Zeitzeugen berichten 2

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Re: Schikane beim Transit oder der Ein-, Ausreise

Beitragvon Dr. 213 » 19. Juni 2020, 12:14

Ari@D187 hat geschrieben:
Volker Zottmann hat geschrieben:[...]
Euer Verein war zuletzt nicht mehr als ein Terrorsystem im Staat, der sich dem gewerbsmäßigen Menschenhandel zuletzt besonders verschrieben hat. Ihr habt gewebsmäßig am Fließband "Kriminelle" erschaffen, die Ihr dann verhökert habt. Schlimmer als die Sklavenhändler vor 200 Jahren zuvor in Afrika.
[...]

Volker, zu so einem Handel gehören immer zwei Parteien.

Gruß
Ari


Bei der Zahlung von Lösegeld kann man immer deutlich an Empfänger und Geber den Schurken bei diesem Geschäft identifizieren.
Außer natürlich, man ist bekennender Fan dieser Diktatur. Dann muß man zwanghaft versuchen, diesen Menschenhandel schönzureden.

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...Drähte an den Wänden, auf dem Fußboden weiße Striche...
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Re: Schikane beim Transit oder der Ein-, Ausreise

Beitragvon Ari@D187 » 19. Juni 2020, 13:27

Dr. 213 hat geschrieben:
Ari@D187 hat geschrieben:
Volker Zottmann hat geschrieben:[...]
Euer Verein war zuletzt nicht mehr als ein Terrorsystem im Staat, der sich dem gewerbsmäßigen Menschenhandel zuletzt besonders verschrieben hat. Ihr habt gewebsmäßig am Fließband "Kriminelle" erschaffen, die Ihr dann verhökert habt. Schlimmer als die Sklavenhändler vor 200 Jahren zuvor in Afrika.
[...]

Volker, zu so einem Handel gehören immer zwei Parteien.

Gruß
Ari


Bei der Zahlung von Lösegeld kann man immer deutlich an Empfänger und Geber den Schurken bei diesem Geschäft identifizieren.[...]

Oben wurde "gewerbsmäßiger Menschenhandel" ins Feld geführt. Du beziehst Dich mit "Lösegeld" offenbar auf Entführungen.

Dr. 213 hat geschrieben:[...]Außer natürlich, man ist bekennender Fan dieser Diktatur. Dann muß man zwanghaft versuchen, diesen Menschenhandel schönzureden.

Herzlichst
Dr. 213

Die Brunnenvergifter-Methode ist doch langsam langweilig.

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Re: Schikane beim Transit oder der Ein-, Ausreise

Beitragvon Kumpel » 19. Juni 2020, 13:33

Tja Ari , ein ehemaliger DDR Bürger ist recht gut gerüstet auch zwischen den Zeilen lesen zu können.
Dein Versuch von Gleichsetzung ist somit gescheitert.
Für meine Familie war es damals eine sehr große Hoffnung und Erleichterung als ein Brief von RA Vogel auf dem Wohnzimmertisch lag.
'' Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert.''
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Re: Schikane beim Transit oder der Ein-, Ausreise

Beitragvon Ari@D187 » 19. Juni 2020, 13:48

Kumpel hat geschrieben:Tja Ari , ein ehemaliger DDR Bürger ist recht gut gerüstet auch zwischen den Zeilen lesen zu können. [...]

Ist hier auch eine gerne genommene Umschreibung für böswillige Unterstellungen.

Kumpel hat geschrieben:[...]Dein Versuch von Gleichsetzung ist somit gescheitert.
[...]

Und gleich die nächste böswillige Unterstellung. Manche können wohl nicht anders.

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Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Ari@D187 » 19. Juni 2020, 13:54

Volker Zottmann hat geschrieben:
Ari@D187 hat geschrieben:
Volker Zottmann hat geschrieben:[...]
Euer Verein war zuletzt nicht mehr als ein Terrorsystem im Staat, der sich dem gewerbsmäßigen Menschenhandel zuletzt besonders verschrieben hat. Ihr habt gewebsmäßig am Fließband "Kriminelle" erschaffen, die Ihr dann verhökert habt. Schlimmer als die Sklavenhändler vor 200 Jahren zuvor in Afrika.
[...]

Volker, zu so einem Handel gehören immer zwei Parteien.

Gruß
Ari

Aber sicher, das ist bekannt.
Nur hat die DDR Menschenhandel betrieben um klamme Staatsfinazen aufzubessern.
Die Alt-BRD gab Geld, um besonders politisch Gefangenen die Haft zu verkürzen.
Für mich besteht schon ein Unterschied zwischen krimineller Raffgier und Humanismus.

Gruß Volker

Volker,

ich danke Dir für Deine sachliche, sachbezogene Antwort.
Auf dieser Grundlage kann man arbeiten und diskutieren.

Gruß
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 20. Juni 2020, 09:48

Udo Boeck - ehemaliger Informant der Grenztruppen

Als Udo Bloeck 1963 in der Gemeinde Steinhausen bei Wismar die Chance erhielt, in seinen ursprünglichen Beruf zurück zu kehren, entsagte er jeglicher gesellschaftlichen Betätigung. Vier Jahre später wurde ihm eine idyllisch gelegene eigene Schäferei in der Nähe der Küste angeboten, wo er sich mit seiner Familie niederließ.

Anfang der 70er Jahre ereignete sich in unmittelbarer Nähe seines Eigenheims in Kägsdorf bei Kühlungsborn ein Verkehrsunfall, bei dem ein Autofahrer in die Schafherde raste. Noch am selben Abend erkundigte sich bei ihm ein bis dahin unbekannten Mann nach der Höhe des entstandenen Schadens. Dabei handelte es sich um den Politoffizier der in Kühlungsborn stationierten 6. Grenzkompanie.

Wenige Monate nach dieser ersten Begegnung suchte der Offizier den Schäfer erneut auf. Nachdem er sich inzwischen über seinen Werdegang informiert hatte, stellte er Udo Bloeck die Frage, ob er sich vorstellen könnte, die Arbeit der Grenzorgane im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit zu unterstützen. Der Schäfer erklärte sich bereit, als Informant der Grenztruppen zu arbeiten und erhielt von nun an häufiger unangemeldeten „Besuch“ von einem entweder in Uniform oder Zivil auftretenden Verbindungsoffizier, der sich nach „besonderen Vorkommnissen“ erkundigte.


Die Zusammenarbeit mit den Grenztruppen bestand auch dann noch fort, als Udo Bloeck nicht mehr als Schäfer in Kägsdorf, sondern als Nachtpförtner in einem parteieigenen Feriendomizil in Kühlungsborn seinen Lebensunterhalt bestritt. Mit der Stationierung einer Fliegerabwehr-Raketenabteilung in Kägsdorf Mitte der 70er Jahre hatte die Kreisdienststelle für Staatssicherheit verfügt, dass im Umkreis des Militärobjektes keine Schafe mehr grasen dürfen.

Im Zusammenhang mit dem Bau der geheimen Bunkeranlage erinnerte sich Udo Bloeck an eine kuriose Begebenheit: Als er eines Abends mit seinem Moped in Richtung Bastorf fuhr, fiel ihm ein merkwürdiges Blinken auf, das aus dem Inneren einer am Feldweg gelegenen Strohmiete zu kommen schien. Irritiert durch diesen Anblick kehrte er noch einmal zurück, um sich an Ort und Stelle zu vergewissern, ob es sich um eine Sinnestäuschung gehandelt hatte. Beim erneuten Vorbeifahren stellte er fest, dass das Blinken anhielt. Daraufhin stellte er seine „Schwalbe“ ab und kletterte auf die Strohmiete. Als er dabei registrierte, dass diese einen Hohlraum enthielt, entfernte er das darüber liegende Stroh, unter dem sich zwei Personen in Tarnuniform befanden. Blitzschnell packte er einen von ihnen am Kragen und herrschte ihn an, was sie hier trieben. Erst nachdem die beiden überrumpelten Männer sich als Sicherheitskräfte zu erkennen gaben, ließ der aufmerksame Grenzhelfer von ihnen ab. Das verdächtige Blinken rührte offenbar von ihrem Nachtsichtgerät her, dessen rotes Laserlicht nach außen gedrungen war.

Seinen Alltag als Grenzhelfer beschreibt Udo Bloeck wie folgt: Nach der nächtlichen Schließung der meisten Lokale gegen 0.30 Uhr hatte er regelmäßig seinen Tresen im Erwin-Fischer-Heim verlassen, um nach einen Rundgang um das Haus den ihn zugewiesenen Strandabschnitt zwischen Konzergarten West und Krankenhaus zu inspizieren. Dabei führte der Nachtpförtner stets einen so genannten GMR-Hörer mit sich, mit dem er im Bedarfsfall eine Sprechverbindung zur Kompanie herstellen konnte. Dazu musste das mobile Gerät per Adapter mit einem der eigens dafür in Ufernähe aufgestellten Fernmeldemasten verbunden werden.

Während seiner Runden hatte er häufig Liebespaare aufgespürt, die er jedoch unbehelligt ließ. Von anderen Jugendlichen jedoch, die mit ihrem Gepäck im Strandkorb saßen, hatte er sich jedoch die Dokumente zeigen lassen und ihnen klargemacht, dass es nicht statthaft sei, sich während der Dunkelheit am Ufer aufzuhalten. Um sich „Unannehmlichkeiten“ zu ersparen, sollten sie sich lieber in den Stadtwald begeben und auf den dortigen Parkbänken kampieren. Manchmal verwies er die Hilfesuchenden an einem ihm bekannten Pastor, der für derartige Notlagen seine Garage als Schlafplatz zur Verfügung stellte. Auf die ungewöhnliche Kooperation mit dem Geistlichen war Udo Bloeck seiner Aussage nach selbst gekommen, nachdem er einmal den Auftrag erhalten hatte, dessen Schafe in der Garage zu scheren.

Wenn er bei seinen Kontrollen auf parkende Autos stieß, in denen Insassen nächtigten, machte er diese darauf aufmerksam, dass sie „gegen die Ordnung und Sicherheit im Grenzgebiet“ verstießen. Sofern die Betroffenen ihm glaubhaft machen konnten, dass sie um diese Zeit keine andere Bleibe fänden, erteilte er ihnen den Ratschlag, bei künftigen Kontrollen anzugeben, dass sie infolge Alkoholgenuss fahruntüchtig wären. Den ungewöhnlich laxen Umgang mit den strengen Vorschriften erklärte der heutige Rentner damit, dass er als einziger Grenzhelfer das „Privileg“ besessen hätte, nicht von einem anderen Mitläufer kontrolliert worden zu sein.

Die Frage, ob er jemals einen Flüchtigen überführt hätte, verneinte er. An einem Sommerabend wäre ihm allerdings etwas Ungewöhnliches passiert. Mit dem Fahrrad unterwegs auf einem Feldweg zu seinen Arbeitsplatz nach Kühlungsborn waren ihm zwei junge Männer aufgefallen. Einer der beiden führte einen Karton mit sich, der andere eine Art Blumentopf. In der Annahme, dass es sich um harmlose Jugendliche auf dem Weg zu einer Jugendweihefeier handelte, radelte er jedoch seelenruhig weiter. Bei einem Anruf der Grenzkompanie am nächsten Tag stellte sich jedoch heraus, dass sich im Karton ein Schlauchboot befunden hatte, mit dem die beiden nach Anbruch der Dunkelheit einen erfolglosen Fluchtversuch unternommen hatten.

Befragt nach eventuellen Vorteilen, die mit seiner Grenzhelfertätigkeit verbunden gewesen wären, erinnert er sich daran, auf einer feierlichen Jahresauswertung in der Kompanie mit dem „Leistungsabzeichen der Grenzhelfer“ sowie einer Geldprämie ausgezeichnet worden zu sein. Bei anderer Gelegenheit sei er zusammen mit seiner Frau von den Grenztruppen zu einem „Prasdnik“ (russisch: Feier) deutscher und sowjetischer Offiziersfamilien in Meschendorf eingeladen worden. Als viel nützlicher hätte sich allerdings in einer konkreten Situation der Grenzhelferausweis erwiesen. Nach einem Nachtdienst hatte er anschließend Alkohol konsumiert. Auf dem Heimweg mit dem Moped geriet er in eine Polizeikontrolle. Als er dem Polizisten anstelle des verlangten Personaldokuments den Grenzhelferausweis zeigte, ließ dieser ihn seine „Kontrollfahrt“ unbehelligt fortsetzen.


Mitte der 80er Jahre gab Udo Bloeck nicht nur seinen Grenzhelferausweis zurück, sondern auch sein Parteidokument.

Der vollständige Zeitzeugenbericht hier:
http://ostsee-grenzturm.com/de/zeitzeugenberichte.html
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Volker Zottmann » 20. Juni 2020, 10:10

Da stehen ja etliche Berichte drinnen.
Teils kenne ich die schon, da einige der Fluchten am Grenzturm in Kühlungsborn aufgeführt sind.
Eine supergute Quelle Wilfried!

Gruß Volker
http://baupionier.zottmann.org/
http://Mein-DDR-Leben.de/

Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon augenzeuge » 20. Juni 2020, 10:18

Den ungewöhnlich laxen Umgang mit den strengen Vorschriften erklärte der heutige Rentner damit, dass er als einziger Grenzhelfer das „Privileg“ besessen hätte, nicht von einem anderen Mitläufer kontrolliert worden zu sein.


Interessant. Aber warum hatte er das nur?

AZ
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 24. Juni 2020, 10:41

Letztes Pfarrhaus vor der Grenze

Die besondere Lage der Paulus-Kirchengemeinde Bergen/Dumme an einem der wenigen Grenzübergänge zwischen Ost und West war mit ein Grund, warum mich der damalige Lüneburger Superintendent Tielko Tilemann ermutigte, die vakante Pfarrstelle zum 1.Juni 1983 zu übernehmen. Bereits während meiner Vikariatszeit im Kirchenkreis Hannoversch-Münden hatte ich vielfältige Erfahrungen in der Arbeit mit Gemeinden im Raum Meißen sammeln können ...

In Bergen sollte fortan der Grenzübergang weite Bereiche meiner pfarramtlichen Tätigkeit bestimmen. Es kam vor, dass Reisende trotz gültiger Papiere auf östlicher Seite abgewiesen wurden. Ihre Wut und Enttäuschung luden sie gelegentlich im Berger Pfarrhaus ab. Andere wurden beispielsweise wegen der kleinlichen Zollbestimmungen auf Seiten der DDR mit verbotener Literatur, Warenkatalogen, Tonträgern oder persönlichen Unterlagen im Gepäck ertappt. Konfiszierten die DDR-Behörden das Material nicht umgehend, eröffneten sie in minderschweren Fällen zwei Möglichkeiten: Entweder konnten die beanstandeten Güter gegen Quittung an der Grenzübergangsstelle hinterlegt werden und man bekam sie bei der Ausreise wieder ausgehändigt. Oder man kehrte kurzfristig um nach Bergen, lud das Verbotene bis zur Rückkehr im Pfarrhaus ab und wagte einen zweiten, dann auch meist erfolgreichen Versuch der Einreise.

Wie oft standen völlig verunsicherte DDR-Bürger in der Pfarrhaustür, die auf die Ankunft ihrer Westverwandten schon seit Stunden vergeblich gewartet hatten. In Bergen an der Haltestelle, wo der Bus aus dem Osten stoppte, hatten sie sich doch fest verabredet. Den Namen der Angehörigen hatte man bei sich; man wusste auch ungefähr den Wohnort. Aber die genaue Adresse oder eine Telefonnummer war vorsichtshalber zu Hause geblieben. Jetzt mauserte sich der Pfarrer zum Pinkertondetektiv; denn meistens konnten die verloren gegangenen Verwandten nach zeitraubender Recherche irgendwo in Deutschland und Europa ausfindig gemacht werden. Allerdings waren nicht alle Gefundenen über die Nachricht erfreut, dass sich der östliche Familienzweig tatsächlich auf den Weg in Richtung Westen gemacht hatte. Was vielleicht als unverbindliche Höflichkeitsfloskel gedacht war, kam als freundlich gemeinte Einladung an und endete gelegentlich in unserem Pfarrhaus mit einer kleinen Tragödie.

Es kam auch vor, dass DDR-Bürgern das spärlich zugemessene Westgeld ausgegangen war. Hier eine Busfahrt, dort eine Tasse Kaffee und eine Schokolade für die Lieben daheim, und schon war kein Geld mehr übrig für die letzten Meter. Hier half oft genug die Berger Pfarramtskasse und bewahrte die Besucher vor Repressalien auf der anderen Seite. Es kam vor, dass dieselben Personen einige Wochen später wieder in der Pfarrhaustür standen. Diesmal wollten sie nicht erneut die Hilfe des Herrn Pfarrer in Anspruch nehmen, sondern sich mit einem Baumkuchen oder kunstgewerblichen Artikeln für die bedingungslos geleistete Unterstützung bedanken ...

Weihnachten an der Grenze

Was dort Weihnachten passierte, kann man hier lesen:
https://www.grenzerinnerungen.de/grenzpfarrer_(west).htm
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 27. Juni 2020, 09:41

Hähnichen 26.4.-29.4.1984 - Erinnerungen an eine Reise in die Deutsche Demokratische Republik

Die Erinnerungen an meine erste Reise in die DDR sind auch 20 Jahre später noch sehr präsent, wenn auch natürlich schon sehr lückenhaft und damit ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Als wir - eine bunte gemischte Gruppe verschiedener Altersstufen - unter der Leitung des evangelischen Ortspastors am Morgen des 26.April 1984, einem Donnerstag, mit zwei Kleinbussen aus Sandkrug (bei Oldenburg i.O.) in Richtung Hähnichen (Oberlausitz) losfuhren, waren wir doch sehr aufgeregt. Nicht nur auf die Menschen der Partnergemeinde waren wir gespannt, die wir ja bisher nur durch Briefkontakte oder vereinzelte, seltene Telefonate kannten. Besonders das den meisten von uns unbekannte Land DDR erfüllte uns mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht. Was würde uns erwarten?

Nach rund drei Stunden Fahrt erreichten wir dann den DDR-Grenzkontrollpunkt Marienborn an der Autobahn 2 Hannover-Berlin, den größten und wichtigsten Grenzübergang zwischen den beiden deutschen Staaten. Die Reisepässe mit den uns von unserern Gastgebern per Post zugesandten "Berechtigungsscheinen zum Empfang eines Visums" hielten wir ebenso nervös in den Händen wie die "Zoll- und Devisenerklärung", die wir vor Beginn der Reise ausgefüllt hatten. Hatten wir an alles gedacht? Hatte auch niemand aus Versehen noch eine Westzeitschrift im Gepäck, deren Einfuhr ebenso verboten war wie die von Musikkasetten (mit westlicher Rock- oder Popmusik) oder Werbemitteln (z.B. Kugelschreiber mit Aufschrift)?

Als wir die Grenzlinie bei Helmstedt überschritten, verschlug es uns erst einmal die Sprache. Der kalte Krieg in seiner abstoßensten Form: Gleich am Anfang auf der rechten Seite ein großer Wachturm (der übrigens heute noch steht und zusammen mit der Gedenkstätte Deutsche Teilung, der ehemaligen Grenzüergangsstelle, an die Zeit der Spaltung Deutschlands erinnert), rechts und links der Autobahn weiß getünchte, hohe Mauern mit Stacheldrahtkronen und weitere unheimliche Grenzsperranlagen - man hatte den Eindruck, in ein Gefängnis oder militärisches Sperrgebiet einzufahren

Danach mußten wir uns in die Spur "Einreise DDR" einfädeln (wer nur nach Berlin (West) fahren wollte, nahm damals die Spur "Transit Westberlin"). Die erste, die beim Erreichen der Passvorkontrolle nach 2 km auf DDR-Gebiet die Sprache wiederfand, war eine Dame mittleren Alters, die beim Anblick des ersten (von vielen) auf uns wartenden Grenzers durch den Bus rief: "Jetzt Ruhe! Und kein falsches Wort" - so groß war damals der Respekt vor den Uniformierten. Heute weiß man übrigens, daß alle Mitglieder der sogenannten Passkontrolleinheiten der DDR-Grenztruppen handverlesene Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes waren.

Im Visabüro wurden dann die Berechtigungsscheine abgegeben, dafür wurde dann ein Visum in den Reisepass eingestempelt. Dann wieder ins Auto, ab zum nächsten Kontrollhäuschen (Paß- und Personenkontrolle), danach wieder ein kleines Stück weiter, anhalten, aussteigen, Zollkontrolle. Überprüfung der Zoll- und Devisenerklärung, Öffnen des Kofferraums und Prüfung der Ladung. All dies dauerte aber nicht sehr lange (an diesem Tag, wer öfter in die DDR einreiste, konnte es auch anders erleben), so daß wir kurze Zeit später auf der Transitautobahn in Richtung Berlin waren.

Am Berliner Ring verließen wir die Transitautobahn und fuhren südlich an Berlin vorbei Richtung Cottbus. Besonders in Erinnerung sind mir noch die rauchenden Schlote des Braunkohlekraftwerks von Lübbenau. Irgendwann verließen wir die Autobahn und kamen auf die B 115 Richtung Görlitz, einer für DDR-Verhältnisse sehr guten Straße. Bei der Durchfahrt durch die ersten Dörfer abseits der Autobahn erlebte ich doch einen gewissen Kulturschock. So grau hatte ich mir die DDR nicht vorgestellt.

Hier geht es weiter:
https://www.grenzerinnerungen.de/ddr-reisende.htm
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 28. Juni 2020, 10:11

An der Bornholmer Straße fiel die Mauer – und machte Platz für ein neues Leben

Schritt für Schritt wagte sich unser Autor an dieser Stelle in ein neues Leben im alten. Aber ein Teil von ihm blieb hier: am Bahnhof Bornholmer Straße.

Einmal waren wir beide mutig, mein Kumpel Ingo und ich. Wir rissen die Fenster der S-Bahn auf, die extra Fahrt aufnahm in der langen Kurve, die von weißen Betonwänden umschlossen war. Der Tunnel kannte in beide Richtungen nur eine Richtung: zurück in unsere, den Osten.

Als Berlin noch eine Stadt war, war hier ein Bahnhof – unter der Brücke, durch die unser Zug gerade quietschte; die Türme mit Soldaten flogen vorbei, wir riefen raus: „Die Mauer muss weg!“ – und zack, Fenster wieder zu. Wir waren zwölf und lernten in der Schule, dass die Wand, an die unser Leben stieß, noch in 100 Jahren stehen würde. Von der angerosteten Brücke in unserer durchtrennten Stadt dachten wir, wir würden sie nie betreten.

Auf einmal waren wir alle mutig. Und plötzlich – „Das gilt ab sofort, unverzüglich“ – sollte die Mauer nicht mal mehr 100 Sekunden stehen. Hier an der Brücke ging’s los, gingen alle los. Hand in Hand lief ich, inzwischen 14, mit meiner Familie durch riesige Kontrollanlagen, an die kleine Gärten grenzten.

Oben auf der von geschwungenen Stahlträgern eingefassten Brücke der Brüche liefen wir jubelnd rüber vom Prenzlauer Berg in den Wedding, zwei Arbeiterbezirke mit bröckelnden Fassaden umarmten sich wild und fremd. Schritt für Schritt wagten wir uns in ein neues Leben im alten. Aber mein Leben blieb hier, am Bahnhof Bornholmer Straße.


Die Bösebrücke, vor mehr als 100 Jahren nagelfest erbaut als erste genietete Stahlverbindung der wachsenden Stadt und später benannt nach einem kommunistischen Widerstandskämpfer, ist eigentlich ein Bauwerk der Aufbrüche. Hier streckte nach den wildfremden Umarmungen vom 9. November 1989 die Straßenbahn wieder ihre Gleisarme von Osten in Richtung Westen aus. Hier erinnern Kirschbäume, die Japan der Stadt Berlin geschenkt hat, an das blühende Leben, wo einst der Tod auf Flüchtlinge wartete.

Heute habe ich hier einen kleinen Garten in einer für den Kiez offenen Anlage, in der seit mehr als 120 Jahren das grünstädtische Leben gedeiht. Im Sommer treffen sich unter der Brücke Musiker und Joggerinnen, Boxerinnen und Jongleure, Flanierende mit Hunden, Kindern und ihren Träumen an der Hand. Oben gelangt man zum S-Bahnhof, auf dem es allerdings bis zum Eintreffen des Zuges ziemlich zugig ist.

Die Bahnhofshalle an der Brücke ist verwaist, gerade lädt ein Kiezprojekt zum Stehenbleiben ein; es gibt Parfüm aus Gartenblüten. Und an den Treppen hängen Fotos von damals, als wir mutig Betonwände überwanden, mein ganzes halbes Land und ich und Ingo.

Freiheit ist auch das, was man draus macht. Am Bahnhof Bornholmer Straße steigen wieder Menschen aus allen Richtungen in ihr Leben ein. Und fahren, wohin sie wollen.

6 Fotos dazu findet man hier:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/die- ... 51490.html
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