Polnische Geschichte »Die Deutschen wissen fast nichts«

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Polnische Geschichte »Die Deutschen wissen fast nichts«

Beitragvon Interessierter » 20. Mai 2021, 09:09

Polen sollten den Nazis als Sklaven dienen, der Staat wurde total zerstört, sagt Hanna Radziejowska. Die Leiterin des Berliner Pilecki-Instituts wirft den Deutschen erschütternde Ahnungslosigkeit über ihre östlichen Nachbarn vor.

SPIEGEL: Was müssen die Deutschen über die polnische Geschichte noch lernen?

Radziejowska: Wir können nur vermuten, wie viel man in Deutschland zu dem Thema überhaupt weiß. Dazu haben wir ein Forschungsprojekt aufgelegt. Nach eineinhalb Jahren hier habe ich allerdings den Eindruck: Das Wissen ist in Deutschland grundsätzlich sehr gering, sowohl über die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Osten Europas als auch über Kunst und Kultur. Die Deutschen kennen das Bauhaus, aber nicht den polnischen Modernismus in Gdynia. Die interessierte Öffentlichkeit erinnert sich an Frankreich und die deutsche Besatzung dort, aber nicht an das Regime der Nazis in Polen. Auch über die ältere Geschichte herrscht Ahnungslosigkeit: Jeder kennt in Deutschland zum Beispiel Karl den Großen. Aber solche Bezugspunkte gibt es zu Polen nicht. Professor Dieter Bingen spricht von »Leerstellen deutscher Erinnerung«.

Das vollständige Interview gibt es hier:
https://www.spiegel.de/geschichte/pilec ... 5a5a046889

Die Historikerin Hanna Radziejowska, 40, leitet die Berliner Zweigstelle des Pilecki-Instituts, das 2017 von der nationalkonservativen Regierung in Warschau gegründet wurde, um Wissen über die polnische Geschichte und Kultur zu vermitteln. Das Institut vergibt Stipendien, organisiert Tagungen und Ausstellungen, digitalisiert geschichtliche Dokumente und fördert politologische, soziologische und historische Forschungsprojekte.
Was du hast, können viele haben. . . doch was du bist , kann keiner sein.
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Re: Polnische Geschichte »Die Deutschen wissen fast nichts«

Beitragvon Volker Zottmann » 20. Mai 2021, 10:46

So unbegreiflich, nichts zu wissen, ist es auch.
Ich bin ja nun in der DDR aufgewachsen. Wir erfuhren vom Einmarsch der Deutschen in Polen und auch dass Zwangsarbeiter rekrutiert wurden schon in der Schule.
Genaues dazu, eben dann auch erschütternd, erfuhr man nur, wenn persönliche Schicksale publik wurden.

Mir gelang das erstmals ab 1973, als meine Schwiegermutter zu mir immer mehr Vertrauen fasste und ich letztlich ihren gesamten Leidensweg kannte. Gelitten hat sie durch die Verschleppung, dann durch die DDR und letztlich durch ihr altes Vaterland Polen. Mit Ruhm hat sich keiner bekleckert!

Als 15-Jährige wurde sie in NowaWiec (Neudorf, bei Drobin) 80km vor Warschau vom Acker der Großeltern weggefangen. Unmittelbar nach dem Überfall der Deutschen in Polen.
Sie wurde ohne jede Verabschiedung den Großeltern und der kleineren Schwester entrissen. (Die Mutter war verstorben und der Vater, wie wir heute wissen, in Katyn von den Russen erschossen.
Sie kam nach Tilsit/Ostpreußen zu einem Bauern. Dort war sie bis "zur Befreiung durch die Russen" bei einem deutschen Landwirt als Magd beschäftigt. Vergewaltigungen durch ihn gehörten dazu!

Als die Russen kamen hat eine deutsche SS-Offiziersgemahlin sie an der Hand genommen und als ihre Tochter ausgegeben. (Die eigene war gerade bei Kampfhandlungen umgekommen). Dadurch kam sie in Danzig auf eins der Flüchtlingsschiffe und fuhr in gleicher Nacht wie die Gustloff aus. Ihr Kahn bekam auch heftig Beschuss und so wurde auch meine spätere Schwiegermutter schwerstverletzt. In Dänemark kam sie in ein Internierungslazarett. Nach Genesung blieb sie in Aalburg zwei volle Jahre interniert. Dann kam sie erst vermeintliche Deutsche auf "Heimreise". Die endete in Köthen als inzwischen ausgebildete Krankenschwester im Krankenhaus.
Dort lernte sie meinen Schwiegervater kennen, dessen 2. Frau gerade im Sterben lag.
Kurz:
Erst 1954 traute sie sich, ihren wirklichen Mädchennamen zu nennen und ihre echte Identität preiszugeben. So groß war ihre Angst. Über diplomatische Wege wurde letztlich alles geklärt. Inzwischen war sie durch Heirat aber Deutsche geworden.
Als der Kontakt zur noch lebenden Großmutter wiederhergestellt war, verbot die DDR aber ihrer "Neubürgerin" dorthin zu reisen. Sie sah die Oma nie wieder.

Rentenzeit, Rentenanerkenntnisse:
Die DDR erkannte die Zwangsarbeiterjahre trotz Zeugen nie an. Von 1941 bis 1948 fehlen sämtliche Zeiten in der Rentenberechnung.
Polen erkannte nichts an, weil sie nun Deutsche sei. Polen hätte mit Renten nichts zu tun...
Zwangsarbeiterentschädigung hat sie nie erhalten.

Das direkt aus erster Hand zu hören, ist bester grausamer Geschichtsunterricht. Opfer gingen in der DDR völlig leer aus.
Dem entgegen erlebten wir , wie der frühere Hausbesitzer August Wolf (meines Hauses) nach seinem Freitod in der Polizeizelle am Markt in Harzgerode am 8. März 45 zum kommunistischen Märtyrer stilisiert wurde, wie Straßen seinen Namen erhielten und wie seine Frau fortan ein fette VVN-Rente völlig unverdient erhielt. Die SED kannte diese selbst aufgebauten Lügen, hielt aber bis 1989 dran fest.

Beides nun habe ich in ein und dem selben Haus erlebt.

Gruß Volker
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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