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Karte von Rolf Böhm
Es war einmal ein Dorf
Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945/46 hörten im tschechischen Teil des Erzgebirges Dutzende Dörfer auf zu existieren. Unser Autor machte sich mit Rucksack und Zelt auf die Suche. Er fand Orte und Menschen, die Geschichte lebendig machen.
Von Oliver Hach
Chemnitz - Wer auf dem Kamm des Erzgebirges die Grenze von Sachsen nach Böhmen überschreitet, der betritt eine wundersame Welt. Im tiefen Wald liegen von Moos überzogene Steinhaufen. Unter windgebeugten Ebereschen führen Kellergänge in die Tiefe. Hier und da erinnert ein verwittertes Kreuz am Wegrand an eine Zivilisation, die es nicht mehr gibt.
Vor 100 Jahren war das Erzgebirge das am dichtesten besiedelte Gebirge Europas. Heute hat sich auf der tschechischen Seite die Natur weite Teile zurückgeholt. Die verbliebenen kleinen Städte und Dörfer wirken in manchen Ecken wie Filmkulissen für längst vergangene Zeiten. Häuser tragen noch rostige Blechdächer, die Außenflügel ihrer kleinen Holzfenster lassen sich zur Straße öffnen. Und an Fassaden, unter Anstrichen aus vielen Jahrzehnten, scheinen deutsche Aufschriften durch: „Restauration“, „Fleischhauer“, „Gemeindeamt“ – oder „Gasthaus zur blauen Donau“.
Jahrhundertelang wurde im böhmischen Erzgebirge Deutsch gesprochen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs aber brachte für diese Gegend eine beispiellose Zeitenwende. Als Konsequenz aus den Verbrechen Nazideutschlands während der Besatzungszeit wurden die deutschen Bewohner in den Jahren 1945 und 1946 fast ausnahmslos vertrieben, weite Landstriche entvölkert. Die Neubesiedlung gelang nur begrenzt. Dutzende Ortschaften verschwanden vollständig oder existieren heute nur noch als Torso.
Schon seit Langem fesselt mich diese Geschichte. Die Vorstellung, auf Zeitreise zu gehen, sich zurückzuversetzen in die Zeit vor 100 Jahren und zu sehen, wie Menschen an Orten lebten, wo heute Wald und Wiese ist.
Als Reporter der „Freien Presse“ durfte ich miterleben und berichten, wie sich Menschen mit der Vergangenheit des böhmischen Erzgebirges auseinandersetzen, die lange ein Tabu war. Wie die junge tschechische Lehrerin Veronika Kupková die alte Bergstadt Preßnitz wiederentdeckte, deren Reste in einer Talsperre versunken waren. Wie Klaus Franke vom Erzgebirgszweigverein Breitenbrunn die zerstörte Kapelle im verschwundenen Dorf Halbmeil wieder aufbaute. Und wie der Kulturwissenschaftler und Fotograf Petr Mikšíček zusammen mit der letzten Einwohnerin Rosemarie Ernst den einstigen Weiler Königsmühle zu einem Ort der Kunst und Begegnung machte.
Nach und nach tauchten immer mehr Orte aus der Vergessenheit auf. Tschechische Regionalhistoriker erforschten einzelne Regionen, etliche Dörfer bekamen Informations- und Gedenktafeln. Was ungeklärt blieb, war das ganze Ausmaß der Siedlungsverluste. 80 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen wollte ich deshalb wissen: Wie groß war dieser Exodus im Erzgebirge wirklich? Wie viele Dörfer verschwanden – und was ist heute von all diesen Orten geblieben?
Im Sommer 2024 machten wir uns zum ersten Mal auf den Weg. Meine Frau und ich, mit Rucksack, Zelt und Schlafsack. Das Terrain war nach intensiver Recherche abgesteckt: im Westen, an der sächsischen Grenze bei Klingenthal die einstige Industriegemeinde Markhausen, wo nur Reste von Freibad und Friedhof blieben, im Osten Nollendorf nahe der Autobahn zwischen Dresden und Prag. Nollendorf wurde berühmt, weil Napoleon ganz in der Nähe eine wichtige Schlacht gegen preußisch-österreichisch-russische Truppen verlor. Kaum zu glauben: Der Nollendorfplatz in Berlin wurde nach einem Erzgebirgsdorf benannt! Heute ist es unter dem tschechischen Namen Nakléřov eine Ansammlung von wenigen Gebäuden mit einem Gasthaus.
Wie findet man etwas, das nicht mehr da ist? Mit historischen Landkarten - und mit mapy.com. Der tschechische Kartendienst mit einer Handy-App ist das beste Tool, das für Wanderer erfunden wurde. Ob markierte Wege oder schmale Pfade, Aussichtspunkte oder Wasserquellen: Jedes kleinste Detail in der Landschaft ist bei mapy.com verzeichnet, auch die allermeisten verschwundenen Dörfer. Bei der Planung unserer Routen war das von unschätzbarem Wert.
Es sollte ein mehrjähriges Projekt werden, ein Abenteuer zwischen Archiv und Bibliothek, Wäldern und Wiesen, Wanderwegen und Wirtshäusern, Kellergewölben und Friedhöfen. Es gab Begegnungen mit Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise für diese Orte engagieren und mit ihnen verbunden fühlen. Es gab aber auch die Erfahrung, dass manche Siedlungen heute fast vollständig vergessen sind.
Insgesamt 60 verlorene Orte haben wir besucht: vom kleinen Weiler bis zur stolzen Bergstadt. Daraus entstand ein Buch mit mehr als 400 Seiten, ein Atlas der verschwundenen Dörfer. Eine Frage stellte sich dabei immer wieder aufs Neue: Warum mussten diese Dörfer untergehen?
Die deutsche Besiedlung des böhmischen Erzgebirges begann im Mittelalter durch den Bergbau. Die Bewohner lebten erst unter slawisch-tschechischen Herrschern in Prag, dann fast 400 Jahre unter den Habsburgern. Als Österreich-Ungarn 1918 zerfiel, wurde die Tschechoslowakei als Nationalstaat der „Tschechoslowaken“ gegründet, obwohl es nie eine tschechoslowakische Nation gab. Die deutschsprachigen Bewohner Böhmens und Mährens wurden im eigenen Land zur Minderheit. Dabei lebten in der ersten Tschechoslowakischen Republik mehr Deutsche als Slowaken.
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