Begegnungen mit der Staatsmacht

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Begegnungen mit der Staatsmacht

Beitragvon Interessierter » 21. Juli 2017, 10:51

Jörg Zwitters, Lehrer am Steinfelder HJK, berichtet von seiner Kindheit und Jugendzeit in der ehemaligen DDRKall-Steinfeld – „Ich möchte nichts über die große Politik erzählen, es geht um wirkliche Geschichten, wie ich sie in der ehemaligen DDR erlebt habe“, sagt Jörg Zwitters, Lehrer des Hermann-Josef-Kollegs (HJK), beim „Steinfelder Abend“. In kurzweiligen zwei Stunden gibt er einen Einblick in das „Honecker“-Land. Erzählt von Begegnungen mit der Staatsmacht, über die Wendezeit und „Wendehälse“, seine Kindheit wie auch die intensiven Sportlerjahre, die in Ostdeutschland bekanntermaßen nicht immer ohne Doping waren. 1967 ist Zwitters geboren. 22 Jahre lang blieb er in der damaligen DDR, verbrachte seine Kindheit, Jugend und Teile des Erwachsenenalters dort.

Rückblickend ist es für ihn eine „glückliche Kindheit“ gewesen. DDR-typisch sei er aufgewachsen: Die Mutter war berufstätig (Lehrerin), so kam er früh in die Kinderkrippe. „Im Nachhinein merkt man, dass der Staat schon in die Kindererziehung eingegriffen hat.“

Kinderlieder, die er und andere sangen, wie etwa das „Vom lieben Volkspolizisten“, sollten prägen und im Sinne der sozialistischen Ideologie erziehen. Als Jungpionier und Thälmannpionier, später bei der „FJ“, lernte er die „Gebote“. Da galt die benachbarte BRD als „Klassenfeind”, der die DDR „bedroht”.

Fünfzehn Jahre alt sei er gewesen, als er das erste Mal eine Ahnung bekommen hat, dass „da was falsch läuft“.
Bei einem Fahnenappell seien wegen einer Lappalie drei Schüler vom Abitur ausgeschlossen worden. „Das kann doch nicht sein. Die haben doch nur Spaß gemacht“, habe er damals gedacht.

Zwitters berichtet von Bespitzelungen, die den Opfern erst viel später klar wurden und keine Einzelfälle blieben. Wie etwa die DDR-Bürgerrechtlerin, deren Mann von der Stasi auf sie angesetzt worden war. „Und zwar schon, bevor sie geheiratet haben“, erzählt Zwitters.

Seine Stasi-Akte hat der Steinfelder angefordert, zeigt sie auch kurz an diesem Abend. Aus Interesse, um mal zu sehen, was über ihn gesammelt wurde, habe er sie sehen wollen, erläutert der heute 50-Jährige: „Es war nicht sehr ergiebig, es sind nur drei Seiten, viele Teile geschwärzt und manches wahrscheinlich vor der Herausgabe vernichtet worden.“ Wer ihn bespitzelt hat, möchte er gar nicht wissen. Ich möchte das alles lieber so in Erinnerung behalten, wie es für mich gewesen ist“, begründet Zwitters. Man könne sich sowieso denken, wer was gesagt hat. Letztendlich habe vielleicht auch sogar sein damals bester Freund Informationen weitergegeben.

Gelesen hat er auch die Gerichtsakte des Vaters, der mit 19 Jahren von der Stasi verhaftet worden ist, wegen „staatsgefährdender Propaganda“ und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde.

Auch er selbst sei mit der Staatsmacht unangenehm in Berührung gekommen, berichtet Zwitters. 1983 war es, als er mit einem Freund gemeinsam in das oberste Stockwerk eines Hochhauses mit dem Aufzug fuhr. Das Gebäude stand direkt an der Grenze und gewährte einen Blick auf Westdeutschland wie auch die Mauer. „Es dauerte keine fünf Minuten, da wurden wir von zwei Volkspolizisten verhaftet. Wir sind wie Verbrecher behandelt worden. Zwei Stunden haben die uns verhört“, erinnert er sich. Weil die Mutter des Freundes bei der Stasi angestellt war, sei es glimpflich ausgegangen.

Als Vizekindermeister im Fechten besuchte Zwitters die Kinder- und Jugendsportschule in Berlin. „Im Nachhinein betrachtet, war das eine Stasi-Sportschule schlechthin. Herr Miehlke hat da seine Hand draufgehalten.“ Die dorthin gekommen seien, seien vorher definitiv gesiebt worden.

Er selbst sei später als Spitzel umworben worden, verrät er. Er war gerade 18 geworden, als Stasi-Mitarbeiter ihn ansprachen. Sie sagten zu ihm: „Sie wissen ja, Sie müssen dem Staat dankbar sein. Wir haben viel investiert, jetzt ist die Zeit, wo Sie etwas zurückgeben können.“ Zum Glück sei ihm eine gute Antwort in der Situation eingefallen, sagt Zwitters: „Ich fühle mich aber noch nicht reif genug.“

Auch zu Doping äußert er sich. Fechten sei grundsätzlich allerdings eine Sportart, die nicht so doping-affin ist. „Ich kann mich trotzdem daran erinnern, dass wir immer eine Urinprobe abgeben mussten, bevor wir zu Auslandswettkämpfen gefahren sind. Da frag ich mich, warum, wenn wir nie gedopt haben.“

Die Wende sei nicht ohne Vorahnung gekommen, sagt er: „Selbst den härtesten DDR-Verfechtern war klar, da läuft was nicht richtig. Die Leute hauen ab, sind unzufrieden, die Montagsdemos begannen. Die Stimmung kippte.“ Für viele DDR-Bürger habe die Wende unterschiedliche Wege bereitgehalten. Einer seiner Trainer sei Schweizer Nationaltrainer geworden, später Privatier. Der andere, „ein netter Kerl“, sei aufgrund der Stasi-Vergangenheit noch nicht mal mehr als Kindergärtner eingestellt worden.

Das erste Mal „rüber“ kam der Steinfelder Lehrer nicht sofort, sondern erst im Januar 1990. „Ich hatte nicht den Drang, sofort zu schauen, wie es im Westen aussieht.“ Er absolvierte noch in Magdeburg sein Lehramtsstudium. Später kam Zwitters nach Steinfeld: „Das habe ich nie bereut!“ Unter den Besuchern waren einige mit DDR-Vergangenheit. Es ergaben sich daher im Anschluss an Zwitters Vortrag noch angeregte Gespräche.

http://dns-digital.de/2017/06/12/begegn ... aatsmacht/
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Re: Begegnungen mit der Staatsmacht

Beitragvon Interessierter » 23. Juli 2017, 09:59

Uwe Schwabe
HAFT!

Es stehen zwei unbekannte Männer vor der Tür:
»Klärung eines Sachverhaltes«.
Eine schon bekannte Unruhe ergreift dich. Keine Begründung.
»Zuführung«.

3 Personen: eine Sicherheitsvorkehrung. Du wirst in ihre Mitte genommen - dir kommen keine Gedanken von Flucht. Abgeführt wie in einem schlechten Krimi. Es herrscht eisiges Schweigen. 3 Personen für einen einzigen! Unruhestifter, Provokateur, Staatsfeind? Keine Antwort auf diese Fragen. Du wirst deinem Vernehmer übergeben. Beschuldigungen, Paragraphen, Beweise. Es bleibt eines in deinem Gedächtnis hängen: Paragraph 214, Abs. 1-3. Höchststrafe 5 Jahre Gefängnis. Du versuchst, den Gedanken von dir zu weisen, Knast: 5 Jahre! Nun beginnt das Spiel der Macht. Man weiß alles. Geständnisse klagen dich an.

»Ihr Freund hat unter Tränen ihren Namen genannt.«
Tränen - fast schon ein Fremdwort für dich. Du fragst dich: warum? Angst? Wollte er die Schuld von sich weisen? Überredung? Die Situation scheint unverständlich. Belehrungen folgen. Dein Recht, einen Rechtsanwalt zu nehmen, Klage zu erheben. Du wählst Wolfgang Schnur, ein bekannter Name - abweisende und aggressive Blicke treffen dich - man hört diesen Namen nicht gern.
»Eh’ der Bescheid bekommt und dann in Leipzig ist, vergehen Tage! Sie wollen doch nicht so lange hier bleiben? Gestehen Sie, es ist besser für Sie, um so eher kann dieser Fall geklärt werden.«

Sie wollen doch nicht so lange hier bleiben - wie absurd! - als hättest du dir es ausgesucht. Du verweigerst die Aussage, willst nur im Beisein deines Rechtsanwaltes etwas sagen - höhnisches Grinsen:
»Wie lange wollen Sie dann warten? Wenn Sie für Veränderungen eintreten, müssen Sie auch offen sein und Ihre Tat gestehen, sonst wird sie unglaubwürdig! - Wir wollen doch Ihr Bestes, den Fall klären, Klarheit schaffen!«
Du bestehst auf deiner Entscheidung. Der Ton ändert sich ins Aggressive.

»Sie verdunkeln den Fall, es können Entscheidungen zu Ihren Ungunsten fallen. Denken Sie an die 5 Jahre Haft!«
Die Vernehmer wechseln sich ab - du bleibst. 12 Stunden. Du nimmst nichts mehr auf, bist müde, abgespannt.
»Gestehen Sie, und Sie können schlafen!«
Du sagst schon seit Stunden nichts mehr, sie reden auf dich ein. Dir fallen die Augen zu. Du verweigerst die Aufnahme der Worte, sie rücken immer weiter von dir. Du sagst, daß du schlafen willst.
»Reden Sie!«

Nach 14 Stunden genehmigt man dir 3 Stunden Schlaf.
»Überlegen Sie es sich genau, so kommen wir nicht weiter. Uns liegen Aussagen vor; wir werden Ihre Tat beweisen - zu Ihren Ungunsten!«
Du wirst abgeführt - lange dunkle Gänge - »Hände auf dem Rücken!« - rote Lampen.
Du mußt an jeder Ecke warten.
»Gesicht zur Wand!«
Keinen anderen bekommst du zu Gesicht.

Die Zelle: du stehst und versuchst, mit der neuen Situation fertig zu werden. 2 Betten, 2 Hocker, 1 Tisch, Fenster mit undurchdringlichen Glasfliesen, Waschbecken und Toilette.
Du siehst nicht den Himmel, nur mattes, trübes Licht dringt durch die Glasfliesen. Du legst dich hin, findest keine Ruhe, beobachtest die Tür: ein kleiner Spion, und eine Klappe in Höhe Bauch. Aller 10 Minuten schaut jemand durch den Spion, dazu wird die Zelle grell erleuchtet. Du fragst dich: Warum? Angst vor Selbstmord? Du mußt mit dem Gesicht zur Tür schlafen und darfst dein Gesicht nicht bedecken. Angst vor Verzweiflung? Du kannst keinen richtigen Gedanken mehr fassen, willst nur noch schlafen. Es geht nicht.
Die Zellentür öffnet sich mit lauten, durchdringenden Geräuschen. Du stehst sofort vorm Bett.
»Nummer 1, mitkommen!«

Du weißt nicht, weshalb. Was will man von dir?
Hände auf dem Rücken, Gesicht zur Wand.
Der bekannte Raum mit dem Vernehmer erscheint wieder. Du denkst, es sind keine 5 Minuten vergangen. Befragungsprotokoll, Beginn 6.07 Uhr. 1½ Stunden sind seit deinem Herausgehen aus diesem Zimmer vergangen. Dieselben Fragen, dieselben Argumente.
Du brauchst viel Zeit, um wieder in deine Rolle zu schlüpfen. Dir werden Aussagen vorgelegt, Beschuldigungen, unterschrieben mit dir bekannten Namen. Fingiert oder nicht - Wahrheit oder Manipulation? Du weißt es nicht.
»Wir wissen alles, geben Sie es zu!«

Dir bekannte und erlebte Fakten werden dir vorgelegt: Treffpunkte, Namen, Hergang des Geschehens. Du stehst zu deiner Tat; willst versuchen ihnen deine Argumente zu erklären, hast Hoffnung, daß sie dich vielleicht verstehen - deine Ängste, Zweifel... Aber selbst anklagen, Freunde verraten - nein! Nun beginnt die freundliche Tour. Persönliche Probleme werden angesprochen und Probleme mit Entscheidungen des Staates. Das, was du selber im Kopf hast, dringt aus ihrem Mund. Verwunderung, Zweifel. Dummenfang oder Ernst? Hoffnungen werden in deinem Innersten geweckt. Du schiebt sie beiseite.

»Wir können Sie heute noch entlassen; nach 24 Stunden muß ein Haftbefehl ausgestellt werden. Noch ist keine Entscheidung getroffen. Sie haben die Chance mit zu entscheiden.«
Dir geht der Begriff Freiheit durch den Kopf: Himmel, Sonne, Bäume, frische Luft...
Du verweigerst die Gedanken: versuchst, dich auf die Situation einzustellen. Es gelingt nicht.
Die Gedanken lassen sich nicht mehr ordnen. Hoffnung, Trostlosigkeit, Angst - aber den Willen, dich nicht widerstandslos zu ergeben. Du wirst dem Haftrichter vorgeführt, der Haftbefehl wird erlassen - Höchststrafe 5 Jahre. Du empfängst Haftkleidung, erhältst Belehrungen. Wortfetzen dringen an dein Ohr: Möglichkeit der Beschwerde, Freihof täglich 1 Stunde, keine Gespräche mit den Wärtern, Buchausleihe, Einkauf, Haftordnung...
Du verarbeitest es nicht.

Eine neue Zelle - jetzt zu zweit. Grenzflüchtling, seit 15 Wochen Untersuchungshaft, zurückhaltende Gespräche, einander bekannt machen, du redest und redest, versuchst dich abzulenken, machst Scherze, verdrängst deine Ängste.
Jeden Tag Verhöre. Gleiche Szenen, gleiche Fragen.

Sonntag, 16.00 Uhr: du vernimmst Sirenen, Geschrei, Krach auf dem Hof. Der Tag der Demonstration. Der Vernehmer blickt mit besorgtem Gesicht aus dem Fenster.
»Hoffen wir für Sie, daß nichts passiert!«
Viele LO’s verlassen den Hof. Du bekommst Hoffnung, daß du nicht umsonst hier sitzt, von allen vergessen. Zum erstenmal machst du dir Gedanken über die Situation draußen. Solidarität?
Du kennst die Situation draußen: Kirchenleitung - Basisgruppen - ein ständiges gegeneinander Anrennen. Du denkst an die Solidaritätswelle vom vergangenen Jahr. Kennst deine Freunde - sie werden nicht ruhen in diesen Tagen. Kennst aber auch die Gruppen. Unverständnis, Neid, Persönlichkeitsdrang. Hoffentlich spielt das in dieser Situation keine Rolle. Du schiebst die Gedanken beiseite. Die Enttäuschung wäre zu groß, wenn draußen nichts passiert - vergessen, wie viele hier.
Dir werden jeden Tag mehr Aussagen vorgelegt.

»Bekennen Sie sich endlich zu ihrer Tat! Warum haben Sie es gemacht, wenn Sie jetzt nicht dazu stehen?«
Sie haben dich an deiner wundesten Stelle gepackt. Du hältst es nicht mehr aus, abzuleugnen, wozu du mit ganzen Herzen stehst. Nichts hat dich in den letzten Wochen so beschäftigt wie dieser Tag.
Der Sonntag.
Du weißt, daß du dich in einen Teufelskreis begibst, wenn du es zugibst.

Du weißt, daß sie dir nur die Schuld beweisen wollen; trotz freundlicher Worte.
Sie merken, daß du zweifelst, bohren immer weiter nach. Stoßen dich in den Kreis, und du kannst nicht mehr heraus.
Du gibst es zu.
Du fühlst dich erleichtert, erschlafft und müde. Die Spannungen der letzten Tage weichen. Man gönnt dir ein wenig Ruhe.

In der Zelle.

Du hast zur Außenwelt nur Kontakt durch die Klappe, siehst einzig Hände, kein Gesicht.
Für dich ist kein Mensch hinter der Tür - allein Hände.
Du wirst fotografiert, von drei Seiten und im Stehen, es werden Fingerabdrücke genommen: Schwerverbrecher?
Der Arzt macht eine Tauglichkeitsuntersuchung. Tauglich wofür? Du bist ein Werkstück für ihn, kein Mensch.
Verhöre statt Freihof. Keine frische Luft. Dir steht Freihof zu. Laut Papier.
Du befindest dich im Teufelskreis:
»Wo waren Sie?...Wann waren Sie?...Mit wem waren Sie?...«
Du lehnst es ab, andere Namen zu nennen oder zu bestätigen.
Verhöre, Teufelskreis.
Auch das gibst du bald auf, bestätigst Namen, widersprichst dir, man nagelt dich fest.
Du schiebst die Verantwortung auf andere, unbewußt. Du sagst, du weißt von nichts.
»Warum lügen Sie immer noch, wir wissen alles!«


Weiter mit dem erschütterndem Bericht geht es hier:
http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... 4-schwabe/
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Re: Begegnungen mit der Staatsmacht

Beitragvon Interessierter » 29. Juli 2017, 11:25

DDR-Gefängnis „Ich sah aus wie der Tod“

Gerd Franke bezahlte den Wunsch nach Reisefreiheit mit zwei Jahren DDR-Gefängnishaft. Am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, war der knapp 13-jährige Gerd Franke vom DDR-Ferienlager aus zu einem Ausflug nach Berlin gestartet. Unterwegs kamen die Kinder an einer S-Bahn-Station vorbei, die von Sicherheitskräften abgeriegelt worden war.

Eine junge Frau protestierte lautstark, weil sie nicht mehr zur Arbeit in den Westteil der Stadt gelassen wurde. „Sie wurde von hinten mit einem Gummiknüppel niedergeschlagen und weggeschleift wie ein Stück Vieh“, erzählt Franke: „Wir waren entsetzt.“ Gerd Franke hatte mehrere solcher Schlüsselerlebnisse. Sie erklären, wie aus dem Schüler damals ein Regimegegner und politischer Häftling wurde.

Nachts wacht er immer noch schreiend auf

Fast fünfzig Jahre später ist der Junge von damals ein freundlicher, weißhaariger Mann im kurzärmeligen Hemd. Franke lebt mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von Mainz inmitten der rheinhessischen Hügel, zwischen Weinbergen und Feldern, in einem, in sanftem Gelb, gestrichenen Reihenhaus. Doch seine Vergangenheit hat ihn nie wirklich losgelassen: Noch nach Jahrzehnten quälen ihn nachts Alpträume, aus denen er immer wieder schreiend aufwacht.

Der gebürtige Thüringer absolvierte nach der Schule eine Buchdrucker-Lehre bei der SED-Parteizeitung in Gera. Er fühlte sich zunehmend unwohl in der DDR: Das Land hatte seine eigenen Bürger eingemauert. Niemand durfte sagen, was er dachte. Und die Bonzen ließen es sich gutgehen, während es in den Läden an allem mangelte. Als Staatsfeind sah der junge Drucker sich zunächst aber nicht: „Ich bildete mir ein, dass der Sozialismus reformierbar ist.“

Am Arbeitsplatz verhaftet

Seine Hoffnungen verband er mit der Tschechoslowakei, wo eine Reformerriege um Alexander Dubcek einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ aufbauen wollte und den Bürgern Meinungs- und Reisefreiheit versprach. Doch im August 1968 musste Franke auf einem Zeltplatz im tschechischen Karlsbad miterleben, wie Panzer der Ostblock-Staaten an ihm vorbeirollten und den Prager Frühling gewaltsam beendeten.

Zurück in Gera weigerte er sich als einziger von 350 Druckerei-Mitarbeitern, eine Solidaritätserklärung zugunsten des Truppeneinmarsches zu unterschreiben. Dann druckte er Hunderte regierungsfeindlicher Flugblätter und verteilte sie nachts in der Stadt. Wenige Tage später standen zwei Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit in der Druckerei und führten Franke in Handschellen von seiner Maschine weg. Zeitgleich durchsuchten bereits 20 Stasi-Männer die Wohnung, in der er mit seinen Eltern lebte. Auch die Familie wurde in der Folgezeit drangsaliert.

Neun Wochen in „U-Boot“-Haft

Wegen staatsfeindlicher Hetze wurde Franke zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt und in das berüchtigte Stasi-Internierungslager „X“ in Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert. Die dortigen Wärter dachten sich immer neue Schikanen aus, um politische Häftlinge psychisch und physisch zu brechen: Den Heiligabend 1968 verbrachte Franke frierend und ohne Jacke auf dem Gefängnishof. Die Lagerleitung hatte alle politischen Gefangenen zu einem mehrstündigen Appell in die Kälte getrieben.

Als der Thüringer aus der Haft heraus einen Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft stellte, wurde er zur Strafe für neun Wochen in das „U-Boot“ gesperrt, in die gefürchtete Arrestzelle des Gefängniskomplexes. In der engen, fensterlosen Gruft mussten die Arrestanten 19 Stunden am Tag ununterbrochen stehen, für höchstens fünf Stunden in der Nacht durften sie sich auf die Holzpritsche legen. Zu essen gab es einige Scheiben Brot, drei Tassen Malzkaffee und einen Teller ungenießbar scharfer Suppe pro Tag. „Als ich da raus kam, sah ich aus wie der Tod“, sagt Franke. Nach zwei Jahren Haft wurde er schließlich für 40.000 Deutsche Mark von der Bundesrepublik freigekauft.


Ein hoher Preis für Freiheit

Ob sein verzweifelter Appell für Reformen und Freiheit damals richtig war, hat Franke sich seither oft gefragt. „Ich bin stolz, dass ich in den Spiegel sehen kann“, sagt er nachdenklich. „Aber der Preis, den meine Familie und ich gezahlt haben, war unverhältnismäßig hoch.“

http://www.ksta.de/ddr-gefaengnis--ich- ... --12265070

Eines von unzähligen Schicksalen in der DDR. Ob diese Schergen, die eine solche Behandlung anordneten oder diejenigen, welche sie ausführten, wohl jemals belangt wurden? [bloed]
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