davon ermutigt, setzen die Demonstranten den Sturm auf die Haftanstalt fort. Volkspolizisten und Stasi-Offiziere feuern gegen 15.00 Uhr in die vordrängende Menge. Einige Demonstranten werden verletzt, der gerade 19jährige Dieter Teich tödlich getroffen. Dieter Teich ist der erste Tote des Volksaufstandes in Leipzig, noch vor Verhängung des Kriegsrechtes.

Vielleicht sind die am Einsatz beteiligten Polizisten von der Wirkung ihrer ersten tödlichen Schüsse selbst überrascht, jedenfalls überlassen sie den Toten zunächst den Demonstranten, die ihn auf eine Trage betten und ihn feierlich durch die Stadt tragen. Die Träger wechseln mehrfach, auch zunächst unbeteiligte Passanten gehen an der Bahre mit. Dieter Teich wird mit Blumen überhäuft. Es ist eine alle Beteiligte bewegende Demonstration. (1)

Die Kunde vom ersten Todesopfer des Aufstandes verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Rufe wie "Arbeitermörder" oder die Aufschrift an einer Straßenbahn "Vopo schießt auf deutsche Arbeiter" klagen die Schuldigen an. Die Einsatzleitung der Polizei interpretiert das Geschehen auf ihre Weise und setzt um Mitternacht eine Spitzenmeldung nach Berlin ab, in der es heißt: "Auf dem Wege bis zum Hauptbahnhof wurden unter provozierenden Rufen gegen die Volkspolizei Blumen auf den Toten geworfen." (2) Am Hauptbahnhof wird der Leichnam unter Androhung von Waffengewalt gegen 17.00 Uhr beschlagnahmt. Mehrere Träger der Bahre werden verhaftet. (3)

Anfangs gilt Dieter Teich als "unbekannter Toter". Ein Arzt stellt noch auf dem Bahnhof einen Totenschein aus. Als Todesursache wird "Brustdurchschuss (Herzschuss)" angegeben. Auf dem Totenschein sind sechs Zeugen angegeben. Ein Beerdigungsinstitut übernimmt den Leichnam und bringt ihn in die Gerichtsmedizin zur Identifizierung. (4)

Zusammen mit den anderen Toten dieses Tages wird Dieter Teich am 20. Juni zwischen 2.15 Uhr und 7.30 Uhr auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert; die Angehörigen werden weder informiert noch um Erlaubnis gebeten. (5) Erst am 15. Juli, vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig, gibt der Staatsanwalt die Urne zur Bestattung frei. (6) Die Kriminalpolizei wiederum läßt sich bis zum 4. August Zeit. So wird Dieter Teich erst am 17. August um 11.15 Uhr auf dem Leipziger Nordfriedhof beigesetzt. (7) Der mit der Überwachung der Trauerfeier beauftragte Kriminalpolizist meldet: "Anwesend 10 Personen, keine Vorkommnisse." (8) Siegfried Teich, Dieters jüngster Bruder, erinnert sich noch heute an die Gestalten zwischen den Gräbern, die die kleine Feier observieren. Mehrmals wird die Familie Teich von Mitarbeitern der Staatssicherheit aufgesucht und zu strengstem Stillschweigen über den Tod ihres Angehörigen und dessen Umstände vergattert. (9)

Während die SED die anderen Leipziger Todesfälle dieses Tages offiziell nie eingestand, konnte sie die Erschießung des 19jährigen Dieter Teich nachdem spektakulären Zug durch die Leipziger Innenstadt nicht verheimlichen. So war am 19. Juni auf der ersten Seite der "Leipziger Volkszeitung" zu lesen: "Als alle Mittel versagten und die faschistischen Banden unseren Volkspolizisten die Waffen zu entreißen versuchten, mußte sich unsere Volkspolizei zur Wehr setzen, und es fiel ein Angreifer als Opfer der zynischen Verbrechen der Agenten und Provokateure." (10)

In der Grab- und Gedenkanlage für die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft im Urnengarten Nord auf dem Leipziger Südfriedhof ist der Name von Dieter Teich gemeinsam mit anderen Opfern seit 1994 auf einem Gedenkstein vermerkt. (11)

Anlässlich des 50. Jahrestages des Volksaufstandes beschlossen die Leipziger Stadtverordneten, die Straße, in der Dieter Teich ums Leben kam, in Straße des 17. Juni 1953 umzubenennen. Die Leipziger Verkehrsbetriebe ehrten ihren ehemaligen Mitarbeiter, in dem sie einen Stadtbahnwagen nach Dieter Teich benannten. Er findet sich nun in Gesellschaft mit Johann Sebastian Bach, Max Klinger, Richard Wagner und anderen historischen Persönlichkeiten, die mit Leipzig eng verbunden sind.

http://www.17juni53.de/tote/teich.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 8. November 2017, 09:25

Elisabeth Bröcker
30.6.1888 - 17.6.1953
gest. gegen 16.00 Uhr in Leipzig vor dem HO-Kaufhaus Petersstraße



Elisabeth Bröcker wird am 30. Juni 1888 geboren. Sie ist Rentnerin, als die Ereignisse des 17. Juni 1953 ihre Heimatstadt Leipzig zu einem unsicheren Pflaster machen. Schwer zu sagen, wie viel sie von der Gefahr gewusst haben kann, in die sie sich begibt, als sie an diesem Tag das Haus verlässt. Sie ist in der Nähe des HO-Kaufhauses, in der Petersstraße, als ihr eine Kugel die Brust durchschlägt. Vielleicht wollte sie nur einkaufen.

Am HO-Kaufhaus entlädt sich an diesem Tag der Unmut über Preiserhöhungen und lange Warteschlangen. Die Versorgungslage ist acht Jahre nach Kriegsende noch immer unzureichend. Es gibt Lebensmittelkarten sowie Punktekarten für Bekleidung und Schuhe. 1953 hat sich die Lage noch einmal drastisch verschlechtert. "HO macht uns k.o." gehört zu den meistgehörten Parolen des Tages.

Gegen Mittag verlangen Demonstranten, vor allem Bauarbeiter von der benachbarten Baustelle, die sofortige Schließung des Kaufhauses, der Betriebsschutz verwehrt ihnen den Zugang. Seitdem gibt es dort ständig Menschenansammlungen. Über die Petersstraße marschieren fast ununterbrochen Demonstranten zum Markt. In den Nachmittagsstunden zwischen 15.00 und 16.00 Uhr stürmen sie das Kaufhaus. Daraufhin wird auch hier scharf geschossen. (1) Zahlreiche Verletzte sind zu beklagen.

Die tödlich getroffene Elisabeth Bröcker ist eine Unbeteiligte, was der Polizei offenbar peinlich ist. Irgendein Selbstverschulden will man ihr nachsagen: "Die Bröcker dürfte sich wahrscheinlich aus Neugierde während der Zeit der Ereignisse dort aufgehaltenhaben", heißt es in einem Polizeibericht. (2) Die Erschossene wird in die Universitätsklinik gebracht, wo man um 16.20 Uhr den Tod feststellt. (3)

Trauerfeiern sind während des Ausnahmezustands untersagt. Elisabeth Bröcker wird zusammen mit den anderen Toten dieses Tages am 20. Juni zwischen 2.15 Uhr und 7.30 Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Anverwandten auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert. (4) Erst am 15. Juli, vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig, gibt der Staatsanwalt die Urne zur Bestattung frei. (5)

Elisabeth Bröcker wird am 20. August um 11.00 Uhr auf dem Leipziger Südfriedhof beigesetzt. (6) Der mit der Überwachung der Trauerfeier beauftragte Kriminalpolizist meldet: "Anwesend 12 Personen, keine Vorkommnisse." (7) Im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag des Volksaufstandes wird die Urne am 26. November 2002 durch das Grünflächenamt der Stadt Leipzig in die Grab- und Gedenkanlage für die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft im Urnengarten Nord auf dem Leipziger Südfriedhof umgebettet. Schon seit 1994 ist der Name von Elisabeth Bröcker hier neben anderen Opfern auf einem Gedenkstein vermerkt.

http://www.17juni53.de/tote/broeker.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 10. November 2017, 14:04

Paul Ochsenbauer
26.7.1937 - 17.6.1953
gest. zu unbekannter Stunde in Leipzig


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Paul Ochsenbauer wird am 26. Juli 1937 in Leipzig als das älteste von vier Kindern geboren. Seine Familie war im Jahr vor seiner Geburt von Bayern nach Sachsen gezogen, wo der Vater in der neugegründeten Firma Megu (Metallguß) tätig war. Seine zwei Jahre jüngere Schwester Brigitte beschreibt die Familie als sehr harmonisch, der Vater sei nicht politisch aktiv gewesen, habe aber den Grundsatz vertreten, dass man sich seinen Namen durch Arbeit verdienen müsse. Die Kinder werden katholisch erzogen und dazu angehalten, Sport zu treiben, was den Eltern in ihrer Kindheit nicht möglich gewesen war.

Im Juni 1953 ist Paul Ochsenbauer im zweiten Lehrjahr als Schlosser beim VEB Bodenbearbeitungsgeräte beschäftigt und steht kurz vor dem Berufsabschluß. Im Oktober des Vorjahres ist er dem "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" beigetreten und beteiligt sich dort am Arbeitskreis für Stadtgeschichte. Er ist aktiver Schwimmer und will nach seiner Lehre eine Segelflugschule besuchen. In der FDJ und dem FDGB ist er nach Auskunft seiner Schwester weniger aus innerer Überzeugung denn aus äußeren Zwängen Mitglied gewesen. (1)

Der 15jährige Paul Ochsenbauer verlässt am 17. Juni 1953 morgens sein Elternhaus und bleibt verschwunden. Die Eltern stellen sofort Nachforschungen an, erhalten aber erst 14 Tage später, am 1. Juli, die polizeiliche Auskunft, dass ihr Sohn tot sei. Es ist von einem "tödlichen Unfall" die Rede; näheres erfahren die Eltern nicht.

Erst nach 1989, nach der Öffnung der DDR-Archive, wird deutlich, was wirklich geschehen ist. Er soll einen "Befehl abgerissen und einem sowjetischen Offizier ins Gesicht geworfen" haben. (2) Ob er daraufhin standrechtlich erschossen oder auf andere Weise getötet wurde, ließ sich bislang nicht klären.

Zusammen mit den anderen Toten des Volksaufstandes wird Paul Ochsenbauer am 20. Juni zwischen 2.15 Uhr und 7.30 Uhr auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert, ohne die Angehörigen informiert, geschweige denn um Erlaubnis gefragt zu haben. (3) Erst am 15. Juli, vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig, gibt der Staatsanwalt die Urnen zur Bestattung frei. (4)

Die Kriminalpolizei wiederum lässt sich bis zum 4. August Zeit. So wird Paul Ochsenbauer am 14. August um 13.30 Uhr auf dem Friedhof Leipzig-Plagwitz beigesetzt. (5)

Der mit der Überwachung der Trauerfeier beauftragte Kriminalpolizist meldet: "Anwesend 12 Personen, keine Vorkommnisse." (6) Die Familie wird weiter beobachtet. In einer streng vertraulichen polizeilichen Anweisung wird gefordert, die Angehörigen derjenigen, die "anlässlich des Tages X zu Schaden kamen", zwischen dem 16. und 18. Juni 1954 und während der "Volkswahlen" unter besondere Beobachtung zu stellen. (7) Auf die Verwandten von Paul Ochsenbauer sei besonders zu achten, "da diese zu damaliger Zeit sehr aggressiv in Erscheinung traten". (8)

In der Tat gibt es Nachwirkungen bei den Geschädigten, aber andere, als die Polizei vermutet. Pauls Schwester berichtet, dass ihre Eltern den Verlust nie verkraftet hätten und die Angst vor den "Organen" auch bei der nächsten Generation Wirkung gezeigt habe. Die Ereignisse des 17. Juni sind in der Familie über die Jahrzehnte ein Thema geblieben; eine Großnichte Paul Ochsenbauers hat vor einigen Jahren eine größere Schularbeit über jenen Verwandten geschrieben, der in etwa ihrem Alter sterben musste. In der Grab- und Gedenkanlage für die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft im Urnengarten Nord auf dem Leipziger Südfriedhof ist der Name von Paul Ochsenbauer seit 1994 gemeinsam mit den weiteren Opfern auf einem Gedenkstein vermerkt.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon ratata » 10. November 2017, 14:15

Ernst Jennrich

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Ernst Jennrich (* 15. November 1911 in Wedringen; † 20. März 1954 in Dresden) ist ein Opfer der DDR-Diktatur. Er wurde nach seinem Mitwirken am Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR hingerichtet.

Inhaltsverzeichnis  [Verbergen] 
1
Leben
2
Mitwirken am 17. Juni 1953
3
Todesurteil ohne Beweise
4
Tod durch „Fallschwertmaschine“
5
Freispruch posthum
6
Verarbeitung als Theaterstück
7
Verarbeitung als Radiobeitrag
8
Literatur
9
Weblinks
10
Einzelnachweise

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Ernst Jennrich, achtes von neun Kindern einer Arbeiterfamilie, begann nach acht Jahren Volksschule zunächst eine Bäckerlehre, kurz danach eine Lehre als Gärtner, die er auch abschloss. Er wurde während der Zeit des Nationalsozialismus zu „Notstandsarbeiten“ herangezogen und war unter anderem am Bau des Mittellandkanals beteiligt. Ab 1940 war er in den Junkerswerken dienstverpflichtet, bis man ihn 1942 zur Wehrmacht einberief. Wegen schwerer Verwundung an der Ostfront wurde er zeitweilig vom Kriegsdienst freigestellt, bis man ihn 1944 erneut zur Wehrmacht einberief. Er desertierte kurz vor Kriegsende und kam in amerikanische Gefangenschaft, aus der man ihn jedoch bald wieder entließ. Nachdem er sich erfolglos als Gemüsehändler versucht hatte, arbeitete er wieder als Gärtner in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Politisch war Jennrich vor 1933 zunächst in der Sozialistischen Arbeiterjugend organisiert, dann in der SPD. Nach 1945 war er wieder in der SPD, nach deren Zwangsvereinigung mit der KPD 1946 Mitglied der SED. 1947 trat er aus der SED aus.
Mitwirken am 17. Juni 1953[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Ernst Jennrich war am 17. Juni 1953 im Stadtgebiet Magdeburgs unterwegs, wo er mit seiner Frau und vier Kindern lebte. Mit dem Auftrag, eine „Holzfreigabe“ zu besorgen, fuhr er morgens mit dem Rad zur LPG-Verwaltung und war verwundert über die vielen Menschen auf den Straßen. Er fuhr zu der Möbelfabrik, in der seine Frau arbeitete, berichtete aufgeregt vom Streik, und fragte, ob man hier nicht auch streiken wolle, was man ihm später vor Gericht als „Boykotthetze“ auslegte.
Mit einem seiner Söhne durchstreifte er die Stadt, um das Geschehen auf den Straßen aus der Nähe zu betrachten. Als er vor der Haftanstalt Sudenburg eintraf, waren die Wachposten bereits entwaffnet. Jennrich nahm einem Halbwüchsigen den Karabiner aus der Hand und gab zwei Schüsse ab, über deren Absicht, Richtung und Wirkung es sehr unterschiedliche Aussagen gab. Nach seinen eigenen Angaben gab er auf Drängen der Demonstranten zwei ungezielte Schüsse auf die Mauer der Haftanstalt und in die Luft ab, um das Gewehr zu entladen. Zuletzt zerschlug er die Waffe.
In der Nacht zum 19. Juni wurde er verhaftet und nach einem Verhör durch sowjetische Vernehmer den deutschen Behörden überstellt und angeklagt, „Boykott und Mordhetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen betrieben und hierbei nach dem 8. Mai 1945 durch Propaganda für den Faschismus den Frieden des deutschen Volkes gefährdet zu haben; in Tateinheit damit aus niedrigen Beweggründen heimtückisch, um eine andere Straftat zu ermöglichen, vorsätzlich einen Menschen getötet zu haben.“
Todesurteil ohne Beweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Obwohl es die Aussagen mehrerer Zeugen steuerte, konnte das Gericht Ernst Jennrich nicht nachweisen, dass er gezielt auf den diensthabenden Volkspolizisten Georg Gaidzik geschossen hatte. In der Verhandlung am 25. August 1953 verteidigte sich Jennrich mit eindringlichen Worten: „Herr Richter, ich kann nur das eine sagen, dass ich niemals zu einem Mörder werden wollte. Und ich niemals den Mord begangen habe, weil ich genau weiß, ich habe keinen Schuss in dem rechten Fenster abgegeben auf einen Volkspolizeiangehörigen. Und ich war auch niemals gewillt, Werkzeug dieser Menschen zu werden, oder Werkzeug der Provokateure vom Westen noch zumeist von Menschen, die versuchen, den Arbeiter auszubeuten. Ich bin kein Mensch, der sich ausbeuten lassen will.“[1] Das Gericht, welches an den Zeugenaussagen erhebliche Zweifel hatte, verurteilte Jennrich am 25. August 1953 zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe.
Gegen dieses Urteil legt der Staatsanwalt am 27. August 1953 Protest ein: „Der Schutz unseres friedliebenden Staates erfordert für das vom Angeklagten begangene Verbrechen die Todesstrafe.“ Auf Weisung des Obersten Gerichtes der DDR verurteilten dieselben Richter, die das erste Urteil gefällt hatten, Ernst Jennrich am 6. Oktober 1953 zum Tode. Dieser Prozess dauerte lediglich 15 Minuten; eine erneute Beweisaufnahme wurde als nicht erforderlich betrachtet. In der Urteilsbegründung vom 6. Oktober heißt es: „In Anbetracht dieser Gefährlichkeit erfordert es der Schutz unserer Gesellschaftsordnung, dass auf das höchste Strafmaß, nämlich die Ausmerzung des Angeklagten aus unserer Gesellschaft und somit die Todesstrafe erkannt wird.“ Ein ausführliches Gnadengesuch von Ernst Jennrich an den Präsidenten Wilhelm Pieck, in welchem er bekundete, auch schwerste Arbeitsbedingungen auf sich zu nehmen, „damit ich später einmal wieder als Mensch in der Gesellschaftsordnung der Deutschen Demokratischen Republik aufgenommen werden kann“, blieb wirkungslos: Sein Gnadengesuch wurde ebenso abgelehnt wie die Berufung.
Tod durch „Fallschwertmaschine“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Das Urteil wurde am 20. März 1954 um 4.00 Uhr in der Zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in Dresden durch die „Fallschwertmaschine“ vollstreckt. Todesursachen laut Bestattungsschein waren „Pneumonie“ und „akute Kreislaufinsuffizienz“. Es zeugt von der spezifischen Auffassung von Recht in der DDR, dass die damalige Justizministerin Hilde Benjamin dieses Urteil bereits Anfang August 1953, d. h. vor Beginn des Prozesses, persönlich anweisen konnte. Jennrich erhielt eine Urnenbestattung auf dem Urnenhain Tolkewitz; nach der Wende wurde die Urne nach Magdeburg überführt.
Freispruch posthum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Auf Antrag seines Sohnes (Ernst Jennrich Jr.) hob der 4. Strafsenat des Bezirksgerichts Halle das Urteil am 20. August 1991 auf: Ernst Jennrich wurde freigesprochen. Der Senat hielt die Verurteilung Jennrichs auch nach damaligem Recht der DDR für verfassungswidrig. Eine Straftat kann nur „bei Vorhandensein einer konkreten Strafandrohung abgeurteilt werden“. Der Artikel 6 der Verfassung der DDR enthält, so die Richter, eine derartige Strafandrohung jedoch gerade nicht, sondern „lediglich die pauschale Feststellung, dass es sich bei Boykotthetze um ein Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches handele“. Eine schwerwiegende Gesetzesverletzung stellte darüber hinaus die bindende Weisung des Obersten Gerichts hinsichtlich der Beweisführung und des Strafmaßes dar. Freizusprechen war Ernst Jennrich nach einmütiger Auffassung des Senats auch deshalb, weil seine Teilnahme am Aufstand des 17. Juni 1953 als „Ausübung politischen Widerspruchs und – im Wesentlichen – gewaltfreien Widerstands“ zu werten ist. Dabei handelte es sich um verfassungsmäßige politische Grundrechte
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon HPA » 10. November 2017, 14:43

Ein typischer DDR-Justizmord unter Anwendung der allfälligen PolitGummipragrafen
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Wenn du lange genug am Fluss sitzt, siehst du irgendwann die Leiche deines Feindes vorbeischwimmen. (Sun Tzu)
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 15. November 2017, 11:46

Johannes Köhler
Johannes Köhler 5.8.1908 - 18.6.1953
gest. um 4.40 Uhr in der Universitätsklinik Leipzig


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Johannes Köhler wird am 5. August 1908 als Sohn eines Fleischermeisters in Zeitz geboren. Er erlernt den Uhrmacherberuf und übt ihn aus, bis er zur Wehrmacht eingezogen wird. Das Ende des Krieges erlebt er in Gefangenschaft. Seine in den 30er Jahren geschlossene Ehe wird nach dem Krieg geschieden. Nach Leipzig zurückgekehrt, leistet er "Trümmerarbeit" in Leipzig-Leutzsch.

Am 17. Juni 1953 ist er dort als Expedient beschäftigt. Nach Feierabend kommt er mit der Straßenbahn von Leutzsch am Leipziger Hauptbahnhof an. Um zu seiner Wohnung zu gelangen, muss er hier umsteigen. In der Nähe des Bahnhofs, am Dittrichring, gibt es trotz des seit 16.00 Uhr verhängten Ausnahmezustandes noch Demonstrationen.

Was Johannes Köhler von nun an getan hat, liegt im Dunkeln. Eine Nichte des Toten beschreibt ihn als stillen, ruhigen, sehr intelligenten Menschen. Auf keinen Fall hätte sich Johannes Köhler politisch engagiert. Sie sagt, er sei am Hauptbahnhof zufällig von Warnschüssen der Russen getroffen worden. (1) Dies entspricht auch der Auskunft, die der Vater im Krankenhaus erhielt. (2) Den Polizeiberichten zufolge nimmt er am Versuch von Demonstranten teil, die "Runde Ecke" (Gebäude der Volkspolizei und der Staatssicherheit am Dittrichring) zu stürmen. (3) "Gegen 18.00 Uhr unternahmen Demonstranten am Dittrichring einen Angriff auf die Garage des Gebäudekomplexes von Staatssicherheit und Volkspolizei. Ohne Zögern machten hier die Sicherheitskräfte von der Schusswaffe Gebrauch. Dabei erlitt der 44jährige Johannes Köhler aus Leipzig einen lebensgefährlichen Bauchschuss." (4)

Noch in der Nacht zum 18. Juni stirbt Johannes Köhler in der Leipziger Universitätsklinik an den Folgen dieser Schussverletzung. Dass Johannes Köhler beim Umsteigen am Hauptbahnhof getroffen wurde, erscheint zumindest zweifelhaft; die "Runde Ecke" ist einige hundert Meter entfernt. Auch gibt es keinerlei Hinweise auf den Einsatz von Schusswaffen in diesem Bereich.

Erst am 18. Juni erfährt der Vater in der Universitätsklinik vom Tod des Sohnes und wird bei der Volkspolizei vorstellig, um den Leichnam bestatten zu lassen. Vergeblich. Während des Ausnahmezustandes sollen keine Trauerfeiern stattfinden. Der Tote wird am 20. Juni zwischen 2.15 Uhr und 7.30 Uhr gemeinsam mit anderen Opfern im Krematorium auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert. "Die Urnen wurden zeitweilig sichergestellt." (5) Erst am 15. Juli, vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig, gibt der Staatsanwalt die Urne zur Bestattung frei. (6)

Johannes Köhler wird am 22. August um 8.30 Uhr auf dem Friedhof Leipzig-Sellershausen im Grab der bereits 1946 verstorbenen Mutter beigesetzt. (7) Der mit der Überwachung der Trauerfeier beauftragte Kriminalpolizist meldet: "Anwesend 5 Personen, keine Vorkommnisse." (8) Im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag des Volksaufstandes wird die Urne am 26. November 2002 durch das Grünflächenamt der Stadt Leipzig in die Grab- und Gedenkanlage für die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft im Urnengarten Nord auf dem Leipziger Südfriedhof umgebettet. Der Name von Johannes Köhler ist dort neben anderen Opfern seit 1994 auf einem Gedenkstein vermerkt. (9)

http://www.17juni53.de/tote/koehler.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 17. November 2017, 11:01

Eberhard von Cancrin
8.9.1910 - 18.6.1953
gest. zu unbekannter Stunde in Leipzig oder in Espenhain


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Eberhard von Cancrin wird am 8. September 1910 in Rothspalk/Mecklenburg geboren. In dem kleinen Dorf zwischen Güstrow und Teterow besitzen die Eltern einen Gutshof. In der Folge von Inflation und Weltwirtschaftskrise geraten die von Cancrins in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die sie dazu bewegen, 1929 nach Chile auszuwandern.

Der Sohn Eberhard kehrt mit gleichaltrigen Landsleuten im Frühjahr 1939 nach Deutschland zurück und arbeitet zunächst bei den Heinkel-Flugzeugwerken in Rostock. Hier lernt er seine spätere Frau Ruth kennen. Sie heiraten 1940 und ziehen in die nähe von Breslau (Schlesien). Ein Jahr später wird Tochter Gabriele geboren. Wenig später wird er zur Deutschen Polizei einberufen. Das erspart ihm 1945 die Kriegsgefangenschaft. Nach dem Kriegsende verschlägt es ihn zunächst in die Gegend von Kassel. Ziel aber ist seine Familie, die seit Februar 1945 kriegsbedingt in Geithain lebt. Hier arbeitet er kurzzeitig bei der neugebildeten Ortspolizei, ehe er in der Brikettfabrik Espenhain, einer Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG), Arbeit als Mühlenwärter findet. 1950 wird die zweite Tochter Christine geboren. (1)

Am 17. Juni 1953 ist die sowjetische Präsenz in den SAG-Betrieben verstärkt worden. Zeitzeugen erinnern sich, dass an diesem Tag in Espenhain "bald an jedem Tor ein Posten mit MPi" gestanden hätte. (2) Nachdem gegen 13.30 Uhr der Arbeiterzug aus Leipzig eingetroffen ist, entsteht im Kombinat Espenhain "eine zugespitzte Situation". (3) In Leipzig wird schon seit den Morgenstunden gestreikt. In der Brikettfabrik II trifft man sich kurz nach Schichtbeginn in der "roten Ecke" zu einer bereits länger geplanten Gewerkschaftsversammlung, die den Funktionären allerdings zunehmend aus dem Ruder läuft. Zwei Leipziger Arbeiter erheben Forderungen, die an diesem Tag überall in der DDR die Menschen auf die Straßen bringen: Solidarität mit den Streikenden, Sturz der Regierung und freie Wahlen, Freilassung der aus politischen Gründen Inhaftierten, Senkung der HO-Preise.

Etwa 100 Mitarbeiter unterschreiben eine entsprechende Resolution, zu einem Streik kommt es im streng überwachten SAG-Betrieb Espenhain aber nicht. Auf dieser Gewerkschaftsversammlung meldet sich auch Eberhard von Cancrin zu Wort und vertritt offenbar die Interessen der protestierenden Arbeiter. Was er im Einzelnen sagt, ist nicht überliefert, in den MfS-Berichten wird er nicht als "Wortführer" genannt. Dennoch wird er zusammen mit sieben anderen sogenannten "Rädelsführern" von den sowjetischen Wachmannschaften abgeführt. Während die anderen bis Anfang Juli wieder zu ihren Familien zurückkehren können, bleibt von Cancrin verschollen. (4)

Da Eberhard von Cancrin nicht wie gewohnt nach Hause kommt, fragt seine Frau erst im Betrieb, dann bei der Polizei in Geithain und Borna, zuletzt bei der Mordkommission in Leipzig nach, erhält aber keinerlei Auskunft. Auch die Belegschaft der Brikettfabrik bedrängt den Betriebsleiter am Mittag des 18. Juni Auskunft über den Verbleib der verhafteten Kollegen bei der sowjetischen Generaldirektion zu verlangen. (5) Erst am 8. August erhält die Ehefrau die Nachricht, dass ihr Mann am 18. Juni verstorben sei und die Urne mit seiner Asche abgeholt werden könne.
(6)

Die Umstände des Todes sind noch immer weitgehend ungeklärt. In einem Bericht des MfS ist vermerkt, dass von Cancrin wegen der "Aufstellung von Forderungen" an die Untersuchungsabteilung der Staatssicherheit eingeliefert worden sei. (7) Die SED-Kreisleitung Borna berichtet, dass Eberhard von Cancrin zunächst beim MfS einsaß und später von der Kreisdienststelle Borna "wegen Aufwiegelung und Aufruhr (...) den sowjetischen Dienststellen übergeben" wurde. (8) In einem Bericht der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit wird festgehalten, dass er "durch die Freunde erschossen" worden sei. (9)

Zeitzeugen berichten, von Cancrin sei von den Russen in einem Jeep auf die Hochkippe Mölbis bei Espenhain verfrachtet worden und von dort nicht zurückgekehrt. (10)

Laut Sterbeurkunde ist er "am 18. Juni 1953 zu unbekannter Stunde in Leipzig verstorben". Diese Urkunde wurde allerdings erst am 18. August ausgestellt. Im Einäscherungsbuch des Krematoriums ist "Herzversagen" angegeben.

Im Aktenvermerk der Kriminalpolizei über die Einäscherung von sieben Leipziger Todesopfern am 20. Juni wird Eberhard von Cancrin unter der Nr. 5 als "unbekannt" aufgeführt. (11) Erst am 15. Juli - vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig - gibt der Staatsanwalt die Urne zur Bestattung frei. Sie wird am 19. August vom Leipziger Südfriedhof an den Friedhof in Geithain überführt. (12) Die Urnenbeisetzung in Geithain ist an die Auflage gebunden, dass nicht mehr als 15 Personen an der Trauerfeier teilnehmen. (13) Die Überwachung der Trauerfeier wurde dem Amtsleiter des Volkspolizeikreisamtes (VPKA) Geithain übertragen. (14)

Die Witwe des Erschossenen wird zwei Jahre später im Überprüfungsvorgang "Canalie" von der Staatssicherheit beobachtet. (15) In einem Zwischenbericht heißt es: "Ihr Ehemann wurde als Provokateur (Werk Espenhain) erschossen." (16) Der Inoffizielle Mitarbeiter "Bärbel" berichtet über "die Frau des am 17.6.1953 hingerichteten Provokateurs" (17) und der Inoffizielle Mitarbeiter "Marion" über den "am 17.6.1953 als Rädelsführer hingerichteten von Cancrin". (18) Ein IM "Hans Meier" berichtet am 17. September 1955 gar, er habe in "der Grünen Aue in Geithain" gehört, dass ein leitender Mitarbeiter aus dem Werk Espenhain "am 17.6.1953 Cancrin als Spion hingestellt haben" solle, um eigene Vergehen zu vertuschen. (19) Im Zusammenhang mit der Klärung dieses Vorwurfs erklärt der zuständige Stasi-Offizier in Espenhain, dass von Cancrin am 17. Juni 1953 von den Freunden abgeholt worden wäre, weil er "im Presshaus zu Espenhain den Streik auslösen" wollte. (20)

Auch wenn offenbar schon in den fünfziger Jahren in Geithain alle von einer bewußten Erschießung des Eberhard von Cancrin durch die sowjetische Besatzungsmacht ausgehen, bleiben die wahren Hintergründe seines Todes bislang im Dunkeln. Die Einsicht in russische Archive könnte hier vielleicht noch weiterhelfen. In der Grab- und Gedenkanlage für die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft im Urnengarten Nord des Leipziger Südfriedhofs ist der Name Eberhard von Cancrin gemeinsam mit anderen Opfern seit 1994 auf einem Gedenkstein vermerkt.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 20. November 2017, 11:56

Erich Kunze
22.10.1924 - 19.6.1953
gest. um 2.12 Uhr in der Universitätsklinik Leipzig


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Erich Kunze wird am 22. Oktober 1924 in Arnsgrün, Kreis Oelsnitz (Vogtland), als Sohn des Bürgermeisters geboren. Er absolviert im Rathaus des nahegelegenen Ortes Adorf eine Verwaltungsausbildung und arbeitet dort - nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft - im Pass- und Meldewesen. 1946 wird er Leiter der Kreisstelle Oelsnitz. Nachdem die Volkspolizei diesen Verwaltungsbereich übernommen hat, avanciert er zum VP-Rat.

Nach Auskunft seiner Witwe Johanna Kunze wollte er eigentlich nie zur Polizei und weigerte sich, eine Uniform zu tragen, bis er deswegen ermahnt wurde. 1948 wird er Leiter des Oelsnitzer Pass- und Meldewesens. Im selben Jahr heiratet er seine Frau Johanna, die 1946 als Vertriebene mit einem Kind nach Adorf gekommen war. Im gleichen Jahr kommt das erste gemeinsame Kind zur Welt; bis 1952 folgen drei weitere. Des zu geringen Verdienstes wegen beantragt er seine Versetzung nach Leipzig und bekommt dort schließlich auch einen besser dotierten Posten. 1952 zieht die siebenköpfige Familie in die Messestadt. Erich Kunze ist auch dort sehr beliebt und hat einen großen Freundeskreis. (1)

Im Juni 1953 arbeitet er als Referatsleiter in der Abteilung Pass- und Meldewesen der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei (BDVP) Leipzig. Wo er sich am Tag des Volksaufstandes aufhält, ist nicht überliefert. Am Abend des 18. Juni ist Erich Kunze gegen 22.00 Uhr mit drei Kollegen auf Streifenfahrt in Richtung Delitzsch unterwegs. Ein Volkspolizeioberrat sitzt neben dem Fahrer und weist an, auf die Gaststätten und eventuelle Gäste zu achten.

Am Nachmittag des 17. Juni hatte der sowjetische Militärkommandant den Ausnahmezustand verhängt, es herrscht also Ausgangssperre und jeder Verkehr nach 21.00 Uhr ist verboten. (2)

Hinter dem Fahrer des offenen Kübelwagens F9 sitzt Erich Kunze. Sie fahren im starken Regen durch Leipzig- Gohlis, ein Stadtviertel, in dem sich auch die sowjetische Stadtkommandantur befindet. Als sie gegen 22.15 Uhr die Balzacstraße passieren, hören sie einen Schuss. Der Fahrer bremst sofort. In seinem Bericht vom 19. Juni 1953 gibt er zu Protokoll: "Noch bevor der Wagen hielt, sah ich in meinem Scheinwerfer einen sowjetischen Soldaten auf der Fahrbahn vor mir auftauchen. Er stand mit gespreizten Beinen und die MPi im Anschlag da. Ich beugte mich nach links aus dem noch fahrenden Wagen heraus, um besser sehen zu können." (3) In diesem Moment feuert der sowjetische Posten auf das Fahrzeug; zwei Schüsse gehen in Kopfhöhe des Fahrers durch die Windschutzscheibe und treffen den dahinter sitzenden Erich Kunze.

Die drei Polizisten dürfen umkehren; sie bringen den Schwerverletzten erst zur Dienststelle und später ins Polizeikrankenhaus Leipzig-Wiederitzsch. Von dort wird er wegen seiner schweren Kopfverletzungen in die Neurochirurgische Abteilung der Universitätsklinik verlegt, wo er in der Nacht zum 19. Juni stirbt. (4)

Die Ermittlungsakten der Kriminalpolizei werden noch am gleichen Tag geschlossen. Der Staatsanwalt genehmigt die Feuerbestattung. (5) Erich Kunze wird am 22. Juni um 10.45 Uhr auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert (6) und die Urne in die alte Heimat nach Adorf überführt. (7) Erich Kunze wird posthum zum VP-Oberrat befördert und zum Helden stilisiert, der angeblich "im Kampf gegen die Putschisten" sein Leben geopfert hätte." (8) Auf seinem Grabstein wird später stehen: "Er starb im Kampf für die Einheit Deutschlands."

Die Trauerfeier in Adorf findet am Vormittag des 23. Juni statt. Der Tod und die Beisetzung Erich Kunzes werden propagandistisch missbraucht. Die BDVP Leipzig weist ein Salutschießen an; die Volkspolizei hält Ehrenwache. (9)

Doch die Witwe misstraut dieser Inszenierung. All ihre Nachforschungen laufen jedoch ins Leere: Den Fahrer jenes Streifenwagens hat sie ausfindig gemacht, obwohl man ihn rasch versetzt hatte. Er darf nicht mit ihr reden und bittet sie, nicht mehr wiederzukommen. Stundenlang wartet sie auf seinen Dienststellenleiter, doch der lässt sich verleugnen und die allzu hartnäckige Witwe schließlich im Wald aussetzen. (10)

Erst nach der friedlichen Revolution von 1989 erfahren die Angehörigen und die Öffentlichkeit, was am 18. Juni 1953 wirklich geschah.


http://www.17juni53.de/tote/kunze.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 23. November 2017, 09:39

Herbert Kaiser
9.5.1913 - 15.12.1953
hingerichtet in Moskau zu unbekannter Stunde


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Am 17. Juni ziehen gegen 11.00 Uhr die ersten Demonstranten am Hauptbahnhof vorbei. Einige halten an und reißen die riesigen SED Propagandatransparente herunter. Bereits in den Mittagsstunden wird für die Transportpolizei im Bahnhof die höchste Alarmstufe ausgelöst. Auch Herbert Kaiser ist unter den Demonstranten, als diese gegen 14.30 Uhr in den Wachraum der Transportpolizei (Trapo) am Hauptbahnhof eindringen. Der Amtsleiter hat kurz zuvor angewiesen, alle Waffen einzuschließen. Herbert Kaiser soll der Anführer gewesen sein, was er allerdings in den Vernehmungen bestreitet.

Ein ehemaliger Kollege gibt der Staatssicherheit als Zeuge zu Protokoll, Kaiser habe nach eigenem Bekunden mit einigen Leuten persönlich abrechnen wollen und sich damit gebrüstet, dass er bei Zeiten erkannt habe, wohin die Politik der SED führen würde; deshalb habe er den Dienst quittiert. Ein anderer Zeuge überliefert als Äußerung Kaisers: "In diesem Raum wollte man mich zum Vaterlandsverräter erziehen." (2)

Durch seinen Dienst bei der Trapo am Hauptbahnhof kennt sich Herbert Kaiser mit den Gegebenheiten bestens aus. Die Demonstranten haben zunächst Erfolg, sie können einigen Polizisten ihre Waffen entreißen, als sie gerade weggeschlossen werden sollen. Sie erbeuten den Schlüssel zum Waffenschrank, durchsuchen die Räume, zerstören Bilder und "Losungen". Erst sowjetische Soldaten bereiten der Aktion ein Ende. Die Waffen werden später unbenutzt wieder aufgefunden und vollzählig eingesammelt, in der Statistik über Waffenverluste tauchen sie deshalb nicht auf. (3)

Herbert Kaiser wird noch am 17. Juni verhaftet (4) und um 23.00 Uhr in die MfS-Untersuchungshaftanstalt in der Beethovenstraße eingeliefert. (5) Die erste Vernehmung beginnt noch in der Nacht um 0.30 Uhr. Der Haftbefehl, der ihm "Boykotthetze" nach dem berüchtigten Artikel 6 der DDR-Verfassung vorwirft, wird am nächsten Tag erlassen. (6) Das MfS leitet ein Ermittlungsverfahren mit einem Untersuchungsvorgang ein und vernimmt einige VP-Zeugen.

Am 19. Juni wird der Vorgang "dem Tribunal übergeben". Herbert Kaiser wird gemeinsam mit den weiteren vier an der Entwaffnung der Polizeiwache beteiligten Personen "dem Freund überstellt", worunter das MfS die sowjetische Besatzungsmacht versteht.
(7)

Noch am gleichen Tag legt der NKWD einen eigenen Untersuchungsvorgang an und vernimmt Herbert Kaiser am 19. und 20. Juni. Bereits am Abend des 20. Juni wird ihm die Anklageschrift bekannt gegeben. Das sowjetische Militärtribunal des Truppenteils 08640 verurteilt ihn am 21. Juni in Leipzig zum Tode. Vorgeworfen werden ihm "Einmarsch in die Sowjetunion zwecks Abtrennung von Teilen von ihr" und "illegale Gruppenbildung" nach dem Strafgesetzbuch der RSfSR §58, Abs. 2 und 11.

In den folgenden Tagen erleidet Herbert Kaiser vermutlich eine Transporttortur in die Sowjetunion. Dort lehnt der Oberste Sowjet am 15. Dezember 1953 sein Gnadengesuch ab und teilt dies dem Tribunal des Truppenteils 48420 mit. Herbert Kaiser wird noch am gleichen Tag hingerichtet.

In den Akten steht: "Am 15.12.1953 erschossen in Moskau". (8) Für die Familie bleibt Herbert Kaiser nach dem 17. Juni 1953 einfach verschwunden. Alles, was ihnen staatliche Stellen auf die regelmäßigen Nachfragen mitteilen, ist der lakonische Satz: "Vielleicht hat er sich nach Westdeutschland abgesetzt."

Erst 1967 erhält die Familie eine offizielle Sterbeurkunde, auf der das Datum 15.12.1953 und als Sterbeort Moskau vermerkt ist. (9) Weitere Auskünfte werden den Familienangehörigen nicht gegeben.

Die Stasi jedoch weiß sehr genau, was passiert ist. Im August 1989 arbeitet die BVfS Leipzig mit Eifer an der Ausgestaltung eines Traditionskabinetts. Die Tafel Nummer 7 soll den Titel "17.6.1953 - Konterrevolution auch in Leipzig geschlagen" tragen. Der Untersuchungsvorgang Kaiser soll eine zentrale Rolle spielen. (10)

Was nach der Verhaftung mit Herbert Kaiser geschieht, erfahren die Angehörigen erst nach der friedlichen Revolution aus den Stasi- und Volkspolizeiakten. Erst im Jahr 2004 wird bekannt, dass die Moskauer Militärstaatsanwaltschaft Herbert Kaiser am 23. Mai 2003 rehabilitiert hat.

Ein Grab gibt es für Herbert Kaiser nicht. Was nach der Hinrichtung geschah, ist ungewiss. In der Grab- und Gedenkanlage für die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft im Urnengarten Nord auf dem Leipziger Südfriedhof ist der Name von Herbert Kaiser gemeinsam mit den anderen Opfern seit 1994 auf einem Gedenkstein vermerkt.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 26. November 2017, 11:22

Gerhard Dubielzig
29.3.1934 - 17.6.1953
gest. um 15.30 Uhr in Delitzsch vor dem VPKA


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Gerhard Dubielzig wird am 29. März 1934 in Delitzsch geboren. Sein Vater arbeitet im Leichtmetallwerk Rackwitz und gehört zum alten KPD-Kader. Gerhard hat zwei Geschwister; sein Bruder fällt jedoch im 2. Weltkrieg. Nach dem Besuch der Volksschule lernt Gerhard Dubielzig im Delitzscher Reichsbahn- Ausbesserungswerk (RAW) Maschinenschlosser; später arbeitet er in dessen Lehrbetrieb. (1)

Am Morgen des 17. Juni findet er die Werkstore verschlossen, die Frühschicht bleibt ausgesperrt, denn die Nachtschicht streikt bereits. Als mittags hunderte Schichtarbeiter aus den Industriebetrieben von Leipzig, Halle, Bitterfeld und Wolfen mit der Bahn zurückkehren, formiert sich in Delitzsch ein Demonstrationszug zur SED-Kreisleitung. In Sprechchören werden die Funktionäre zum Gespräch gefordert. Vergeblich.

Als man schließlich versucht, in das Gebäude einzudringen, antworten sowjetische Soldaten mit Warnschüssen aus ihren Maschinenpistolen. Der Protestzug wendet sich nun zum Volkspolizeikreisamt (VPKA) in der Dübener Straße. Dort fordern die Demonstranten in Sprechchören: "Gebt die Gefangenen raus!" Die Polizei setzt Löschfahrzeuge und Lautsprecherwagen ein, doch die Menge lässt sich nicht zerstreuen. Im Gegenteil, sie schwillt durch neue Schichtheimkehrer an.

Am Nachmittag dringen gegen 15.30 Uhr Demonstranten in den Vorhof des Polizeigebäudes ein. Nun werden aus den oberen Fenstern erst Warnschüsse, dann gezielte Schüsse abgefeuert. Die Demonstranten fliehen, zurück bleiben zwei Tote und mehrere Verletzte; Gerhard Dubielzig stirbt auf der Stelle an einem Kopfschuss. Bald fahren auch in Delitzsch sowjetische Panzer auf, und der Militärkommandant verhängt den Ausnahmezustand. Die beiden Toten werden von den Demonstranten ins Kreiskrankenhaus gebracht. Als die Morduntersuchungskommission der BDVP Leipzig davon erfährt, veranlasst sie noch in der Nacht die Überführung der Leichen in die Gerichtsmedizin nach Leipzig. (2)

Am nächsten Tag legen die Kollegen des 19jährigen Schlossers seinen Arbeitsplatz mit schwarzem Papier aus, darauf stellen sie Kerzen, Blumen und ein Portrait des Toten. Die Belegschaft zieht schweigend an diesem "Gedenksockel" vorbei. (3) Für die Hinterbliebenen wird Geld gesammelt, das der zuständige BGLer (Gewerkschaftsgruppenleiter) in der darauf folgenden Nacht an die Staatssicherheit aushändigen muss. Erst nach heftigem Protest der Kollegen erreicht die Spende Dubielzigs Familie.

Der Tod der beiden jungen Arbeiter von Delitzsch löst in den Betrieben des Kreises heftige Debatten, auch vereinzelt weitere Streiks aus. Am Morgen des 18. Juni streiken im RAW Delitzsch, dem Betrieb in dem Gerhard Dubielzig als Schlosser gearbeitet hatte, trotz des inzwischen verhängten Kriegsrechtes, etwa zweitausend Personen, darunter auch ca. 600 Parteimitglieder. (4) Die SED-Bezirksleitung Leipzig hat noch in der Nacht vom 17. zum 18. Juni "Richtlinien für die Diskussion mit den Arbeitern" herausgegeben.

Am 18. Juni sind seit dem frühen Morgen fünfzig Agitatoren in den vier großen Delitzscher Betrieben mit dem Agitations-Papier unterwegs. Die Kreisleitung Delitzsch stellt jedoch bald fest, dass der Einsatz keinen "durchschlagenden Erfolg" gehabt habe. (5)

Nach internen Berichten legen besonders die jugendlichen Belegschaftsmitglieder des RAW"ein herausforderndes Verhalten an den Tag" und "rotten sich" in der Lehrwerkstatt zusammen. Bilder führender Genossen werden abgehängt und Delitzscher Parteifunktionäre aus dem Betrieb vertrieben. (6) Aber auch in der Stadt Delitzsch selbst und sogar in den Schulen regt sich Protest. (7) Die Leipziger Kriminalpolizei händigt dem Vater am 18. Juni die letzten Habseligkeiten seines Sohnes aus. (8) Zusammen mit den anderen Toten des Volksaufstandes wird Gerhard Dubielzig am 20. Juni zwischen 2.15 Uhr und 7.30 Uhr auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert, ohne die Angehörigen informiert, geschweige denn um Erlaubnis gefragt zu haben. (9)

Erst am 15. Juli, vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig, gibt der Staatsanwalt die Urnen zur Bestattung frei. (10) Gerhard Dubielzig wird am 24. Juli auf dem Friedhof Delitzsch beigesetzt. (11) An der Trauerfeier dürfen die Arbeitskollegen nicht teilnehmen. In einer Traueranzeige vom 31. Juli bedankt sich die Familie unter anderem auch bei der "Belegschaft des RAW Delitzsch für die Ehrung durch Ausschmückung seines Arbeitsplatzes". (12)

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[Quelle: Privatarchiv Karl-Heinz Löser]


1996 wird auf Beschluss des Delitzscher Stadtrates am Ort des damaligen Geschehens eine Gedenktafel für die beiden Erschossenen angebracht.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon augenzeuge » 26. November 2017, 11:44

Am Nachmittag dringen gegen 15.30 Uhr Demonstranten in den Vorhof des Polizeigebäudes ein. Nun werden aus den oberen Fenstern erst Warnschüsse, dann gezielte Schüsse abgefeuert. Die Demonstranten fliehen, zurück bleiben zwei Tote und mehrere Verletzte; Gerhard Dubielzig stirbt auf der Stelle an einem Kopfschuss.


Ich weiß nicht, aber wenn man ein Polizeigebäude stürmt, kann man nicht immer damit rechnen, dass die sich einfach festnehmen lassen. Man weiß, dass sie Waffen haben und diese einsetzen werden, wenn schon anderswo Panzer fahren. Unter diesen Umständen sehe ich eine ursächliche Teilschuld auch bei dem Opfer.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 4. Dezember 2017, 10:32

Joachim Bauer
4.5.1933 - 17.6.1953
gest. um 15.30 Uhr in Delitzsch vor dem VPKA


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Joachim Bauer wird am 4. Mai 1933 in Brodau als einziges Kind seiner Eltern geboren. Nach achtjährigem Volksschulbesuch lernt er das Maurerhandwerk bei einer Delitzscher Firma und arbeitet dort als Geselle. Wie sein Vater, der auch Maurer ist, geht er winters als Hausschlächter über die Dörfer. Seine Mutter arbeitet bei einem Bauern. (1)

Ähnlich wie Gerhard Dubielzig gerät auch Joachim Bauer eher aus Neugierde denn mit politischen Ambitionen am 17. Juni 1953 in den Demonstrationszug, der sich dem Volkspolizeikreisamt (VPKA) in der Dübener Straße zuwendet. Dort wird lautstark die Freilassung der Gefangenen gefordert. Die Polizei setzt Löschfahrzeuge und Lautsprecherwagen ein, doch die Menge lässt sich nicht zerstreuen. Im Gegenteil, sie schwillt durch neue Schichtheimkehrer an.

Am Nachmittag dringen gegen 15.30 Uhr Demonstranten in den Vorhof des Polizeigebäudes ein. Nun werden aus den oberen Fenstern erst Warnschüsse, dann gezielte Schüsse abgefeuert. Die Demonstranten fliehen, zurück bleiben zwei Tote und mehrere Verletzte. Joachim Bauer stirbt auf der Stelle an einem Kopfschuss. Bald fahren auch in Delitzsch sowjetische Panzer auf, und der Militärkommandant verhängt den Ausnahmezustand. Die beiden Toten werden von den Demonstranten ins Kreiskrankenhaus gebracht.

Die Eltern haben am Abend des 17. Juni noch Gelegenheit, ihren toten Sohn im Krankenhaus zu sehen. Die Morduntersuchungskommission der BDVP Leipzig veranlasst noch in der Nacht die Überführung der Leichen in die Gerichtsmedizin nach Leipzig. (2) Neben den Protesten in den Betrieben (3) bleibt der Tod der beiden jungen Männer auch in der Stadt Delitzsch selbst nicht folgenlos. In der Stadt und ihrer Umgebung wurden nachts Schilder mit der Aufschrift "Wir fordern die Bestrafung der Polizeimörder" angebracht. (4)

Selbst in den Schulen macht sich eine "gewisse Unruhe" breit. So verweigert eine 11. Klasse der Delitzscher Oberschule die schriftliche Prüfungsarbeit wegen "Erregung über die Vorgänge des gestrigen Tages" (5). Drei andere Klassen treten in einen Schülerstreik. Ein weiterer Schüler verweigert die Prüfung mit folgender Begründung: "Es kann von mir nicht verlangt werden, daß ich heute die Prüfungsarbeit schreibe, denn ich habe gesehen, wie die Volkspolizei auf junge Menschen geschossen hat und dabei zwei davon erschossen wurden. Ich war immer für den Fortschritt, doch was ich gestern gesehen habe, dadurch ist mein Vertrauen geschwunden." (6)

Zusammen mit den anderen Toten des Volksaufstandes wird Joachim Bauer am 20. Juni zwischen 2.15 Uhr und 7.30 Uhr auf dem Leipziger Südfriedhof eingeäschert, ohne die Angehörigen informiert, geschweige denn um Erlaubnis gefragt zu haben. (7) Erst am 15. Juli, vier Tage nach Aufhebung des Kriegsrechtes in Leipzig, gibt der Staatsanwalt die Urnen zur Bestattung frei. (8) Joachim Bauer wird am 24. Juli auf dem Friedhof in Brodau beigesetzt. (9) An der Trauerfeier darf nur der engste Familienkreis teilnehmen. (10)

1996 wird auf Beschluss des Delitzscher Stadtrates am Ort des damaligen Geschehens eine Gedenktafel für die beiden Erschossenen angebracht.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 6. Dezember 2017, 11:06

"Spontan, von nirgends sichtbar gesteuert"

Zeitzeuge Klaus Gronau erinnert sich an die Proteste um den 17. Juni 1953

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Klaus Gronau, Augenzeuge der Ereignisse um den 17. Juni 1953 (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

Im Juni 1953 war Klaus Gronau 16 und Lehrling. Zunächst aus der Ferne beobachtete er, wie Bauarbeiter ihrem Zorn über die neuen hohen Arbeitsnormen Luft machten. Dann zogen sie los. Und Gronau war dabei. Als die Panzer kamen, musste er - wie viele - flüchten.

Dieter Kassel: Der 17. Juni 1953 ist ein Tag, den die Menschen in Deutschland nie vergessen haben, egal in welchem Teil sie aufgewachsen sind. In der alten Bundesrepublik, da wurde man jedes Jahr ganz offiziell an den Arbeiteraufstand erinnert, denn da war der 17. Juni ein Feiertag. Das war in der DDR selbstverständlich nicht der Fall, aber wer dort den 17. Juni 1953 selbst erlebt hatte, der konnte ihn auch nie wieder vergessen, auch ohne Feiertag nicht. Klaus Gronau war damals gerade 16 Jahre alt, er machte in Ostberlin eine Lehre zum Lebensmittelfachverkäufer, und ich bin sehr froh, dass er heute, genau 60 Jahre später bei uns zu Gast ist. Schönen guten Tag erst mal!

Klaus Gronau: Guten Tag!

Kassel: Wenn wir das alles ordentlich erklären wollen, finde ich, dann sollten wir nicht erst am 17. Juni beginnen, sondern schon am 16. Ich habe es erwähnt, Sie waren damals gerade Lehrling quasi, Auszubildender, kamen aus der Berufsschule an diesem 16. Juni 53, und haben dann auf der Straße zwei protestierende Bauarbeiter gesehen. Was war das für eine Situation, und was haben Sie sich damals gedacht? Sie waren ja nicht vorbereitet auf so was.

Gronau: Ja, ich kam dann wie gesagt auf dem Schulweg nach Hause, Niederbarnimstraße, Ecke Stalinallee, und am Ende der Bauten - soweit, war ein Auflauf von 30 bis 40 Bauarbeitern, die meuterten. Ich kam näher, laute Schreie: "Wir machen nicht mehr weiter!", "Die können mich mal!", "Ich lege hier alles hin!" - Dann sah ich einen Bauarbeiter mit einem langen Vorschlaghammer, der ging und haute zwei Pkws entzwei. Autos in dieser Form waren damals noch Mangelware, und der haute nun die Scheiben ein, Bleche und so weiter, und das war für mich aufregend, nicht? Was macht der da, nicht? Und ich da hin und blieb nun dann fest stehen und hörte zu, dass sie jetzt da demonstrieren wollten, und ich ging mit ihnen mit.

Ein Stückchen weiter an der Warschauer Straße wurden wir schon von Vopos aufgehalten, die jetzt in einer langen Reihe aufgestellt waren, und die kamen auf uns dann zu, kreisten uns ein, und nahmen mich auch fest und verdrehten mir die Arme. Und ich wurde auch auf einen Lkw aufgeladen. [Die] fuhren aber noch nicht los. Und einige [der] dann dort laut sprechenden Bauarbeiter protestierten und sagten, dass wir ein Demonstrationsrecht haben, und "Das wollen wir ausüben!", und ging auf einen leitenden Offizier damit zu, und der war sich nicht sicher und erkundigte sich bei seinem Vorgesetzten, und daraufhin kam die Order, uns wieder freizulassen.

Nun, inzwischen war der Zug jetzt fast auf 1.000 Leute angewachsen, da gingen wir weiter die Warschauer Straße in Richtung Oberbaumbrücke, Westsektor-Grenze. Dort, an der Oberbaumbrücke angekommen, waren Wächterhäuschen, die immer beim Passieren von Ost nach West über die Grenze, der Sektorengrenze, uns dann auch kontrollierten, und als wir jetzt im großen Zug ankamen – wie gesagt, ungefähr 1.000 Leute –, da rannten die schon weg, weil sie Furcht hatten. Und einige beherzte Männer nahmen dann zwei dieser Buden und warfen sie dann in die Spree.

Mit dem Zeitzeugenbericht geht es hier weiter:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/spo ... _id=250176
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