Mauerfall: Wut, Verbitterung und Vergeltungswille in Osteuropa

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Mauerfall: Wut, Verbitterung und Vergeltungswille in Osteuropa

Beitragvon Interessierter » 7. November 2019, 11:52

30 Jahre nach der friedlichen Revolution prägen in Osteuropa vor allem negative Gefühle die Erinnerung. Eine Analyse.
vonUlrich Krökel

Ivan Krastev redet gern Tacheles. „Michail Gorbatschow war naiv“, lautet eine These des bulgarischen Politologen, die ihre ganze Schärfe erst durch den Zusatz entfaltet: „Wladimir Putin ist es nicht.“ Der Kriegsherr im Kreml ist demnach ein besserer Politiker, als es der Erfinder der Perestroika je war. Zugleich jedoch ist der ausgewiesene Putin-Kenner Krastev davon überzeugt, dass Russland zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Weltmacht der Wut geworden ist, ein „zornerfüllter, revisionistischer Staat, der alles daran setzt, Europa zu zerstören“. In dieser Deutung ist Putin so etwas wie ein genialer Exekutor von Empörung und Rachsucht, die sich 30 Jahre nach dem Mauerfall im Osten Europas ausgebreitet haben. Tatsächlich herrscht zumindest in der russischen Gesellschaft längst Einigkeit darüber, dass Gorbatschows Perestroika ein Fehler mit verheerenden Folgen war.

Der Zerfall des Imperiums und die Jelzin-Anarchie der 90er Jahre haben traumatische Spuren hinterlassen. Krastev schließt aus der „aufgestauten Wut über die nationale Enteignung“ auf einen Vergeltungswillen, der in der Annexion der Krim 2014 seinen bislang stärksten Ausdruck gefunden habe. Mit Blick auf Russland spricht viel für diese „psychologische“ Argumentation. Weit verblüffender jedoch ist, dass sich ähnliche Phänomene auch in jenen Staaten Ostmitteleuropas zeigen, die 1989 auf der Seite der Sieger zu stehen glaubten. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei nicht nur der Jubel über den Triumph der Freiheit verklungen. Vielmehr wächst auch dort die Verbitterung. Zum Beispiel in Tschechien, wo der populistische Premier Andrej Babis die Folgen von 1989 gern mit einer Reihe von Schlagworten beschreibt: „Privatisierung, Entkernung der Betriebe, Mafiakämpfe, Oligarchie und Korruption“.

Was Babis nicht dazu sagt, ist, dass er selbst zu den größten Wendegewinnern in der ehemaligen CSSR zählt. Mit seiner Agrar-Chemie-Holding stieg er in den 1990er Jahren zum Multimilliardär auf und später zum Ministerpräsidenten, obwohl er in diverse Korruptionsskandale verwickelt war. Allerdings muss Babis das auch gar nicht dazusagen, denn in Tschechien kennt ohnehin jeder dessen zwielichtige Geschichte. Erst im Sommer forderten in Prag Hunderttausende seinen Rücktritt als Regierungschef.

Eine Mehrheit der Tschechen lässt das jedoch kalt. Die Babis-Partei ANO liegt in allen Umfragen klar vor der Konkurrenz. Mehr noch: Die Erzählung von den verheerenden Folgen der Samtenen Revolution stößt in weiten Teilen der Bevölkerung auf offene Ohren, und das in einem Wirtschaftswunderland mit der geringsten Arbeitslosigkeit in der gesamten EU. Und Tschechien ist kein Einzelfall. Auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban und Jaroslaw Kaczynski, der starke Mann der polnischen Politik, folgen bei ihren Auftritten gern der populistischen Erzählung von den ausbeuterischen Eliten und dem einfachen Volk, das um seinen Sieg des Jahres 1989 betrogen worden sei.

Ivan Krastev spricht von „Blumen der Verbitterung“, die in den jungen EU-Mitgliedsstaaten immer seltsamere Blüten treiben. Es wirkt hochgradig paradox: Je besser es den Menschen in Polen, Ungarn und Tschechien wirtschaftlich geht, desto größer werden Wut und Enttäuschung über die „blinde Westwendung“ nach 1989. Auf der Suche nach Erklärungen verweist Krastev unter anderem auf das Thema Migration, das eine zentrale Rolle bei diesem Paradigmenwechsel spiele.

Zum einen, so führt er aus, habe die Abwanderung vieler gut ausgebildeter Menschen in den Westen Ängste vor Entvölkerung geschürt. „In vielen Ländern der Region finden wir heute wunderbare, von der EU finanzierte Spielplätze, aber keine Kinder.“ Vor diesem Hintergrund habe dann die große Migration von 2015 teils panische Überfremdungsängste ausgelöst. Ob das als Erklärung für das 89er-Paradoxon reicht? Fest steht, dass Orban damals vor „einer der größten Menschenfluten der Geschichte“ warnte. Kurz darauf ließ er an der ungarischen Grenze einen „Eisernen Vorhang“ aus Stacheldrahtzäunen errichten.

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