Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Interessierter » 8. Mai 2021, 09:05

Dem Linkenblatt »Neues Deutschland« droht nach 75 Jahren der Ruin. Die Dramen der DDR-Geschichte prägten die Tageszeitung. Manchmal flackerte in der Redaktion sogar Mut auf.

Als über dem Osten Deutschlands noch die schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz wehte, wurde diese Ware in der Mangelwirtschaft der DDR niemals knapp: die Zeitung »Neues Deutschland«, bis zum Dezember 1989 »Organ des Zentralkomitees« der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Jetzt steht das Blatt am Rande des Ruins. Die verkaufte Auflage ist auf kaum mehr als 18.000 Exemplare gesackt, gut 92 Prozent gehen an Abonnenten zumeist reiferer Jahrgänge. Die Verlags-GmbH, in der die Linkspartei Mitgesellschafter ist, will sich zum Jahresende auflösen. Die Journalisten, so der Plan, sollen das Blatt als Genossenschaft fortführen, sofern sich dafür genug Leser und Genossen finden.

»Neues Deutschland« verzeichnete einst eine Auflage von mehr als einer Million und kostete nur 15 Pfennige. Doch selbst viele der 2,3 Millionen SED-Mitglieder empfanden das Blatt in den späten Jahren der DDR mehr und mehr als Belastung. Auch den bravsten Genossen hob es kaum die Stimmung, wenn sie aus der Zeitung erfuhren, dass dem SED-Generalsekretär 1987 der Titel »Held der DDR« verliehen wurde. Oder wenn er im selben Jahr auf 43 Fotos zur Leipziger Messe bewundern war – dreiundvierzig Honecker-Bilder in einer einzigen dünnen Ausgabe.

Weitere interessante Details erfährt man hier:
https://www.spiegel.de/geschichte/neues ... 2332149536
Was du hast, können viele haben. . . doch was du bist , kann keiner sein.
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon augenzeuge » 8. Mai 2021, 09:18

Auflage ist auf kaum mehr als 18.000 Exemplare gesackt. gut 92 Prozent gehen an Abonnenten zumeist reiferer Jahrgänge.

Das sind die ganz Uneinsichtigen, oder Hardliner. [flash]
AZ
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Kumpel » 8. Mai 2021, 09:26

Also ich fand das ND nach der Wende nicht mal so schlecht.
Allemal lesenswert , wenn man auch eine andere Perspektive sehen wollte.
Für die Uneinsichtigen und Hardliner war das ND wohl eher zu lasch , oder zu sachlich.
Selbst in der DLF Presseschau wurde mehr oder weniger regelmäßig daraus zitiert.
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Danny_1000 » 8. Mai 2021, 15:02

Ich hatte es Mitte der Achtziger. Das ND druckte nämlich damals noch viele Reden von Gorbatschow ab, welche ich mit großer Begeisterung las.

Mit dem Kurswechsel der DDR- Führung - weg von der Sowjetunion - bestellte ich es wieder ab und in den Neunzigern las ich es allerdings erneut. Damals war es mir ein guter kritischer Wegbegleiter als Übergang in die neue Zeit im vereinten Deutschland. Mit der Verbreitung des Internets wurde das ND eine von vielen Quellen, aus denen ich mich informierte. Heute lese ich es kaum noch.
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon AkkuGK1 » 9. Mai 2021, 06:08

Danny_1000 hat geschrieben:Ich hatte es Mitte der Achtziger. Das ND druckte nämlich damals noch viele Reden von Gorbatschow ab, welche ich mit großer Begeisterung las.

Mit dem Kurswechsel der DDR- Führung - weg von der Sowjetunion - bestellte ich es wieder ab und in den Neunzigern las ich es allerdings erneut. Damals war es mir ein guter kritischer Wegbegleiter als Übergang in die neue Zeit im vereinten Deutschland. Mit der Verbreitung des Internets wurde das ND eine von vielen Quellen, aus denen ich mich informierte. Heute lese ich es kaum noch.


Das erklärt so einiges wie du die Welt siehst.
I don´t believe
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Edelknabe » 9. Mai 2021, 07:00

Wird aber noch gelesen.Und ist von meiner Lesedenke her niveauvoller wie "junge welt." Ich denke mir eher das hat heute etwas mit der Scham der Leute vor des Nachbars Neugier zu tun. So "Was, der liest noch das Kampfblatt?"

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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon augenzeuge » 9. Mai 2021, 07:13

Ja, die junge Welt ist auch der Tiefpunkt der Presse. [laugh]
AZ
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Edelknabe » 9. Mai 2021, 07:39

Als Tiefpunkt würde ich das Blatt nicht unbedingt bezeichnen, gerade weil es unwichtigere Blätter gibt. Nur kommt "junge Welt" irgendwie nicht aus der tiefroten Ideologie raus siehe" Alles Rote gut und entwicklungsfähig, alles Gegenteil beschissen bis gehört abgeschafft".

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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon karnak » 9. Mai 2021, 09:03

Also alle alten Kämpfer die ich kannte haben sich vom ND abgewandt, für sie war irgendwann immer die junge Welt das Einzige.
" Denn sie hassen am Andersdenkenden nicht nur die andere Meinung, zu der er sich bekennt,sondern auch die Vermessenheit, selbst urteilen zu wollen. Was sie ja doch selbst nie unternehmen und im Stillen sich dessen bewusst sind."
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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Edelknabe » 9. Mai 2021, 09:20

Das hast du richtig gut erkannt Karnak. Weil, ein alter Kämpfer hält an seinen Idealen fest. Rot bleibt rot, Schwarz schwarz und Weiß bleibt weiß.Der verbiegt sich auch nicht gar wendet sich noch....und nöcher. Das ND nummal hat sich dagegen weiter entwickelt, sinngemäß ideologisch formuliert. Aber "junge Welt" hält ähnlich der alten Kämpfer weiterhin fest.....und zwar am Klassenkampf.Wenn die könnten wäre morgen "die Neue Oktoberrevolution".

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Re: Die Staatszeitung, der ihr Staat abhandenkam

Beitragvon Sperrbrecher » 9. Mai 2021, 10:36

Erinnerung an das "Neue Deutschland".

In den Vormauerzeiten der 50er Jahre liefen häufig die Zeitungsverkäufer
durch die S-/U-Bahnen in Berlin und boten ihre Presseerzeugnisse an.

Der Verkäufer rief:
"Will hier noch jemand ein "Neues Deutschland?"

Unisono kam die Antwort:
"Ja, das wollen wir alle!"
In der DDR wussten 90% der Bevölkerung, dass sie verarscht werden.
In der Bundesrepublik haben es 90% der Wähler immer noch nicht gemerkt.
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