War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 18. Juni 2017, 12:00

Alarmstufe „Hornisse". Die geheimen Chef-Berichte der Volkspolizei über den 17. Juni 1953

Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei
Schwerin
Abteilung: Chef der BDVP

Karl-Marx-Str. 1
Hans-Kahle-Haus
Fernruf: 5301/ App.

Aktenzeichen: Kn/He.
Schwerin, den 27. Juni 1953

An die
Deutsche Demokratische Republik
Ministerium des Innern
Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei
- Sekretariat -
B e r l i n W 8
Glinkastraße

Betr.: Auswertung der Ereignisse seit dem 16.6.1953
Bezug: FS Nr. 581 vom 21.6.1953 der HVDVP, Termin: 30.6.53

Vorbemerkung

Am 16.6.1953 fand in der BDVP Schwerin eine Besprechung mit den Amtsleitern, den Abteilungsleitern K und PM statt, wo die Auswertung der Chefbesprechung v. Sonnabend, den 13.6.53, vorgenommen wurde, die die Dienstanweisung Nr. 24 u. 25/53 behandelt und insbesondere anhand konkreter Unterlagen zu den ungerecht vorgenommenen Festnahmen Stellung genommen wurde. Einige Erscheinungen, insbesondere in Dörfern, wo vorwiegend oder teils Großbauern vorhanden sind, waren feindliche Einstellungen zu verzeichnen. [sic!] Den Tagungsteilnehmern wurde aufgezeigt, daß das Kommunique des Politbüros und der Regierung kein Freibrief für Verbrecher und sonstiges Gesindel ist und daß solche Erscheinungen aufs Schärfste bekämpft werden müssen.

Im Verlauf der Arbeitsbesprechung wurde bekannt, daß sich in Güstrow die Belegschaften von der Firma Bruchhäuser (Möbelfabrikation) und Autowerkstatt Dehn sowie ein Teil Passanten aus dem Kleinbürgertum vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatten, um die Freilassung des nach Befehl 149/52 inhaftierten Betriebsinhabers zu fordern. Dieses Vorkommnis wurde gleich in der Besprechung ausgewertet und darauf hingewiesen, daß auch in den anderen Kreisen solche Erscheinungen auftreten können. Den Amtsleitern wurde die Richtlinie gegeben, die Wachsamkeit aufs Höchstmaß zu verstärken, auf alle, auch die kleinsten Erscheinungen zu achten, sich nicht provozieren zu lassen, taktisch richtig vorzugehen, die engste Verbindung mit der Kreisleitung der Partei zu halten, zäh und beharrlich darum zu kämpfen, daß in solchen Fällen Agitatoren eingesetzt werden und jede Erscheinung sofort der BDVP zu melden ist.

Punkt 1) Provokationen im Bezirk

Die ersten Signale von Unruhen machten sich, wie eingangs kurz hingewiesen, am 16.6.53 in Güstrow bemerkbar. Um 09.00 Uhr morgens hatten sich einschließlich der Belegschaften der oben genannten Betriebe ca. 4 bis 500 Personen angesammelt. Es wurde Anweisung erteilt, sämtliche verfügbaren Kräfte der VP im Amt zusammenzuziehen, Angehörige der Kriminalpolizei in Zivil unter die Demonstranten zu schicken, um den Charakter der Demonstration schnellstens zu erforschen, mit der Partei sofort Verbindung aufzunehmen und Agitatoren einzusetzen. Das Vorkommnis wurde gleichfalls sofort der Bezirksleitung der Partei mitgeteilt.


weiter mit dem längeren Beitrag geht es hier:
http://www.17juni53.de/karte/schwerin/bdvp.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 23. Juni 2017, 11:01

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 4. Juli 2017, 13:28

„Werner, lass das Schießen sein ...“

Werner Wagner ist ( 2003 ) 67 Jahre alt und noch immer eine Frohnatur. Weder sein schweres Arbeitsleben im Waggonbau konnten das ändern, noch die Autobahn A 4, die sich seit Jahren nur einen Steinwurf neben seinem Haus in der Lausitz breit macht. Dieser Tage beim Fernsehen trieben Erinnerungen dem gestandenen Mann aber doch Tränen in die Augen. „Was da manche durchmachen mussten“, sagt er und meint einen Film über den 17. Juni 1953, den er gesehen hat.

Werner Wagner weiß, worüber er spricht. Vor 50 Jahren war er selbst in der Gewalt kasernierter Volkspolizisten. „Erschießen wir ihn jetzt oder später?“, so hörte er als 17-Jähriger die blau Uniformierten reden. – „Die meinten das ernst, ich hatte furchtbare Angst“, erinnert er sich an jene Tage, die er als Lowa-Arbeiter in Niesky erlebte.

Der Bus kam nicht, aber Hunderte Menschen

Eigentlich wollte Werner Wagner am 17. Juni 1953 wie jeden Tag nach der Schicht heim. Kurz nach 15 Uhr wartete er am Zinsendorfplatz auf den Bus. Der kam nicht. Dafür kamen Hunderte Menschen von der Fabrik draußen auf der Hauptstraße in die Stadt. Schon vor dem Mittag hatten sich viele in der Fabrik versammelt und die Arbeit niedergelegt. Dem Werkleiter und dem 1. SED-Kreissekretär war es nicht gelungen, den Streik abzuwenden. Ein Mann namens Heinz Sachsenröder aus Leipzig, den Werner Wagner nicht kannte, sprach zu den Arbeitern. Er kam aus Berlin, berichtete über den Streik und mobilisierte die Menge. Freie Wahlen forderte er und die Senkung der HO-Preise. Unter den Nieskyer Arbeitern gärte es bereits, als die Streiknachricht von Berlin bis in die sächsische Provinz vordrang.

Bald schon stand Werner Wagner am Rathaus mitten in der Menge und sah, wie junge Leute Plakate und Transparente abrissen. Einige Demonstranten zogen weiter zur SED-Kreisleitung. Dort wurde der SED-Kreischef ausgebuht und flüchtete schließlich ins Volkspolizeikreisamt. Von dort kamen erst ein Polizeiauto, dann ein Feuerwehrwagen, und Werner Wagner gehörte zu denen, die die Fahrzeuge aufhielten und am liebsten umgeworfen hätten. „Aber das schafften wir nicht“, weiß er noch.

Für Stunden entglitt dem Staat die Macht


In der Nieskyer Stasi-Kreisdienststelle rechneten die Genossen Tschekisten offenbar schon mit dem Schlimmsten. Als Putzfrau Frieda S. morgens um 7 Uhr ihren Dienst antrat, wurde schon vom Streik in der Lowa und vom Aufstand in Görlitz gesprochen. Eilig ließ der örtliche MfS-Chef seine Urlauber zum Dienst holen. Zu zehnt verschanzten sie sich, so gut sie konnten. Waffen wurden verteilt. Zwei Stunden hätten sie gegen eintausend Menschen die Stellung gehalten, berichten die Stasi-Männer später, wohl auch, um sich für die Schmach zu rechtfertigen.

Als Werner Wagner zur MfS-Villa kam, sah es dort schon reichlich wüst aus. Aus dem Keller stieg Rauch. Fensterscheiben klirrten. Hunderte Menschen standen im Garten vor dem Haus und wollten rein. Auch diese Burg der Staatsmacht war dabei zu fallen. Mit einem zwei Meter langen Rundholz stießen die Männer schließlich das Haupttor ein. Die anrückende Polizei konnte nichts machen. „Wir lassen uns doch nicht einschüchtern“, rief der Fotograf Lothar Markwirth, der später als „Rädelsführer“ des Nieskyer Aufstandes hingestellt wird. Mit Knüppeln warf die Menge nach Polizisten. Erst Warnschüsse beruhigten die Lage.

Zwei Männer standen sich plötzlich gegenüber: Der MfS-Mann Werner Hilbig. Er hat seinen Karabiner auf den Vulkanisierer Willy Kasper gerichtet. Beide kannten sich, hatten in der gleichen Lehrfirma mal die Schulbank gedrückt. „Werner, lass das Schießen sein ... Gib das Gewehr her“, sagte der Arbeiter zu dem MfS-Mann. Das Gewehr wechselte für einige Stunden den Besitzer. Gerade so, wie dem Staat in Niesky für einige Stunden die Macht aus der Hand glitt. Kasper entlud es sofort. Die MfS-Leute sagten später, die Gewehre seien ihnen aus der Hand gerissen worden. Dass sie nicht schossen, wird den Stasi-Leuten später schwer vorgeworfen.

Dem Stasi-Chef auf den Hintern geschlagen

Einzeln wurden die Stasi-Leute schließlich aus der Villa gebracht. Einem im braunen Anzug schlug Werner Wagner auf den Hintern. Dem Nieskyer MfS-Chef Karl Schulze persönlich hatte der 17-Jährige einen drübergezogen. Aber auch das erfuhr er erst später. Der 47-jährige MfS-Oberleutnant und zwei seiner Männer mussten eine Demütigung hinnehmen, die in die Geschichte des 17. Juni 1953 als einmalig eingegangen ist. Die wütende Menge sperrte die MfSler für Stunden in den leeren Hundezwinger der Dienststelle. Als Stasi-Putzfrau Frieda, die in der HO für die Genossen einkaufen musste, zur Kreisdienststelle zurückkam, standen Näpfe mit Hundefutter vor den Hütern des Staates.

Stundenlang suchten Werner Wagner und viele andere in der Villa nach Häftlingen, die hier vermutet wurden. „Gefunden haben wir keine“, erinnert er sich heute.

Am Abend hatte der Junge zu Hause viel zu erzählen. „Alle waren neugierig, so etwas hatten wir bisher nie erlebt, Böses dachte ich dabei nicht“, sagt er. Bis am übernächsten Tag ein Polizist vor der Tür stand. Viereinhalb Stunden lang, so verzeichnet es das Protokoll, wollte die Polizei wissen, was der 17-Jährige gemacht hatte. Seine Schilderung genügte der Staatsmacht, um ihn zu verhaften.

So gehörte Werner Wagner zu den 16 Nieskyern, die die Härte des Regimes spüren sollten, das sie angegriffen hatten. Heute geben bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Dresden 19 Aktenbände Auskunft über ihr Martyrium. Der „Untersuchungsvorgang Nr. 88/53“ berichtet über „Markwirth u. 15 Andere“.

Weiter geht es hier:
http://www.sz-online.de/nachrichten/wer ... 58005.html

Ein interessanter und teilweise auch amüsanter Bericht.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 26. Juli 2017, 10:24

Vierzehnjähriger Schüler am 17.6.1953 von der Volkspolizei erschossen.


Rudi Schwander
3.8.1938 - 17.6.1953
gest. am frühen Abend im West-Berliner Lazarus-Krankenhaus


Rudi Schwander wird am 3. August 1938 in Berlin geboren. Er lebt im Ostsektor und ist vermutlich Schüler der Klasse 7b an der 25. Schule. (1)

In den Abendstunden des 17. Juni, kurz nach 18.00 Uhr, ist der 14jährige dabei, als in der Rheinsberger Straße Volkspolizisten von einer Menge zunächst aufgefordert werden, ihre Waffen wegzuwerfen und sich zu ergeben, dann mit Steinen beworfen werden, ohne dass allerdings jemand getroffen worden sei.

Ein Augenzeuge berichtet, dass daraufhin Feuerbefehl erteilt worden sei und die Volkspolizisten mit ihren Pistolen blindlings in die Menge geschossen hätten. "Die Demonstranten rannten auseinander und versuchten, in den Westsektor zu gelangen. Ich hatte in einem Hausflur Deckung gesucht. Von dort aus sah ich einen Jungen auf der Straße liegen, der offenbar getroffen worden war. Er blutete heftig am Kopf, und ich versuchte nun, ihn in den Westsektor zu bringen. Ich rief den Volkspolizisten zu, sie sollten das Feuer einstellen, weil ich den Verletzten bergen wollte, doch diese schossen weiter. Es gelang mir trotzdem, den Jungen bis zur Schönholzer Straße zu bringen und dort an den Rinnstein zu legen. Der Schuss musste in den Hinterkopf gegangen und an der Stirn wieder herausgetreten sein. Um den Blutverlust einzudämmen, drückte ich eine zeitlang meine Hand auf die Stirnwunde. (…) Auf unsere Rufe kam ein Omnibus des Zollgrenzdienstes, der in der Nähe stand, herbei gefahren und wir hoben den Jungen in den Wagen hinein. (…) Der kopfverletzte Junge bewegte sich auf der Fahrt zum Lazarus-Krankenhaus zwar noch, er kam aber überhaupt nicht mehr zu sich. Im Lazarus-Krankenhaus bemühte sich sofort ein Arzt um ihn. Dieser Arzt sagte gleich, dass hier nichts mehr zu machen sei." (2)

Die West-Berliner Tageszeitung "Der Kurier" berichtet am 18. Juni von schweren Zwischenfällen an der Grenze zwischen sowjetischem und französischem Sektor. In der Chausseestraße hätten Demonstranten eine Polizeiwache gestürmt. Die Vopo habe von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Der sechzehnjährige Werner Sendsitzky aus dem Westsektor und der vierzehnjährige Rudi Schwander aus dem Ostsektor seien getötet worden. (3)

Rudi Schwander wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23. Juni 1953 auf dem Friedhof Seestraße beigesetzt.

http://www.17juni53.de/tote/schwander.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 8. August 2017, 09:23

Der Sturm auf das Walter-Ulbricht-Stadion - Konterrevolution im Wembley des Ostens

Vor 60 ( heute 64 ) Jahren machte der Volksaufstand des 17. Juni 1953 nicht vor den Stadiontoren halt. Erboste Bürger der DDR stürmten das Walter-Ulbricht-Stadion, seinerzeit Wahrzeichen des maroden SED-Staates.

Bild

Der 17. Juni 1953 ist eines der wichtigsten Daten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Aufstand der DDR-Bevölkerung gegen die SED-Machthaber machte der Partei deutlich, dass sie nicht einhellig auf den Rückhalt der Menschen im Lande bauen konnte. Die Unzufriedenheit hatte sich im Frühjahr 1953 in der DDR-Bevölkerung angestaut. Zunehmende Einschränkung der politischen Freiheiten, Konsumgütermangel und die Erhöhung der Arbeitsnormen durch die SED hatte zu einer Unzufriedenheit in der DDR geführt, die durch die vergleichsweise höheren Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik noch verstärkt wurden. Es formierte sich in den Morgenstunden des 17. Juni 1953 eine Streikwelle, die in einem Protestzug durch die Stadt mündete. Die Proteste richteten sich zunächst gegen die hohen Arbeitsnormen, nahmen aber auch schnell politische Forderungen wie freie Wahlen oder die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten an. Doch die Hoffnungen der Protestierenden wurden schnell zunichte gemacht. Sowjetische Panzer zerstreuten den spontanen Protest der Demonstranten mit militärischer Gewalt. Über fünfzig Menschen wurden getötet und Tausende verhaftet. Im Schatten dieser Proteste entlud sich der Volkszorn auch an Personen und Symbolen des SED-Staates.

Zerstörung, Plünderung und Brandstiftung

In den Nachmittagsstunden des 17. Juni 1953 schrecken die Sportler im Walter-Ulbricht-Stadion aus ihrer Trainingsroutine hoch. Im Pförtnerhaus des Stadions gehen Fensterscheiben zu Bruch. Mehrere Hundert aufgeregte Menschen dringen ins Stadion ein. Die trainierenden Sportler sind von der Lautstärke und den Drohgebärden der Masse eingeschüchtert. Erste Brandherde sind auszumachen. Der Platzwart befürchtet gewalttätige Auseinandersetzungen, Zerstörung, Plünderung und Brandstiftung. Sogar die Schläuche der Rasenbewässerung werden von den Eindringlingen entwendet. Der Platzwart ruft die Volkspolizei, die allerdings auf sich warten lässt. Beschwichtigend reden derweil einige anwesende Sportler auf die Eindringlinge ein, stellen sich gar der wütenden Menschenmasse in den Weg, um sie von einer Zerstörung der Stadionränge und Umkleidekabinen abzuhalten. Die Situation eskaliert als die herbeigerufene Volkspolizei mit einer ersten Einheit eintrifft. Die aufgeregte Menge greift zu Steinen und fängt ein Scharmützel mit den Polizisten an.

Daraufhin rückt die Volkspolizei mit einem weiteren Trupp in Verstärkung durch die Sowjetarmee an. Bald wird die Situation durch die Sicherheitskräfte beherrscht - die Menschenmenge flieht vor der militärischen Übermacht aus dem Stadion.

Das Stadion war für die Demonstranten ein politisches Symbol. Im Zeichen sowjetischen Personenkults war die Sportstätte nach SED-Chef Walter Ulbricht benannt, der als ehemaliger Arbeiter-Turner mit der populären Kraft des Sports die Bevölkerung für das diktatorische Regime einzunehmen suchte. Gedacht war das Areal nicht allein für sportliche Zwecke: Da der 1949 gegründete Staat über keine Arena für öffentlichkeitswirksame Massenveranstaltungen wie das im Westteil Berlins gelegene Olympiastadion verfügte, hatte die SED das alte Polizeistadion Mitte umgebaut. Innerhalb weniger Monate errichtete die junge DDR, mit der demonstrativen Mobilisierung zahlreicher »freiwilliger Helfer« aus der Bevölkerung, im Jahr 1950 an der Sektorengrenze zu West-Berlin das Walter-Ulbricht-Stadion und weihte es mit großem politischen Pomp zum Deutschlandtreffen der FDJ ein. Nun entlud sich der geballte Volkszorn gegen die kommunistischen Machthaber an dem protzigen Monument des SED-Staates.

Auch die sportliche Nutzung des Stadions war stets von den Folgen der deutschen Teilung überschattet. Beim ersten DDR-Pokalfinale im Fußball 1950 blieb das 70.000 Zuschauer fassende Rund mit 15.000 Zuschauern nur spärlich besucht. Auch der Oberliga-Fußball war im Walter-Ulbricht-Stadion kein garantierter Kassenschlager. Die einstigen Berliner Erfolgsmannschaften Union Oberschöneweide und VfB Pankow, die nun ihre Punktspiele teilweise im neu erbauten Stadion in Berlin-Mitte austragen sollten, wurden von den Zuschauern nicht angenommen.

Die beiden durch Flucht ganzer Mannschaftsteile in Richtung West-Berlin geschwächten Teams hatten den politisch schwierigen Auftrag den Regierungssitz und die Hauptstadt der DDR zu vertreten, weshalb sie von den SED-Oberen kräftig protegiert wurden. Die Ost-Berliner Zuschauer zogen es jedoch an den Wochenenden zuhauf vor, den Traditionsfußball jenseits der Sektorengrenze in der West-Berliner Vertragsliga zu besuchen. Und so nutzten anfangs vornehmlich die Leichtathleten das Stadion, eine der modernsten Multifunktionsarenen jener Zeit. Auch für den Radsport war das Rund als Ankunftsort der beliebten Friedensfahrt vorgesehen.

https://www.11freunde.de/artikel/vor-60 ... ht-stadion
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 11. August 2017, 11:48

Mielkes Mission

Karabiner und Panzerspähwagen für die Volkspolizei, Kampfgruppen in die Betriebe und FDJ’ler zur Stasi: Wie die Sicherheitskräfte der DDR nach dem 17. Juni aufgerüstet wurden

Für Stunden hatte die SED die Macht bereits verloren: Durch die Straßen der Berliner Innenstadt zogen hunderttausend Menschen und forderten den Rücktritt der Regierung, das Politbüro musste in das sowjetische Hauptquartier nach Karlshorst evakuiert werden. Als Walter Ulbricht am Mittag des 17. Juni im Zentralkomitee anrief, erfuhr er, dass die Demonstranten gerade dabei seien, die Parteizentrale zu erstürmen. Der Generalsekretär wurde bleich und brachte nur noch eins hervor: „Aus“.

Die Volkserhebung am 17. Juni wurde zum Trauma der SED-Führung. Nie wieder war sie so machtlos wie an diesem Tag. Die aufbegehrende DDR-Bevölkerung hatte insgesamt 140 Partei- und Verwaltungsgebäude gestürmt. Selbst Polizeidienststellen und Gefängnisse waren vielerorts in ihre Hände gefallen. Die Sicherheitskräfte waren völlig überfordert gewesen und hatten oft genug die Flucht ergriffen. Wenn die sowjetischen Truppen nicht eingegriffen hätten, wäre das Regime am Ende gewesen.

10 000 Karabiner für die Polizei


Nach der Niederschlagung des Volksaufstands setzte die SED alles daran, eine Wiederholung auszuschließen. In der DDR begann eine systematische innere Aufrüstung - bei Polizei, Armee und Staatssicherheitsdienst. Schon wenige Tage nach der Erhebung verlangte der Chef der Deutschen Volkspolizei Karl Maron knapp 16 000 zusätzliche Polizisten. Zudem forderte er 4800 Maschinenpistolen, 10 000 Karabiner, 144 Panzerspähwagen und 30 Wasserwerfer – Ausrüstungen, die ihm am 17. Juni gefehlt hatten. Auch die sowjetische Besatzungsmacht, die die Wünsche der Deutschen nach mehr Waffen zuvor immer abgelehnt hatte, sah ein, dass die Volkspolizei aufgerüstet werden müsste. Der Krisenstab in Karlshorst schrieb nach Moskau: „Sie ist mit modernen Waffen auszurüsten, einschließlich Schützenpanzerwagen, Panzerspähwagen und Kommunikationsmitteln.“ Die Volkspolizei erhielt 14 000 neue Planstellen.

Auch die DDR-Armee, damals noch als „Kasernierte Volkspolizei“ getarnt, sollte die Macht der SED sichern. „Aus den derzeitigen kasernierten Polizeieinheiten“, so der Krisenstab, „sind ausreichend starke mobile Bereitschaftstruppen der Volkspolizei zu schaffen, die fähig sind, ohne Hilfe sowjetischer Truppen die Aufrechterhaltung von Ordnung und Ruhe in der Republik zu gewährleisten.“ Die über 100 000 Soldaten, die am 17. Juni kaum zum Einsatz gekommen waren, bekamen Wasserwerfer und eigene Munition. Gezielt wurden sie in Gebieten stationiert, in denen die Unruhen am größten gewesen waren.

Aufgerüstet wurde auch in den Betrieben. Um Streiks und Proteste schon im Keim zu ersticken, beschloss die SED im Juli 1953, die in einigen Werken existierenden „Arbeiterwehren“ zu straff organisierten „Kampfgruppen“ auszubauen. Die Einheiten wurden von Offizieren ausgebildet und konnten vom Betriebs-Parteisekretär jederzeit zum Einsatz befohlen werden. 1957 gab es bereits 150 000 bewaffnete Kämpfer.

Das Ziel dieser Maßnahmen machte Erich Honecker im Januar 1957 in einer Rede vor dem Zentralkomitee unmissverständlich klar. Zwei Monate nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes schärfte er den Genossen ein: „Wir tragen eine große Verantwortung dafür, dass die bewaffneten Kräfte unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht, die Nationale Volksarmee, die Deutsche Volkspolizei und die Kampfgruppen der Arbeiterklasse, zu jeder Zeit in der Lage sind, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kräften die Ruhe und Ordnung sicherzustellen und eventuelle Provokationen im Keime zu ersticken, zu unterdrücken und zu zerschlagen.“

Nach Meinung der SED sollte es jedoch gar nicht erst so weit kommen. Die Geheimpolizei sollte Proteste vielmehr schon im Vorfeld erkennen und verhindern. Dem Ministerium für Staatssicherheit warf Ulbricht damals vor, „im Kampf gegen die feindlichen Agenturen völlig versagt“ zu haben. Es habe über keinerlei Anhaltspunkte verfügt, die „auf die groß angelegte feindliche Provokation hingewiesen“ hätten.

Das Trauma des 17. Juni sollte die SED nie mehr loslassen. Während der Bevölkerung die Erinnerung an den Aufstand gründlich ausgetrieben wurde, war sich Stasi-Minister Mielke bis zum Ende bewusst, dass die SED an diesem Tag beinahe ihre Macht verloren hatte. Als im Sommer 1989 DDR-Bürger in Scharen ihr Land verließen, fragte er seine Generäle besorgt: „Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?“ Es erscheint wie ein Wunder, dass die Diktatur der SED trotz aller Sicherheitsvorkehrungen nur wenig später wie ein Kartenhaus zusammenbrach.

Den vollständigen Beitrag findet man hier:
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ ... 22964.html

Für mich persönlich ist der 17. Juni immer ein Feiertag geblieben, an dem auch der vielen Opfer dieses Aufstandes zu gedenken ist.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Ari@D187 » 11. August 2017, 20:03

War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend, war der 17. Juni ein Sturm im Wasserglas.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon augenzeuge » 11. August 2017, 21:44

Ari@D187 hat geschrieben:
War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend, war der 17. Juni ein Sturm im Wasserglas.

Ari


Provozieren ohne Begründung? Im Vergleich zu dem, was 1989 die Wende einleitete, stimmt diese Einschätzung ganz und gar nicht.

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 26. August 2017, 08:52

Deutschlands heimlicher Nationalfeiertag

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Für Walter Ulbricht und sein Politbüro war es der größtmögliche Unfall: Ausgerechnet die Arbeiter des sowjetisch besetzten Sektors von Berlin waren am 16.Juni 1953 massenhaft vor das Regierungsgebäude des vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaates gezogen und hatten eine Senkung der Arbeitsnormen sowie freie Wahlen gefordert.

Am Abend zuvor wirkt Ulbricht übermüdet

Am Abend dieses Dienstags hatte die SED noch zu einer „Parteiaktiv-Tagung“ in den Friedrichstadtpalast in Berlins Mitte geladen. Doch der völlig übermüdet wirkende Ulbricht konnte seinen Funktionären nur die immer gleichen Parolen verkünden: „Morgen tiefer in die Massen. Morgen in jeder Betriebsversammlung auf jede Frage antworten. Morgen klar und deutlich auf die Fragen der Werktätigen antworten. Ihnen klar und eindeutig sagen, was wir wollen, was falsch gemacht wurde - und wie es weiter geht.“

Am 17. Juni streikt die Frühschicht

Doch am Mittwoch, dem 17. Juni 1953, ging für die SED nichts mehr „weiter“. Schon um sechs Uhr morgens ging die Nachtschicht in zahlreichen Ost-Berliner Betrieben nicht wie üblich nach Hause, sondern – oft geschlossen – zum Strausberger Platz, dem Renommierprojekt des Wiederaufbaus in Ost-Berlin. Fast überall trat die Frühschicht ebenfalls in den Ausstand. Bald formierten sich die ersten Demonstrationszüge, die in Richtung Haus der Ministerien (heute Bundesfinanzministerium) aufbrachen. Um 9.05 Uhr erging der Befehl an die kommunistisch kontrollierte „Volkspolizei“, den Regierungssitz gegen das protestierende Volk zu schützen.

Ulbricht, der Ministerpräsident von Russlands Gnaden, Otto Grotewohl und andere SED-Spitzenfunktionäre saßen da schon im Amtssitz des sowjetischen Hohen Kommissars Wladimir Semjonow in Berlin-Karlshorst, geschützt von mehreren zehntausend Rotarmisten. Sie sollten aus der Schusslinie sein, als die Panzer der Besatzungsmacht begannen, den Ausstand nieder zu walzen. Gegen 9.50 Uhr tauchte der erste sowjetische T-34 am Potsdamer Platz auf. Als Jugendliche die rote Fahne vom Brandenburger Tor holten, wurde auf sie geschossen. Regimetreue Polizisten sperrten die U- und S-Bahnlinien zwischen West und Ost sowie, soweit sie es schafften, Kontrollstellen zwischen den Sektoren der Viermächtestadt.

Um 13.05 Uhr machten die Rotarmisten ernst

Um 13.05 Uhr machten die Rotarmisten auf dem Potsdamer Platz ernst: Mit Schüssen trieben sie die wohl mehr als 100.000 Protestierenden auseinander. Nach drei Stunden war der Verkehrsknotenpunkt geräumt. Mindestens zwei Menschen starben hier, mehr als 40 Schwerverletzte wurden von Demonstranten in West-Berliner Krankenhäuser gebracht. Um 19.30 Uhr dann hatten sowjetische Soldaten den am Morgen verhängten Ausnahmezustand durchgesetzt.

Eine gefährliche Ruhe ergriff vom Ostteil der Stadt Besitz – gefährlich, weil Kommandos aus Rotarmisten unterwegs waren, um „Rädelsführer“ zu verhaften. Dieses Schicksal erlitt auch Rudolf Berger, Übersetzer für Tschechisch und Slowakisch aus Berlin-Friedrichshain. Er wurde am Mittag des 18. Juni 1953 vor den Augen seines fünfjährigen Sohnes verhaftet und verschwand. Tief in der Nacht übergaben sowjetische Soldaten seinen Leichnam an die Volkspolizei.

36 Jahre lang war der 17. Juni Feiertag


Der Volksaufstand wurde niedergeschlagen, aber das mindert seinen erinnerungspolitischen Wert keineswegs. 36 Jahre lang war der 17. Juni auf Beschluss des Deutschen Bundestages Feiertag im Westen Deutschlands, von 1954 bis 1990. Aber je mehr Jahre seit dem Aufstand vergingen, desto verkrampfter wurde das Gedenken, und den meisten Westdeutschen diente der arbeitsfreie Frühsommertag nur noch für Ausflüge. Mit Verve verteidigen wollte diesen Feiertag 1990 deshalb kaum einer.

Er wäre der ideale Nationalfeiertag

Es kam der blutleere 3. Oktober als Nationalfeiertag – zum Andenken an den staatsrechtlichen Vollzug der deutschen Einheit.

Doch wirklich stolz sein können alle Deutschen auf den 17. Juni 1953. Genauso wie auf die friedliche Revolution, die der SED-Diktatur 1989 den Garaus machte. Viel spricht deshalb dafür, den 17.Juni als gesamtdeutschen Nationalfeiertag zu begehen, neben dem 9. November, an dem außer dem Mauerfall 1989 eben auch die Pogrome der „Reichskristallnacht“ 1938 stattfanden und weitere zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte. Ob ein anderes freies Land wohl ein Datum wie den 17. Juni so wenig achten würde wie die Bundesrepublik?


Den vollständigen Beitrag und weitere 19 Bilder findet man hier:
https://www.welt.de/politik/article2111 ... ertag.html

Der 17. Juni ist bis heute für mich ein Feiertag geblieben, an dem ich der damals mutigen Menschen und ihrer Sehnsucht nach Freiheit gedenke.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Ari@D187 » 26. August 2017, 10:51

augenzeuge hat geschrieben:
Ari@D187 hat geschrieben:
War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend, war der 17. Juni ein Sturm im Wasserglas.

Ari


Provozieren ohne Begründung? Im Vergleich zu dem, was 1989 die Wende einleitete, stimmt diese Einschätzung ganz und gar nicht.

AZ

Eben erst gesehen...
Das Du Dir unter "Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend..." (im Juni 1953) überhaupt nichts vorstellen kannst, ist schade.
Mir deswegen jedoch "provozieren ohne Begründung" vorzuwerfen ist traurig.

Ari
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon augenzeuge » 26. August 2017, 13:18

Ari@D187 hat geschrieben:Das Du Dir unter "Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend..." (im Juni 1953) überhaupt nichts vorstellen kannst, ist schade.
Mir deswegen jedoch "provozieren ohne Begründung" vorzuwerfen ist traurig.

Ari


Das ist eben das hausgemachte Problem, Ari. Vorstellen kann ich mir schon etwas. Aber keinesfalls etwas, worauf man den 17. 6. als Sturm im Wasserglas bezeichnen könnte.
Damit wirst du der Sache keineswegs gerecht.

Um solche Dinge zu vermeiden, solltest du wenigsten etwas mehr "Schriftgut" liefern.

AZ
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 31. August 2017, 11:17

Horst Bernhagen
16.3.1932 - 17.6.1953
gest. um 12.55 Uhr im West-Berliner Elisabeth-Krankenhaus


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Horst Bernhagen wird am 16. März 1932 in Dietersdorf (Kreis Dramburg) geboren, er ist Fernmeldemonteur beim Berliner Rundfunk in Ost-Berlin.

Am 17. Juni geht er nicht zur Arbeit, sondern trifft sich mit seinen Kollegen auf dem Potsdamer Platz. Einer seiner Arbeitskollegen berichtet, dass sie sich im strömenden Regen aus den Augen verloren hätten. Niemand kann sagen, was mit Horst Bernhagen geschah, bis er um 12.40 Uhr von einer Kugel getroffen und mit einem Kopfschuss im West-Berliner Elisabethkrankenhaus eingeliefert wird, wo er kurz darauf stirbt.

Bild

http://www.17juni53.de/tote/bernhagen.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 2. September 2017, 09:35

Gerhard Schulze
8.9.1911 - 18.6.1953
gest. an unbekanntem Ort

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Gerhard Schulze wird am 8. September 1911 in Berlin geboren. 1953 ist er arbeitslos und wohnt im West-Berliner Bezirk Steglitz. In den Abendstunden des 17. Juni treffen ihn auf dem Potsdamer Platz tödliche Schüsse. Als er am nächsten Tag stirbt, hinterlässt er eine Frau und zwei minderjährige Kinder.

Gerhard Schulze wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23. Juni 1953 auf dem Friedhof Seestraße beigesetzt.

http://www.17juni53.de/tote/schulze.html


Gerhard Santura
6.5.1934 - 17.6.1953
gest. um 20.30 Uhr im West-Berliner Elisabeth-Krankenhaus

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Gerhard Santura wird am 6. Mai 1934 in Berlin geboren. Er wohnt im Westteil der Stadt, hat das Elektroinstallateurhandwerk erlernt und steht kurz vor einer Anstellung.

Am 17. Juni wird er gegen 20.20 Uhr vor dem "Haus Vaterland" von Schüssen getroffen, die aus der ersten Etage des Konsumgebäudes kommen. "Santura hatte am 17. Juni einen Spaziergang mit seinen Eltern durch den Tiergarten unternommen und war dann mit einem Freund zum Potsdamer Platz gelaufen, um dort die Unruhen zu beobachten. Hier traf ihn ein Herzschuss, zehn Minuten, nachdem er sich von seinen Eltern verabschiedet hatte." (1) Im Elisabeth-Krankenhaus stirbt er kurze Zeit später an seinen inneren Verletzungen.

Seiner Mutter bleibt zur Erinnerung die zerschossene Jacke ihres Sohnes und die kleine Tabakbüchse, die er bei sich trug.


Gerhard Santura wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23. Juni 1953 auf dem Friedhof Seestraße beigesetzt. In der Berufsschule Eiswerder wird der ehemalige Lehrling am 25. Juni mit einer Trauerfeier geehrt.

http://www.17juni53.de/tote/santura.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 5. September 2017, 10:52

WILLI GÖTTLING

14.4.1918 - 18.6.1953
hingerichtet am Nachmittag in Ost-Berlin an unbekanntem Ort


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Willi Göttling wird am 14. April 1918 geboren. Seit 1941 verheiratet, wohnt das Ehepaar Göttling am 16. Juni 1953 mit zwei schulpflichtigen Töchtern im Alter von sechs und sieben Jahren im Westteil der Stadt. Bis 1952 hat Willi Göttling als Chauffeur bei einer Seifengroßhandlung gearbeitet, dann wird er arbeitslos. Nach Auskunft seiner Mutter verlässt er am Morgen des 16. Juni die Wohnung, um wie immer am Dienstag zum Arbeitsamt in die Sonnenallee zu fahren und sich seine Unterstützung abzuholen. Zum Mittagessen habe er sich sein Lieblingsgericht, Fleischklößchen mit Blumenkohl, bestellt. (1)

Ein Augenzeuge berichtet elf Tage später, dass er am Mittag des 17. Juni mit Willi Göttling vom Potsdamer Platz aus in den Ostteil gelaufen wäre, dabei habe dieser ihm berichtet, dass er bereits am Vorabend von der Volkspolizei festgenommen worden sei und die Nacht auf der Wache verbracht habe. Mit einem Demonstrationszug seien sie dann zusammen durch Ost-Berlin gezogen und gegen 13.00 Uhr in der Leipziger Straße angekommen, niemand habe zu diesem Zeitpunkt etwas über den inzwischen verhängten Ausnahmezustand gewusst. Vor dem Sitz der DDR-Regierung sei ihnen eine lange Sperrkette der Kasernierten Volkspolizei entgegen gekommen. Wahllos seien Männer und Frauen verhaftet worden, so auch Willi Göttling. (2) Was mit Willi Göttling dann geschieht, ist bislang nur bruchstückhaft bekannt.

Es gibt einen Vermerk des MfS, dass man ihn am 18. Juni um 16.00 Uhr "an die Freunde Zimmer 21" übergeben habe. (3) Ein West-Berliner Student mit Namen Gottschling, den man am 17. Juni ebenfalls inhaftiert hat, erinnert sich, dem am Kopf verletzten Willi Göttling in der Haft begegnet zu sein. Er sei offenbar geschlagen worden und habe deshalb einen Stirnverband getragen. In den nächsten Tagen sei er, Gottschling, mehrfach als "Göttling" angesprochen worden, weshalb ihn die Frage quäle, ob vielleicht er statt des Willi Göttling hätte hingerichtet werden sollen. (4)

Von Nachbarn erfährt die Mutter am 18. Juni, dass einer Radiomeldung zufolge ihr Sohn erschossen worden sei.

Nicht ein Militärtribunal, sondern die militärische Führung der Gruppe der sowjetischen Besatzungsmacht selbst entscheidet über das Schicksal des 35-jährigen Familienvaters: "Gemäß Anweisung des Militärrats der Gruppe sowjetischer Besatzungstruppen in Deutschland vom 18. Juni 1953 wird Göttling, Willi, Jahrgang 1918, zur Höchststrafe durch Erschießen verurteilt", so die Quelle, und es folgt der Satz: "In der Anweisung heißt es: 'Göttling, Willy, geboren 1918, ist der Höchststrafe durch Erschießen zu unterziehen. Das Urteil ist unverzüglich zu vollstrecken'." (8)

Wann und wo das Urteil vollstreckt wurde, ist bisher nicht bekannt. Trotz des Ausnahmezustandes kommt es in Ost-Berliner Betrieben zu Solidaritätsaktionen. Der sowjetische Militärkommandant vermerkt am 19. Juni, dass im Waggoninstandsetzungswerk Treptow und in einem Stahlwerk in Lichtenberg die Fahnen "anlässlich des erschossenen Willi Göttling" auf Halbmast gesetzt worden seien. "Die Fahnen wurden von der Volkspolizei abgenommen."


Wie erst im Frühjahr 2004 bekannt wird, wird Willi Göttling am 25. März 2003, kurz vor dem 50. Jahrestag des Volksaufstandes durch den Militäroberstaatsanwalt der Russischen Föderation rehabilitiert und als "aus politischen Motiven repressiert" anerkannt. (11) Das der Rehabilitierung zu Grunde liegende Gutachten kommt zu dem Schluss: "Somit gibt es in den Materialien der Strafsache nicht einen einzigen Beweis für die Schuld Göttlings, die ihm in der Voruntersuchung zur Last gelegten Verbrechen begangen zu haben.

Göttling hat keinerlei rechtswidrige Handlungen gegen die sowjetischen Truppen in Deutschland begangen. Für jene ihm von den Organen des MVD [Innenministerium, d. Vf.] der UdSSR in Deutschland inkriminierten Handlungen hätte er nur nach den Gesetzen der DDR belangt werden können. Unter Berücksichtigung dessen, dass er auf Beschluß der mit solchen Funktionen nicht ausgestatteten Führung der sowjetischen Besatzungstruppen erschossen worden ist, ist anzuerkennen, dass er aufgrund politischer Motive repressiert worden ist."

http://www.17juni53.de/tote/goettling.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 7. September 2017, 11:03

Erich Nast
25.11.1912 - 19.6.1953
gest. gegen 1.00 Uhr in seiner Wohnung


Erich Nast wird am 25.November 1912 geboren. Er lebt in Ost-Berlin, ist Gärtner, verheiratet und hat eine Tochter, als er am 19. Juni 1953 während der sogenannten "Sperrstunde" des Ausnahmezustandes in seiner Wohnung in der Barnimstraße durch einen Schuss von der Straße tödlich verletzt wird.

Im Lagebericht des Präsidiums der Ost- Berliner Volkspolizei vom 19.6.1953 finden sich zwei mit dem Ereignis korrespondierende Eintragungen: Um 00.45 Uhr meldet ein Abschnittsbevollmächtigter den Gebrauch seiner Schusswaffe: "Warnschuss auf einen Balkon abgegeben, da sich dort Leute aufhielten"; um 00.50 Uhr meldet ein Hauptwachtmeister, dass im Krankenhaus Friedrichshain eine männliche Leiche mit einer Schussverletzung eingeliefert worden sei, wobei es sich um den Erich Nast handle, "der in seiner im ersten Stock gelegenen Wohnung erschossen aufgefunden" worden sei. (1) Ob der so genannte "Warnschuss" auf den Balkon Erich Nast getroffen hat oder der erste Eintrag nur ein Beleg dafür ist, wie die Einhaltung der Sperrstunde von der Volkspolizei durchgesetzt wurde, muss dahingestellt bleiben.

Bild

Erich Nast wird 1953 auf dem St. Georgen-Friedhof in Ost-Berlin beigesetzt; am 12. November 2002 wird sein Grab auf den Friedhof in der Seestrasse verlegt, wo er einen Gedenkstein bei den anderen Todesopfern des 17. Juni erhält.

http://www.17juni53.de/tote/nast.html

Was für ein irrer ABV, der da wegen der Sperrstunde einen Warnschuss abgibt, nur weil Bürger auf ihrem Balkon stehen. [bloed]
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 11. September 2017, 10:11

Richard Kugler
20.11.1927 - 19.6.1953
gest. im Krankenhaus in der Dimitroffstraße


Richard Kugler wird am 20. November 1927 als Sohn eines Dachdeckermeisters in Berlin-Weißensee geboren. Er lernt und arbeitet im Handwerksbetrieb seines Vaters, der kurz vor dem ersten Weltkrieg in Weißensee gegründet wurde. In der DDR von 1953 geht es den privaten Handwerkern schlecht, sie haben hohe Abgaben zu leisten und bekommen keine staatlichen Aufträge. Zusammen mit seinem 77jährigen Vater flickt er für ein Taschengeld die Dächer und Rinnen der näheren Umgebung. Die aussichtslose wirtschaftliche Lage mag für den jungen Mann ein Grund gewesen sein, am 17. Juni mit auf die Straße zu gehen.

Das Wenige, das wir über seinen Tod wissen, ist einer Meldung der "Berliner Morgenpost" vom 26. Juni 1953 zu entnehmen:

Bild


Ps. Mit dem Alter des Erschossenen hatte sich die Zeitung wohl um 10 Jahre vertan?



Kurt Heinrich
7.4.1909 - 19.6.1953
gest. gegen 23.00 Uhr in seiner Wohnung


Kurt Heinrich wird am Morgen des 20. Juni 1953 in seiner Wohnung mit einer tödlichen Schussverletzung aufgefunden.

Ein VP-Meister meldet, die Ermittlungen der Mordkommission hätten ergeben, dass der am 7. April 1909 in Berlin geborene Arbeiter Kurt Heinrich in der Nacht vom 19. zum 20. Juni, gegen 23.00 Uhr, durch einen Querschläger, der von der Straße her in sein Küchenfenster drang, getötet wurde. (1) Die West-Berliner Zeitung "Der Kurier" berichtet am 26. Juni unter der Überschrift:

Bild


Wer Kurt Heinrich war und wie er wirklich gestorben ist, konnte bis heute nicht genauer geklärt werden.

Er wurde auf dem Immanuel-Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.


http://www.17juni53.de/tote/heinrich.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 13. September 2017, 12:05

Hans Rudeck
24.9.1910 - 20.6 1953
gest. gegen 16.15 Uhr in der PdVP-Haftanstalt in Berlin


Hans Rudeck wird am 24. September 1910 geboren. Im Jahr 1953 ist er Bauingenieur im Zentralen Konstruktionsbüro der metallurgischen Industrie in Berlin.

Nach dem Bericht seines Sohnes Otto wird er am Freitag, dem 19. Juni, aus bislang ungeklärten Gründen festgenommen. Sein Vater sei am 17. Juni in keiner Weise aktiv gewesen, sagt Otto Rudeck und berichtet, was ihm vom Tod des Vaters erinnerlich ist (1): Am Bahnhof Friedrichstraße befindet sich an diesem Tag noch eine Panzerabsperrung. Hier wird Hans Rudeck auf dem Weg zur oder von der Arbeit verhaftet; drei seiner Kollegen beobachten die Festnahme.

Am Morgen dieses Tages ist Hans Rudeck noch einmal nach Hause umgekehrt, um seine Frau zu fragen, ob er nicht eine andere Hose anziehen solle: Er trägt eine kurze HJ-Hose. Es gibt die Mutmaßung, dass diese Hose auch ein Anlaß seiner Verhaftung gewesen sein könnte. Am Samstag, dem 20. Juni, erkundigt sich seine Frau im Betrieb nach seinem Verbleib, doch man kann ihr nichts näheres mitteilen.

Mittags wird sie bei ihrer Rückkehr von einem Polizisten erwartet, der ihr die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbringt. Angeblich Selbstmord durch Erhängen in der PdVP-Haftanstalt. Anschließend wird sie in der Keibelstraße verhört und ins Polizeikrankenhaus gefahren, wo sie ihren Mann identifizieren muß. Außer einem roten Streifen am Hals fällt ihr nichts außergewöhnliches auf. Seine Sachen hätten eigentlich erst gereinigt und dann der Familie überbracht werden sollen.

Doch nach 14 Tagen ergreift Frau Rudeck die Initiative und holt die Sachen ihres Mannes selbst ab. An den Schuhen und der Aktentasche sind Blutspuren, das Glas der Armbanduhr ist zerschlagen. "Die Wahrheit über seinen Tod wissen wir bis heute nicht."

http://www.17juni53.de/tote/rudeck.html

Wieder einmal ein angeblicher Suizid in DDR - Gefängnissen, der wenig glaubwürdig klingt.... [denken]
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 17. September 2017, 11:14

Alfred Wagenknecht
28.11.1909 - 21.6.1953
gest. unter ungeklärten Umständen im Untersuchungsgefängnis in Niesky


Bild Bild

Am 17. Juni 1953 fährt Alfred Wagenknecht die Milch aus den umliegenden Dörfern zur Molkerei nach Görlitz. Auf dem Rückweg nimmt er einen in Görlitz befreiten Häftling mit nach Rothenburg und erfährt so von den Ereignissen in der Kreisstadt. Als er am 19. Juni gegen 18.00 Uhr von seiner Tour heimkehrt, wird er vor seinem Haus verhaftet. Er geht, wie er gekommen ist, in seinen Arbeitssachen mit den Polizisten, führt auch das Fahrrad mit, weil er nachher noch aufs Feld will. Er ist sich keiner Schuld bewusst und beruhigt die Kinder: "Habt keine Angst, ich gehe mit und kläre das." (1)

Nach zwei Tagen bekommt seine Frau Herta einen Anruf vom Volkspolizeikreisamt (VPKA) Niesky, dass ihr Mann im Gefängnis verstorben sei. (2) Im verschlossenen Sarg darf sie ihn abholen, wobei man ihr mitteilt, dass er erhängt in seiner Zelle aufgefunden worden sei und der Sarg nicht mehr geöffnet werden dürfe. (3) An dieses Verbot hält sich Herta Wagenknecht nicht: Ein herbeigerufener Arzt kann keine Strangulierungsmerkmale erkennen, statt dessen stellt er Verbrennungen an Fußsohlen und Schienbeinen, durch Schläge verursachte starke innere und Kopfverletzungen fest. (4) Freunde und Bekannte kommen, um den Toten zu sehen. Nun greift die Volkspolizei ein und ordnet die sofortige Beerdigung an. (5) Der Pfarrer lässt bei der Überführung auf den Rothenburger Friedhof die Glocken läuten und wird daraufhin einen Tag festgesetzt. Herta Wagenknecht wird angewiesen, mit niemandem über die Todesursache ihres Mannes zu reden.

Doch unter den zahlreichen Beerdigungsgästen hat sich längst herumgesprochen, dass sich dieser Mann nicht selbst getötet hat.
So vermerkt die SED-Kreisleitung Niesky in einem Bericht: "In Rothenburg und den umliegenden Gemeinden tritt noch stark das Argument auf, dass der von den Staatsorganen festgesetzte Provokateur Wagenknecht aus Rothenburg, der in der Zelle Selbstmord beging, erschlagen worden wäre. Die Genossen in diesen Gemeinden haben nicht die Kraft, diesem Argument wirksam zu begegnen." (6) Alfred Wagenknecht hat ein Grab auf dem Rothenburger Friedhof, in der Schmiedegasse der Stadt erinnert seit dem Jahr 2000 ein Gedenkstein an ihn.

http://www.17juni53.de/tote/wagenknecht.html

Wieder eines der vielen Beispiele, wie Menschen in DDR - Gefängnissen gefoltert und ermordet wurden. Als verlogene Todesursache wurde dann immer ein angeblicher Suizid benannt. Das gab es vom Anfang bis zum Ende der DDR, siehe auch Mathias Domaschk und andere Bürger.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 19. September 2017, 10:26

Oskar Jurke
20.9.1895 - 6.7.1953
gest. in den Mittagsstunden in einem Gefangenentransporter in Dresden



Oskar Jurke wird am 20. September 1895 in Sohra (Kreis Görlitz) geboren, nach acht Volksschuljahren arbeitet er bis zu seiner Einberufung 1914 als Landarbeiter in Sohra, Alt-Bernsdorf und Zodel. 1918 gerät er in französische Gefangenschaft, aus der er 1920 entlassen wird. Er heiratet und arbeitet wieder in der Landwirtschaft, aber auch in einem Säge- und einem Kalkwerk im Görlitzer Umkreis, zuletzt in der Maschinenfabrik von Penzig, das nach dem Krieg zu Polen gehören wird. Anfang 1945 flieht er vor den anrückenden sowjetischen Truppen; in Melaune wird er noch zum Volkssturm gezogen, flüchtet nach Rumburg, wird auch von dort vertrieben, weil die Stadt nach Kriegsende zur Tschechoslowakei gehört. Aus dem Umkreis von Görlitz ist ein magerer Halbkreis geworden, in einem Dreiländereck. Der kinderlose Witwer zieht sich nach Zodel zurück und verdingt sich dort bei einer Baufirma und beim Evangelischen Pfarramt als Friedhofswärter. (1)

Am 17. Juni 1953 arbeitet er von 7.00 Uhr bis 17.30 Uhr auf seinem Friedhof und läutet pünktlich um 18.00 Uhr den Feierabend ein. Auf dem Heimweg sieht er vor dem Gasthof Kindler eine Menschenmenge, das ganze Dorf ist auf den Beinen. Auf seine Frage, was denn los sei, erfährt er, dass dies eine Demonstration sei und man den Bürgermeister stürzen wolle. Als der erscheint, werden ihm Vorhaltungen gemacht: Er sei Schuld, dass die Bauern von ihrer Scholle vertrieben würden oder in die LPG gezwungen. Jemandem, der gegen die Anwerbungen zur Volkspolizei aufgetreten ist, sei der Prozess gemacht worden. Auch das und manches andere wird dem Bürgermeister jetzt vorgeworfen. Er wird beschimpft und bedroht.

Oskar Jurke hält ihm einen Strafbescheid über eine Deutsche Mark unter die Nase, den er vom Gemeindeamt wegen "Nichtbetafelung des Kartoffelfeldes" (Aufruf zur Kartoffelkäferaktion) erhalten hat. Dabei, so sagt er später aus, habe ihn jemand am Ellbogen geschubst und der Bürgermeister einen Nasenstüber abbekommen. Wie dem auch sei: Der Friedhofswärter wird als erster handgreiflich; die Dorfrevolte von Zodel nimmt nun ihren Lauf.

Der Bürgermeister wird gezwungen, mitzugehen zur Schule, auch die Pionierleiterin muss mit - die Kollegen Lehrer folgen freiwillig, was ihnen später angekreidet wird. Dann geht es zur LPG, deren Vorsitzender wegen Inkompetenz verhasst ist. Mit dem heruntergerissenen roten Tuch von Fahnen und Transparenten bindet man den Bürgermeister mit dem Vorsitzenden der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft (DSF) und den Schuldirektor mit dem LPG-Vorsitzenden am Hals zusammen. Als jemand verkündet, das rote Zeug müsse brennen und sein Feuerzeug zückt, greift Oskar Jurke schlichtend ein. Der Zug führt durchs Oberdorf zurück ins Niederdorf und endet wieder vor dem Gasthof Kindler. Hier dankt der Bürgermeister ab, und man wählt einen neuen Gemeinderat.

Wegen des Ausnahmezustandes begibt man sich gegen 21.00 Uhr nach Hause. So auch Oskar Jurke. Gegen 22.30 Uhr wird an sein Fenster geklopft, jemand verlangt nach dem Feuerhorn und will Alarm blasen, weil die Polizei umginge und Leute aus den Betten heraus verhafte. Jurke händigt das Horn aus, und begibt sich seinerseits zur Kirche, um die Glocke zu läuten; so hatten es die aufständischen Zodeler als Zeichen vereinbart.

Kurz nach Mitternacht wird er selbst verhaftet. Man bringt ihn nach Görlitz ins Gefängnis, in der dortigen Kreisdienststelle des MfS wird er vernommen. Anfang Juli erhebt der Bezirksstaatsanwalt Anklage gegen ihn wegen "Gefährdung der Ordnung und Sicherheit unseres demokratischen Staates", zu seinem Prozess soll der Angeklagte nach Dresden überführt werden. (2) Vor dem Abtransport werden Oskar Jurke und mehrere Mitgefangene starken Belastungen ausgesetzt. So berichtete einer der verhafteten Führer des Aufstandes von Zodel später, auf dem Hof des Görlitzer Gefängnisses hätten sie mehrere Stunden in Erwartung ihrer Hinrichtung gestanden. Dann sei ihnen mitgeteilt worden, sie würden in eine Sandgrube bei Lauban (heute Luban) transportiert und dort erschossen. Danach hätten ihre Bewacher erklärt, sie würden nunmehr zur Hinrichtung nach Dresden gebracht. (3)

Am 6. Juli 1953, einem heißen Tag, gegen 10.00 Uhr fährt der Transporter mit zehn Gefangenen von Görlitz ab. Weil der Tank im oberen Bereich leck ist und deshalb nur halb gefüllt werden kann, der Fahrer aber keine Benzinmarken zum Nachtanken bekommen hat, nimmt er zwei Zwanzigliterkanister Sprit im Gefangenentransportraum mit. (4) Die Kanister sind undicht und gasen so stark, dass der Wachpolizist auf der dreistündigen Fahrt heftige Kopfschmerzen bekommt und nicht wagt, sich eine Zigarette anzuzünden.

Die Lüftungsschlitze der Zellen sind sehr schmal, und wenn der Wagen bei laufendem Motor steht, können Abgase eindringen. Gegen 13.00 Uhr trifft der Transport in Dresden ein, außer Oskar Jurke, der noch weiter transportiert werden soll, verlassen die erschöpften Gefangenen den Wagen. Etwa eine Stunde später wird der Zurückgelassene leblos in seiner engen Transportzelle aufgefunden; die Obduktion erweist einen tödlichen CO-Gehalt des Blutes und Eindrücke der Haut, die offenbar von einer Fesselung herrühren. (5) Die Polizeiberichte nennen dies einen Unfall.

Sein Leichnam wird in Dresden eingeäschert, die Urne in Zodel beigesetzt, auf "seinem" Friedhof, wo er sich schon eine Grabstelle gekauft hatte.

http://www.17juni53.de/tote/jurke.html

Ohne sowjetische Panzer wäre die Deutsche Einheit schon 1953 vollzogen worden. Für mich ist und bleibt es ein Tag des Gedenkens an die mutigen Menschen, die im Kampf für Freiheit und gegen die Unterdrückung der Kommunisten ihr Leben ließen.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 21. September 2017, 13:19

Alfred Walter
13.8.1919 - 17.6.1953
gest. gegen 23.30 Uhr im Krankenhaus in Weida


Bild Bild


Alfred Walter wird am 13.8.1919 geboren und erlernt das Bäckerhandwerk; nach dem Krieg ist er bis 1947 in russischer Gefangenschaft, danach arbeitet er wieder in seinem erlernten Beruf in der Kleinstadt Weida. Er ist verheiratet und soll bald Vater werden (seine Frau ist im sechsten Monat schwanger), als der Aufstand des 17. Juni 1953 auch Weida erreicht.

Hier sind es vor allem die Wismut-Kumpel, die den Aufruhr in die Stadt bringen, Arbeiter aus der Jute- und der Schuhfabrik schließen sich an. Gegen Mittag wird das Rathaus gestürmt, der Bürgermeister muss den Balkon freigeben, und es werden vor den etwa tausend Versammelten Reden gehalten. Einer der Organisatoren und Redner, der damalige Fuhrunternehmer Willy Schleicher, ein SPDler aus der Zeit vor 1933, erinnert sich: "Ich sagte: 'Kolleginnen und Kollegen, Einwohner von Weida, die Stunde der Befreiung ist gekommen. In Berlin haben die Bauarbeiter angefangen, und wir schließen uns an.' Es gab nur ein Ja. Ich sagte weiter: 'Wir fordern die Einheit, nieder mit der Regierung, nieder mit der Norm und fort mit der HO.' Unter lautem Geschrei stimmten mir dann die Massen zu." (1)

Gegen 14.00 Uhr macht sich eine Fahrzeugkolonne der Wismut von Weida auf den Weg nach Gera, doch in der Bezirkshauptstadt sind schon die sowjetischen Panzer, und es ist für die Aufständischen nichts mehr auszurichten. Ein Teil von ihnen kehrt um und fährt am späten Nachmittag wieder in Weida ein, und nun erst entbrennt der Kampf um die Polizeiwache, wo seit Mittag zwei Kumpels gefangen gehalten werden. Einer der Beteiligten berichtet: "Man warf alle Scheiben kaputt und stellte ein Ultimatum, die Kumpels laufen zu lassen. Diese Forderung wurde nicht erfüllt, jetzt brach man den Fahnenmast am Parkplatz ab als Rammbock. Nach drei Anläufen gab die Tür nach, dahinter gab es aber nochmals eine Gittertür.

Ein LKW mit Plane passierte langsam Weida, dahinter versteckt waren ca. 50 KVP-Soldaten, diese sprangen zur Rettung der Polizeistation ab und gingen mit der Maschinenpistole im Anschlag auf die Menschen zu. Der Schreck dauerte nicht lange, ein Vopo hatte sich zu weit vorgewagt und wurde entwaffnet und abgeführt. Da die Polizeiwache an einer Kreuzung stand (...), waren jetzt die Vopos von vier Seiten umringt. Die Menschen kamen jetzt von allen Seiten langsam auf die Vopos zu, vorne bremste man, und von hinten wurde geschoben. (...) Der Kommandant fuchtelte mit der Pistole herum und gab plötzlich Feuerbefehl. Eine Salve Schüsse und viel Geschrei, ich versuchte in den Hauseingang der Fleischerei zu flüchten. Vor mir stürzte ein Mann zu Boden und ich merkte einen Schlag gegen meinen rechten Oberschenkel. Im Hauseingang sah ich, dass ich zwei Löcher im Bein hatte. (...) Der Mann vor mir schrie vor Schmerzen, konnte aber nicht mehr laufen." (2)

Der Schwerverletzte ist Alfred Walter. Im Krankenhaus begegnen sich die beiden Verletzten wieder, Walter Frielitz ist dabei, als Alfred Walter zur Operation vorbereitet wird. "Er hatte schwerste Verletzungen an dem Oberschenkel, alles offen bis zum Knochen, und die Bauchdecke offen. Mich hatte man abgebunden wegen der starken Blutung, und im Krankenhaus wurde ein Pressverband angelegt. Ins gleiche Zimmer kam dann Herr Walter, er hatte so schwere Verletzungen, dass er nach einer Stunde neben mir verstarb." (3)

Im Situationsbericht des Volkspolizeireviers Weida vom 23.6.1953 heißt es: "Nach Eintreffen der KVP und Räumung der unmittelbaren Umgebung des Reviers nochmalige laute Bekanntgabe des Befehls Nr. 2 durch Hauptmann Menzel an die in der Burgstraße zusammengeballte Masse der Aufrührer. Da kein Erfolg zu verzeichnen und die erste Postenlinie bereits hingedrückt war, wurden gegen 21.45 Uhr die ersten Warnschüsse abgegeben. Da hier kein Erfolg zu verzeichnen war, wurden Zielschüsse tief abgegeben. Die Schusszahl belief sich auf ca. 270 Schuss aus MPi und Gewehren. Es waren dadurch zwei Verwundete zu verzeichnen. Beide hatten Oberschenkelschuss." (4)

Die Witwe des Getöteten, Magdalena König, erinnert sich: "Es war ein sonniger Tag, doch ein schrecklicher, der mein Leben veränderte. Mein Mann Alfred Walter kam 33-jährig am 17. Juni ums Leben. Ich wurde mit 26 Jahren Witwe und war im sechsten Monat schwanger. Es geschah in Weida, als die Wismutarbeiter streikten gegen die Unterdrückung der SED-Regierung. Arbeiter aus den Betrieben schlossen sich an. Auf dem Marktplatz fand eine Kundgebung statt, mit den Worten: 'Das Volk steht auf, der Sturm bricht los'. Gegen Abend kam es zur Eskalation der Bevölkerung. Mein Mann wollte sich Bier holen und kam nicht mehr zurück. (...) Nach Erkundigung im Krankenhaus erfuhr ich, dass mein Mann schwerverletzt eingeliefert wurde. (...) Gegen 23.30 Uhr holte man mich mit dem Krankenwagen ab zum Krankenhaus. Zu dieser Zeit war mein Mann seinen schweren Verletzungen erlegen." (5) Am 23. Juni findet die Beisetzung in Gera unter den Augen der Polizei und im engsten Kreise statt. (6)

Alfred Walters Frau bekommt heimlich Beileidskarten und kleinere Geldzuwendungen. "War es doch verboten, mich zu unterstützen. Auch ein größerer Geldbetrag, den Fabrikarbeiter gesammelt hatten, wurde beschlagnahmt." (7) Ein Jahr danach geht sie in den Westen. Weil sie nicht gewusst habe, wie es mit ihr und dem Neugeborenen weitergehen solle, habe sie "mit schwerem Herzen mein Umfeld, meine Freunde und die Heimat 1954 verlassen." (8)

Uwe Walter, der Sohn des Verstorbenen, lebt heute als Musiker in Japan. Er gab am 17. Juni 1999 in der Kirche von Weida ein Konzert für seinen Vater, den er nicht mehr kennenlernen konnte. Im Jahr 2000 gedachte die Bürgerschaft von Weida Alfred Walters mit einer Ehrentafel.


http://www.17juni53.de/tote/walter.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 23. September 2017, 10:02

Horst Walde
3.2.1927 - 12.11.1954
gest. gegen 5.45 Uhr im Zuchthaus Waldheim


Bild
Horst Walde (Mitte) bei einer Familienfeier Quelle: Privatarchiv Helga Urban

Horst Walde wird am 3. Februar 1927 in Zeitz geboren, nach acht Jahren Volksund Hilfsschule ist er Hilfsarbeiter in einer Klavierfabrik, bis er 1943 zum Arbeitsdienst einberufen wird. Von dort wird er noch 1944 zur Wehrmacht gezogen und muss als Infanterist nach Oberschlesien. Er wird nach 14 Tagen verwundet und erlebt das Kriegsende im Lazarett. Aus der amerikanischen Gefangenschaft entlässt man ihn nach drei Monaten. Dann schlägt er sich mit Hilfsarbeiten beim Bauern, im Kesselbau, in einer Zuckerfabrik durch, bis er im Mai 1952 im Stahlwerk Silbitz (SAG der Hüttenindustrie "Marten") eine relativ gut bezahlte Arbeit als "Fertigputzer" findet. Die braucht er, denn er hat 1946 eine Familie gegründet und inzwischen seine Frau und vier Kinder zu ernähren.

Am 17. Juni 1953 wird im Stahlwerk gestreikt, eine gewählte Streikleitung formuliert die Forderungen, die wie im ganzen Land nicht nur ökonomischen, sondern auch politischen Charakter tragen: "Freilassung der politischen Häftlinge, Rücktritt der Regierung, Herabsetzung der HO-Preise um 90%, Abzug der Besatzungstruppen, Wegfall der Zonengrenzen." (1) Horst Walde streikt mit, denn er ist mit den Forderungen einverstanden.

Als er am 19. Juni seine Mittelschicht (14.00 bis 22.00 Uhr) in der Putzerei des Stahlwerkes antritt, erfährt er, dass die Streikleitung immer noch verhaftet ist. Vielleicht ist er zu gradlinig, um sich damit abzufinden, vielleicht schätzt er die Machtverhältnisse nach dem Eingreifen der Russen falsch ein - jedenfalls setzt er sich zwei Tage, nachdem der Aufstand niedergeschlagen wurde, dafür ein, die Freilassung des inhaftierten Streikkomitees durch einen erneuten Streik zu erzwingen. Die Frühschicht, welche am Vortag Solidaritätsstreiks organisierte, hatte inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen. Die Mittelschicht des Stahlwerkes legt an diesem Tag teil- und zeitweise die Arbeit nieder, um ihrerseits erneut Solidarität mit den verhafteten Kollegen zu bekunden. Horst Walde soll daran maßgeblich beteiligt gewesen sein, dass die Arbeit drei Stunden ruht und ein "volkswirtschaftlicher Schaden im Werte von DM 8.236,48" entsteht. (2)

Als weiteres "Vergehen" wird ihm zur Last gelegt, dass er sich am 16. Oktober des selben Jahres an einer Diskussion mit dem Parteisekretär seiner Abteilung beteiligt und offenherzig seine Meinung sagt: Es geht um die Rückgabe der als Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) geführten Betriebe, die der Parteisekretär als großes Geschenk der "Freunde" ankündigt, woraufhin Horst Walde anmerkt, dass die "Freunde" sämtliche Maschinen und Lagerbestände vorher ausgeräumt hätten, wenn sie die Fabriken übergäben, so z.B. in Tröglitz. Auf Grund dieses sowjetfeindlichen "Gerüchts" wird Horst Walde fristlos entlassen. (3) Der SED-Sekretär des Stahlwerkes Albin Schneider informiert noch am gleichen Tag die Kreisdienststelle des MfS in Eisenberg, welche schon über Hinweise zur Beteiligung Horst Waldes an den Streiks um den 17. Juni verfügt. (4) Am 28. Oktober wird er verhaftet und in der Geraer Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit vernommen.

Die längere, tragische Geschichte liest man hier:
http://www.17juni53.de/tote/walde.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon augenzeuge » 23. September 2017, 18:17

Es geht um die Rückgabe der als Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) geführten Betriebe, die der Parteisekretär als großes Geschenk der "Freunde" ankündigt, woraufhin Horst Walde anmerkt, dass die "Freunde" sämtliche Maschinen und Lagerbestände vorher ausgeräumt hätten, wenn sie die Fabriken übergäben, so z.B. in Tröglitz. Auf Grund dieses sowjetfeindlichen "Gerüchts" wird Horst Walde fristlos entlassen.


Die Wahrheit war noch nicht salonfähig....

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 26. September 2017, 11:01

Kurt Crato
12.2.1911 - 17.6.1953
gest. um 14.00 Uhr in Halle am Zuchthaus "Roter Ochse"


Bild

Kurt Crato wird als Sohn eines Tischlers am 12. Februar 1911 in Halle geboren, er erlernt den Beruf des Vaters und arbeitet als Tischler, bis er zur Wehrmacht eingezogen wird. Während des Krieges lernt er in Aussig (dem heutigen Usti nad Labem) seine spätere Frau Maria kennen. Sie heiraten am 22. September 1942 in der Hallenser Marktkirche, können aber noch keine gemeinsame Wohnung beziehen. Ihr Sohn Norbert kommt am 18. September 1943 in Aussig zur Welt. Nach Kriegsende gerät Kurt Crato in Gefangenschaft, aus der er 1949 entlassen wird. Seine Frau Maria muss 1946 das Sudetenland verlassen. Sie ist für einen Transport nach Westdeutschland vorgesehen, sucht aber, als ihr Sohn krank wird, bei den Schwiegereltern in Halle Zuflucht. Als der Vater endlich heimkehrt, findet er als gelernter Tischler bald beim Waggonbau Ammendorf Arbeit.

Am Vormittag des 17. Juni 1953 marschiert er mit seinen Arbeitskollegen im Demonstrationszug von Ammendorf in Richtung Stadtzentrum Halle. Als das Gerichtsgebäude gestürmt wird, fährt Kurt Crato mit dem Rad zur Weidenplanschule, er holt seinen Sohn Norbert aus dem Unterricht und bringt ihn nach Hause in Sicherheit. Er erzählt seiner Frau von den Ereignissen, und dass die Aufständischen jetzt auch das Zuchthaus stürmen und die Inhaftierten befreien wollten. Er wisse, was Gefangenschaft bedeute, sagt er ihr, dieses Schicksal wolle er den Häftlingen im "Roten Ochsen" ersparen.

Trotz der Warnungen seiner Frau schließt Kurt Crato sich wieder den Demonstranten an. Beim Eindringen in den Hof des "Roten Ochsen" wird er durch mehrere Maschinenpistolenschüsse schwer verletzt. Als die Krawalle sich der Cratoschen Wohnung nähern, nimmt die Mutter den Jungen bei der Hand, um nach dem Vater zu sehen. Doch sie kommt nicht weit; als die ersten Schüsse fallen, wird die Angst um den Sohn stärker als die Sorge um den Vater, sie kehrt um und eilt ins Haus zurück. Später erfährt sie von einem Nachbarn, dass man ihren Mann schwer verletzt in einer Arztpraxis abgeliefert habe, wo ihm aber nicht mehr zu helfen gewesen sei. (1) Mehr erfährt sie nicht, von niemandem.

Am 22. Juni beschließt man bei der Bezirksbehörde der Volkspolizei (BDVP) in Absprache mit der SED-Bezirksleitung, Kurt Crato zusammen mit anderen Erschossenen am 24. Juni in aller Stille zu beerdigen und die Angehörigen erst nachträglich zu verständigen. (2) Man will neuerlichen Aufruhr vermeiden. Der Verantwortliche für Kirchenfragen beim Rat des Bezirkes Halle ruft einen Pfarrer an und fordert, angesichts des Ausnahmezustands "das Glockengeläut einzustellen" (3). Der damals fast zehnjährige Norbert Crato erinnert sich an eine kleine, "heimliche" Andacht am bereits geschlossenen Grab des Vaters. (4)

http://www.17juni53.de/tote/crato.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 28. September 2017, 10:57

Gerhard Schmidt
26.9.1926 - 17.6.1953
gest. um 14.00 Uhr in Halle am Zuchthaus "Roter Ochse"


Bild

Gerhard Schmidt wird am 26. September 1926 als Sohn eines Juristen geboren, nach dem Krieg studiert er Landwirtschaft an der Martin-Luther-Universität Halle.

Am 17. Juni 1953 ist der jungverheiratete Doktorand mit seiner Frau unterwegs zu den Schwiegereltern. Eher zufällig geraten sie in den Tumult vor dem "Roten Ochsen"; Gerhard Schmidt wird von einer verirrten Kugel getroffen. Seine damalige Frau, Verena Roenneke, erinnert sich: "Mittags fuhren Lastwagen durch die Richard-Wagner-Straße, von denen gerufen wurde: 'Nieder mit der Regierung!'.

Wir beschlossen, in die Stadt zu gehen und waren begeistert, wie von den öffentlichen Gebäuden die Sichtwerbungen und Stalinbilder abgerissen wurden. Unser Weg von der Lafontainestraße zur Kefersteinstraße, wo meine Eltern wohnten, führte am Zuchthaus vorbei, wo eine große Menschenmenge: 'Wir wollen freie Wahlen und keine Zuchthausqualen' rief. Ob das Eingangstor berannt wurde, konnten wir nicht sehen. Wir waren schon am Weitergehen, als das Tor aufgerissen wurde, und die Polizei in die Menge schoss. Mein Mann wurde von einem Querschläger in die Lunge getroffen und ist bei der Einlieferung in die Chirurgie verstorben." (1)

Bild

In einem vertraulichen Polizeibericht wird festgestellt, dass Schmidt "nicht als Provokateur oder Gegner unserer Ordnung bezeichnet werden kann. Er geriet in den Demonstrationszug und wurde hier erschossen. Er ist als Opfer der Provokateure zu betrachten. Von wem er erschossen wurde, ist nicht bekannt." (2) Das brachte die Genossen auf die Idee, Gerhard Schmidts Beerdigung in ihrem Sinne zu inszenieren: "Teilnahme einer Delegation der Universität ... Auswertung nachträglich in einer Zeitung (mit Bild). Tendenz: Opfer der Provokateure." Handschriftlich ist am Rand notiert: "evtl. größere Trauerkundgebung" (3)

Verena Roenneke berichtet: "Da wir nur auf dem Weg zu meinen Eltern gewesen waren und uns niemand gesehen hatte, beschloß der Rektor der Universität, Professor Stern, den Fall auf seine Weise zu regeln. (Die Studenten der landwirtschaftlichen Fakultät hatten mit besonderem Elan an dem Aufstand teilgenommen.) Professor Stern erklärte den Eltern Schmidt, meinen Eltern und mir, die Uni würde das Begräbnis ausrichten. Er habe den Fall so zurechtgebogen, man hätte ihn ja auch ganz anders sehen können (was offenbar als Drohung gemeint war, d. Vf.).

Wörtlich: 'Sie haben zu schweigen, die Aasgeier werden kommen.' So wurde zu unserem Entsetzen ein Staatsbegräbnis ... in Szene gesetzt. Der Verkehr in der Stadt ruhte. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt, wenn ich die grimmigen Gesichter der Passanten sah, die so dachten wie ich und nicht ahnten, dass wir nur die Opfer eines makabren Theaters waren." (4)

Am 24. Juni, dem Tag der Beisetzung Gerhard Schmidts, veröffentlicht das SED-Bezirksorgan "Freiheit" eine "Mitteilung der Sicherheitsorgane über den Mord an dem Dr.-Aspiranten Gerhard Schmidt", worin die offizielle Version seines Todes verkündet wird: "Eine Horde faschistischer Provokateure versuchte, die Strafanstalt am Kirchtor unter Anwendung von Schusswaffen zu stürmen. Die faschistischen Banditen hetzten die umstehenden Bürger zur Teilnahme an ihrem Gewaltstreich auf und schossen auf jeden, der sich ihnen widersetzte. Dabei wurde der Jugendfreund Schmidt, der seinen Abscheu gegen diese Verbrechen kundgab, von diesen durch einen Pistolenschuss niedergestreckt." (5)

In einem von Erich Honecker unterzeichneten Telegramm des Zentralrats der FDJ an Schmidts Ehefrau ist von einer "schändlichen Mordtat faschistischer Provokateure und Kriegstreiber" die Rede. Am Vormittag des 24. Juni werden auf den Friedhöfen in Halle und Reideburg sieben Opfer des 17. Juni beigesetzt - im sehr wohl beabsichtigten "Windschatten" der Beisetzung Gerhard Schmidts, die am Nachmittag als propagandistische Massenveranstaltung aufgezogen wird. (6)

Die FDJ organisiert einen Sternmarsch durch Halle mit knapp 5.000 dazu verpflichteten Teilnehmern aller Betriebe. Ein Großaufgebot der Polizei sichert die "Kundgebung" ab. Unliebsame Trauergäste werden verhaftet. Helmut Hartmann, der damals Theologie studiert, und an der Trauerfeier für Schmidt teilnimmt, erinnert sich: "Die Familie hatte ein kirchliches Begräbnis auf dem Kröllwitzer Friedhof durch gesetzt. Von staatlicher Seite wurde vorher ein Staatsakt zelebriert. In einem langen Trauerzug durch die Stadt wurde der Tote als Opfer von 'faschistischen Rowdys' gefeiert, der im Kampf für den Sozialismus sein Leben eingesetzt hat. In einem offenen PKW saß neben der jungen Witwe und den Eltern der Rektor der Universität, Prof. Dr. Leo Stern, und heuchelte Betroffenheit. Fassungslos lief ich einige Zeit neben diesem PKW her und konnte nicht begreifen, dass ein Universitätslehrer solch ein Lügenspiel mitmachen konnte. Alle Hallenser wussten, dass Gerhard Schmidt von Polizisten erschossen worden war." (7)

In den detaillierten Lage- und Stimmungsberichten der Volkspolizei von der "Trauerkundgebung" wird die Festnahme einer "Provokateurin" gemeldet. Sie wird mit der Äußerung zitiert: "Die VP, die Schweine, erst haben sie ihn erschossen, jetzt marschieren sie mit."


http://www.17juni53.de/tote/schmidt.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 30. September 2017, 10:26

Manfred Stoye
3.1.1932 – 18.6.1953
gest. um 3.00 Uhr in der Universitätsklinik Halle


Bild

Manfred Stoye wird am 3. Januar 1932 als Sohn eines Böttchermeisters in Halle geboren. Nach dem Krieg bleibt der Vater in Gefangenschaft, die Mutter hat große Not, ihre sechs Kinder zu ernähren. Der halbwüchsige Manfred muss als ältester Sohn an Vaters statt mit für den Unterhalt der Geschwister sorgen, er "organisiert" Lebensmittel u.a. bei den Amerikanern, die nach Kriegsende in Halle stationiert waren, wird später dabei gefasst und in eine Erziehungsanstalt gesteckt. Bei den Geschwistern und den Freunden ist er sehr beliebt.

Am 17. Juni 1953 ist Manfred Stoye als Kesselschmied bei der Waggonfabrik Ammendorf beschäftigt. Er zieht mit den Demonstranten in die Innenstadt. Als am Nachmittag der Sturm auf das Zuchthaus "Roter Ochse" beginnt, hat sich die Situation grundlegend geändert, um 14.15 Uhr hat Bezirks-Polizeichef Zaspel den Befehl erlassen: "Die Benutzung der Schusswaffe ist ... ab sofort erlaubt!" (1) Das wissen die Demonstranten noch nicht, als sie mit einem LKW das Tor aufbrechen und triumphierend in den Vorhof stürmen. Dort sehen sie sich einer Reihe bewaffneter Volkspolizisten gegenüber. Zu spät erkennen die unbewaffneten Aufständischen, wie ernst ihre Lage nun geworden ist: Tote und Schwerverletzte bleiben auf dem Pflaster liegen, als die Menge panisch aus dem Zuchthaushof flieht. Einer von ihnen ist Manfred Stoye, er erliegt seinen Verletzungen am 18. Juni in der chirurgischen Klinik.

Die Polizeiberichte versuchen den Schusswaffengebrauch beim Sturm auf das Zuchthaus als Selbstverteidigung gegen "bewaffnete faschistische Banditen" darzustellen. Aus allen verfügbaren Archivalien und Erlebnisberichten geht jedoch hervor, dass am Kirchtor nur die Polizei geschossen hat. Im polizeilichen "Vorschlag der Beisetzung der Opfer vom 17.6." erheben sich die Genossen von der VP deutlich über ihre Zuständigkeit, wenn sie die Angehörigen des einen 24 Stunden vor der Beerdigung, die des anderen drei Stunden vorher über Ort und Zeit der Beisetzung informieren. Als die Angehörigen Manfred Stoyes auf den Friedhof kommen, ist das Grab schon geschlossen. (2) Bei ihm habe es sich um ein "ausgesprochen asoziales Element" gehandelt, "im Hause und der gesamten Umgebung unbeliebt und nirgends organisiert", heißt es zur Begründung der untersagten Trauerfeier. (3)

Die große Familie der Stoyes ist daran zerbrochen, sich so hart für oder gegen diesen toten Manfred entscheiden zu müssen, das "faschistische Element", als das ihn die Betriebszeitung der Waggonfabrik anprangerte. Nur wenige Angehörige wollen sich seiner noch erinnern.

http://www.17juni53.de/tote/stoye.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 1. Oktober 2017, 11:17

Rudolf Krause
26.3.1930 - 17.6.1953
gest. um 21.15 Uhr in Halle am Botanischen Garten/Neuwerk


Bild
[Quelle: Privatarchiv Ronald Wieden]


Rudolf Krause wird am 26. März 1930 in Halle (Reideburg) geboren, nach der Schule lernt er bei einer Hallenser Firma den Beruf des Rundfunkmechanikers.

Am Abend des 17. Juni 1953 ist er nach der Kundgebung auf dem Markt auf dem Weg zu seiner Verlobten; auf der Saalebrücke trifft er seinen Bruder und sagt ihm, dass er sich Sorgen um sie mache, der Unruhen wegen. Seine Verlobte wohnt in unmittelbarer Nähe des Zuchthauses "Roter Ochse". Sie ist schwanger, die beiden wollen im September heiraten, das Aufgebot ist bestellt. Es gibt keinen Zeugen, der ihn nach dieser Begegnung auf der Saalebrücke noch einmal lebend gesehen hätte.

Als er zu lang ausbleibt, begibt sich seine Verlobte auf die Suche. Erst in den späten Abendstunden findet sie ihn in der Universitätsklinik, wo er kurz vorher gestorben sein soll. Ein Kopfschuss; niemand weiß genau, wo und wie es dazu kommen konnte. Die BDVP meldet dagegen dem Standesamt als Sterbeort "Am Botanischen Garten" und die Zeit 21.15 Uhr. An anderer Stelle findet sich noch der Vermerk "Neuwerk". Beides deutet auf die Schüsse aus der MfS-Bezirksverwaltung hin. Das Polizeiprotokoll vermerkt jedoch: "K. war am Sturm auf die Haftanstalt beteiligt. Seine Einstellung ist erkennbar an seiner Kleidung, die ausgesprochen westlich war. Die ganze Person war der Typ eines Samba-Jünglings." (1) Kann man einem so zynischen Notat irgendeinen Wert beimessen?

Ronald Wieden, Rudolf Krauses Sohn, der im Januar 1954 geboren wird, beschreibt die Beerdigung nach der Erinnerung seiner verstorbenen Mutter: "Die Beerdigung sollte ursprünglich in Höhnstedt stattfinden, das Grab war bereits ausgehoben und der Sarg in der Kapelle". Doch der "Staatsverräter" sollte nicht auf dem Gemeindefriedhof, sondern - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - im Reihengrab auf dem Hallenser Gertraudenfriedhof beerdigt werden.

http://www.17juni53.de/tote/krause.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 7. Oktober 2017, 10:17

Edmund Ewald
10.6.1928 - 17.6.1953
gest. um 22.30 Uhr in Halle in der Universitätsklinik


Bild
Hochzeit von Edmund und Ursula Ewald geb. Rammelt (um 1950)


Edmund Ewald wird am 10. Juni 1928 in Darmstadt geboren, am 17. Juni 1953 schließt er sich dem Demonstrationszug der LOWA-Arbeiter an und wird, vermutlich als der Zug die Bezirksverwaltung des MfS passiert, tödlich verletzt. Von diesem Gebäude wird, nach Angabe verschiedener Zeugen, aus einem Hinterhalt in die Menge geschossen. Edmund Ewald ist kein Waggonbauer, über seinen Beruf ist nicht mehr bekannt, als das, was die BDVP dem Standesamt Halle mitgeteilt hat: Er sei "Behördenangestellter". (1)

Allerdings gibt es eine Augenzeugin, die sich sehr gut an ihn erinnert: Sie geht am Außenrand des Demonstrationszuges und wird von dem neben ihr gehenden jungen Mann aufgefordert, mit ihm den Platz zu tauschen, "weil es gefährlich werden kann". Nur wenige Minuten später, als sie nun weiter innen, er außen geht, werden die Demonstranten beschossen, Edmund Ewald bricht zusammen. Mit anderen Demonstranten zieht ihn die junge Frau zunächst in einen Hausflur und bringt ihn dann in die Universitätsklinik, wo er operiert wird, doch bald seinen schweren Verletzungen erliegt.

Der behandelnde Arzt sagt ihr, dass er zwei Totenscheine ausgestellt habe: einen für die offizielle Statistik, einen zweiten, den er im Keller verstecken wolle und worauf vermerkt sei, dass die tödlichen Verletzungen wahrscheinlich durch Dumdumgeschosse verursacht seien. (2) Die junge Frau, die sich dem Toten auf besondere Weise verpflichtet fühlt, sucht auch seine Eltern auf, um ihnen die traurige Nachricht zu überbringen.

Die Beerdigung des "asozialen Elements" (3) findet an jenem Platz des Hallenser Gertraudenfriedhofes statt, wo auch andere unliebsame Opfer des 17. Juni – in Reihe und unter Ausschluss der Öffentlichkeit – beigesetzt werden.4 An diesem Platz hat sie ihn manchmal besucht, den jungen Unbekannten, dem sie ihr Leben verdankt.

http://www.17juni53.de/tote/ewald.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Ari@D187 » 7. Oktober 2017, 13:08

Eine Zusammenstellung der Todesfälle findet sich hier:
-> Link

Ari
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 8. Oktober 2017, 07:36

Horst Keil
8.5.1935 - 28.6.1953
gest. um 4.20 Uhr in Halle in der Universitätsklinik.


Bild

Horst Keil wird am 8. Mai 1935 geboren. Er ist am 17. Juni 1953 gerade achtzehn Jahre alt und will in diesem Sommer seine Malerlehre abschließen.

Am Nachmittag, als die Berufsschule aus ist, geht er mit seinen Freunden durch die aufgewühlte Innenstadt. Nach der abendlichen Kundgebung auf dem Hallmarkt schließt er sich dem Demonstrationszug an, der durch die Stadt und später über den Robert-Franz-Ring eine Richtung nimmt, die seinem Heimweg nahe kommt. Der Zug passiert gegen 20.15 Uhr friedlich die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit, als plötzlich, ohne Vorwarnung, aus dem Keller des Gebäudes geschossen wird.

Der Zug sprengt auseinander, die Demonstranten ergreifen panisch die Flucht. Keils Schulkamerad Hans Große erinnert sich, dass er mit anderen Teilnehmern über Büsche und einen Zaun auf der anderen Straßenseite gesprungen sei und unten am Saale-Ufer Schutz gesucht habe. Am nächsten Tag erst habe er erfahren, dass Horst Keil verletzt worden sei. (1) Peter Bohley berichtet, dass die Demonstranten aus einem Hinterhalt beschossen worden seien, unmittelbar vor ihm habe sich ein gelbes Nicki plötzlich rot gefärbt, der Verletzte sei mitgeschleift und in der nächsten Praxis, bei einem Kinderarzt, abgeliefert worden. (2)

Weder in den Berichten der SED-Bezirksleitung und der Bezirksparteikontrollkommission noch in den Meldungen der Polizeibehörde oder des MfS findet sich heute ein Hinweis auf die Schüsse am Robert-Franz-Ring. Wer sie auf wessen Befehl, mit welcher Absicht abgegeben hat, bleibt im Dunkeln. Ihre Wirkung verfehlen die Heckenschützen nicht, sie verbreiten Angst und Schrecken unter den flüchtenden Demonstranten. Mit den wenigen, die danach noch weiterziehen, hat die Polizei leichtes Spiel.

Horst Keil stirbt am 28. Juni in der chirurgischen Uniklinik. Sein Bruder, Gerhard Keil, erinnert sich: "Eine Todesanzeige in der Zeitung wurde nicht erlaubt, und auch zu seiner Beerdigung auf dem Getraudenfriedhof sollte möglichst niemand erscheinen. Ganz konnte das jedoch, selbst unter den wachsamen Blicken der anwesenden Stasileute, nicht verhindert werden." (3) - Horsts Lehrmeister und einige Klassenkameraden waren auch zur Beerdigung gekommen und wurden aus der Ferne beobachtet. Die Sterbefallanzeige enthält als Todesursache den Vermerk "Oberbauchdurchschuss". Ein Grabstein durfte erst später gesetzt werden.

http://www.17juni53.de/tote/keil.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 10. Oktober 2017, 10:58

Karl Ruhnke
17.7.1891 - 17.6.1953
gest. um 20.00 Uhr in Halle am Thielenbahnhof (Oberer Bahnhofsvorplatz)


Bild
Karl Ruhnke und seine Frau


Karl Ruhnke wird am 17. Juli 1891 geboren, er ist 61 Jahre alt und Beamter der Bahnpost, als er sich am Abend des 17. Juni 1953 auf den Weg macht, um seine Nachtschicht anzutreten. Auf dem von Kriegsschäden schwer gezeichneten "Thälmannplatz" versuchen Demonstranten, das "weiße Haus" zu stürmen, den Sitz der SED-Kreisleitung Halle. Sie werden von Betriebsschutz und Volkspolizei mit gezogenen Pistolen erwartet.

Mehrere Schüsse peitschen über den Thälmannplatz. In der offiziellen Mitteilung der Polizei sind das Warnschüsse, andererseits melden interne Berichte, dass mindestens zwei Personen angeschossen worden seien. Karl Ruhnke trifft es so schwer, dass er noch auf dem Weg in die Klinik stirbt: als ein offenbar Unbeteiligter, der, wie die Polizei bald ermittelt hat, den ganzen Tag zu Hause war, und nichts provokatorisches im Schilde führte, als er die Wohnung verließ.

Hier greift keine der gängigen Sprachregelungen. Spuren von Unsicherheit finden sich in den Dokumenten. Da heißt es: "In der Nähe der Kreisleitung am Thälmann-Platz wurde er durch" - hier stockt der Schreiber, streicht das Wort "durch" und setzt fort "angeschossen und verstarb später". (1)

In einem polizeilichen Fernschreiben vom 21. Juni wird von besonderen Vorkommnissen auf dem nächtlichen Südfriedhof berichtet, eine makabere Realsatire: Da wird nach Mitternacht ein Volkspolizist vor der Leichenhalle, in der auch Karl Ruhnke aufgebahrt ist, von einem Katapultgeschoß getroffen. "Durch den anderen Genossen wurden mehrere wahllose Schüsse in die Dunkelheit abgegeben, da er nichts erkennen konnte."

Da hört ein Genosse der VP eine Flüsterstimme von der Mauer her. "In der Annahme dass es sein Zugführer sei, begab er sich nach dort und erhielt einen Schlag gegen den Kopf." - Nun wird die Friedhofsmauer umstellt. "Vom Absuchen des Friedhofsgeländes mußte zunächst Abstand genommen werden, da das Einsatzkommando keine Taschenlampen mitführte."

Immerhin gelangt man zu einer messerscharfen Folgerung: "In der Leichenhalle des Friedhofes liegt zur Zeit ein Leichnam (gestrichen: von den Toten, die am 17.6. zu Stande gekommen waren) eines Provokateurs vom 17.6.1953. Es liegt also auf der Hand, dass diese Provokation mit der vorgesehenen Beisetzung in Zusammenhang zu bringen ist."

http://www.17juni53.de/tote/ruhnke.html
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