Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Alles zum Thema Geheimdienste und Sicherheit in der DDR und in der BRD

Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon augenzeuge » 19. Juni 2010, 17:38

Der Beweis des geplanten Mordes an dem fahnenflüchtigen R. Thurow durch das MfS

Das MfS arbeitete minutiös die Ermordung eines angeblich gefährlichen Staatsfeindes aus. Und: Die Teile der Akte Thurow, die als Anhang beigefügt ist, enthüllt den Mordplan durch Spezialisten des MfS.

Das Opfer: Rudi Thurow, 1962 desertiert in Berlin-Steinstücken, auch als Fluchthelfer tätig.
Die mutmaßlichen Henker: drei Nahkampf-Experten aus Ostberlin, ausgebildet im lautlosen Töten. Die Tatwaffe: ein 1000 Gramm schwerer Hammer. Die Auftraggeber im Hintergrund: Karl Kleinjung und Helmut Nilius, beide Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit.

Das Verfahren wurde eingestellt. Die Planung ist nicht strafbar. Warum es nicht zur Ausführung kam, ist unklar.

Der Generalstaatsanwalt: „Dies war ein Plan für einen Mord im Staatsauftrag. Dieser Plan dokumentiert darüber hinaus eine Menschenverachtung in höchstem Maße. Und man sieht, daß das Recht überhaupt keine Rolle spielte, wenn die DDR-Staatssicherheit ihre Ziele durchsetzen wollte.“

AZ

http://www.keepandshare.com/doc/1992951 ... -235k?da=y
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon manudave » 21. Juni 2010, 05:56

Die Geschichte stand auch mal sehr ausführlich im Focus:

Neugierige Mieter spähen durch die Gardine. „Was suchen Sie denn hier?“ ruft einer zornig vom Balkon.
Rudi Thurow, 59, steht mit zusammengekniffenen Lippen vor dem grauen Haus an der Riemeisterstraße 150 in Berlin-Zehlendorf. Er schweigt, starrt in den Vorgarten mit dem kargen Buschwerk. „Hier also“, sagt der Mechaniker bitter, „wollten die mich kaltmachen.“

Er drückt die Zweige beiseite, am Boden sprießt das erste Grün. „Kaltmachen“, lacht er plötzlich schrill auf, „einfach so.“

Der Mann ist sichtlich erschüttert. Thurow besucht in aller Stille die Stätte, wo er von Staats wegen liquidiert werden sollte.

Eine brisante Akte aus dem Stasi-Nachlaß, die FOCUS vorliegt, hat ihn zwei Nächte kaum schlafen lassen. Auf sieben Schreibmaschinenseiten konnte er in der vergangenen Woche die Chronik seiner penibel geplanten Hinrichtung nachlesen. Das Opfer: Rudi Thurow, Deserteur der Nationalen Volksarmee (NVA) der Deutschen Demokratischen Republik. Die Henker: drei Nahkampf-Experten aus Ostberlin, ausgebildet im lautlosen Töten. Die Tatwaffe: ein 1000 Gramm schwerer Hammer. Die Auftraggeber im Hintergrund: Karl Kleinjung und Helmut Nilius, beide Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit.

http://www.focus.de/politik/deutschland ... 63476.html
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon CaptnDelta » 21. Juni 2010, 06:54

augenzeuge hat geschrieben:Die Teile der Akte Thurow, die als Anhang beigefügt ist, enthüllt den Mordplan durch Spezialisten des MfS.

Es lohnt es sich, ab- und zu einen Blick in unsere Galerie zu werfen [wink]

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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon augenzeuge » 21. Juni 2010, 15:15

CaptnDelta hat geschrieben:Es lohnt es sich, ab- und zu einen Blick in unsere Galerie zu werfen [wink]
-Th



Richtig, aber noch besser ist es, wenn man beim Einstellen solcher wichtiger Dokumente einen kleinen Beitrag verfassen würde. So kann den Dokumenten gleich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Aber das ist ja nun auch geschehen. [wink]
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon augenzeuge » 23. März 2011, 17:32

Sehr oft haben Ex-MfSler immer erzählt, dass man unter liquidieren nicht töten verstand....

Falsch! Man verstand wirklich auch das, was wir heute alle darunter verstehen. Den Beweis findet man auf dem Link, Seite 5, oben
http://www.keepandshare.com/doc/1992951 ... -235k?da=y

Die "Ausführenden" machten sich Gedanken, warum man ihn unbedingt in die DDR holen wollte. Man sollte ihn einfach liquidieren, da er keine mildere Strafe verdiente.....
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon S51 » 24. März 2011, 00:51

augenzeuge hat geschrieben:[...Der Generalstaatsanwalt: „... Und man sieht, daß das Recht überhaupt keine Rolle spielte, wenn die DDR-Staatssicherheit ihre Ziele durchsetzen wollte.“
...


Schon mal auf die Idee gekommen, dass eben dies nicht stimmt? Dass hier das Recht in der DDR diese Pläne gestoppt hat? Nach seiner Logik hätte es sonst doch zur Ausführung kommen müssen?
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon augenzeuge » 24. März 2011, 08:39

S51 hat geschrieben:Schon mal auf die Idee gekommen, dass eben dies nicht stimmt? Dass hier das Recht in der DDR diese Pläne gestoppt hat?


Nein S51, auf diese Idee bin ich noch nicht gekommen. Mir ging es zunächst auch nur um die Behauptung, liquidieren wäre nicht töten. Und die ist falsch, wie man liest.

Das Recht der DDR? Sah das Recht der DDR vor, geflüchtete Menschen mit Gewalt wieder ins Land zu holen?

Zitat Thurow: “Mir wurde bei einer Veranstaltung an der Mauer mit einer Gaspistole ins Gesicht geschossen. Der Plan sah vor, dass eine falsche Rettungswagenmannschaft mich über die Grenze in den Osten fahren sollte. Aber meine Freunde umringten mich und brachten mich mit ihrem Privatwagen in eine Klinik. Bei einer anderen Gelegenheit versuchte mein damaliger Chef, mich von einer Aussichtsplattform an der Grenze an die Mauer zu stoßen, damit man mich von dort rüberziehen konnte. Später stellte sich heraus, dass er in den Diensten der Stasi stand. Als er sich dafür kurz nach der Wende bei den Ermittlern rechtfertigen sollte, erlitt er einen Herzinfarkt und starb.”

Wurden die damals beim MfS ausgebildeten Spezialisten/ Offiziere nicht mit dem DDR-Recht vertraut gemacht, dass sie auf solche Ideen kamen und diese auch noch dokumentierten? Für diese war es doch scheinbar normal, dass sie noch nach Jahren einen geflüchteten Soldaten liquidieren konnten. Und wenn es so gewesen wäre, wie du schreibst, warum wurde das nicht dokumentiert? Man schrieb doch sonst alles akribisch auf.

S51, erkennst du nicht das System? Der Mann war geflüchtet, hatte ein paar Leute mitgenommen, ok. Rechtfertigt denn das diese jahrelangen Überlegungen, diese o.a. Pläne und Aktionen, die nur gescheitert waren? Kleinjung unterschieb das noch und lies es in der Akte. Wie dämlich war der Mann, der das DDR-Recht kennen musste? Warum hat er den Plan nicht zerrissen und ein "Gespräch" mit den Planern geführt? Ich sags dir, weil er die Durchführung nicht abgeschrieben hatte.
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon S51 » 24. März 2011, 20:40

Karl Kleinjung war "vor meiner Zeit" und damals Chef der "Nachbarn" bei der HA I. Er war schon seit einiger Zeit ausgeschieden aber trotzdem hatte er einen ganz besonderen Namen. Eher ungewöhnlich in einem Gewerbe, wo es eigentlich keine Namen gibt. Irgendwo zwischen Hochachtung, Respekt aber auch mit dem Ruf behaftet, auf Konventionen und Regeln viel weniger zu geben als es notwendig war. Und ein Poltergeist zu sein.
Er hat Einsätze geplant aber ohne das OK musste er eben auch abblasen, wenn er zu weit ging. In seiner Eigenschaft als Chef dieser Truppe jedoch war "zu weit gehen" gewissermaßen ein Markenzeichen. Seine Leute waren so etwas wie die KSK, die MIB bei INSCOM oder die SEAL heute, wenn überhaupt Vergleiche möglich sind.
Deshalb liegt ja dieser Staatsanwalt falsch. Auch heute planen Dienste so manches, was dann nicht verwirklicht wird. Weil politisch störend oder eben nicht gewollt. Oder rechtlich zu unsicher. Das war damals nicht anders. Es war sein Job, zu planen und, wenn genehmigt, auch durchzuführen. Verrückte Sachen inklusive. Die Erlaubnis gab er nicht, die brauchte auch er und hier hat er sie offensichtlich nicht bekommen. Dann war er so diszipliniert, es eben nicht zu tun.

Siehe auch hier:
http://www.expressboard.de/

Sicher eine alles andere als wirklich trockene Einschätzung. Doch wird sie ihm gerechter als alles andere, was ich über ihn gelesen habe. Er ist auch schon einige Zeit tot.
S51
 

Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon S51 » 24. März 2011, 21:52

augenzeuge hat geschrieben:...Und wenn es so gewesen wäre, wie du schreibst, warum wurde das nicht dokumentiert? Man schrieb doch sonst alles akribisch auf.
...


Sicher, dass es nicht dokumentiert wurde?
Ich traue da dieser Behörde leider überhaupt nicht und halte es, weil politisch so passend, durchaus für möglich, dass wir so ein unwesentliches Detail nicht zu lesen bekämen. Weil es von dritter Seite kam, irgendwelche Personen geschützt werden müssen oder welche Begründung dann auch immer käme.
Zu oft wurde immer wieder nur das "gefunden", was man gerade gebrauchen konnte. Siehe auch "Schießbefehl".
S51
 

Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon augenzeuge » 24. März 2011, 21:57

S51 hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:...Und wenn es so gewesen wäre, wie du schreibst, warum wurde das nicht dokumentiert? Man schrieb doch sonst alles akribisch auf.
...


Sicher, dass es nicht dokumentiert wurde?
Ich traue da dieser Behörde leider überhaupt nicht und halte es, weil politisch so passend, durchaus für möglich, dass wir so ein unwesentliches Detail nicht zu lesen bekämen. Weil es von dritter Seite kam, irgendwelche Personen geschützt werden müssen oder welche Begründung dann auch immer käme.
Zu oft wurde immer wieder nur das "gefunden", was man gerade gebrauchen konnte. Siehe auch "Schießbefehl".


Vertrauen hin oder her. In diesem Dokument fehlt zumindest keine Seite.....die darauf hindeutet, was du für möglich hältst.
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Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon S51 » 24. März 2011, 22:18

augenzeuge hat geschrieben:... In diesem Dokument fehlt zumindest keine Seite.....die darauf hindeutet, was du für möglich hältst.
AZ


Weil das dann kein Bestandteil dieses Dokumentes wäre, sondern zu einem Ordner gehören würde, in den dieses Dokument als Anlage eingefügt wäre?
So, wie etwa der "Schießbefehl" der HA I ja auch nicht die Personalien und die Unterstellungsverhältnisse des entsprechenden Mitarbeiters enthielt, sondern er ein Bestandteil dessen Akte war. Was die Behörde seinerzeit wohlweislich zu erwähnen vergaß?
S51
 

Re: Der Beweis des geplanten Mordes an Rudi Thurow

Beitragvon augenzeuge » 3. Februar 2021, 18:02

1963 wurde von der Stasi-Hauptabteilung I die Ermordung Thurows vom damaligen Leiter der HA 1, Karl Kleinjung, geplant. Die Durchführenden sollten die GMs „Bodo Krause“, „Kurt Luft“ und „Maxim Dams“ sein. Mehrere Versuche schlugen fehl. 1972 wurde der Plan aufgegeben, weil einer der IM für den Einsatz nicht mehr zur Verfügung stand. Bis 1966 war er Fluchthelfer von Ost- nach Westberlin. Er berichtet als Zeitzeuge über seine Erfahrungen.



Es ist sehr aufschlussreich, was Herr Thurow alles berichtet.

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