Klier: „Es wurde ständig jemand weggesperrt „

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Klier: „Es wurde ständig jemand weggesperrt „

Beitragvon augenzeuge » 24. Juni 2017, 18:02

Rede zur Präsentation des Internet-Portals „Orte der Repression“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig

Nicht lange, nachdem die Willkürherrschaft der DDR-Sozialisten zu Ende war, setzte ich für mich ein 11. Gebot: „Du sollst Dich erinnern!“ Denn ich sah, wie rasch 40 Jahre Leben in der DDR aus den Köpfen verschwand, wie unsere Geschichte - die nicht zuletzt eine Geschichte der Repression war - von jenen zurecht gelogen wurde, die sie mitzuverantworten hatten.

Und so schilderte ich in einem meiner ersten Dokumentarfilme das Leben meiner alten jüdischen Freundin Johanna Krause, die gleich dreimal in der Dresdner Untersuchungshaftanstalt Schießgasse einsitzen musste: In den 30-er Jahren wegen „Führerbeleidigung“ und „Rassenschande“ und später, in der zweiten deutschen Diktatur , noch einmal wegen „Staatsverleumdung“. Der Grund für ihre Verhaftung in den 50-er Jahren: Johanna Krause sah den SS-Mann, der sie 1935 vergewaltigt und in die Elbe gestoßen hatte, plötzlich als SED-Parteisekretär vor sich sitzen. Und rief verzweifelt ihren Mitgenossen zu: ́Der Mann ist ein Faschist gewesen! ́

Es herrschten das Faustrecht und eine völlige Willkür im Justizwesen: Hatten die DDR-Gerichte im 1. Halbjahr 1961 insgesamt 904 Personen wegen „Staatsverleumdung“ abgeurteilt, so waren es im 2. Halbjahr 1961 bereits 4.566 Verurteilte. Die Zuchthäuser und Gefängnisse zwischen Halle und Schwedt, Gera und Rostock waren binnen kurzer Zeit überfüllt.

Es ist das Jahrzehnt, in dem mein damals 17-jähriger Bruder und seine Freunde sich weigerten, einem Dresdner Polizisten ihre verbotenen Stones- und Beatles-Texte rauszurücken. In dem ein Überfall-Kommando der Polizei anrückte und die Jugendlichen erstmal zusammen schlug. In dem die „kriminelle Jugendbande“, wie die rebellischen Jugendlichen plötzlich hießen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu drastischen Haftstrafen verurteilt wurden: Für Aufruhr, Bandenbildung, Staatsverleumdung und Widerstand gegen die Staatsgewalt ́ - kamen im DDR-Staat etliche Jahre zusammen. Mein Bruder verschwand für vier Jahre im Zuchthaus Bützow....

http://docplayer.org/41818472-Es-wurde- ... perrt.html

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Re: Klier: „Es wurde ständig jemand weggesperrt „

Beitragvon Interessierter » 25. Juni 2017, 06:57

Bernd gehörte gar zu den wenigen,
die ihre Kritik
am sozialistischen
System auch öffentlich äußerten
. Das kam ihn teuer zu stehen:
Demonstrativ bekam er zunächst
einen Arbeitsplatz zugewiesen-am
Fließband, in einer s
ozialistischen Brigade.
Als er dort zur Schicht nicht
antrat, auch nach der zweiten
Aufforderung nicht, sauste die
Faust der Partei auf ihn nieder:
Unser eher sanfter Freund Bernd wu
rde wegen „Asozialität“ zu drei
Jahren Haft verurteilt und ins Gefängnis nach Magdeburg
transportiert. Als er dort in der Ze
lle tobte, in diesem Scheiß-Staat
dürfe man überhaupt nichts, schlugen ihm Wärter die Zähne aus.
Und ein Jahr Haft bekam er noch zusätzlich drauf.
Nach vier Jahren kehrte der Entla
ssene nach Dresden zurück. Doch
er war verstummt, sprach kaum noch. Trompete konnte er ohnehin
nicht mehr spielen mit seinen kaputten Zähnen. Nicht lange darauf
nahm Bernd sich das Leben.
Haben wir die extrem hohe Selbstmordrate in der DDR vergessen?


Einfach erschütternd, was dort zu lesen ist.
Interessierter
 


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