Zeitzeugen berichten 2

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Nostalgiker » 12. Dezember 2019, 15:44

Ach ne, gehört die Schulzeit bzw. die Aufteilung der Wochenstunden auf die Wochentage etwa nicht zu dem Erinnerungswürdigen von Zeitzeugen Herr Hobbyzensor Interessierter?
In der Diskussion kommt dir wohl zu wenig "Unrechtsstaat", "menschenverachtendes System", "Büttel", "Stützen und Diener des Systems" vor.

Besteht etwa die Gefahr das jemand feststellt dass das Schulsystem in der DDR eventuell besser Organisiert war als das gegenwärtige links-grüne Experimentierfeld "Schule" bei dem zwei Dinge auf der Strecke bleiben; die allgemeine fachliche Bildung und die Kinder und Jugendlichen selber.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon steffen52 » 12. Dezember 2019, 17:16

Da wo er nicht mit reden(schreiben) kann versucht der User aus NS einen auf Moderator zu machen. Aber Fakt ist eins, die unterschiedliche Schulsysteme heute sind nicht gerade fördern für die Schüler.
Sogar innerhalb der Stadt( gehe von Chemnitz aus) haben die Schüler verschiedene Lehrbücher. Von Bundesland zu Bundesland ist es noch unterschiedlicher. Ob das nun das gelbe vom Ei darüber bestehen
große Zweifel! [denken]
Gruß steffen52
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 15. Dezember 2019, 11:10

Für immer unvergesslich Kein normaler Schultag

Am Morgen des 10. November 1989 hatte sich Tagesspiegel-Leserin Barbara Geister auf einen ganz normalen Schultag eingestellt. Aber schon sehr schnell merkte die Lehrerin, dass dieser Tag alles andere als gewöhnlich war. Barbara Geister

Am Morgen des 10. November 1989 versorgte ich wie immer die Kinder und fuhr dann im Eiltempo mit dem Fahrrad zur Arbeit, der Grundschule am Fließtal, wo ich als Lehrerin eine 3. Klasse unterrichtete. Ich kam an, bereit einen normalen Schultag zu erleben.

In heller Aufregung jedoch begrüßten mich die Kinder und Kollegen: "Die Grenze ist auf! Die Mauer wird geöffnet! Weißt Du schon...? Weißt Du mehr...?"

Im Lehrerzimmer herrschte grenzenloses und fassungsloses Durcheinander. Einige wussten mehr, andere weniger, ein Radio wurde eingeschaltet. Wir mussten in die Klassenräume zu den Kindern, erste Informationen geben und Gespräche so kindgerecht wie möglich auch mit den Kleinsten führen.

Und dann, in den Pausen, stand es fest: Sofort nach dem Unterricht fahren die Lehrer, die es möglich machen können, mit der S-Bahn zur Bornholmer Straße. Den Weg vom Bahnhof Wollankstrasse bis zur Brücke rannten wir mit vielen anderen und sahen es dann schon von Weitem: Menschenmassen bevölkerten die Brücke, dazwischen fuhren zahllose Trabbis, die von Ost nach West im Schritttempo fuhren, alles schrie und jubelte durcheinander.

Wir klopften auf Motorhauben, umarmten wildfremde Menschen, Tränen flossen in Strömen, wir ließen Sektkorken knallen und waren überglücklich und berauscht von so vielen Emotionen. Fassungslos standen einige herum – überwältigt von ihren Gefühlen und der Situation. Es war unbeschreiblich und wird mir für immer unvergesslich bleiben.

https://www.tagesspiegel.de/themen/mein ... 94728.html
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 21. Dezember 2019, 08:28

Wir wurden als etwas Besonderes gesehen und mochten das nicht

Es gab das utopische Moment. Doch das Neue Forum verschwand, und die Schnäppchenjäger kamen. Über eine Revolution, die im Konkurs mündete.
Ein Gastbeitrag. Christian Petzold

Vor kurzem sah ich in einer Ausstellung die Mauerfall-Bilder von Christian Schulz. Die Aufnahmen vom November 1989 und der Zeit danach ähneln sich ja alle, sie zeigen Mauerspechte, offene Grenzen, glückliche Gesichter im Blitzlicht – es war schließlich Nacht. In der Ausstellung hing auch ein Bild von der Kundgebung am 10. November im Schöneberger Rathaus, darauf sind der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Altkanzler Willy Brandt zu sehen. Brandt ist der einzige, der sich nicht freut. Er schaut eher traurig und besorgt Richtung Kamera.

Auf der Kundgebung war auch Helmut Kohl. Als Bundeskanzler war er so gut wie erledigt, und nun gestattete ihm die Geschichte eine Atempause. Als Kanzler der Einheit blieb er dann bis 1998 im Amt. Genau das sieht man in Willy Brandts Gesicht. Dass die beiden Deutschlands eher konsumistisch zusammenwachsen würden, dass die D-Mark, der Eins-zu-Eins-Umtausch, die Läden, die Autos bald im Vordergrund stehen würden.
Am Abend des 9. November sah ich mit Aysun, meiner damaligen Freundin und heutigen Frau (die deutsch-türkische Filmemacherin Aysun Bademsoy / d. Red.) im Fernsehen, wie die Mauer geöffnet wurde.


Meine Eltern kommen aus der DDR, ich rief sie gleich an, sie waren außer sich vor Freude. Aysun und ich machten uns auf zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Es war aufregend, die Menschen kamen uns entgegen, ich war sehr gerührt. Wir gingen dann ganz in der Nähe im Wedding zur Party einer DFFB-Kommilitonin, ich studierte ja an der Film- und Fernsehakademie. Vom Balkon aus schauten wir zu, wie die Ost-Berliner in den Westteil der Stadt strömten.

Wir selber besuchten den Osten erst in der Zeit danach, ein bisschen so, als gingen wir ins Museum. Am 9. November war es umgekehrt: Ganz West-Berlin wurde zur Fußgängerzone, und wir da oben auf dem Balkon wurden neugierig beäugt. Aysun winkte einer Gruppe Jugendlicher zu und rief, sie sollten doch hochkommen. Es war sehr nett mit ihnen, das Partybuffet war sicher anders als Partybuffets in der DDR. Bis einer der Ost-Berliner, sie waren vielleicht 18 oder 19, zu Aysun sagte: Es ist wirklich toll, aber ihr habt ganz schön viele Ausländer hier. Da meinte Aysun: Vielleicht wird es doch nicht so gut mit Deutschland nach dem Mauerfall.

Hier geht es weiter:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/der- ... 87970.html
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 27. Dezember 2019, 09:49

Das Mahnmal, der Tod von Rudolf Schröder und mehr

Bild
Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler im August 2004 bei uns am Mahnmal mit Akten von Kamerad Rudolf Schröder (†).

Interessante Schilderungen des Zeitzeugen Rust findet man hier:
https://www.gustav-rust-berlin.de/6-am- ... %C3%B6der/
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Volker Zottmann » 27. Dezember 2019, 10:57

Unfassbar Wilfried, wenn man sich mal die Mühe macht und bis zum Schluss liest.
Die Dreistigkeit des einstigen Politoffiziers und heutigen Polizeigewerkschafters ist unbeschreiblich. Und dann wird hier bestritten, dass immer noch Stasiseilschaften bestehen? Letztlich bleibt selbst der Tod (Mord?) Schröders ungesühnt.
Den langen Beitrag lesend tun sich mir aber erschreckende Parallelen auf. Vergleich mal die Zermürbungstaktik hier im Forum mit den Zersetzungsversuchen ....

Gruß Volker
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 27. Dezember 2019, 12:58

Moin Volker,
meinst du wirklich, dass die von dir gemeinte handvoll ehemaliger Diktaturdiener oder unser Kantinenhocker das bis zum Schluss lesen?
Ich vermute eher, dass nur so weit gelesen wird bis man ein Detail gefunden hat, um dann zu versuchen mit einer Frage den Zeitzeugen insgesamt unglaubwürdig erscheinen zu lassen. [grins]

Die von dir angesprochenen Parallelen versucht man doch permanent und erfolglos hier anzubringen [laugh]
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Volker Zottmann » 27. Dezember 2019, 13:01

Wilfried... [super]
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Nov65 » 27. Dezember 2019, 18:08

Warum sollte es auch heute noch keinen Zusammenhalt der ehemaligen SED-und MfS-Leute geben? Wie 1945 hilft man sich. Erst einmal ist Solidarität, Nächstenliebe, Nachbarschaftshilfe und Corpsgeist nichts Schlechtes. Wenn dadurch aber das Gemeinwohl gefährdet wird, ja, dann...
Die Auswirkungen des Zusammenhalts dieser Leute sind von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Dort, wo Neues Forum, andere Bürgerbewegungen und neue Parteien maßgeblich am Ruder drehten und aufpassten, war das Werkeln der Ehemaligen nicht ungebremst möglich. Ich habe mehrere Kommunen erlebt...In der Landwirtschaft saßen die sogenannten Roten Barone plötzlich den Genossenschaften vor und drehten auch am Zeiger der Umgestaltung dieser Genossenschaften in Privateigentum. In MV war das so auch bei Hotels und Erholungsobjekten. Ehemalige Objekte des MfS mit so nichtssagenden Namen wie "Erholungsheim Ingenieurhochbau Berlin(Stadtname von mir eingesetzt) stellten sich dann als Erholungsobjekte des MfS heraus und wurden schwupps privatisiert.
Wenn mir solche Gewinner der Wende begegnen, dreht sich mir der Magen um. Warum nur kuscheln solche Leute eng bei der CDU?
Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass der Einfluss der ehemaligen Regimeoberen und -diener heute noch gefährlich groß ist. Meist sind sie im Rentenalter.
Grüße von Andreas
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon augenzeuge » 27. Dezember 2019, 19:21

Einfach sehr gut recherchiert. Aber...keine Überraschung.

Ohne Kommentar:

AZ
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 6. Januar 2020, 10:38

Mauerfall an Weihnachten vor 30 Jahren – waren Sie dabei?

Bild

Das linke Foto entstand Heiligabend 1989 am provisorischen Grenzübergang am Glienicker See zwischen Berlin-Spandau (West-Berlin) und Groß-Glienicke (damals DDR, Brandenburg); das Bild rechts zeigt die Stelle heute an der Bundesstraße nach Potsdam: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 24. Dezember 1989 um 8 Uhr geteilt.“ Bei meiner Recherche im Tagesspiegel-Archiv stieß ich auf eine kuriose Geschichte. Ich habe Tränen gelacht!

Der Tagesspiegel berichtete damals, dass der neue Grenzübergang an drei Tagen geöffnet werde – als Weihnachtsgeschenk: „Heiligabend bis 24 Uhr, an Weihnachtstagen 8 bis 18 Uhr für Fußgänger und Radfahrer.“ Ein rührende Idee, denn für die Groß Glienicker bedeutete Heiligabend 1989 das Ende einer Teilung, die älter war als die Berliner Mauer. Bis 1945 gehörte auch der heutige Kladower Teil von Groß Glienicke zu der brandenburgischen Gemeinde, war im Zusammenhang mit dem Ausbau des Flugplatzes Gatow per Gebietsaustausch gegen West-Staaken dem britischen Sektor von Berlin zugeschlagen worden.

Plötzlich nahm die Geschichte eine irre Wendung. Ich stutze, als im Tagesspiegel-Archiv von einem SPD-Mann die Rede war, der im Spandauer Schulausschuss saß und eine gewisse Rolle an diesem Tag spielte. Sein Name: Michael Uhde. Ähm, Michael Uhde? Das ist doch nicht etwa… doch, das ist Michael Uhde, 70 Jahre alt und Reporterlegende von der „Berliner Morgenpost“, „Volksblatt“ und Co. Heute bloggt er u.a. fürs „Spandauer Stadtjournal“. Ich habe Uhde gleich mal angerufen und gefragt, ob er die Geschichte im Spandau-Newsletter erzählen mag. Er lachte fröhlich: „Na klar!“

Was Herr Uhde erlebte kann man hier lesen:
https://leute.tagesspiegel.de/spandau/k ... 17/105450/
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 12. Januar 2020, 09:20

Zeitzeugengespräch mit Andreas Thieme - Vom Drang nach Freiheit und Rock´n´Roll

Auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung kam der Zeitzeuge Andreas Thieme nach Bremen, um in der Ausstellung „DDR-Stasi – Spitzel von nebenan“ einem Geschichtskurs des Hermann-Böse-Gymnasiums von seinen einschneidenden Erlebnissen mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zu berichten.

Andreas Thieme ist ein begnadeter Erzähler. Das gilt es eingangs hervorzuheben, denn das Thema, um das es heute in dem Konferenzraum der Sparda-Bank Bremen geht, ist kein einfaches: Schon bei der Führung durch die Ausstellung „DDR-Stasi – Spitzel von nebenan“ kommen bei Thieme ganz eigene Assoziationen auf. In der DDR wird er überwacht und muss als Zielscheibe eines so genannten „operativen Vorgangs“ Zersetzungsmaßnahmen der Stasi über sich ergehen lassen. Eine Büste Feliks Dzierżyńskis, tschekistisches Vorbild des MfS, bringt er mit seinen Erfahrungen aus der Stasi-Untersuchungshaft in Verbindung: „So ein Ding stand in jedem Vernehmungsraum“.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist die erzählerische und inhaltliche Leistung Thiemes bei dem anschließenden Zeitzeugengespräch umso beeindruckender. Thieme berichtet im besten Sinne des Wortes unterhaltsam mit der nötigen erzählerischen Distanz. Er lässt seinen Zuhörern Raum, sein individuelles Schicksal nachvollziehen und verarbeiten zu können. Vor allem aber liefert er Zusammenhänge und Hintergründe, die am persönlichen Beispiel illustrieren, unter welchen eigentlich harmlosen Umständen ein Jugendlicher in der SED-Diktatur zum einem „Staatsfeind“ werden konnte.

Wie die SED - Schergen das machten erzählt er hier:
https://www.kas.de/de/web/bremen/verans ... ck-n-roll1
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 14. Januar 2020, 10:59

Eine lange Geschichte – Jugend in der DDR

In meinen ersten Schuljahren liebte ich die ersten Stunden nach den Sommerferien. Die alten Lehrer fragten, was wir in unseren Urlauben erlebt hatten, und die neuen interessierten sich für die Berufe unserer Eltern. Voller Stolz konnte ich immer allen erzählen, dass mein Vater Trainer im Radsport und meine Mutter Sekretärin im Außenhandel war. Dass fast 30 Prozent meiner Mitschüler einfach nur antworteten: „Mein Papa arbeitet bei MfS“, verstand ich nicht, auch nicht nachdem die Lehrerin es in ein „beim MfS“ verbessert hatte. Scheinbar wussten die Kinder selber nicht, was ihre Eltern dort so trieben und vor allem, was dieses MfS eigentlich war. Die erste Stunde verging trotzdem wie im Flug.

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Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir zu den privilegierten Familien gehörten, die in den ersten zehnstöckigen Neubaublöcken mit fließend warmem Wasser, Zentralheizung und Badewanne wohnten, zwischen Lenin- und Alexanderplatz. Ich hatte noch keine Erklärung, warum die Hälfte meiner Mitschüler sich in den Pausen über DEFA-Indianerfilme und “Ein Kessel Buntes” aus dem DDR-Fernsehen unterhielten statt wie wir über „Ein Colt für alle Fälle“ und “Wetten dass?”. Es gab für mich keine andere Welt da draußen, keine alten Häuser mit drei Hinterhöfen und Ofenheizung, keine verqualmten Eckkneipen, keine Klassenkameraden, deren Eltern kein Auto hatten, und keine schwer erziehbaren Kinder in der Klasse. Sie hatten uns eine eigene Welt geschaffen – eine heile.

Wie es weitergeht erfährt man hier:
http://markscheppert.de/tag/ferienlager/

Mehr Erlebnisse kann man hier lesen:

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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 19. Januar 2020, 10:25

Die Währungsreform - Zum Stillschweigen verpflichtet
von Willi Blaudow

Zur Zeit der Währungsreform 1948 war ich Grenzpolizist in Hessen. Diese Reform sollte für mich zu einem besonderen Erlebnis werden. Zunächst kannte keiner das genaue Datum der Währungsumstellung, aber viele ahnten, daß so etwas bevorstand, weil die Geschäfte kaum noch Waren anbo­ten. Es wurde alles für den großen Tag gehortet.

Auch wir Grenzpolizisten waren nicht genau informiert. Erst einige Stunden vor dem großen Ereignis bekamen wir Bescheid, daß es kein dienstfrei gäbe und wir uns mit allen Waffen im Grenzpolizeikommissariat einzufinden hätten. Dort erfuhren wir nur, daß eine strenggeheime Sache anlaufen würde. Wir durften nicht mehr in unsere Quartiere, sondern stiegen gleich in die Mannschaftstransportwagen, MTW genannt, und fuhren ohne Bekanntgabe von Gründen und Zielort los gen Westen. Nur der Fahrer wußte, wohin die Reise gehen sollte.

Als wir unseren Bestimmungsort erreichten, war es Nacht geworden. Wir dachten, daß wir nun sicherlich Näheres über unseren geheimen Auftrag erfahren würden, doch wir bekamen nichts zu hören. Aufmerksam wurden wir erst, als wir plombierte Säcke und Alu-Kästen mit der Aufschrift „DEUTSCHE BANK“ in unseren MTW laden mußten. Da dämmerte es diesem oder jenem, daß schon mal die Rede von Geldentwertung und Geldumtausch war. Auf Fragen bekamen wir selbst jetzt noch keine Antwort.

Als unser MTW voll beladen war und der Fahrer, ein Bediensteter vom Kommissariat, und wir vier Grenzer zwischen den Säcken und Alu-Kästen gerade noch Platz fanden, kam ein Polizeikommissar zu uns an den Wagen und erklärte in militärisch strengem Ton: „Nun, meine Herren, Sie sind ja zum Stillschweigen verpflichtet worden! Sollten Sie diese Verpflichtung nicht einhalten, werden Sie wegen Geheimnisbruch bestraft! Merken Sie sich das gut! Laden Sie sofort Ihre Waffen durch, bleiben Sie während der Fahrt aufmerksam und schlafen Sie ja nicht ein! Und nun, Gott befohlen, gute Fahrt!“

Wir luden unsere Karabiner durch und ab ging die Post. Was muß das für eine tolle Sache sein, wenn der Polizeikommissar uns Gott empfiehlt?

Hier geht es weiter:
http://www.berlinermaueronline.de/buech ... besser.htm
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 25. Januar 2020, 12:09

Als Deutschland an der Grenze war

25 Jahre nach dem Ende der DDR lässt sich der Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze nur noch erahnen – anhand weniger Reste von Mauer und Stacheldraht. Ihr Verschwinden bezeugt, dass die Einheit äußerlich vollzogen ist. Doch wie sieht es in den Köpfen und Herzen der Menschen aus?


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Welche Erfahrungen haben jene Menschen gemacht, die direkt entlang jenes 1378 Kilometer langen Risses lebten, der sich einst durch Deutschland zog? Unser Autor Thorsten Fuchs hat sich auf Spurensuche begeben.


Am Anfang war's nur Spaß – Neele

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"Hammerniedlich": Manchmal ist Schlagsdorf für Neele zu klein. Quelle: Fuchs

DDR war besser, sagt ihre Mutter manchmal, aber Neele glaubt das nicht. Kann sie sich nicht vorstellen, nicht nach all dem, was sie gehört hat. Dass man nicht einfach so sagen konnte, was man denkt? Dass man erschossen werden konnte, nur weil man mal rüberwollte nach Ratzeburg? Neele ist 14, sie ist auf dem Heimweg von der Schule, und jetzt schüttelt sie den Kopf. „Klingt doch alles ziemlich krass, oder?“

Schlagsdorf, ein altes Dorf, 1100 Einwohner, „eigentlich hammerniedlich“, sagt Neele. Lübeck ist nah, 25 Kilometer sind es nur, aber als es die DDR noch gab, lag Schlagsdorf gerade so auf der östlichen Seite der Grenze. Gleich hinter dem Dorf, unten am Mechower See, standen der Zaun, die Türme, der Stacheldraht, und die Älteren kennen noch die ganze Geschichte. Hans Hadeler zum Beispiel, 84, „der zweitälteste Schlagsdorfer“, sagt er stolz. Kariertes Sakko, Prinz-Heinrich-Mütze aus Cord, so radelt er langsam durch den Ort.

Was Neele und andere Zeitzeugen beschreiben erfährt man hier:
https://www.dnn.de/Sonntag/Top-Thema/Al ... Grenze-war
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 27. Januar 2020, 09:26

„Besuch der Gedenkstätte Bautzen II: Maßlose Unmenschlichkeit hinter graubraunen Mauern“
Eindrücke von Dr. Gertraud Heinzmann


Weniger um lebendige Bücher als um tote Steine handelte es sich bei der letzten Station der Rundgänge durch die Stadt Bautzen. „Bautzen II“, allgemein bekannt als ehemaliger „Stasi-Knast“, ist seit 1994 Gedenkstätte, die unter anderem an die politischen Gefangenen der DDR bis 1989 erinnert und für Demokratie und gegen rechten Missbrauch eintritt. Unter der sehr kompetenten Führung von Frau Catherina Rößler besichtigte eine Gruppe des Nachmittagsprogramms das gespenstisch anmutende, leere Gebäude des ehemaligen Gefängnisses. Die graubraune Fassade ist nur vom Einfahrtstor aus teilweise sichtbar, von außen ist das Gefängnis vom Gerichtsgebäude umgeben, um nicht enttarnt werden zu können.


Von historisch höchst interessant bis emotional extrem bestürzend reicht die Palette der Eindrücke auf dem Rundgang. Die historischen Fakten als solche sind bitter und unbegreiflich; doch um wie viel schlimmer mutet es an, an diesem authentischen Ort maßlosen Unrechts zu stehen, einem Bau aus kaltem Gestein und eisernen Gitterstäben. Die Bausubstanz entspricht dem Zustand der Jahre 1989/90, wirkt verstaubt und etwas marode. Mit den Informationen über Gebäude und Geschichte wächst das Entsetzen über das, was hier geschah, was dieses konkrete, anschauliche Beispiel aus dem 20. Jahrhundert an menschenverachtendem Verhalten, an Unerbittlichkeit und Unmenschlichkeit dokumentiert.

Die Führung durch das Gebäude Bautzen II befasste sich mit einer der insgesamt drei Epochen der beiden Gefängnisanlagen Bautzen I und II (1904-1989), und zwar mit der Zeitspanne von 1956-1989, daher wird sie auch „Stasi-Führung“ genannt.

Bautzen I im Norden der Stadt, bekannt als „Das gelbe Elend“, war von 1904-1933 Sächsische Landesstrafanstalt, von 1933-1945 benutzten es die Nazis zur Internierung politischer Gefangener und gesellschaftlicher Minderheiten, besonders aus den okkupierten Gebieten (Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten etc.). Im Unterschied zu den NS-Konzentrationslagern wurde hier nicht mit Vorsatz gemordet. 1945-1956 war es Speziallager der sowjetischen Besatzungszone zur Internierung von NS- und Kriegsverbrechern, aber auch von Oppositionellen. Mehr als 20.000 Häftlinge waren in Bautzen I über einen Zeitraum von elf Jahren festgehalten, mehr als 3.000 kamen ums Leben wegen der äußerst schlechten Versorgungslage, der miserablen hygienischen Bedingungen, den strengen Wintern. 1956 wurden die Gefängnisanlagen der Volkspolizei übergeben, die meisten politisch verfolgten Häftlinge wurden entlassen.

Eröffnet im Jahre 1906, wurde Bautzen II 1956 Sonderhaftanstalt des DDR-Regimes und unterstand - inoffiziell - dem MfS (Ministerium für Staatssicherheit). Vor allem waren hier politische Gefangene interniert. In den 1970er Jahren wurden Haftalltag und Strafmodalitäten minimal gelockert.

Die Besonderheit von Bautzen II gegenüber allen anderen DDR-Gefängnissen zwischen 1956-1989 liegt in der 100%igen Stasi-Kontrolle. Es ist erschütternd, mit welch unglaublich krimineller Energie das DDR-Regime seine Kritiker und Gegner psychisch mürbe und sich seiner gefügig machen wollte. Im Zweifelsfalle schreckte es vor keinem Mittel zurück. Ziel waren Einschüchterung und Konformität der Bevölkerung.

Unter den Exponaten stechen zwei Gefangenentransporter hervor; sie waren getarnt als normale Transportmittel, hatten winzige lichtlose und luftleere Zellen für die Gefangenen, von Toiletten ganz zu schweigen. Niemand sollte die Transporte bemerken, da es offiziell ja keine politischen Häftlinge in der DDR gab.

Durch eine Hintertür („Schlupftür“) konnten die Mitarbeiter des MfS ungesehen von ihrer Kreisdienststelle ins Gefängnis eintreten. Von den Diensträumen der Stasi mit gedämmten Wänden und Türen aus wurden die Aufnahmegespräche zwischen Stasi-Offizieren und Häftlingen nach deren Ankunft über ein Kabelsystem live in die Zentrale geleitet. Informationen über die Häftlinge und deren Einstellung sowie über ganz banale Dinge sollten abgehört werden, um die Gefangenen in der Haft gezielt demütigen zu können. Es gab auch Anwerbungsgespräche zur Kooperation mit der Stasi. Fast jede Form der Spitzelei zwischen Häftlingen und Wärtern und untereinander war denkbar – es hatte sich ein dichtes Spitzelnetz im Gefängnis etabliert. Um Macht und Kontrolle auszuüben, wurden Angst einflößende Methoden angewandt. Geschah die Mitarbeit mit der Stasi außerhalb der Gefängnismauern zu 95% aus Eigennutz, gingen die Häftlinge im Inneren besonders auf Lockangebote ein - denn der Griff nach dem Strohhalm war letzte Option. Die Häftlinge waren von der Außenwelt abgeschnitten und befanden sich in einem seelischen Ausnahmezustand. Bei Widerstand wurde der Druck auf sie erhöht und sie von unten und oben her isoliert.

Es war strengstens untersagt, die Modalitäten im Gefängnis nach außen hin preiszugeben. So gab es einige mysteriöse Unfälle von Entlassenen, auf die die Stasi angesetzt war, um zu testen, ob sie über die Haftbedingungen schwiegen oder nicht; sie wurden bis ins Ausland verfolgt.

Eine einzige Flucht ist dokumentiert: Dieter Hötger wurde im Herbst 1961 festgenommen, nachdem er von West nach Ost einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch gegraben hatte. Bei dieser Aktion war er von einem IM (Informellen Mitarbeiter) verraten worden. Es ist sehr beklemmend, in der Arbeitszelle Nr. 19 zu stehen und das nunmehr zugemauerte Loch zu betrachten, das Hötger 1964 mit einem Schraubenzieher durch die 60 cm dicke Mauer gebohrt hatte, als er dort in Isolationshaft saß. Unvorstellbar, dass ihm durch dieses Loch die Flucht aus dem Gefängnistrakt gelang. Erstaunlicherweise hatten die Alarm- und Schließanlagen versagt. Mittels der größten Suchaktion in der Geschichte der DDR wurde er nach acht Tagen aufgegriffen und neuerlich in Haft genommen. 1972 kaufte ihn die Bundesrepublik Deutschland frei.

Besonders betrüblich war am Ende der Führung der Anblick der Arrestzellen, in denen einzusitzen extreme psychische Belastung bedeutete und den völligen Verlust der menschlichen Würde. Für viele dieser Häftlinge hätte allein der Suizid die ersehnte Befreiung bringen können. Doch selbst dieser letzte Ausweg wurde ihnen durch die massiven Kontrollen nahezu unmöglich gemacht. Als die subtilste Form, einen Menschen in seiner Substanz zu zerstören, bezeichnete Werner König, ehemals Häftling in einer dieser Arrestzellen, diese Form der Internierung. Man könnte es auch anders bezeichnen: Es handelte sich um nichts weniger als um psychischen Mord.

https://www.ackermann-gemeinde.de/sonst ... echer.html
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