War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 18. Juni 2017, 12:00

Alarmstufe „Hornisse". Die geheimen Chef-Berichte der Volkspolizei über den 17. Juni 1953

Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei
Schwerin
Abteilung: Chef der BDVP

Karl-Marx-Str. 1
Hans-Kahle-Haus
Fernruf: 5301/ App.

Aktenzeichen: Kn/He.
Schwerin, den 27. Juni 1953

An die
Deutsche Demokratische Republik
Ministerium des Innern
Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei
- Sekretariat -
B e r l i n W 8
Glinkastraße

Betr.: Auswertung der Ereignisse seit dem 16.6.1953
Bezug: FS Nr. 581 vom 21.6.1953 der HVDVP, Termin: 30.6.53

Vorbemerkung

Am 16.6.1953 fand in der BDVP Schwerin eine Besprechung mit den Amtsleitern, den Abteilungsleitern K und PM statt, wo die Auswertung der Chefbesprechung v. Sonnabend, den 13.6.53, vorgenommen wurde, die die Dienstanweisung Nr. 24 u. 25/53 behandelt und insbesondere anhand konkreter Unterlagen zu den ungerecht vorgenommenen Festnahmen Stellung genommen wurde. Einige Erscheinungen, insbesondere in Dörfern, wo vorwiegend oder teils Großbauern vorhanden sind, waren feindliche Einstellungen zu verzeichnen. [sic!] Den Tagungsteilnehmern wurde aufgezeigt, daß das Kommunique des Politbüros und der Regierung kein Freibrief für Verbrecher und sonstiges Gesindel ist und daß solche Erscheinungen aufs Schärfste bekämpft werden müssen.

Im Verlauf der Arbeitsbesprechung wurde bekannt, daß sich in Güstrow die Belegschaften von der Firma Bruchhäuser (Möbelfabrikation) und Autowerkstatt Dehn sowie ein Teil Passanten aus dem Kleinbürgertum vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatten, um die Freilassung des nach Befehl 149/52 inhaftierten Betriebsinhabers zu fordern. Dieses Vorkommnis wurde gleich in der Besprechung ausgewertet und darauf hingewiesen, daß auch in den anderen Kreisen solche Erscheinungen auftreten können. Den Amtsleitern wurde die Richtlinie gegeben, die Wachsamkeit aufs Höchstmaß zu verstärken, auf alle, auch die kleinsten Erscheinungen zu achten, sich nicht provozieren zu lassen, taktisch richtig vorzugehen, die engste Verbindung mit der Kreisleitung der Partei zu halten, zäh und beharrlich darum zu kämpfen, daß in solchen Fällen Agitatoren eingesetzt werden und jede Erscheinung sofort der BDVP zu melden ist.

Punkt 1) Provokationen im Bezirk

Die ersten Signale von Unruhen machten sich, wie eingangs kurz hingewiesen, am 16.6.53 in Güstrow bemerkbar. Um 09.00 Uhr morgens hatten sich einschließlich der Belegschaften der oben genannten Betriebe ca. 4 bis 500 Personen angesammelt. Es wurde Anweisung erteilt, sämtliche verfügbaren Kräfte der VP im Amt zusammenzuziehen, Angehörige der Kriminalpolizei in Zivil unter die Demonstranten zu schicken, um den Charakter der Demonstration schnellstens zu erforschen, mit der Partei sofort Verbindung aufzunehmen und Agitatoren einzusetzen. Das Vorkommnis wurde gleichfalls sofort der Bezirksleitung der Partei mitgeteilt.


weiter mit dem längeren Beitrag geht es hier:
http://www.17juni53.de/karte/schwerin/bdvp.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 23. Juni 2017, 11:01

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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 4. Juli 2017, 13:28

„Werner, lass das Schießen sein ...“

Werner Wagner ist ( 2003 ) 67 Jahre alt und noch immer eine Frohnatur. Weder sein schweres Arbeitsleben im Waggonbau konnten das ändern, noch die Autobahn A 4, die sich seit Jahren nur einen Steinwurf neben seinem Haus in der Lausitz breit macht. Dieser Tage beim Fernsehen trieben Erinnerungen dem gestandenen Mann aber doch Tränen in die Augen. „Was da manche durchmachen mussten“, sagt er und meint einen Film über den 17. Juni 1953, den er gesehen hat.

Werner Wagner weiß, worüber er spricht. Vor 50 Jahren war er selbst in der Gewalt kasernierter Volkspolizisten. „Erschießen wir ihn jetzt oder später?“, so hörte er als 17-Jähriger die blau Uniformierten reden. – „Die meinten das ernst, ich hatte furchtbare Angst“, erinnert er sich an jene Tage, die er als Lowa-Arbeiter in Niesky erlebte.

Der Bus kam nicht, aber Hunderte Menschen

Eigentlich wollte Werner Wagner am 17. Juni 1953 wie jeden Tag nach der Schicht heim. Kurz nach 15 Uhr wartete er am Zinsendorfplatz auf den Bus. Der kam nicht. Dafür kamen Hunderte Menschen von der Fabrik draußen auf der Hauptstraße in die Stadt. Schon vor dem Mittag hatten sich viele in der Fabrik versammelt und die Arbeit niedergelegt. Dem Werkleiter und dem 1. SED-Kreissekretär war es nicht gelungen, den Streik abzuwenden. Ein Mann namens Heinz Sachsenröder aus Leipzig, den Werner Wagner nicht kannte, sprach zu den Arbeitern. Er kam aus Berlin, berichtete über den Streik und mobilisierte die Menge. Freie Wahlen forderte er und die Senkung der HO-Preise. Unter den Nieskyer Arbeitern gärte es bereits, als die Streiknachricht von Berlin bis in die sächsische Provinz vordrang.

Bald schon stand Werner Wagner am Rathaus mitten in der Menge und sah, wie junge Leute Plakate und Transparente abrissen. Einige Demonstranten zogen weiter zur SED-Kreisleitung. Dort wurde der SED-Kreischef ausgebuht und flüchtete schließlich ins Volkspolizeikreisamt. Von dort kamen erst ein Polizeiauto, dann ein Feuerwehrwagen, und Werner Wagner gehörte zu denen, die die Fahrzeuge aufhielten und am liebsten umgeworfen hätten. „Aber das schafften wir nicht“, weiß er noch.

Für Stunden entglitt dem Staat die Macht


In der Nieskyer Stasi-Kreisdienststelle rechneten die Genossen Tschekisten offenbar schon mit dem Schlimmsten. Als Putzfrau Frieda S. morgens um 7 Uhr ihren Dienst antrat, wurde schon vom Streik in der Lowa und vom Aufstand in Görlitz gesprochen. Eilig ließ der örtliche MfS-Chef seine Urlauber zum Dienst holen. Zu zehnt verschanzten sie sich, so gut sie konnten. Waffen wurden verteilt. Zwei Stunden hätten sie gegen eintausend Menschen die Stellung gehalten, berichten die Stasi-Männer später, wohl auch, um sich für die Schmach zu rechtfertigen.

Als Werner Wagner zur MfS-Villa kam, sah es dort schon reichlich wüst aus. Aus dem Keller stieg Rauch. Fensterscheiben klirrten. Hunderte Menschen standen im Garten vor dem Haus und wollten rein. Auch diese Burg der Staatsmacht war dabei zu fallen. Mit einem zwei Meter langen Rundholz stießen die Männer schließlich das Haupttor ein. Die anrückende Polizei konnte nichts machen. „Wir lassen uns doch nicht einschüchtern“, rief der Fotograf Lothar Markwirth, der später als „Rädelsführer“ des Nieskyer Aufstandes hingestellt wird. Mit Knüppeln warf die Menge nach Polizisten. Erst Warnschüsse beruhigten die Lage.

Zwei Männer standen sich plötzlich gegenüber: Der MfS-Mann Werner Hilbig. Er hat seinen Karabiner auf den Vulkanisierer Willy Kasper gerichtet. Beide kannten sich, hatten in der gleichen Lehrfirma mal die Schulbank gedrückt. „Werner, lass das Schießen sein ... Gib das Gewehr her“, sagte der Arbeiter zu dem MfS-Mann. Das Gewehr wechselte für einige Stunden den Besitzer. Gerade so, wie dem Staat in Niesky für einige Stunden die Macht aus der Hand glitt. Kasper entlud es sofort. Die MfS-Leute sagten später, die Gewehre seien ihnen aus der Hand gerissen worden. Dass sie nicht schossen, wird den Stasi-Leuten später schwer vorgeworfen.

Dem Stasi-Chef auf den Hintern geschlagen

Einzeln wurden die Stasi-Leute schließlich aus der Villa gebracht. Einem im braunen Anzug schlug Werner Wagner auf den Hintern. Dem Nieskyer MfS-Chef Karl Schulze persönlich hatte der 17-Jährige einen drübergezogen. Aber auch das erfuhr er erst später. Der 47-jährige MfS-Oberleutnant und zwei seiner Männer mussten eine Demütigung hinnehmen, die in die Geschichte des 17. Juni 1953 als einmalig eingegangen ist. Die wütende Menge sperrte die MfSler für Stunden in den leeren Hundezwinger der Dienststelle. Als Stasi-Putzfrau Frieda, die in der HO für die Genossen einkaufen musste, zur Kreisdienststelle zurückkam, standen Näpfe mit Hundefutter vor den Hütern des Staates.

Stundenlang suchten Werner Wagner und viele andere in der Villa nach Häftlingen, die hier vermutet wurden. „Gefunden haben wir keine“, erinnert er sich heute.

Am Abend hatte der Junge zu Hause viel zu erzählen. „Alle waren neugierig, so etwas hatten wir bisher nie erlebt, Böses dachte ich dabei nicht“, sagt er. Bis am übernächsten Tag ein Polizist vor der Tür stand. Viereinhalb Stunden lang, so verzeichnet es das Protokoll, wollte die Polizei wissen, was der 17-Jährige gemacht hatte. Seine Schilderung genügte der Staatsmacht, um ihn zu verhaften.

So gehörte Werner Wagner zu den 16 Nieskyern, die die Härte des Regimes spüren sollten, das sie angegriffen hatten. Heute geben bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Dresden 19 Aktenbände Auskunft über ihr Martyrium. Der „Untersuchungsvorgang Nr. 88/53“ berichtet über „Markwirth u. 15 Andere“.

Weiter geht es hier:
http://www.sz-online.de/nachrichten/wer ... 58005.html

Ein interessanter und teilweise auch amüsanter Bericht.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 26. Juli 2017, 10:24

Vierzehnjähriger Schüler am 17.6.1953 von der Volkspolizei erschossen.


Rudi Schwander
3.8.1938 - 17.6.1953
gest. am frühen Abend im West-Berliner Lazarus-Krankenhaus


Rudi Schwander wird am 3. August 1938 in Berlin geboren. Er lebt im Ostsektor und ist vermutlich Schüler der Klasse 7b an der 25. Schule. (1)

In den Abendstunden des 17. Juni, kurz nach 18.00 Uhr, ist der 14jährige dabei, als in der Rheinsberger Straße Volkspolizisten von einer Menge zunächst aufgefordert werden, ihre Waffen wegzuwerfen und sich zu ergeben, dann mit Steinen beworfen werden, ohne dass allerdings jemand getroffen worden sei.

Ein Augenzeuge berichtet, dass daraufhin Feuerbefehl erteilt worden sei und die Volkspolizisten mit ihren Pistolen blindlings in die Menge geschossen hätten. "Die Demonstranten rannten auseinander und versuchten, in den Westsektor zu gelangen. Ich hatte in einem Hausflur Deckung gesucht. Von dort aus sah ich einen Jungen auf der Straße liegen, der offenbar getroffen worden war. Er blutete heftig am Kopf, und ich versuchte nun, ihn in den Westsektor zu bringen. Ich rief den Volkspolizisten zu, sie sollten das Feuer einstellen, weil ich den Verletzten bergen wollte, doch diese schossen weiter. Es gelang mir trotzdem, den Jungen bis zur Schönholzer Straße zu bringen und dort an den Rinnstein zu legen. Der Schuss musste in den Hinterkopf gegangen und an der Stirn wieder herausgetreten sein. Um den Blutverlust einzudämmen, drückte ich eine zeitlang meine Hand auf die Stirnwunde. (…) Auf unsere Rufe kam ein Omnibus des Zollgrenzdienstes, der in der Nähe stand, herbei gefahren und wir hoben den Jungen in den Wagen hinein. (…) Der kopfverletzte Junge bewegte sich auf der Fahrt zum Lazarus-Krankenhaus zwar noch, er kam aber überhaupt nicht mehr zu sich. Im Lazarus-Krankenhaus bemühte sich sofort ein Arzt um ihn. Dieser Arzt sagte gleich, dass hier nichts mehr zu machen sei." (2)

Die West-Berliner Tageszeitung "Der Kurier" berichtet am 18. Juni von schweren Zwischenfällen an der Grenze zwischen sowjetischem und französischem Sektor. In der Chausseestraße hätten Demonstranten eine Polizeiwache gestürmt. Die Vopo habe von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Der sechzehnjährige Werner Sendsitzky aus dem Westsektor und der vierzehnjährige Rudi Schwander aus dem Ostsektor seien getötet worden. (3)

Rudi Schwander wird nach der Trauerfeier des West-Berliner Senats auf dem Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus Schöneberg am 23. Juni 1953 auf dem Friedhof Seestraße beigesetzt.

http://www.17juni53.de/tote/schwander.html
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 8. August 2017, 09:23

Der Sturm auf das Walter-Ulbricht-Stadion - Konterrevolution im Wembley des Ostens

Vor 60 ( heute 64 ) Jahren machte der Volksaufstand des 17. Juni 1953 nicht vor den Stadiontoren halt. Erboste Bürger der DDR stürmten das Walter-Ulbricht-Stadion, seinerzeit Wahrzeichen des maroden SED-Staates.

Bild

Der 17. Juni 1953 ist eines der wichtigsten Daten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Aufstand der DDR-Bevölkerung gegen die SED-Machthaber machte der Partei deutlich, dass sie nicht einhellig auf den Rückhalt der Menschen im Lande bauen konnte. Die Unzufriedenheit hatte sich im Frühjahr 1953 in der DDR-Bevölkerung angestaut. Zunehmende Einschränkung der politischen Freiheiten, Konsumgütermangel und die Erhöhung der Arbeitsnormen durch die SED hatte zu einer Unzufriedenheit in der DDR geführt, die durch die vergleichsweise höheren Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik noch verstärkt wurden. Es formierte sich in den Morgenstunden des 17. Juni 1953 eine Streikwelle, die in einem Protestzug durch die Stadt mündete. Die Proteste richteten sich zunächst gegen die hohen Arbeitsnormen, nahmen aber auch schnell politische Forderungen wie freie Wahlen oder die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten an. Doch die Hoffnungen der Protestierenden wurden schnell zunichte gemacht. Sowjetische Panzer zerstreuten den spontanen Protest der Demonstranten mit militärischer Gewalt. Über fünfzig Menschen wurden getötet und Tausende verhaftet. Im Schatten dieser Proteste entlud sich der Volkszorn auch an Personen und Symbolen des SED-Staates.

Zerstörung, Plünderung und Brandstiftung

In den Nachmittagsstunden des 17. Juni 1953 schrecken die Sportler im Walter-Ulbricht-Stadion aus ihrer Trainingsroutine hoch. Im Pförtnerhaus des Stadions gehen Fensterscheiben zu Bruch. Mehrere Hundert aufgeregte Menschen dringen ins Stadion ein. Die trainierenden Sportler sind von der Lautstärke und den Drohgebärden der Masse eingeschüchtert. Erste Brandherde sind auszumachen. Der Platzwart befürchtet gewalttätige Auseinandersetzungen, Zerstörung, Plünderung und Brandstiftung. Sogar die Schläuche der Rasenbewässerung werden von den Eindringlingen entwendet. Der Platzwart ruft die Volkspolizei, die allerdings auf sich warten lässt. Beschwichtigend reden derweil einige anwesende Sportler auf die Eindringlinge ein, stellen sich gar der wütenden Menschenmasse in den Weg, um sie von einer Zerstörung der Stadionränge und Umkleidekabinen abzuhalten. Die Situation eskaliert als die herbeigerufene Volkspolizei mit einer ersten Einheit eintrifft. Die aufgeregte Menge greift zu Steinen und fängt ein Scharmützel mit den Polizisten an.

Daraufhin rückt die Volkspolizei mit einem weiteren Trupp in Verstärkung durch die Sowjetarmee an. Bald wird die Situation durch die Sicherheitskräfte beherrscht - die Menschenmenge flieht vor der militärischen Übermacht aus dem Stadion.

Das Stadion war für die Demonstranten ein politisches Symbol. Im Zeichen sowjetischen Personenkults war die Sportstätte nach SED-Chef Walter Ulbricht benannt, der als ehemaliger Arbeiter-Turner mit der populären Kraft des Sports die Bevölkerung für das diktatorische Regime einzunehmen suchte. Gedacht war das Areal nicht allein für sportliche Zwecke: Da der 1949 gegründete Staat über keine Arena für öffentlichkeitswirksame Massenveranstaltungen wie das im Westteil Berlins gelegene Olympiastadion verfügte, hatte die SED das alte Polizeistadion Mitte umgebaut. Innerhalb weniger Monate errichtete die junge DDR, mit der demonstrativen Mobilisierung zahlreicher »freiwilliger Helfer« aus der Bevölkerung, im Jahr 1950 an der Sektorengrenze zu West-Berlin das Walter-Ulbricht-Stadion und weihte es mit großem politischen Pomp zum Deutschlandtreffen der FDJ ein. Nun entlud sich der geballte Volkszorn gegen die kommunistischen Machthaber an dem protzigen Monument des SED-Staates.

Auch die sportliche Nutzung des Stadions war stets von den Folgen der deutschen Teilung überschattet. Beim ersten DDR-Pokalfinale im Fußball 1950 blieb das 70.000 Zuschauer fassende Rund mit 15.000 Zuschauern nur spärlich besucht. Auch der Oberliga-Fußball war im Walter-Ulbricht-Stadion kein garantierter Kassenschlager. Die einstigen Berliner Erfolgsmannschaften Union Oberschöneweide und VfB Pankow, die nun ihre Punktspiele teilweise im neu erbauten Stadion in Berlin-Mitte austragen sollten, wurden von den Zuschauern nicht angenommen.

Die beiden durch Flucht ganzer Mannschaftsteile in Richtung West-Berlin geschwächten Teams hatten den politisch schwierigen Auftrag den Regierungssitz und die Hauptstadt der DDR zu vertreten, weshalb sie von den SED-Oberen kräftig protegiert wurden. Die Ost-Berliner Zuschauer zogen es jedoch an den Wochenenden zuhauf vor, den Traditionsfußball jenseits der Sektorengrenze in der West-Berliner Vertragsliga zu besuchen. Und so nutzten anfangs vornehmlich die Leichtathleten das Stadion, eine der modernsten Multifunktionsarenen jener Zeit. Auch für den Radsport war das Rund als Ankunftsort der beliebten Friedensfahrt vorgesehen.

https://www.11freunde.de/artikel/vor-60 ... ht-stadion
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Interessierter » 11. August 2017, 11:48

Mielkes Mission

Karabiner und Panzerspähwagen für die Volkspolizei, Kampfgruppen in die Betriebe und FDJ’ler zur Stasi: Wie die Sicherheitskräfte der DDR nach dem 17. Juni aufgerüstet wurden

Für Stunden hatte die SED die Macht bereits verloren: Durch die Straßen der Berliner Innenstadt zogen hunderttausend Menschen und forderten den Rücktritt der Regierung, das Politbüro musste in das sowjetische Hauptquartier nach Karlshorst evakuiert werden. Als Walter Ulbricht am Mittag des 17. Juni im Zentralkomitee anrief, erfuhr er, dass die Demonstranten gerade dabei seien, die Parteizentrale zu erstürmen. Der Generalsekretär wurde bleich und brachte nur noch eins hervor: „Aus“.

Die Volkserhebung am 17. Juni wurde zum Trauma der SED-Führung. Nie wieder war sie so machtlos wie an diesem Tag. Die aufbegehrende DDR-Bevölkerung hatte insgesamt 140 Partei- und Verwaltungsgebäude gestürmt. Selbst Polizeidienststellen und Gefängnisse waren vielerorts in ihre Hände gefallen. Die Sicherheitskräfte waren völlig überfordert gewesen und hatten oft genug die Flucht ergriffen. Wenn die sowjetischen Truppen nicht eingegriffen hätten, wäre das Regime am Ende gewesen.

10 000 Karabiner für die Polizei


Nach der Niederschlagung des Volksaufstands setzte die SED alles daran, eine Wiederholung auszuschließen. In der DDR begann eine systematische innere Aufrüstung - bei Polizei, Armee und Staatssicherheitsdienst. Schon wenige Tage nach der Erhebung verlangte der Chef der Deutschen Volkspolizei Karl Maron knapp 16 000 zusätzliche Polizisten. Zudem forderte er 4800 Maschinenpistolen, 10 000 Karabiner, 144 Panzerspähwagen und 30 Wasserwerfer – Ausrüstungen, die ihm am 17. Juni gefehlt hatten. Auch die sowjetische Besatzungsmacht, die die Wünsche der Deutschen nach mehr Waffen zuvor immer abgelehnt hatte, sah ein, dass die Volkspolizei aufgerüstet werden müsste. Der Krisenstab in Karlshorst schrieb nach Moskau: „Sie ist mit modernen Waffen auszurüsten, einschließlich Schützenpanzerwagen, Panzerspähwagen und Kommunikationsmitteln.“ Die Volkspolizei erhielt 14 000 neue Planstellen.

Auch die DDR-Armee, damals noch als „Kasernierte Volkspolizei“ getarnt, sollte die Macht der SED sichern. „Aus den derzeitigen kasernierten Polizeieinheiten“, so der Krisenstab, „sind ausreichend starke mobile Bereitschaftstruppen der Volkspolizei zu schaffen, die fähig sind, ohne Hilfe sowjetischer Truppen die Aufrechterhaltung von Ordnung und Ruhe in der Republik zu gewährleisten.“ Die über 100 000 Soldaten, die am 17. Juni kaum zum Einsatz gekommen waren, bekamen Wasserwerfer und eigene Munition. Gezielt wurden sie in Gebieten stationiert, in denen die Unruhen am größten gewesen waren.

Aufgerüstet wurde auch in den Betrieben. Um Streiks und Proteste schon im Keim zu ersticken, beschloss die SED im Juli 1953, die in einigen Werken existierenden „Arbeiterwehren“ zu straff organisierten „Kampfgruppen“ auszubauen. Die Einheiten wurden von Offizieren ausgebildet und konnten vom Betriebs-Parteisekretär jederzeit zum Einsatz befohlen werden. 1957 gab es bereits 150 000 bewaffnete Kämpfer.

Das Ziel dieser Maßnahmen machte Erich Honecker im Januar 1957 in einer Rede vor dem Zentralkomitee unmissverständlich klar. Zwei Monate nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes schärfte er den Genossen ein: „Wir tragen eine große Verantwortung dafür, dass die bewaffneten Kräfte unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht, die Nationale Volksarmee, die Deutsche Volkspolizei und die Kampfgruppen der Arbeiterklasse, zu jeder Zeit in der Lage sind, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kräften die Ruhe und Ordnung sicherzustellen und eventuelle Provokationen im Keime zu ersticken, zu unterdrücken und zu zerschlagen.“

Nach Meinung der SED sollte es jedoch gar nicht erst so weit kommen. Die Geheimpolizei sollte Proteste vielmehr schon im Vorfeld erkennen und verhindern. Dem Ministerium für Staatssicherheit warf Ulbricht damals vor, „im Kampf gegen die feindlichen Agenturen völlig versagt“ zu haben. Es habe über keinerlei Anhaltspunkte verfügt, die „auf die groß angelegte feindliche Provokation hingewiesen“ hätten.

Das Trauma des 17. Juni sollte die SED nie mehr loslassen. Während der Bevölkerung die Erinnerung an den Aufstand gründlich ausgetrieben wurde, war sich Stasi-Minister Mielke bis zum Ende bewusst, dass die SED an diesem Tag beinahe ihre Macht verloren hatte. Als im Sommer 1989 DDR-Bürger in Scharen ihr Land verließen, fragte er seine Generäle besorgt: „Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?“ Es erscheint wie ein Wunder, dass die Diktatur der SED trotz aller Sicherheitsvorkehrungen nur wenig später wie ein Kartenhaus zusammenbrach.

Den vollständigen Beitrag findet man hier:
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ ... 22964.html

Für mich persönlich ist der 17. Juni immer ein Feiertag geblieben, an dem auch der vielen Opfer dieses Aufstandes zu gedenken ist.
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon Ari@D187 » 11. August 2017, 20:03

War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend, war der 17. Juni ein Sturm im Wasserglas.

Ari
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Re: War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Beitragvon augenzeuge » 11. August 2017, 21:44

Ari@D187 hat geschrieben:
War der 17. Juni 1953 eine Erhebung oder eine Revolution?

Die politischen Rahmenbedingungen, in Bezug auf Deutschland als Ganzes, betrachtend, war der 17. Juni ein Sturm im Wasserglas.

Ari


Provozieren ohne Begründung? Im Vergleich zu dem, was 1989 die Wende einleitete, stimmt diese Einschätzung ganz und gar nicht.

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