Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Aufarbeitung und Schlußfolgerungen

Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon Interessierter » 3. September 2019, 13:57

Für die meisten folgte nach der Schule eine solide Berufsausbildung, danach für Männer mindestens 18 Monate „Ehrendienst" in der NVA (oder einem anderen bewaffneten Organ) oder drei Jahre Wehrdienst für ein beabsichtigtes Studium. Prekär und gewissensbelastend war der Dienst an der Grenze. Schießbefehl? Immerhin, "auf Untervierzehnjährige durfte nicht geschossen werden", erinnert sich der Grenzsoldat Lutz Rathenow (7). Nach Überwinden der Zulassungshürden ein Studium, für Arbeiter- und Bauernkinder meist finanziell sorgenfrei mit Stipendium. Später ein ziemlich sicherer Arbeitsplatz um jeden Preis, denn Arbeitslosigkeit durfte es in der DDR politisch nicht geben.

Nicht selten wurden beachtliche Arbeitsergebnisse in Forschung, Entwicklung und Produktion erbracht, auch trotz mancher Erschwernisse durch das Embargo des Westens. Das Sozialwesen gewährte Brille, Zahnersatz und Krankenhausbehandlung fast kostenlos, wobei der chronische Mangel an vielem auch in der medizinischen Versorgung spürbar war. Zur Unterstützung der Familie gab es Haushalttag und Babyjahr, für junge Ehepaare Kredite zum „Abkindern". Diese sozialen Wohltaten waren durch die weniger effiziente Wirtschaft der DDR auf Dauer nicht zu finanzieren und führten letztlich neben Rüstungsausgaben und dem defizitären Wohnungsbauprogramm zur Staatsverschuldung. Sie konnten aber besonders unter Erich Honecker angesichts der ständig wachsenden Zahl von Ausreiseanträgen nicht zurückgenommen werden. Mancher trauert diesen sozialen Wohltaten in der DDR noch heute nach, ohne die ökonomischen Auswirkungen realistisch zu bedenken.

Die neu errichteten Plattenbauwohnungen waren durch nichtkostendeckende Mieten für den Staat defizitär, dies immer mehr, je mehr Wohnungen gebaut wurden. Der Erhalt oder Bau eines Eigenheimes war mangels Material und mangels privat verfügbarer Handwerksleistungen - die Handwerksgenossenschaften wurden durch staatliche Aufträge meist restlos ausgelastet - uneffektiv, langwierig und führte ohne verfügbare Privilegien oft an die Belastungsrenze der Familien.

Altbausubstanz war vielerorts dem Verfall preisgegeben. Nach 40 Jahren Sozialismus glichen vielerorts Altbauviertel in mitteldeutschen Städten eher einer Ruinengegend am Ende des Krieges, wie historische Bilder der Sendung "MDR-Zeitreise" zeigen. Viele Altersheime, aber auch Krankenhäuser befanden sich in einem beklagenswerten Zustand, weil es für notwendige Renovierungenr an Material und Arbeitskräften fehlte. Vielerorts waren die Betriebe mangels Investitionen veraltet und ausgezehrt, das Land und Flüsse ökologisch belastet. Ressorcen wurden ohne Veratwortung für künftige Generationen verbraucht.

Zum Leben in der DDR gehörten überwiegend ein viele Jahre lang "erwarteter" Trabbi, Urlaub oft an der Ostsee mit FKK - ein erkämpftes Freiheitsgefühl in der DDR - oder auch Bergwandern in der Hohen Tatra. Einmal die deutsche Zugspitze oder den Bodensee zu sehen, war der Reisefreiheit als Rentner vorbehalten. Wo irgendwie möglich, war mit den erwähnten Anstrengungen eine „Datsche" die ersehnte Freizeitnische für das absolut Private. Rente für Frauen mit 60 und Männer mit 65.

Man musste in der DDR selbst tatkräftig und kreativ sein, um in der chronischen Mangelwirtschaft für private Zwecke etwas Eigenes zu gestalten oder zu erhalten. So wurde beispielsweise im Jahresurlaub in den durchgerosteten Skoda S100 in Eigenleistung ein neuer Boden eingeschweißt oder ein Altbau mit (gestohlenem) "Kehrzement" in "Feierabendarbeit" wieder instand gesetzt. Das individuelle Leben war oft strapaziös und zeitraubend. Östliche Biografien unterscheiden sich daher von westlichen meist erheblich, sind mangels verfügbarer Dienstleistungen durch anstrengende Eigenleistungen, mehr Improvisation und zeitaufwändige Strapazen geprägt, aber für die Menschen aus der DDR nicht weniger wertvoll.

Ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands 1990 und "dem Zusammenwachsen dessen, was zusammen gehört" (Willy Brandt), sollte die sprachlich meist falsch verwendete und sachlich überholte Formulierung „ehemalige DDR" der Vergangenheit angehören. Auf dass Deutschland auch in diesem Sinne eins werde! Für die im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsenen Menschen wird dieser Sprachgebrauch ohnehin ungewohnt sein - für sie ist Deutschland längst eins geworden.

Den ganzen Beitrag Die " ehemalige " DDR findet man hier:
https://www.chemnitzer-geschichten.de/i ... r-unsinn-2
Presse - und Meinungsfreiheit sind ein hohes Gut in unserer Demokratie
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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 3. September 2019, 14:57

Wie ich finde, ein ganz treffender Bericht, eine gute Einschätzung. Nur zum Anfang irrt der Autor:
Die ehemalige DDR, also die nicht mehr existierende DDR - das sind heute die fünf neugegründeten Bundesländer.
Ja, das sind die fünf Läner, nur neu waren sie nicht, denn die gab es wie die sogenannten "alten" Länder auch seit Anbeginn. Nur hat die DDR mit neuen Bezirksstrukturen die 5 Länder Anfang der 1950er Jahre aufgelöst. Sie entstanden nach dem DDR-Zusammenbruch nicht neu, sie lebten lediglich in alter Tradition wieder auf.

Gruß Volker
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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon icke46 » 3. September 2019, 15:44

Volker Zottmann hat geschrieben:Wie ich finde, ein ganz treffender Bericht, eine gute Einschätzung. Nur zum Anfang irrt der Autor:
Die ehemalige DDR, also die nicht mehr existierende DDR - das sind heute die fünf neugegründeten Bundesländer.
Ja, das sind die fünf Läner, nur neu waren sie nicht, denn die gab es wie die sogenannten "alten" Länder auch seit Anbeginn. Nur hat die DDR mit neuen Bezirksstrukturen die 5 Länder Anfang der 1950er Jahre aufgelöst. Sie entstanden nach dem DDR-Zusammenbruch nicht neu, sie lebten lediglich in alter Tradition wieder auf.

Gruß Volker


Du widersprichst Dir in Deinem Text: Wenn die DDR die 5 Länder aufgelöst hat, müssen sie danach wieder neu gegründet werden [hallo] .
Analog wäre es zum Beispiel auch mit Preussen: Nach Kriegsende aufgelöst, müsste man das, wenn es denn wollte, neu gründen.

Ausser natürlich, man ist Reichsbürger....
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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon karnak » 3. September 2019, 15:49

Was interessiert mich denn ob ich im Land Brandenburg, Preußen oder im Bezirk Potsdam lebe, mich interessiert die Lebensqualität und nicht solcher National Zinnober.
" Denn sie hassen am Andersdenkenden nicht nur die andere Meinung, zu der er sich bekennt,sondern auch die Vermessenheit, selbst urteilen zu wollen. Was sie ja doch selbst nie unternehmen und im Stillen sich dessen bewusst sind."
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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 3. September 2019, 16:24

icke46 hat geschrieben:
Du widersprichst Dir in Deinem Text: Wenn die DDR die 5 Länder aufgelöst hat, müssen sie danach wieder neu gegründet werden [hallo] .
Analog wäre es zum Beispiel auch mit Preussen: Nach Kriegsende aufgelöst, müsste man das, wenn es denn wollte, neu gründen.

Ausser natürlich, man ist Reichsbürger....

Na da widerspreche ich gleich zweimal!
Die 5 Länder sind lediglich wiederbelebt worden. Und Reichsbürger bin ich auch nicht.
Ich bin 1951 in Sachsen-Anhalt geboren und lebe heute immer noch im selben Landstrich; Dass die DDR abgeschafft wurde und dieser "Irrtum " 1990 wieder behoben wurde, ist nur logisch und zeigt sich in den wiederhergestellten alten Strukturen. Sachsen-Anhalt ist nicht nur 30 Jahre alt, wie Du mir suggerieren willst.
.
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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon Merkur » 3. September 2019, 16:41

Volker Zottmann hat geschrieben:Dass die DDR abgeschafft wurde und dieser "Irrtum " 1990 wieder behoben wurde, ist nur logisch und zeigt sich in den wiederhergestellten alten Strukturen.
Gruß Volker


Die Strukturen wurden wieder hergestellt? Ich sehe da bis 1952 andere Strukturen als 1990.
Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.
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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon Zicke » 3. September 2019, 16:44

Das Land Sachsen-Anhalt hat in seiner heutigen Gestalt eine sehr kurze Tradition, denn es existierte als solches nur von 1947 bis 1952. Im Zuge der Verwaltungsreformen in der DDR wurde das Land aufgelöst. Aus ihm entstanden im wesentlichen die Bezirke Halle und Magdeburg. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 entstand Sachsen-Anhalt wieder als eines der fünf neuen Bundesländer.

https://www.sachsen-anhalt.de/lj/land-u ... eschichte/
J.S.


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Re: Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR

Beitragvon Spartacus » 3. September 2019, 17:52

karnak hat geschrieben:Was interessiert mich denn ob ich im Land Brandenburg, Preußen oder im Bezirk Potsdam lebe, mich interessiert die Lebensqualität und nicht solcher National Zinnober.


Beim ollen Fritz war aber alles besser. [flash]

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