Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Aufarbeitung und Schlußfolgerungen

Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Beitragvon zonenhasser » 8. November 2019, 14:26

Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Die Mauer fiel ohne einen Schuss - und in Berlin stieg die emotionalste Party der deutschen Geschichte. Doch nach dem Fest gab es die ersten Toten des unblutigen Umsturzes: Stasi-Mitarbeiter und SED-Funktionäre nahmen sich das Leben. Ihr Schicksal wurde lange verschwiegen und ist umstritten - waren die Toten Opfer der Einheit?

Von Stefan Appelius

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Es ist kalt und regnerisch, als Sven Bauer am Morgen des 8. November 1989 im Dienstobjekt Gosen (Brandenburg) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR an seinem Arbeitsplatz erscheint. Der 44-Jährige ist als Offizier für Auswertung und Information im Schulungszentrum für Auslandsagenten der HVA beschäftigt. Das klingt spannend, ist es aber nicht. Bauer ist eine Art EDV-Experte und verbringt die meiste Zeit am Bildschirm.

Sven Bauer, der in Wirklichkeit anders heißt, ist schon seit einer ganzen Weile mit seiner Arbeit bei der Staatssicherheit unzufrieden. Der ruhige und zurückhaltende Mann fühlt sich überflüssig. Seine Vorgesetzten, so erzählt er seiner Frau, behandeln ihn wie eine Nummer, die man hin und her schieben könne. Seine Arbeitsergebnisse würden kaum gewürdigt. Er muss abends ein paar Bier trinken, um überhaupt einschlafen zu können.

An diesem 8. November geht es dem langjährigen SED-Mitglied besonders schlecht. Dass es mit dem "Arbeiter- und Bauernstaat" zu Ende geht, liegt förmlich in der Luft. Und jetzt auch noch Probleme mit seiner Frau! Sie hat ihm am Vorabend erklärt, dass sie ihn verlassen wolle - und die Papiere schon besorgt. Bauer vermutet, dass sie kalte Füße bekommen hat, weil er für den ostdeutschen Geheimdienst arbeitet. Schließlich weiß in diesen Tagen niemand, ob es für seinen Arbeitsplatz noch eine Zukunft gibt.

Morgens gegen 9 Uhr findet in seinem Büro eine kurze Besprechung statt. Anschließend plaudert Bauer mit einem Kameraden und schüttet ihm sein Herz aus. Seine Frau wolle ihn verlassen, weil er zu viel trinke und sich nicht genügend um die Betreuung ihres Kindes kümmere, erzählt Bauer. Er habe das Gefühl, einen Tritt von ihr zu bekommen. Äußerlich wirkt der Hauptmann ganz ruhig, während er über seine Lebenskrise spricht.

"Es braucht mich niemand mehr"

Dreieinhalb Stunden später wird Bauers Büro von seinem Vorgesetzen per Generalschlüssel geöffnet: Der Hauptmann war stundenlang nicht ans Telefon gegangen. Niemand hatte ihn gesehen. Als die drei Stasi-Offiziere das Dienstzimmer 212 betreten, finden sie den Hauptmann - aufgehängt an einem Heizungsrohr. Auf dem Schreibtisch liegt ein Abschiedsbrief: "Es braucht mich niemand mehr." Explizit politische Gründe nennt Bauer zwar nicht - doch seine Verzweiflungstat dürfte auch durch die Zuspitzung der politischen Lage beschleunigt worden sein.

Nur einen Tag nach seinem Selbstmord fiel die Berliner Mauer, ohne dass ein einziger Schuss gefallen war. Menschen aus Ost und West, die sich noch nie zuvor gesehen hatten, feierten gemeinsam das Fest ihres Lebens. Doch ganz unblutig verlief diese friedliche Revolution nicht: Wo schon viele Arbeiter und Angestellte unter Zukunftsangst litten, ahnten besonders die hohen Parteikader und Stasi-Mitarbeiter, dass ihre Zeit abgelaufen war - und fürchteten sich nun vor der Strafverfolgung.

Der Tod von Hauptmann Bauer blieb daher kein Einzelfall. Allein im thüringischen Suhl begingen zur Wendezeit mehrere DDR-Funktionäre Suizid. Nur einen Tag nach dem Mauerfall erschoss sich ein Grenzaufklärer. Als die Bürgerbewegung Anfang Dezember 1989 den Gebäudekomplex der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Suhl belagerte, kam es zu einem weiteren Suizid: Während der Belagerung des Gebäudekomplexes durch 3000 Demonstranten erschoss sich ein Mitarbeiter der Stasi.

weiter: https://www.spiegel.de/geschichte/selbs ... 46683.html
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Re: Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Beitragvon zonenhasser » 8. November 2019, 14:30

Grass' Stasi-Spitzel erschießt sich auf Parkbank

Veröffentlicht am 17.12.2007 | Lesedauer: 5 Minuten


Als IM "Schäfer" wurde er von der Stasi auf den Literaturnobelpreisträger Günter Grass angesetzt. Jetzt hat Karlheinz Schädlich, ein Spitzel der DDR-Staatssicherheit, sich das Leben genommen. Polizisten fanden seine Leiche in einer Grünanlage im Berliner Viertel Prenzlauer Berg.


Ein Spitzel der DDR-Staatssicherheit, der als IM „Schäfer“ auf den Literaturnobelpreisträger Günter Grass angesetzt war, hat sich am Sonntagabend in Prenzlauer Berg das Leben genommen. Polizisten fanden den 76 Jahre alten Karlheinz Schädlich gegen 18.15 Uhr auf einer Parkbank am Stierbrunnen auf dem Arnswalder Platz im Bötzowviertel. Der ehemalige Historiker hatte sich mit einem Revolver in den Kopf geschossen. Beim Eintreffen der Beamten soll der Mann noch wenige Sekunden gelebt haben. Dann erlag Karlheinz Schädlich seinen schweren Verletzungen.

Imbiss-Gäste informierten die Polizei

Wenige Minuten zuvor hatten Gäste eines Imbisses in der Nähe die Polizei über Notruf informiert, dass ein älterer Mann mit einer Waffe scheinbar ziellos in der Gegend umherirre und drohe, sich zu erschießen. Mehrere Streifenwagen rasten daraufhin zum Stierbrunnen. Auch ein Notarzt war alarmiert worden. Doch die Retter kamen zu spät. Die Kriminalpolizei übernahm den Fall, sperrte den Tatort weiträumig ab und sicherte Spuren. Die Gerichtsmedizin übernahm den Abtransport der Leiche.

Im Wohnhaus von Karlheinz Schädlich in der Hans-Otto-Straße in Prenzlauer Berg herrschte am Montag großes Entsetzen über den Freitod des Rentners. „Er lebte zwar sehr zurückgezogen in einer Parterre-Wohnung, aber wenn man ihn im Hausflur traf, grüßte er immer freundlich“, sagte ein Nachbar. Vielen im Haus war gänzlich unbekannt, welche Vergangenheit der 76-Jährige hatte. „Darüber weiß ich nichts“, so der Nachbar weiter. Man habe sich aber darüber gewundert, dass die Wohnungstür des Rentners plötzlich mit Siegeln der Polizei verklebt war. Der Name von Karlheinz Schädlich tauchte vor einem Jahr in den Medien auf, als über die Bespitzelung des Schriftstellers Günter Grass berichtet wurde. Um möglichst viele Informationen über Grass zu erhalten, hatte der DDR-Geheimdienst unter anderem die Aktion „Bolzen“ gestartet. Mehrere Spitzel wurden angesetzt, um mehr über das politische Wirken des westdeutschen Schriftstellers zu erfahren. Einer von ihnen war Karlheinz Schädlich, der im April 1975 zur Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geworben wurde.
Dem Geheimdienst war aufgefallen, dass Schädlich Kontakte zu Oppositionellen wie Robert Havemann und Wolf Biermann hatte. Zudem kam er auch über seinen Bruder Hans Joachim, der ein regimekritischer Schriftsteller war, in Kontakt mit Literaten. Karlheinz Schädlich, der als Historiker an der Akademie der Wissenschaften arbeitete, nahm beispielsweise an Treffen von Schriftstellern teil, die in Ost-Berliner Wohnungen stattfanden. Dort tauschten die Literaten aus Ost und West, unter ihnen Grass, Nicolas Born, Sarah Kirsch und Jurek Becker, ihre politischen Meinungen aus. Dank des Inoffiziellen Mitarbeiters „Schäfer“ war die Stasi immer gut über diese Treffen unterrichtet. Karlheinz Schädlich besuchte Grass sogar in dessen West-Berliner Wohnung. Auch über seinen Bruder Hans Joachim, der 1977 die DDR verließ, berichtete der IM.

Drei Monate in der Bundesrepublik

Die Stasi-Akte von Karlheinz Schädlich, die von der Birthler-Behörde herausgegeben wurde, erzählt aber nicht nur die Geschichte eines Spitzels. Sie gibt Auskunft über die innere Zerrissenheit eines Mannes, der große Schwierigkeiten hatte, eine politische Haltung zu finden. 1950 hatte er sich für die Bundesrepublik entschieden, war aber nach drei Monaten wieder zurückgekehrt. Als Grund dafür hatte er angegeben, dass „in der BRD der Jugend keine Berufs- und Aufstiegschancen geboten würden“. In der DDR war Schädlich aber auch nicht glücklich.

So hielt die Stasi fest, dass der IM eine negative Haltung zur sozialistischen Ordnung in der DDR besitze. Er sympathisiere mit Biermann und stehe in Kontakt mit Bürgern der damaligen CSSR, die wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert gewesen seien. Dennoch ließ sich Schädlich auf den Pakt mit der Stasi ein. Womöglich auch deshalb, weil er fürchtete, ansonsten erpresst zu werden. Das MfS hatte belastendes Material über ihn zusammengetragen (Zollvergehen, Provokationen von Polizisten), bevor die Anwerbung erfolgte.

weiter: https://www.welt.de/regionales/berlin/a ... kbank.html
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Re: Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Beitragvon zonenhasser » 8. November 2019, 14:37

Generalmajor Heinz Fiedler

Als ranghöchster Grenzkontrolleur war er somit auch für die radioaktiven Grenzkontrollen verantwortlich. Zusammen mit Rolf Fister und sieben weiteren MfS-Offizieren promovierte er 1975 an der JHS zum Dr. jur. Thema der Arbeit war die „Organisierung der Vorbeugung, Aufklärung und Verhinderung des ungesetzlichen Verlassens der DDR und der Bekämpfung des staatsfeindlichen Menschenhandels“
...
Wegen des Verdachts der gemeinschaftlichen Anstiftung zum Mord am Fluchthelfer Wolfgang Welsch wurde Heinz Fiedler am 1. Dezember 1993 verhaftet. Am 15. Dezember beging er in der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit Suizid.
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Re: Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Beitragvon Volker Zottmann » 8. November 2019, 16:29

Am 9. April 1990 beging der aus Quedlinburg stammende Bauminister der DDR Wolfgang Junker mit 61 Jahren Selbstmord.
Er entging somit den Untersuchungen wegen Vorteilsnahme und Korruption, die eingeleitet waren.

Viele solche Genossen haben den Umbruch einfach nicht verkraftet. Teils Angst vor der Zukunft oder Angst vor Ermittlungen trieb einige in den Freitod.
So nahm sich ein LPG-Vorsitzender nahe QLB das Leben, weil er Anfeindungen, die er wohl nicht aushielt, damit entging. Später stellte sich seine Unschuld heraus, er hatte lediglich mit dafür gesorgt, dass Kreisleitungsmitglieder auch die Wochenenden gediegen verbringen konnten. Die leben allerdings fast alle noch.

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Beitragvon AkkuGK1 » 8. November 2019, 17:12

mein Mitleid hält sich da in Grenzen...
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Re: Selbstmorde nach der Wende - Die Toten der friedlichen Revolution

Beitragvon augenzeuge » 8. November 2019, 17:35

Mitleid? Hatten die es?

Möglicherweise ist ihnen in den letzten Stunden ihres Lebens ihre Schuld deutlich geworden. Sie lebten von den Restriktionen des realen Sozialismus. Traurig, wenn man darin seine Erfüllung des Lebens sah.

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