Wie die DDR die Sicht aufs Springer-Haus behinderte

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Wie die DDR die Sicht aufs Springer-Haus behinderte

Beitragvon Interessierter » 28. Mai 2017, 10:31

Wie die DDR ein ganzes Stadtviertel aus dem Boden stampfte, um die Sicht auf das Leuchtband des Axel Springer Verlags zu verdecken.

Hinter der Mauer ragten zwei Hochhäuser hervor

Lediglich für die zahlreichen Kaninchen war das weite Gelände an der Mauer ein Eldorado. Nachts herrschte hier totale Stille, die nur gelegentlich durch das unterirdische Rumpeln der U-Bahn gestört wurde. Hier verkehrte eine Linie, die nur vom Westen aus zugänglich war. Am Bahnhof Stadtmitte kreuzten sich zwei U-Bahn-Strecken, ohne dass jemand umsteigen konnte. Zur Hälfte war diese Station einer der sogenannten Geisterbahnhöfe. Am Rande des großen Areals westlich der Leipziger Straße leuchteten die Tiefstrahler der Grenzsicherungsanlagen. Wenn in Winternächten aus Gründen der Sparsamkeit in Ost-Berlin die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet war, lag über dem Stadtzentrum ein seltsam kalter Schein. „Dafür reicht der Strom immer“, murrten die Ost-Berliner.

Hinter der Mauer ragten zwei Hochhäuser hervor, von denen eines als das Springer-Hochhaus bekannt war. Unweit davon war 1958 bis 1961 der modernistische Stahlskelettbau der GSW-Hauptverwaltung entstanden. Auch diese Wolkenkratzer hinter dem Todesstreifen wirkten für Ost-Berliner seltsam unwirklich in der toten Szenerie. Sie waren räumlich nah und doch so weit entfernt wie die Rückseite des Mondes. Seit 1963 war das Gebäude der GSW mit einem Nachrichtenbalken versehen und in die Dunkelheit des Ostsektors hinein leuchteten die aktuellen Botschaften der Freien Welt. Rein technisch war das nichts Besonderes. Auch am Bahnhof Friedrichstraße lief so ein Nachrichtenbalken mit den Meldungen der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur der DDR. Im Zeitalter von Rundfunk und Fernsehen war diese Form der aktuellen Nachrichtenübermittlung eigentlich Schnee von gestern. Der Nachrichtenbalken auf dem GSW-Gebäude aber war als Provokation gedacht, und er wurde vom Osten auch so aufgefasst. Deswegen wollte man in Ost-Berlin schon zu Beginn der Bauarbeiten auf dem Hochhausdach ganz genau wissen, was sich da in der West-Berliner Kochstraße zusammenbraute.

Am 3. Oktober 1963 erteilte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR seinem West-Berliner Agenten namens „Otto Bohl“ den Auftrag, Näheres über Baumaßnahmen auf einem Hochhaus in der Kochstraße herauszufinden. „Bohls“ Auftrag lautete: „Was ist bekannt über die Bauvorhaben auf dem Hochhaus des Springer-Konzerns. Wer gibt Genehmigungen für derartige Bauten? Was sagen die Kollegen dazu?“

Mit Kollegen waren West-Berliner Polizeibeamte gemeint, denn „Otto Bohl“ war einer von ihnen. Sein bürgerlicher Name: Karl-Heinz Kurras, seit 1955 im Zweitberuf Stasi-Agent und West-Berliner Sonderermittler für die DDR-Geheimpolizei. Am 17. Oktober 1963 legte der SED-Bezirkschef von Ost-Berlin, Paul Verner, dem ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda, Albert Norden, eine Ausarbeitung von „Fachleuten“ vor, die den Titel trug: „Mögliche Gegenmaßnahmen gegen die im Bau befindliche Nachrichtenleuchtschrift auf dem Hochhaus des Springer-Konzerns“. In dem Maßnahmeplan heißt es: „Gegenwärtig wird auf dem genannten Hochhaus eine Nachrichtenleuchtschrift für die Wiedergabe westlicher Pressenachrichten in das Gebiet der Hauptstadt der DDR installiert. Die Höhe der Leuchtbuchstaben wird etwa fünf Meter betragen, die Länge des Nachrichtenbandes etwa 30 Meter. Mit der Fertigstellung der Anlage ist noch im Oktober dieses Jahres zu rechnen.“

Blick auf die Nachrichten des Klassenfeindes

Der Sichtbereich der „Feindmaßnahme“ reichte den Berechnungen zufolge im Osten bis zu einer Linie vom Spittelmarkt bis zur Jannowitzbrücke, im Norden bis zum S-Bahnbogen, also den S-Bahnhöfen Alexanderplatz, Marx-Engels-Platz und Friedrichstraße, im Westen bis zur Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße sowie bis zur Käthe-Niederkirchner-Straße. Gerade nach Einbruch der Dunkelheit war das eine recht unbelebte Zone. Dennoch gab es Grund zur Aufregung. Denn hier lagen auch das Gebäude des ZK der SED sowie der Dienstsitz des Präsidiums des Ministerrates der DDR.

Zwar waren die dort tätigen Genossen ideologisch gefestigt. Doch wollte man ihnen den täglichen Ärger ersparen, beim Blick aus dem Fenster die Nachrichten des Klassenfeindes zu erblicken. Aber das war noch nicht alles: „Zeitweise ist die Leuchtschrift für die Fahrgäste der S-Bahn auf der Strecke Friedrichstraße-Jannowitzbrücke lesbar. Sie ist auch aus den oberen Stockwerken der neu erbauten Wohnblocks um den Alexanderplatz herum lesbar.“

Durch Blenden von Scheinwerfern das Lesen der Westnachrichten behindern

Nun war guter Rat teuer. „Eine Verdeckung der Leuchtschrift durch Sichtblenden ist gerade für die genannten Schwerpunkte wegen der Höhe des Springerhochhauses nicht möglich. Ein Anstrahlen der Leuchtschrift von unserer Seite aus mit starken Scheinwerfern würde die Lesbarkeit zwar herabsetzen aber nicht ausschließen. Wenn der Gegner eine farbige Leuchtschrift benutzt, ist das Anstrahlen relativ wirkungslos. Außerdem müssten die Scheinwerfer in einem Winkel von etwa 30 Grad Erhöhung in Richtung des Flugplatzes Tempelhof eingestellt werden.“ Die letzte Überlegung wurde mit Rücksicht auf die alliierte Lufthoheit über Berlin angestellt. Diese zu beeinträchtigen, kam für die DDR nicht in Frage.

Doch wurden weitere Varianten erwogen. So könne man „starke Scheinwerfer in das eigene Gebiet richten, um durch Blendwirkung das Lesen der Westnachrichten an den Schwerpunkten zumindest zu beeinträchtigen. Dazu wären fünf bis sechs Masten (Stahlmasten) in einer Höhe von etwa 25 bis 30 Metern notwendig. Jeder Mast müsste mit drei bis vier genügend starken Scheinwerfern bestückt werden, die mit einem Neigungswinkel zwischen 0 und Minus 5 Grad in das eigene Gebiet strahlen. Diese Masten wären entweder auf der Linie Zimmerstraße oder Schützenstraße in solchen Abständen zu errichten, dass eine entsprechende Wirkung erzielt wird. Es ist jedoch zu bedenken, ob sich die Errichtung einer so kostspieligen Anlage mit nur unvollkommenen Wirkungsgrad lohnt.“ Auch über eine andere Maßnahme wurde nachgedacht, nämlich die Installation einer eigenen Leuchtschrift in gleicher Höhe. Wie das allerdings geschehen sollte, ist unklar. Es hätte eine gewaltige Gerüstkonstruktion in Höhe der West-Berliner Bauten erfordert.

Der vollständige Wahnsinn der Genossen hier:
https://www.welt.de/debatte/kommentare/ ... derte.html

Wieviel Minderwertigkeitskomplexe müssen diese SED - Genossen eigentlich gehabt haben, um sich so vor einer Leuchtschrift zu fürchten... [bloed]
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Wie die DDR die Sicht aufs Springer-Haus behinderte

Beitragvon Beethoven » 28. Mai 2017, 16:29

Na ja, ob das so stimmt oder mal wieder eine Ente ist, wage ich nicht zu beurteilen.
Unsinn ist es in sofern, da ja jeder Berliner den Westberliner Rundfunk und später auch TV empfangen konnte.
Warum sollte man sich da noch ein Loch ins Ärmelfutter reißen?
Demokratie ist die Notwendigkeit, sich gelegentlich den Ansichten anderer Leute zu beugen.
Sie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Winston Churchill

Quo quisque stultior eo magis insolescit, gelle Herr F.?

Achte mehr auf Deinen Charakter, als auf Deinen Ruf.
Dein Charakter ist das, was Du wirklich bist, doch Dein Ruf ist nur das, was andere von dir halten.
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Re: Wie die DDR die Sicht aufs Springer-Haus behinderte

Beitragvon augenzeuge » 28. Mai 2017, 16:49

Beethoven hat geschrieben:Na ja, ob das so stimmt oder mal wieder eine Ente ist, wage ich nicht zu beurteilen.


Das ist schon korrekt. Du musst die Zeit und die damaligen Aktivitäten im Kontext sehen.

Albert Norden, damaliger Agitationschef, hatte ein Drei-Punkte-Programm entworfen, das bis zur DDR-"Volkswahl"' am 17. September 1961 erfüllt werden sollte.
Da einsatzbereite Partei-Apparatschiks nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung standen, übertrug die SED die Aktion Ochsenkopf dem Funktionärskorps der FDJ. Seither schwärmten die linientreuen, durch rote Armbinden als "Hilfsorgane der Staatssicherheit" ausgewiesenen Jugendgenossen in Stadt und Land aus....


Hier stand drin:
- Beseitigung aller auf Westempfang eingerichteten Fernsehantennen
- Selbstverpflichtung aller Elektromonteure,künftig keine "Westantennen" mehr zu installieren;
- Selbstverpflichtung aller Hausgemeinschaften, freiwillig auf den Empfang westdeutscher oder Westberliner TV Sender zu verzichten.

In diesem Zusammenhang versuchte man später natürlich auch solche Dinge wie die Springer Werbung zu "verstecken". Die seit dem Mauerbau im Osten festsitzenden Menschen sollten so wenig wie möglich durch westliche Propaganda "abgelenkt" werden, jegliche "Erziehung" sollte durch die SED kontrolliert werden. Ende der 60er Jahre war dieser Spuk vorbei. Man hatte wohl die Aussichtslosigkeit erkannt.

AZ
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