Kennt noch einer Erik Neutsch?

Die Ecke für dies und das...

Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon augenzeuge » 5. Januar 2013, 18:55

Auf der Suche nach Gatt“ (1973) kennt jeder, der in der DDR aufgewachsen ist. Erik Neutsch, 81, einer der bekanntesten DDR-Schriftsteller, lebt und arbeitet im Hallenser Stadtteil Dölau. Und er schreibt noch....

Aber seine Bücher über die DDR lesen nicht mehr viele, man findet sie kaum in Buchhandlungen. "Wer will schon befördern, dass über Sozialismus noch länger nachgedacht wird?" sagt er.

Leichter greifbar ist ein Ereignis der letzten Tage: Der Erik-Neutsch-Preis wurde verliehen, ein Literaturpreis für junge Erzähler, die Schicksale in sozialen Prozessen beschreiben. Ausgelobt hatte ihn die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die zahlte eine Hälfte des Preisgeldes, Neutsch die andere.

Die Wende war für ihn eine Konterrevolution, obwohl er in der späteren DDR seine Ideale nicht mehr erkennen konnte. Anfangs standen einige Werke auf dem Index, z.B. Spur der Steine. Und seine dicke Stasi-Akte, zusammengetragen von 15 Spitzeln, betrachtet er auch als Ohrfeige seines Tuns.

Aber er schreibt weiter über das Experiment Sozialismus. Mag sein, dass das jetzt keiner lesen will, aber irgendwann“, so ist er sich sicher, „fragt man, was damals eigentlich passiert ist“. Unbeirrbar werden es die einen nennen, unbelehrbar die anderen.

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ ... -lebt.html

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Nov65 » 5. Januar 2013, 19:54

Jeder, der in der DDR Bücher las und jeder, der Filme mit leicht-kritischem Inhalt mochte, kennt E. Neutsch. Im Film "Spur der Steine"( Roman von Neutsch) spielte Manfred Krug den Zimmerer-Brigadier Balla.
Dieser Film wurde wegen einiger DDR-verquerer Inhalte vom Spielplan genommen. Das war damals im Berliner Filmkino "International".Ich war damals Grenzer in Berlin.
Wie wohl Krug über Neutsch`Festhalten am Sozialismus denken mag? Wie wohl über die Wende als Konterrevolution bezeichnet?
Gruß, Andreas
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon pentium » 5. Januar 2013, 20:17

Stimmt. Ich kann meinem Vorschreiber nur zustimmen.
Wobei mein Favorit der „Friede im Osten“ ist.
Neutsch beginnt das auf sechs Bände angelegte Romanwerk "Der Friede im Osten", das vor dem historischen Hintergrund der Jahre 1945 bis 1990 die Entwicklung seiner Generation beschreiben will. Es erscheinen "Am Fluß" (1974), "Frühling mit Gewalt" (1978), "Wenn Feuer verlöschen" (1985) und "Nahe der Grenze" (1987).
Neutsch läßt eine im Druck befindliche Neuauflage des Bandes "Nahe der Grenze" stoppen, da darin die Rolle der Warschauer Pakt-Staaten um den Prager Frühling nicht richtig dargestellt sei.

MfG
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Janko » 6. Januar 2013, 19:07

Nov65.......Festhalten am Sozialismus denken mag?



Eigentlich schreibt er das doch, zumindest versteh ich ihn so, dass es doch gestattet sein darf über den Sozialismus weiter nachzudenken. Trotz seiner Kritik die er geübt und seinen Unannehmlichkeiten die er in der DDR gehabt hat, ist er eben kein Opportunist.
Ein Festhalten .."am Sozialismus, nach Prägung der DDR, erzeugte bei ihm genauso einen Widerwillen. Im übrigen wird es ihm vermutlich schei....egal sein was Krug darüber denkt.
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Nov65 » 6. Januar 2013, 19:19

Janko hat geschrieben:Nov65.......Festhalten am Sozialismus denken mag?



Eigentlich schreibt er das doch, zumindest versteh ich ihn so, dass es doch gestattet sein darf über den Sozialismus weiter nachzudenken. Trotz seiner Kritik die er geübt und seinen Unannehmlichkeiten die er in der DDR gehabt hat, ist er eben kein Opportunist.
Ein Festhalten .."am Sozialismus, nach Prägung der DDR, erzeugte bei ihm genauso einen Widerwillen. Im übrigen wird es ihm vermutlich schei....egal sein was Krug darüber denkt.


Hi @Janko,
ich kenne ja nicht das Verhältnis von Neutsch zu Krug, habe auch die Fragen nur mit Bezug zu Krug gestellt.Verstehe Deine Barschheit also nicht. Natürlich kann man über den Sozialismus auch heute noch nachdenken, über den Sozialismus der DDR, na ja. Mich verwundert aber Neutsch´s Feststellung, der "Volksaufstand" sei eine Konterrevolution gewesen.
Gruß, Andreas
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon pentium » 21. August 2013, 18:03

Autor von "Spur der Steine" Schriftsteller Erik Neutsch ist tot.

Zitat:
Sein Roman "Spur der Steine" zählt mit einer Auflage von mehr als 500.000 Exemplaren zu den bedeutendsten Werken der DDR-Literatur. Nun ist der Schriftsteller Erik Neutsch im Alter von 82 Jahren verstorben.
Der Schriftsteller Erik Neutsch ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 82 Jahren in seiner Wohnung in Halle, bestätigte die Erik-Neutsch-Stiftung eine entsprechende Mitteilung der Zeitung Neues Deutschland.

Neutsch galt als einer der erfolgreichsten Autoren der DDR. Er wurde 1931 in Schönebeck bei Magdeburg geboren und schrieb mit "Spur der Steine" 1964 Literaturgeschichte. Das Buch zählt mit einer Auflage von mehr als 500.000 Exemplaren zu den erfolgreichsten Werken der DDR-Literatur.
In der Verfilmung von "Spur der Steine" vor mehr als 40 Jahren übernahm Schauspieler Manfred Krug die Hauptrolle. Nach der Premiere wurde der Film wegen seiner kritischen Sichtweise auf die DDR aber abgesetzt und erst nach dem Fall der Mauer wieder öffentlich gezeigt.

Neutsch war von 1974 bis 1990 dennoch Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Weitere bekannte Werke sind "Auf der Suche nach Gatt" (1973), "Zwei leere Stühle" (1979), "Claus und Claudia" (1989) und "Der Totschlag" (1994). Die vier Teile seines Romans "Der Friede im Osten" betrachtete Neutsch als sein Hauptwerk. Bis zu seinem Tod hatte er an einem fünften Band gearbeitet.

quelle:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/autor ... -1.1751266

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Hausfreund » 21. August 2013, 18:57

An "Die Spur der Steine" erinnere ich mich noch mit Unbehagen, insbesondere wegen der unübersichtlichen Verschachtelung verschiedener Handlungsstränge. Große Literatur sieht für mich anders aus.
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Wosch » 21. August 2013, 19:13

Hausfreund hat geschrieben:An "Die Spur der Steine" erinnere ich mich noch mit Unbehagen, insbesondere wegen der unübersichtlichen Verschachtelung verschiedener Handlungsstränge. Große Literatur sieht für mich anders aus.



Ist ja klar @Hausfreund. Denkst Du dabei vielleicht an "Aus meinen Leben" von Erich Honecker?
Schönen Gruß aus Kassel, Wosch.
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Hausfreund » 21. August 2013, 19:55

Wosch hat geschrieben:Denkst Du dabei vielleicht an "Aus meinen Leben" von Erich Honecker?[/color]

Dieses Buch (von wem eigentlich?) ist noch wesentlich schlechter, völlig unleserlich. Ich hätte eher an Scholochow gedacht, beispielsweise.

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Wosch » 21. August 2013, 21:08

Hausfreund hat geschrieben:
Wosch hat geschrieben:Denkst Du dabei vielleicht an "Aus meinen Leben" von Erich Honecker?[/color]

Dieses Buch (von wem eigentlich?) ist noch wesentlic schlechter, völlig unleserlich. Ich hätte eher an Scholochow gedacht, beispielsweise.

mfG

Aah, "Der stille Don", und wie wär's mit Solschenizyn?
Ich denke da an " Archipel Gulag".

Aus Kassel,Wosch.
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Hausfreund » 21. August 2013, 21:38

Wosch hat geschrieben:Aah, "Der stille Don", und wie wär's mit Solschenizyn?
Ich denke da an " Archipel Gulag".

Hallo Wosch!

Das ist ein wichtiges, dokumentarisches, Buch (wobei mich der Iwan Denissowitsch mehr beindruckte), aber kein literarisches Werk, in diesem Sinne eher langweilig.

mfG
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon vs1400 » 21. August 2013, 21:43

„Wenn der Wind von Westen herüberweht, was nicht selten geschieht, dann drückt er den Rauch der Fabriken in die Straßen der Stadt, dann bringt er oft Regen mit, einen schmutzigen, klebrigen Regen, der den Ruß aufgesaugt hat und ihn auf das Pflaster, die Dächer, auf die Felder und die Baumkronen legt. Die Sonne brennt danach die Pfützen aus, die der Regen wie Blei in die Dellen schmolz, auf der Erde verdampft die Nässe; und der Ruß, der Schmutz bleiben.“
quelle:http://www.mz-web.de/kultur---medien/halle-schriftsteller-erik-neutsch-ist-tot,20642198,24075616.html

ich hab seine etwas schnotterich wirkende art gemocht.

gruß vs [hallo]
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Hausfreund » 21. August 2013, 21:50

vs1400 hat geschrieben:ich hab seine etwas schnotterich wirkende art gemocht.

Das freut mich!

Ich bin (leider?) nie zu einem richtigen Leser von Neutsch geworden, weil nach der "Spur der Steine" für mich Schluß war. Kein allgemeines Urteil also.
[hallo]
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Spartacus » 22. August 2013, 17:29

Habe den Neutsch auch gemocht, Friede seiner Asche.

Übrigens, wer alte Bücher sucht - egal in welcher Sprache - wird hier fast immer fündig.

http://www.zvab.com/index.do

LG

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Hausfreund » 22. August 2013, 20:59

OT

Mir wurde letztens empfohlent, ältere Bücher kostenlos als eBook zu lesen. Gibt es Erfahrungen dazu?

Dank+ Gruß!
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon zonenhasser » 2. Dezember 2019, 18:01

Spartacus hat geschrieben:Habe den Neutsch auch gemocht, Friede seiner Asche.


„Haß!
Schreit doch den Haß in jede Wohnung,
lernt doch zu hassen ohne Schonung.
Haß!
Tragt ihn hinein in die stillen Gassen,
lehrt auch die Blumen, heiß zu hassen.
Haß!
Allerorts und zu jeder Stunde,
Haß auch in trauter Kaffeerunde.
Haß!
Sei jetzt mein Freund, sei mein Gefährte,
führe die Hand an meinem Schwerte.
Haß!
Kehre in meine Feder wieder,
werde das Lied jetzt aller Lieder.
Haß!
Und keine Liebe? Keine Liebe!
Haß nur übt die Vergeltung! 'Übe!'“
Haß!
Denn sie haben einen erschlagen,
einen von uns in diesen Tagen
Haß!
Seinen Peinigern, seinen Mördern,
denen, die die Totschläger fördern
Haß!
Und es erhebt sich in heißem Hasse
gegen den Klassenfeind die Klasse.

Erik Neutsch in der "Freiheit" aus Halle/Saale vom 6. November 1959

Was war geschehen:

Blutzeuge Krahmann
Pankows Kampagne um den Totschlag in Hannover
Von Fritz Rene Allemann


"Schreit doch den Haß in jede Wohnung, Lernt doch zu hassen ohne Schonung. Haß!"

SED-Blatt "Freiheit", Halle

Ein Mann aus der Sowjetzone, in Hannover zu Besuch, geht abends mit seinem Schwager und ihrem gemeinsamen Gastgeber in die nahe Kneipe. Sie wollen "einen heben". Es bleibt nicht bei einem. Als jeder sieben Bier und sieben Doppelkorn "hinter die Binde gegossen" hat, findet der Wirt im Steinbock die Unterhaltung zu lebhaft für seinen Geschmack Vielleicht paßt es ihm auch nicht, daß das Gespräch ins Politische hinüberzugleiten droht. Er setzt die Ruhestörer kurzerhand vor die Tür.

Dort geraten sie justament in eine Keilerei zwischen Gästen aus anderen Wirtshäusern – auch nicht mehr ganz nüchtern. Der Mann aus der Zone – es ist der Metallarbeiter Otto Krahmann – bekommt von einem jungen Arbeiter versehentlich einen Schlag mit einem schweren Holzknüppel auf den Kopf. Der Schlag war einem anderen Raufbold zugedacht. Krahmann bricht zusammen. Am übernächsten Tag stirbt er im Krankenhaus an einer Gehirnblutung.

Das ist der Hergang eines Ereignisses, das in Hannover nur unauffällig im täglichen Polizeibericht erschien. Das Handgemenge, in das Krahmann ahnungslos hineinstolperte, unterscheidet sich von anderen unguten Allerweltschlägereien nur durch die Tatsache, daß es ein Menschenleben kostete, und dadurch, daß das unglückliche Opfer an dem Streit vor der Wirtshaustür gänzlich unbeteiligt war. Der neunzehnjährige Klempner Günther Achilles, der Krahmann den Schädel einschlug, hatte an dem Disput im Steinbock nicht teilgenommen. Er kannte den Mann überhaupt nicht, dem er den tödlichen Schlag versetzte. Jetzt wird er sich vor Gericht wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang" zu verantworten haben.

Aus diesem bedauerlichen und verhängnisvollen Vorfall hat die kommunistisch gelenkte Zonenpresse den Stoff zu einer Kampagne geholt, die nun schon seit Wochen im ganzen Herrschaftsbereich der SED einen anhaltenden und wohlorganisierten "Aufschrei der Empörung" gegen das angebliche faschistische Rowdytum und die katastrophale Rechtsunsicherheit in der Bundesrepublik zu inszenieren sucht. Krahmann, so wird den "DDR"-Bürgern mit wachsender Lautstärke Tag für Tag in die Ohren geschrien, ist von den "Jagdhunden von Schröder und Strauß" erschlagen worden, "weil er sich zu seinem Staat – zur Deutschen Demokratischen Republik – bekannt hatte". Er ist nicht das Opfer eines Handgemenges, in das er durch einen bösen Zufall hineingezogen wurde, sondern ein "Opfer des Faschismus". In aller Form ist seine Witwe mit den Privilegien ausgestattet worden, die den Hinterlassenen des Nazi-Terrors zustehen.
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon zonenhasser » 2. Dezember 2019, 18:01

Ein Mann aus dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat, so lautet die kommunistische Version, ist von einer "Bande" der "Jungen Union" gemeuchelt worden, weil er es wagte, die Wahrheit zu sagen. Aber die DDR wird die Wahrheit an den Tag bringen, jene Wahrheit, die – laut Neues Deutschland – ein "vernichtendes Verdammungsurteil. über die chauvinistische Hetze der kalten Krieger in Bonn" enthält. Ihnen muß man das Handwerk legen, wenn man verhindern will, "daß aus einzelnen Mordtaten über Nacht ein System des politischen und dann militärischen Massenmordes wird und sich über Europa wieder der Totenkopf der SS erhebt" ...

Die Wahrheit freilich, die Wahrheit ohne kommunistische Anführungs- und Ausrufungszeichen, steht auf einem anderen Blatt: Die Leiche des unglückseligen Otto Krahmann muß nicht nur dazu herhalten, die Demokratie und das rechtsstaatliche System der Bundesrepublik zu diskreditieren, sondern sie soll offenbar vor allem als willkommener Vorwand dienen, die wenigen und zusehends spärlicher werdenden Kontakte zwischen den Menschen von hüben und drüben – den Kommunisten von jeher ein Dorn im Auge – weiter abzudrosseln.

Gerade in diesen Tagen sind neue Maßnahmen der SED und der sowjetzonalen Behörden bekanntgeworden, um Reisen nach der Bundesrepublik weiter zu erschweren und den "Kampf gegen die Republikflucht" zu verschärfen. Diese Maßnahmen sind begreiflicherweise unpopulär. Der "Fall Krahmann" soll sie rechtfertigen: die Sorge um das gefährdete Leben der "Klassenbrüder" zwingt angeblich das Ulbricht-Regime, den Käfig, in dem es seine Untertanen gefangenhält, fester zu vergittern.

Um diesem Manöver wenigstens den Schein der Glaubwürdigkeit zu verleihen und die Unzufriedenheit mit weiteren Einschränkungen auf das Bonner "System" abzulenken, wird das arme Opfer eines Raufhandels zum Märtyrer und Blutzeugen gemacht.

Diese Tendenz zeigte sich schon seit langem. Jeder Zonenagent, der in der Bundesrepublik verhaftet wurde, galt als ein Beispiel dafür, wie "rechtlos" und allen Schikanen ausgesetzt der DDR-Bürger sei, wenn er den Fuß über die Zonengrenze setze. Aber all das hat auf die Mehrheit der Zonenbevölkerung, die nicht aus Dienern der SED besteht, nicht sonderlich abschreckend gewirkt. Da bietet der einfache Arbeiter Krahmann, der nicht einmal der SED ingehörte, ein viel überzeugenderes Demonstrationsobjekt – und darum muß er zum "Opfer des Faschismus" gemacht und sein Fall mit Teufels Gewalt zu einem politischen Skandal hochgetrieben werden: Der Knüppel, der den Besucher aus dem thüringischen Brotterode in Hannover niederstreckte, erhält die Funktion, die Menschen zwischen Elbe, Werra – und Oder-Neiße dazu zu bringen, daß sie sich widerstandslos knüppeln lassen.

Je totaler der totale Staat das Leben und das Denken seiner Untertanen zu regieren und zu reglementieren bestrebt ist, desto weniger kann er offene Grenzen brauchen: er muß sich selbst und alle, die ihm unterstehen, mehr und mehr von der Umwelt absondern, in die sein Arm nicht hineinreicht. Daß das Sowjetzonen-Regime diese Logik erkennt und nach ihr zu handeln sucht, liegt offen zutage, seit es eine "DDR" gibt. Aus eben diesem Grund sucht das Regime, das "Berliner Loch" zu verstopfen und alle Luftklappen zu verschließen, durch die seine Bürger noch einen Hauch von dem einatmen können, was außerhalb des SED-Gefängnisses vor sich geht.

In den Dienst dieser Absicht wird auch der tote Krahmann gestellt: Mit seinem Leichentuch will die regierende Schicht ihre Politik der bewußt und systematisch betriebenen Selbstisolierung moralisch drapieren.

Die Propaganda der Ulbrichts ist in der Wahl ihrer Mittel nie wählerisch gewesen. Mit dem Tamtam um den angeblichen "Mord" von Hannover indessen haben ihre Fälschungen ein Maß an Heuchelei erreicht, das schwer zu überbieten ist.

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon augenzeuge » 2. Dezember 2019, 19:37

Sehr interessant. Hoffentlich liest es auch der Richtige. [angst]

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Nostalgiker » 2. Dezember 2019, 19:57

In den Spitzenzeiten des Kalten Krieges in den 50gern und Anfang der 60ger war der Ton und die Propaganda auf beiden Seiten teilweise sehr Aggressiv. Ost und West schenkten sich da nichts.

Aber was hat das jetzt mit Eric Neutsch zu tun? Etwa dieses alberne Gedicht?
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Volker Zottmann » 2. Dezember 2019, 20:03

Genau in dieser Art wurde um 1964 berichtet, dass Quedlinburger Kommunisten am hellerlichten Tage in Westen weggefangen wurden. Nachweislich saßen dann auch 2 Personen über Monate, nur welche Propaganda den Ausschlag zu ihrer Inhaftierung führte, wurde verschwiegen. Die beiden Kommunisten hatten drüben zu laute Reden geschwungen und somit reagierte der Staat.
Erinnern tue ich mich, weil ich derzeit bei Dynamo un der Judosparte war und einer der Älteren indirekt betroffen war, denn dessen Opa wurde eingesperrt.
Da wurde plakatiert und in der Zeitung auf die Bonner Ultras gehetzt und sogar der Quedlinburger Stadtfunk benutzt. Das waren installierte Lautsprecher entlang der Quedlinburger Stadtrunde, die sich "Null" nennt.

Gehört gar nicht her, ist aber lustig:
Hat gerade in einem QLB-Forum ein Zeitzeuge an den Stadtfunk erinnert. Und zwar ist das Thema unser derzeitiger Weihnachtsmarkt mit seinem Advent in den Höfen. (24 genau)
Damals (DDR) wurde durchgesagt, dass es da oder dort gerade wenige zu verteilende Apfelsinen gibt. Schön mit Fotos der damals "prächtigen" Gemüseläden untermalt. Das sind Erinnerunge, da schätzt man das heutige Leben umso mehr.

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Nostalgiker » 2. Dezember 2019, 20:23

Und was haben jetzt die Apfelsinen mit Erik Neutsch zu schaffen?
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich gerne hätten.

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Volker Zottmann » 2. Dezember 2019, 21:35

Nostalgiker hat geschrieben:Und was haben jetzt die Apfelsinen mit Erik Neutsch zu schaffen?

Der aß die so gern, wenn er die in Schlange vorm Gemüseladen wartenden Bauarbeiter beobachtete. [laugh]

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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Sperrbrecher » 2. Dezember 2019, 23:08

augenzeuge hat geschrieben:Aber seine Bücher über die DDR lesen nicht mehr viele, man findet sie kaum in Buchhandlungen.

Guckst Du hier:
https://www.zvab.com/servlet/SearchResu ... =100121503
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon zonenhasser » 2. Dezember 2019, 23:20

Sperrbrecher hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:Aber seine Bücher über die DDR lesen nicht mehr viele, man findet sie kaum in Buchhandlungen.

Guckst Du hier:
https://www.zvab.com/servlet/SearchResu ... =100121503


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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon Nostalgiker » 3. Dezember 2019, 07:24

Dreigroschenroman heißt der Roman von B. Brecht welcher die Grundlage für die Dreigroschenoper lieferte.

Groschenheft = Synonym für Trivilaliteratur in Heftromanform, auch als 'Schundliteratur' bekannt .....

Nur weil ein Buch für wenige Cent angeboten wird rutscht es nicht gleich in die Kategorie "Schundliteratur', es sei denn man ist ein undifferenzierter Hasser .....
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Re: Kennt noch einer Erik Neutsch?

Beitragvon pentium » 3. Dezember 2019, 09:34

Sperrbrecher hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:Aber seine Bücher über die DDR lesen nicht mehr viele, man findet sie kaum in Buchhandlungen.

Guckst Du hier:
https://www.zvab.com/servlet/SearchResu ... =100121503


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