Verschwundene Orte in Tschechien

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Verschwundene Orte in Tschechien

Beitragvon pentium » 17. Februar 2021, 17:38

Verschwundene Orte in Tschechien

In einer Datenbank im Internet sind über 1300 Orte in Tschechien verzeichnet, die ganz oder teilweise verschwunden sind. In den Grenzgebieten der böhmischen Länder, den ehemaligen Sudetengebieten, sind nach 1945 hunderte Ortschaften verschwunden, weil die deutschen Bewohner aus ihnen vertrieben wurden. Andere Dörfer wurden in den fünfziger Jahren aufgelöst, weil sie zu dicht an der Staatsgrenze lagen. In unserem heutigen Geschichtskapitel geht es um verschwundenen Orten in Tschechien.
"Die Internetseite zanikleobce.cz. zielt darauf ab, verschwundene Siedlungen in Tschechien zu kartieren. Ursprünglich bezog sich das nur auf das Grenzgebiet und auf Nordböhmen. Schrittweise wurden der Böhmerwald und weitere Gebiete einbezogen. Heute sammeln wir Informationen über das ganze tschechische Gebiet. Am Anfang haben wir uns auch nur auf verschwundene Städte, Dörfer und Gemeinden konzentriert. Mittlerweile sammeln wir aber auch Informationen über verschwundene Objekte, wie zum Beispiel, Kirchen, Fabriken, Mühlen, Schlösser und ähnliches", so Beran.

http://www.zanikleobce.cz/
https://deutsch.radio.cz/verschwundene- ... en-8608304
*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
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Re: Verschwundene Orte in Tschechien

Beitragvon pentium » 17. Februar 2021, 18:22

Preßnitz
(Přísečnice)

Die Stadt Preßnitz, die durch ihre Musikanten weltberühmt wurde, fiel nach dem Kriege dem Bau eines Stausees zum Opfer.
https://www.boehmisches-erzgebirge.cz/p ... index.html

Dort, wo sich heute die große Fläche der Preßnitztalsperre erstreckt, befand sich früher die Freie Bergstadt Preßnitz (Přísečnice). 1970 wurde mit dem Bau des Dammes begonnen und auch weitere Dörfer wie Rusová (Reischdorf), Dolina (Dörnsdorf) und Kotlina (Köstelwald) geopfert. Schon im 14. Jahrhundert wurde der Ort Preßnitz das erste Mal urkundlich erwähnt. Bald wird Silbererz gefunden und die Stadt blüht auf und bekommt den Titel "Freie Bergstadt". Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wohnen hier rund 5500 Menschen, doch nach Ausweisung der deutschen Bevölkerung beginnt die Stadt zu verfallen. Es werden immer wieder Häuser abgerissen. Schon in den 60er Jahren wird zuerst die St. Nikolauskirche gesprengt, der Friedhof eingeebnet und dann auch die Stadtkirche Maria Himmelfahrt. Kurz vor der Flutung sprengt man auch das ca. 400 Jahre alte Schloss, den Schlosspark und den Rest der Häuser. 1975 entsteht an dieser Stelle die gleichnamige Talsperre. Der See wird von der Přísečnice(Preßnitz), dem Hamerský potok (Hammerlebach) und dem Požarní potok (Reischdorfer Bach) gespeist. Er dient der Trinkwasserversorgung der Orte im Egertal.
http://www.ins-erzgebirge.de/Talsperre-Pre%C3%9Fnitz

bei Karl May
In der Karl Mays Reiseerzählung Von Bagdad nach Stambul aus dem Orientzyklus trifft im Kapitel In Damaskus (Freiburg i. Br., S. 376 ff.) Kara Ben Nemsi zusammen mit Halef auf einer Art Volksfest in einem Musikzelt auf eine Gesangsgruppe aus dem Ort, die unter anderen zwei Strophen des "Heilig-Obnd-Liedes" in erzge­bir­gischer Mundart vorträgt.

In Christi Blut und Gerechtigkeit ist der Vater Schefakas ein Musikant aus Preßnitz.

"Er war aus einer sehr fernen Stadt, welche Pre-nis heißt, mit andern nach Stambul gekommen, um mit ihnen die Kamantsche (= Violine) zu spielen. [...]"
"[...] Ich war sehr oft in der Stadt, aus welcher er kam. Du nennst sie Pre-nis aber sie wird dort Preßnitz genannt, und viele Männer und Frauen, viele Burschen und Mädchen gehen von dort hinaus in fremde Lande, um zu singen und allerlei Instrumente zu spielen."[2]

Im der Erzählung Der Giftheiner erklärt May:

Gar manche Preßnitzer oder Sonneberger Harfnerin hat das Weltmeer durchfurcht und vermag von fernen Kontinenten zu erzählen [...][3]

Karl May: Von Bagdad nach Stambul. In: Karl Mays Werke, S. 43591 (vgl. KMW-IV.3, S. 326).
Karl May: Christi Blut und Gerechtigkeit. In: Orangen und Datteln. In: Karl Mays Werke, S. 61193 f. (vgl. KMW-IV.25, S. 542).
Karl May: Der Giftheiner. In: Karl Mays Werke, S. 2567 (vgl. KMW-I.3-99:41, S. 651).
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Re: Verschwundene Orte in Tschechien

Beitragvon pentium » 15. März 2026, 16:34

P47087146.jpg

Karte von Rolf Böhm

Es war einmal ein Dorf

Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945/46 hörten im tschechischen Teil des Erzgebirges Dutzende Dörfer auf zu existieren. Unser Autor machte sich mit Rucksack und Zelt auf die Suche. Er fand Orte und Menschen, die Geschichte lebendig machen.
Von Oliver Hach

Chemnitz - Wer auf dem Kamm des Erzgebirges die Grenze von Sachsen nach Böhmen überschreitet, der betritt eine wundersame Welt. Im tiefen Wald liegen von Moos überzogene Steinhaufen. Unter windgebeugten Ebereschen führen Kellergänge in die Tiefe. Hier und da erinnert ein verwittertes Kreuz am Wegrand an eine Zivilisation, die es nicht mehr gibt.

Vor 100 Jahren war das Erzgebirge das am dichtesten besiedelte Gebirge Europas. Heute hat sich auf der tschechischen Seite die Natur weite Teile zurückgeholt. Die verbliebenen kleinen Städte und Dörfer wirken in manchen Ecken wie Filmkulissen für längst vergangene Zeiten. Häuser tragen noch rostige Blechdächer, die Außenflügel ihrer kleinen Holzfenster lassen sich zur Straße öffnen. Und an Fassaden, unter Anstrichen aus vielen Jahrzehnten, scheinen deutsche Aufschriften durch: „Restauration“, „Fleischhauer“, „Gemeindeamt“ – oder „Gasthaus zur blauen Donau“.

Jahrhundertelang wurde im böhmischen Erzgebirge Deutsch gesprochen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs aber brachte für diese Gegend eine beispiellose Zeitenwende. Als Konsequenz aus den Verbrechen Nazideutschlands während der Besatzungszeit wurden die deutschen Bewohner in den Jahren 1945 und 1946 fast ausnahmslos vertrieben, weite Landstriche entvölkert. Die Neubesiedlung gelang nur begrenzt. Dutzende Ortschaften verschwanden vollständig oder existieren heute nur noch als Torso.

Schon seit Langem fesselt mich diese Geschichte. Die Vorstellung, auf Zeitreise zu gehen, sich zurückzuversetzen in die Zeit vor 100 Jahren und zu sehen, wie Menschen an Orten lebten, wo heute Wald und Wiese ist.

Als Reporter der „Freien Presse“ durfte ich miterleben und berichten, wie sich Menschen mit der Vergangenheit des böhmischen Erzgebirges auseinandersetzen, die lange ein Tabu war. Wie die junge tschechische Lehrerin Veronika Kupková die alte Bergstadt Preßnitz wiederentdeckte, deren Reste in einer Talsperre versunken waren. Wie Klaus Franke vom Erzgebirgszweigverein Breitenbrunn die zerstörte Kapelle im verschwundenen Dorf Halbmeil wieder aufbaute. Und wie der Kulturwissenschaftler und Fotograf Petr Mikšíček zusammen mit der letzten Einwohnerin Rosemarie Ernst den einstigen Weiler Königsmühle zu einem Ort der Kunst und Begegnung machte.

Nach und nach tauchten immer mehr Orte aus der Vergessenheit auf. Tschechische Regionalhistoriker erforschten einzelne Regionen, etliche Dörfer bekamen Informations- und Gedenktafeln. Was ungeklärt blieb, war das ganze Ausmaß der Siedlungsverluste. 80 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen wollte ich deshalb wissen: Wie groß war dieser Exodus im Erzgebirge wirklich? Wie viele Dörfer verschwanden – und was ist heute von all diesen Orten geblieben?

Im Sommer 2024 machten wir uns zum ersten Mal auf den Weg. Meine Frau und ich, mit Rucksack, Zelt und Schlafsack. Das Terrain war nach intensiver Recherche abgesteckt: im Westen, an der sächsischen Grenze bei Klingenthal die einstige Industriegemeinde Markhausen, wo nur Reste von Freibad und Friedhof blieben, im Osten Nollendorf nahe der Autobahn zwischen Dresden und Prag. Nollendorf wurde berühmt, weil Napoleon ganz in der Nähe eine wichtige Schlacht gegen preußisch-österreichisch-russische Truppen verlor. Kaum zu glauben: Der Nollendorfplatz in Berlin wurde nach einem Erzgebirgsdorf benannt! Heute ist es unter dem tschechischen Namen Nakléřov eine Ansammlung von wenigen Gebäuden mit einem Gasthaus.

Wie findet man etwas, das nicht mehr da ist? Mit historischen Landkarten - und mit mapy.com. Der tschechische Kartendienst mit einer Handy-App ist das beste Tool, das für Wanderer erfunden wurde. Ob markierte Wege oder schmale Pfade, Aussichtspunkte oder Wasserquellen: Jedes kleinste Detail in der Landschaft ist bei mapy.com verzeichnet, auch die allermeisten verschwundenen Dörfer. Bei der Planung unserer Routen war das von unschätzbarem Wert.

Es sollte ein mehrjähriges Projekt werden, ein Abenteuer zwischen Archiv und Bibliothek, Wäldern und Wiesen, Wanderwegen und Wirtshäusern, Kellergewölben und Friedhöfen. Es gab Begegnungen mit Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise für diese Orte engagieren und mit ihnen verbunden fühlen. Es gab aber auch die Erfahrung, dass manche Siedlungen heute fast vollständig vergessen sind.

Insgesamt 60 verlorene Orte haben wir besucht: vom kleinen Weiler bis zur stolzen Bergstadt. Daraus entstand ein Buch mit mehr als 400 Seiten, ein Atlas der verschwundenen Dörfer. Eine Frage stellte sich dabei immer wieder aufs Neue: Warum mussten diese Dörfer untergehen?

Die deutsche Besiedlung des böhmischen Erzgebirges begann im Mittelalter durch den Bergbau. Die Bewohner lebten erst unter slawisch-tschechischen Herrschern in Prag, dann fast 400 Jahre unter den Habsburgern. Als Österreich-Ungarn 1918 zerfiel, wurde die Tschechoslowakei als Nationalstaat der „Tschechoslowaken“ gegründet, obwohl es nie eine tschechoslowakische Nation gab. Die deutschsprachigen Bewohner Böhmens und Mährens wurden im eigenen Land zur Minderheit. Dabei lebten in der ersten Tschechoslowakischen Republik mehr Deutsche als Slowaken.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
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Re: Verschwundene Orte in Tschechien

Beitragvon pentium » 15. März 2026, 16:37

Ein tschechisches Dorf, das die Nazis auslöschten

Unter der Weltwirtschaftskrise litten in der Tschechoslowakei vor allem die Sudetendeutschen, die sich schließlich mit Hitler verbündeten. Nazideutschland annektierte 1938 erst das Sudetenland, dann überfiel die Wehrmacht die „Rest-Tschechei“. Nachdem tödlichen Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich wurden bei den Massakern von Lidice und Ležáky von den Nazis zwei tschechische Dörfer komplett ausgelöscht. Alle Männer wurden ermordet, Frauen ins KZ deportiert, Kinder vergast. All das führte letztlich zu den Dekreten des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš und der Vertreibung von mehr als drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei. Auf barbarische Verbrechen folgte kollektive Bestrafung, ein Unrecht auf das andere.

Wir sind auch nach Lidice gefahren, um zu verstehen. In der Gedenkstätte kann man Videoaufnahmen mit den wenigen Frauen und Kindern sehen, die das Massaker überlebten. Eine Frau erzählt dort sehr anschaulich, was ihr Dorf ausmachte: Es gab einen Metzger. Einen Schmied. Drei Gasthöfe. Die Schule. Die Kirche mit Pfarrhaus. „Und was es noch gab“, so fuhr die alte Frau mit Tränen in den Augen fort, „es gab viele schöne Kinder“. Die Erzählung hat mich zutiefst bewegt. Denn sie gleicht dem, was ich im böhmischen Erzgebirge tat: dokumentieren, was in jedem einzelnen Dorf verloren ging.

Als der Sommer 2025 zu Ende geht, sind wir wieder unterwegs. Es ist eine der letzten Touren. In Kraslice, dem früheren Graslitz, setzen wir die Rucksäcke auf - am Café Julius, das an den österreichischen Kaffeeröster Julius Meinl erinnert, der hier geboren wurde. Wir nehmen einen Pfad hinauf in die Berge, der vor über 100 Jahren als längster Fernwanderweg Europas angelegt wurde und der in Tschechien inzwischen eine Renaissance erlebt: der alte Kammweg von 1904.

Wir entdecken das verschwundene Neudorf bei Graslitz, heute eine neu gebaute Siedlung mit Wochenendhäusern. Wir zelten im Wald und werden am frühen Morgen von Scheinwerfern eines Forstautos geweckt - zum Glück sind die Tschechen tolerant beim Wildcamping. Über Frühbuß (Přebuz) und die Wüstung von Neuhaus (Chaloupky) erreichen wir das einst große Dorf Hirschenstand, das heute auf Tschechisch Jelení heißt. Über 1000 Menschen lebten dort Anfang des 20. Jahrhunderts.

Hirschenstand, das zeigt der folgende Auszug aus dem „Atlas der verschwundenen Dörfer“, ist einer der Orte, die nicht vergessen sind - weil sich Menschen auf beiden Seiten der Grenze engagieren und die Hände reichen.

Grenzgänger zwischen verschwundenen Dörfern: Zu Besuch in Hirschenstand (Jelení)

Ulrich Möckel kennt Hirschenstand heute wie kein Zweiter. An der Pension Jelení hat er sein Auto am Straßenrand abgestellt, eingereiht in die vielen geparkten Fahrzeuge. Im karierten Hemd steht er in der Sonne, den Fotoapparat umgehängt. Als rasender Reporter wird er das Geschehen in Bild und Text festhalten.

An diesem Samstag im September 2025 hat die Tourismusagentur Krušnohoří zum „Tag der verschwundenen Dörfer“ eingeladen. Neben der Pension mit dem Gasthof steht ein Festzelt, und beim geführten Spaziergang durch den einstigen Ort zieht sich eine lange Menschenschlange durch die Wiesen. Die Leute interessieren sich für das, was hier einmal war. Der Mann mit dem Fotoapparat könnte viel erzählen - viel mehr als das, was den Besuchern in einem knappen Abriss auf Tschechisch und Deutsch gesagt wird.

Ulrich Möckel, Jahrgang 1964, stammt aus Schönheide im sächsischen Erzgebirge. Inzwischen lebt er in Tannenberg. Seit dem Jahr 2010 versorgt der studierte Forstingenieur Interessierte in einem digitalen Magazin mit Informationen über das böhmische Erzgebirge. „Der Grenzgänger“ enthält historische Beiträge und Neuigkeiten aus der Region. Jeden Monat wird eine neue Ausgabe zum Download bereitgestellt und per E-Mail an Abonnenten verschickt, kostenlos. Etwa 2000 Menschen beziehen den „Grenzgänger“. Ulrich Möckel macht ihn ehrenamtlich und ohne finanzielle Unterstützung - aus purer Freude an Geschichte und Gegenwart des böhmischen Erzgebirges.

Mit Hirschenstand fing alles an. Ein Onkel aus Carlsfeld, in dessen Scheune Sudetendeutsche aus der Nachbarschaft bei Kriegsende ihr Hab und Gut gerettet hatten, erzählte Ulrich Möckel von einem großen Dorf. Als er in den Achtzigerjahren selbst zum ersten Mal dort war, fand er nur vier Häuser. Da packte ihn die Neugier: Wie sah das früher aus, wo heute nur noch Wiesen sind?

Hirschenstand lag im Tal des Schwarzwasserbachs (heute Černá voda) in einer Höhe zwischen 850 und 900 Metern am Kamm des Erzgebirges. Sein Name wird vom Hirschkopffelsen auf dem Hirschkopf (Jelení vrch, 931 m) abgeleitet. Das erste Haus war die Brettsäge Bura an der Straße von Neuhammer kommend. Es folgte der Ortsteil Wasserstadt mit dem Leierberg, die Ortsmitte mit der 1832 errichteten Pfarrkirche St. Antonius von Padua, südlich davon Peterwinkel, Fuchsseite und Karlberg, im Norden Gaglberg. Im Nordosten reichte der Ortsteil Kronesberg bis auf wenige Hundert Meter an die sächsische Grenze heran.

Von Sachsen aus kann man die Grenze bei Hirschenstand heute nur noch mit dem Fahrrad, zu Fuß oder im Winter auf Skiern überschreiten. Gleich hinterm Grenzstein steht die beliebte Imbissbude Celnice Jelení - ihr Name gibt einen Hinweis darauf, dass das Dorf einmal ein Zollamt hatte.

Der Hirschenstander Pass ist eine uralte Erzgebirgsquerung. Als Postroute wurde sie im 19. Jahrhundert chausseemäßig ausgebaut. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verlief hier die Reichsstraße 93 von Schneeberg über Hirschenstand nach Karlsbad, dann wurde die Verbindung gekappt. Nur zweimal ging das Grenztor noch auf: 1964 bei der Internationalen Friedensfahrt – und 1968, als sowjetische Panzer bei der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der DDR in die Tschechoslowakei rollten.

Hirschenstand wurde von Bergleuten gegründet, die vermutlich aus Schneeberg kamen. Seit 1569 gab es Zinnabbau am Kronesberg. 1624 wurde das Dorf als Bergort genannt, 1654 erschien es erstmals in der Steuerrolle als Dorf mit zwei Anwesen. Mit dem Niedergang des Bergbaus Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Spitzenklöppeln wichtigster Wirtschaftszweig.
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Re: Verschwundene Orte in Tschechien

Beitragvon pentium » 15. März 2026, 16:38

Aus dem Erzgebirge nach Wien: Der bedeutendste Spitzenhersteller im Kaisertum Österreich

Schon 1780 wurde in Hirschenstand die k. k. privilegierte Spitzenfabrik Anton Gottschald & Comp. gegründet, das älteste und bedeutendste Unternehmen der Spitzenerzeugung im Kaisertum Österreich. In der gesamten Erzgebirgsgegend zwischen Graslitz und Sebastiansberg ließ der Betrieb in Heimarbeit geklöppelte Spitze fertigen. Im Jahr 1820 zählte das Unternehmen mehr als 8500 Arbeiterinnen und Arbeiter, davon 710 in Hirschenstand, 826 in Sauersack und 245 in Neuhaus. Als um 1830 das maschinelle Tüllnähen dem Spitzenklöppeln Konkurrenz machte, ließ die Firma in Hirschen-stand Bobinet-Maschinen zur Tüllherstellung aufstellen. 1846 wurde der Firmensitz nach Neudek verlegt. Später entwickelte sich eine Filiale in Wien zum Mittelpunkt des Unternehmens. Noch im 20. Jahrhundert existierte die Firma. Exportiert wurde in die USA, nach England und in die Schweiz, in Plauen wurde 1923 eine Zweigniederlassung gegründet.

Seit 1850 war Hirschenstand eine eigenständige Gemeinde. Zur örtlichen Pfarrei gehörten auch Neuhaus und Sauersack. 1869 bekam das Dorf ein Postamt. Die Schule, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts existierte und zwischen Kirche und Pfarrei stand, wurde 1887 erweitert. 1911 wurde ein Konsumverein gegründet. Er entwickelte sich zum größten Lebensmittelgeschäft des Ortes.

Ein wichtiger Mann in Hirschenstand war Johann Kragl. Ende des 19. Jahrhunderts gehörten ihm der älteste Laden und die Bäckerei, wo das Brot mithilfe von Maschinen gebacken wurde. Dadurch konnte er günstig große Mengen herstellen. Mit vier Pferdefuhrwerken belieferte er die umliegenden Ortschaften. Kragl wurde reich, bald gehörten ihm etliche Häuser in Hirschenstand und Neuhaus. Um die Jahrhundertwende baute er eine Villa, die damals als einziges Haus von Hirschenstand mit Bad, Wasserleitung und Gaslampen ausgestattet war.

In der Villa, die noch heute steht, war zwischen 1933 und 1938 eine tschechische Schule eingerichtet. Anfangs lernte dort nur ein einziges tschechisches Kind, doch auch deutsche Eltern schickten ihre Kinder dorthin. Die Schüler bekamen kostenlose Lebensmittel und konnten die Ferien bei tschechischen Familien im Landesinneren verbringen, sodass sich ihre Tschechisch-Kenntnisse schnell verbesserten.

Dank seiner reizvollen Berglandschaft galt Hirschenstand als Sommerfrische und Wintersportplatz - und war entsprechend auf Touristen eingestellt. Sieben Gasthäuser zählte das Dorf, zwei davon mit Fleischerei und Saal. Das ganze Jahr über gab es fast jeden Sonntag Tanzveranstaltungen.

Anfang der Zwanzigerjahre gründeten einige Interessenten einen Wintersportverein. Wintersportfeste mit Langläufen und ein Skispringen auf dem Leierberg mit Sprüngen bis zu 30 Meter wurden veranstaltet. Die wenigsten Kinder besaßen eine echte Skiausrüstung. Gefahren wurde oft mit Fassdauben, die oben mit einem einfachen Riemen versehen waren. 1930 wurde eine Buslinie von Hirschenstand über Neuhammer nach Neudek eingerichtet. Eine Fahrt kostete 5 Kronen, was ungefähr dem Stundenlohn eines Maurers entsprach. Zwischen 1938 und 1944 fuhren durchgehende Busse von Zwickau über den Hirschenstander Pass nach Karlsbad.

Mitte und Ende der Zwanzigerjahre boomte der grenzüberschreitende Tourismus in Hirschenstand. Noch 1930 stammten 90 Prozent der Gäste aus Deutschland. Im Folgejahr brach der Wert der Reichsmark ein - und viele blieben zu Hause. 1932 verhängte Deutschland zeitweise eine Notverordnung, nach der jede ins Ausland reisende Person 100 Reichsmark bezahlen musste. Und Hitlers Machtergreifung 1933 brachte neue Beschränkungen, die dem sudetendeutschen Tourismus schadeten. Das Deutsche Reich führte das Ausreisevisum ein, Behörden übten Druck auf die Antragsteller aus, von Reisen abzusehen. „Beamte durften den Urlaub überhaupt nur in Deutschland verbringen“, berichtet der Hirschenstander Chronist. Und weiter: „An der Grenze wurden die Wanderer aufgehalten und wieder zurückgeschickt. Zur Überwachung der Grenze wurden SS- und SA-Leute zu Hilfe genommen. Die Folge war: keine Sommerfrischler aus Deutschland.“ Der Bezirk Neudek versuchte gegenzuhalten und stellte Geld für Notstandsarbeit zur Verfügung. So wurde 1936 in Hirschenstand ein Sportplatz gebaut.

1938 spitzte sich die Krise zu. Bei den Gemeindewahlen holte die Sudetendeutsche Partei in Hirschenstand 12 der 15 Mandate. Und im September, wenige Tage vor Unterzeichnung des Münchner Abkommens, flüchtete fast die gesamte Bevölkerung von Hirschenstand über die Grenze nach Sachsen, „da sie glaubte, ein Krieg sei nicht mehr zu vermeiden“. Die ehemaligen Einwohner Anton und Erhard Pilz berichten weiter: „Es blieben nur etwa 35 Personen im Ort zurück, die sich um das zurückgebliebene Vieh kümmerten. Auf Befehl der tschechischen Regierung mussten die Deutschen ihre Radios abliefern, die in der Schule untergebracht wurden.“

Wenige Tage später marschierte die Wehrmacht ins Sudetenland ein. „Viele Arbeiter bekamen Arbeit im Reich zugeteilt“, schreiben die beiden ehemaligen Hirschenstander im Neudeker Heimatbrief. Aber: „Die Freude, am Altreich angeschlossen zu sein, dauerte nicht lange, weil der Friede nur ein Jahr hielt.“ 58 der damals etwa 800 Hirschenstander fielen im Zweiten Weltkrieg. Dann kam die Vertreibung.
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Re: Verschwundene Orte in Tschechien

Beitragvon pentium » 15. März 2026, 16:39

Die letzten Einwohner nehmen Abschied

Hirschenstand, das seit 1948 Jelení heißt, gehört heute zur Gemeinde Nové Hamry (Neuhammer). Zum „Tag der verschwundenen Dörfer“ ist die Bürgermeisterin gekommen. „Offiziell hat Jelení heute vier Einwohner“, erzählt Eva Machková. Nach 1945 habe sich alles geändert. „Die Leute wurden vertrieben, und es ist einsam geworden.“ Die Geschichte lehre, dass es nicht selbstverständlich ist, eine Heimat zu haben.

Die vier ständigen Einwohner – das waren Alice Janstová, ihr Mann aus Indien und ihre beiden Kinder. Sie kamen aus Prag, kauften 2014 die alte Kragl-Villa, in der nach dem Krieg tschechoslowakische Grenzer einquartiert waren und die später ein Ferienheim wurde, und lebten hier mit Alpakas und Pferden „am zweitkältesten Ort der Tschechischen Republik“. Sie sei als Unwissende gekommen, erzählte Alice Janstová in einem Interview, jetzt könne sie hinter jedem Baum eine Geschichte erkennen. Sie spüre eine Energie der Versöhnung. Inzwischen haben die vier Abschied genommen von Hirschenstand. Ihre Unterkunft Mezi Jeleny halten sie für Touristen offen, sie selbst leben nun auf einer Farm in Sardinien. In Jelení wurden inzwischen mehrere neue Häuser gebaut, vorläufig nur für Wochenendurlauber aus der Stadt. Schon seit den Neunzigerjahren erinnert in der Ortsmitte ein Denkmal an die zerstörte Kirche und an das verschwundene Dorf. Errichtet wurde es von ehemaligen Bewohnern, die sich 1994 zum „Hirschenstander Fest“ erstmals wieder in der alten Heimat trafen. Damals kamen 300 Personen, überwiegend aus der Erlebnisgeneration. 2025, erzählt Ulrich Möckel, waren beim Heimattreffen nur noch drei gebürtige Hirschenstander.

Das Fenster in die Vergangenheit

Dass die alten Zeiten in dem Erzgebirgsdorf heute noch so lebendig werden können, ist auch dem Fotografen Rupert Fuchs zu verdanken. Er wurde 1892 in Neuhammer geboren und ließ sich nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Heimatort als Porträt- und Landschaftsfotograf nieder. Auch er wurde vertrieben, kam nach Bayern, wo er noch im Bayerischen Wald fotografierte. 1962 starb er in Überlingen am Bodensee. Seine Fotopostkarten mit über 2000 Landschaftsmotiven aus dem böhmischen Westerzgebirge öffnen uns ein Fenster in die Vergangenheit. Besonders auch nach Hirschenstand - im Sommer und im Winter.

Die Original-Plattenkamera von Rupert Fuchs und viele seiner Fotos sind im Heimatmuseum Stadt und Landkreis Neudek in Augsburg ausgestellt - dort, wo Ulrich Möckel begann, in die Geschichte einzutauchen. Den „Grenzgänger“ will er weiter herausgeben - so lange er die Kraft hat und von seinen Lesern so viel Zuspruch bekommt. Das Erzgebirge ist für ihn grenzenlos und Schengen in Europa „das Beste, das wir in dieser Beziehung haben“.

Zitat:
„Die Leute wurden vertrieben, und es ist einsam geworden.“ Eva Machková Bürgermeisterin in Nové Hamry (Neuhammer)
Autor & Buch
Der Autor Oliver Hach, geboren 1972 in Freiberg, studierte Slavistik, Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft in Dresden, Münster und Zagreb. Als Reporter der „Freien Presse“ schreibt er seit vielen Jahren über das Erzgebirge und berichtet von beiden Seiten der Grenze. Mit seiner tschechischen Ehefrau lebt er in Mulda im östlichen Erzgebirge.

Das Buch Atlas der verschwundenen Dörfer im böhmischen Erzgebirge. 60 Orte des untergegangenen Sudetenlands - wiederentdeckt in Tschechien. Verlag Tschirner & Co. Leipzig 2026. 467 Seiten. 49,80 Euro.

Auf der Leipziger Buchmesse stellt Oliver Hach sein Buch vor: Sonntag, 22. März, 10.30 Uhr am Stand des Verlags Tschirner & Co., Forum Literaturlandschaft (Halle 4, C205).
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