Gegen den Strom

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Gegen den Strom

Beitragvon Interessierter » 3. Juli 2017, 09:53

Dies ist meine Geschichte der versuchten Anwerbung der Staatssicherheit der DDR als IMV, als inoffiziellen Mitarbeiter mit Feindberührung, erstmals beschrieben auf http://www.bstu.bund.de unter "NEIN-Sager", auch mit einigen Dokumenten aus der Akte zur Anwerbeung. Es ist eine Geschichte wie viele andere auch, die erfolglos verlaufen sind, weil die oder der Angesprochene NEIN gesagt hat. Aber bis zu einer Millionen Menschen in der DDR und einige Tausend außerhalb der DDR sollen nach vorsichtiger Schätzung zumindest zeitweilig als Informanten für die Stasi tätig gewesen sein. Viele dieser Geschichten sind inzwischen verdrängt oder verblasst, ihre Details in Vergessenheit geraten. Weil es meine eigene Geschichte ist, darf davon berichtet werden, wie man damals auch als unbescholtener Bürger der DDR völlig überraschend in belastende Konfliktsituationen geraten konnte. Auch um 25 Jahre nach dem Mauerfall für Nachgeborene nachlesbar zu erhalten, wie es damals in der DDR auch war. Dafür danke ich dem Autor Klaus Behling von Herzen.

Karlheinz Reimann,
am 3. Oktober 2014, dem Tag der deutschen Einheit


Die Goldene Hochzeit ist längst mit einer Kreuzfahrt von Rio bis Venedig gefeiert, das Haus ist bestellt, die beiden Söhne stehen schon seit langem auf eigenen Beinen. Und mit der Rente lässt es sich leben. Doch trotzdem gibt es etwas, das Karlheinz Reimann immer mal wieder in seiner inneren Ruhe stört. Das hängt mit einem Satz zusammen, den Stasi-Offizier Bernd Walther in einen „Beschluß" über das Anlegen einer IM-Vorlaufakte" vom 11. Juli 1974 mit der Registriernummer XIV/997/74 fast zwei Jahre nach diesem Tag unter der Rubrik „Gründe für die Einstellung" festhalten musste.

Von all dem erfuhr der Ingenieur aus Kleinolbersdorf bei Chemnitz erst rund 20 Jahre später, als Stasi-Unterleutnant Bernd Walther längst ein arbeitsloser Stasi-Oberstleutnant geworden war. Damals, 1974, dauerte es noch über ein Jahr, bis der direkte Angriff gegen ihn anlief. In dessen Ergebnis stand dann der Satz, der ihn nie wieder ganz los ließ: „Der Kandidat lehnte eine Zusammenarbeit mit dem MfS ab, weil er angeblich in innere Konflikte gerät, wenn er das MfS über ihm nahestehende Personen informiert."

Karlheinz Reimann, damals 35 Jahre alt, war also nicht zum „inoffiziellen Mitarbeiter mit Feindberührung" geworden. Die Stasi musste den von ihr gewünschten Spitzel mit dem bereits von ihr ausgewählten vorläufigen Decknamen „Klein" vergessen. Dem war das umfangreiche Ausspionieren des Mannes, seiner Familie und seines Umfeldes voraus gegangen und es gab streng geheime Ermittlungen gegen ihn, um heraus zu finden, ob er vielleicht erpressbar sei. Mit Fug und Recht könnte er diesen Satz deshalb heute wie eine Fahne vor sich her flattern lassen. Er würde ihm zu nichts anderem, als zur Ehre gereichen und doch geht ihm hin und wieder gerade dieser Satz nicht aus dem Kopf.

Dass es einmal so käme, war in jenen Jahren nicht zu ahnen. Niemand sollte je erfahren, dass diese 25 Worte, mit denen sich Karlheinz Reimann trotz Angst und Bedenken seine persönliche Freiheit erhalten wollte, sein Leben beeinflusst und belastet haben. Dafür hatte die Stasi gesorgt. Am 16. Oktober 1975 verpflichtete Stasi-Offizier Walther den „Kandidaten" per Unterschrift, „gegenüber jedermann, selbst meinen nächsten Angehörigen, strengstes Stillschweigen" über alle stattgefundenen und künftigen Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu wahren." Er musste zur Kenntnis nehmen, dass er ansonsten „die Arbeit des MfS gefährde" und akzeptierte gezwungenermaßen, in diesem Fall „strafrechtlich nach § 245 StGB zur Verantwortung gezogen" zu werden.

Der Paragraph 245 im Strafgesetzbuch der DDR vom 12. Januar 1968 in der durch Gesetz von 1974 geänderten Fassung betraf den „Geheimnisverrat". Der hier relevante Absatz 3 des § 245 drohte eine Freiheitsstrafe „bis zu acht Jahren" an, Absatz 4 sagte: „Der Versuch ist strafbar." Eine bedrückende Aussicht für einen Menschen, der sich nicht nur nichts hat zu Schulden kommen lassen, sondern das auch niemals plante. Eine Institution der DDR-Regierung hatte mit ihm gesprochen, das allein war Grund genug, den Verlust eines Teils seines Lebens in Aussicht zu stellen. Ein merkwürdiger Umgang eines Staates mit seinen Bürgern.

Seit diesem 16. Oktober 1975 war Karlheinz Reimann in der DDR also nicht nur eingesperrt, sondern auch noch gefesselt. „Wir mussten damit rechnen, bis zum Ende unseres Lebens DDR-Bürger zu sein und hatten uns darauf eingestellt." Die Verhältnisse hatten ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel gezwungen, gegen den Strom zu schwimmen. Er musste damit klar kommen. Allein. Einsam. Hilflos.


Weiterlesen kann man den Bericht des Zeitzeugen hier:
http://www.chemnitzer-geschichten.de/in ... -den-strom
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Gegen den Strom

Beitragvon augenzeuge » 3. Juli 2017, 18:25

Ein ganz typischer Entwicklungsweg, wie ich ihn bei anderen auch kennen gelernt hatte. Exakt so wars!

somit ist durch inoffizielle Mittel eine Situation zu schaffen, in welcher dem Kand. die Notwendigkeit der Zusammenarbeit unumgänglich dokumentiert wird, bzw. ist ein Druck-Material zu schaffen."


Ja, auch so dachte man: [flash]
Und ein erfahrener Genosse müsste doch wohl in der Lage sein, einen bockigen Robotron-Ingenieur zu „überzeugen", der nicht einmal „Genosse" war!


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