DDR-Bürger Schmidt will sich im Westen eine Braut suchen.
Da setzte sich Genosse Hoffmann vom Rat des Bezirkes Neubrandenburg mit dem stellvertretenden Verkehrsminister Schlimper darüber auseinander, ob die vom Rat geforderte Erhöhung des Lohnfonds um 2,16 Millionen Mark berechtigt sei.
Aufregender als solche Intimeinblicke in wirtschaftliche Problemzonen waren die Hilferufe von DDR-Bürgern, die bei ARD und ZDF Rat und Unterstützung im täglichen Umgang mit den Behörden suchten. Die nach Helsinki allerorten im Ostblock entstandenen Bürgerrechtsbewegungen hatten auch DDR-Bürger selbstbewußter gemacht; mancher stellte jetzt in Frage, was er lange Zeit hingenommen hatte.
Das galt vor allem für die Menschen, die um jeden Preis die DDR verlassen und in die Bundesrepublik umsiedeln wollten. Sie nahmen Benachteiligung und Verfemung auf sich, um ihr Ziel zu erreichen -- und hofften nicht selten, daß die westdeutschen Korrespondenten ihnen dabei helfen könnten.
Zu ihnen gehörte auch ein blasser junger Mann, der sich an einem Februartag im Ost-Berliner ARD-Studio einfand und sich als »der Schmidt Dieter aus Rathenow« vorstellte. Der 22jährige Arbeiter beim VEB Ofen- und Herdbau in Rathenow wollte von mir wissen, ob mir ein Gesetz der DDR bekannt sei, das einem Bürger des Arbeiter-und-Bauern-Staates verbiete, ein Mädchen aus der Bundesrepublik zu heiraten.
»Aha«, sagte ich, »Sie haben eine Braut im Westen und wünschen die Familienzusammenführung zwecks Eheschließung.«
»Nee, hab« ick nich«, erwiderte Schmidt und erläuterte mir einen phantastischen Plan: Er wolle erst einmal in die Bundesrepublik auswandern, um dann dort ein Mädchen zu finden und zu heiraten. Mit der ihm eigenen Logik begründete er: »Woher soll ick denn ooch hier eene kennen? Ick bin ja in Berlin und kann mir nich uff"n Bahnhof Friedrichstraße stellen und eene aus dem Westen anquatschen.« Ich erklärte ihm, die DDR-Behörden würden schwerlich Verständnis für seine Heiratspläne haben; eine Ausreise in die Bundesrepublik sei wohl nur möglich, wenn er zuvor eine bundesdeutsche Verlobte vorweisen könne. Doch Schmidt schüttelte nur den Kopf und sagte: »Ick will hier raus.«
Am 23. Februar 1976 stellte er beim Rat des Bezirks Potsdam, Abteilung Innere Angelegenheiten, den Antrag, ihm die Übersiedlung in die Bundesrepublik zu genehmigen. Begründung: »Aus familiären Gründen u. a. möchte ich aufgrund meiner politischen Überzeugung eine Ehe und Familie in der Bundesrepublik Deutschland gründen und nach meiner Überzeugung entwickeln.«
Was seine Überzeugung sei, ließ er den Rat deutlich wissen:
Ich bin mit dem Sozialismus einschließlich mit der Staats- und Gesellschaftsordnung in der Deutschen Demokratischen Republik nicht mit einverstanden und sehe meine politische und familiäre Zukunft in der Bundesrepublik Deutschland voll nach meiner Überzeugung zur Ehe und Familie in der Bundesrepublik Deutschland zufriedenstellend gesichert.
Beim nächsten Besuch im ARD-Büro (er hielt uns ständig auf dem laufenden) erzählte Schmidt, wie es inzwischen weitergegangen war. Die Funktionäre in seinem Betrieb hatten versucht, ihm den Ausreiseantrag wieder auszureden, und auch die Kollegen zweifelten allmählich an Dieters Verstand: »Mensch, Dieter, du bist beknackt, dir lassen sie hier nie raus.«
Doch Schmidt blieb hartnäckig. Am 5. April erneuerte er seinen Antrag und schrieb diesmal an Innenminister Friedrich Dickel:
Hiermit beantrage ich mit Wirkung vom 5. 4. 1976 die ständige Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Mir ist es in der Deutschen Demokratischen Republik aufgrund des Sozialismus einschließlich der Diktatur des Proletariats sowie der Staats- und Gesellschaftsordnung der Deutschen Demokratischen Republik, denen ich ablehnend gegenüberstehe, unerträglich, mein weiteres Leben hierzulande weiter zubringen. Daher ersuche ich Sie bitte, mir die Möglichkeit zu geben, das Land, dessen ich innewohne, frei zu verlassen.
Er stieß immer wieder mit neuen Briefen nach, wußte er doch, wie er mir am Telephon sagte: »Man muß bei die Behörden immer dran bleiben, sonst passiert nischt.« Zunächst freilich zog es die Volkspolizei vor, an dem Bürger Schmidt dicht dranzubleiben.
Schmidt mußte auf dem Volkspolizeikreisamt Rathenow erscheinen und dort seinen Personalausweis abliefern. Er erkundigte sich nach dem Grund der Maßnahme. »Sie stehen unter Fluchtverdacht«, sagte der zuständige Beamte. Schmidt Dieter war beleidigt und gab in seinem besten Hochdeutsch zurück: »Ich habe doch bereits verbindlich gesagt, daß ich meine Angelegenheiten auf friedlichem und realem Wege erledigen werde.«
Prompt legte er bei Major Rehag, dem Leiter des Volkspolizeikreisamtes« Beschwerde ein und verlangte eine schriftliche Begründung für den Entzug des Ausweises. Der Major lehnte ab.
Kurz darauf schaltete sich der Staatssicherheitsdienst ein und stellte Schmidt unter Beobachtung. Wenn er nach Berlin fuhr, folgten ihm Stasi-Männer. Bei seinem nächsten Besuch im ARD-Büro wußte Schmidt: »Da warn so ein paar Typen im Zug.« »Wer hat denn die Klassenfeinde in die DDR gelassen?«
Als er wieder in Rathenow war, luden ihn die Typen zu einer mehrstündigen Vernehmung auf der örtlichen Dienststelle des Staatssicherheitsdienstes vor. »Die sagten mir«, erzählte er, »es sei verboten, die Büros von Westkorrespondenten zu besuchen. Ich müßte doch wissen, dies seien Klassenfeinde, mit denen ein anständiger DDR-Bürger nichts zu schaffen habe.«
Doch Schmidt mochte davon nichts hören. Wer habe denn diese Klassenfeinde in die DDR gelassen? Das müsse der Stasi erst einmal untersuchen. Und das mit den Klassenfeinden könne ja auch nicht stimmen; er sehe doch im Fernsehen, wie sich der Honecker und andere Funktionäre mit den West-Journalisten unterhielten, und was Honecker könne, dürfe er, Schmidt, als DDR-Bürger auch.
Die Stasi-Vernehmer gaben es auf und entließen Schmidt. Am Ende gelang ihm, was wir für völlig ausgeschlossen gehalten hatten: Im Juni 1976 durfte er die DDR in Richtung Bundesrepublik verlassen.