Zeitzeugen berichten 2

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Volker Zottmann » 13. März 2019, 22:57

Hier ist ein Filmdokument, dass belegt, wie sich Walter Ulbricht im Westen Bananen besorgte. [flash]

https://www.youtube.com/watch?v=XtLJKzkQqOI

Gruß Volker
http://baupionier.zottmann.org/
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Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Grenzwolf62 » 13. März 2019, 23:04

Vertippt
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 17. März 2019, 14:29

Der Tag des Aufstands - Die plötzliche Wende im Leben des Brigadiers


Zimmermann Heinz Homuth gehört zu den Streikführern - und flieht nach Repressalien bald darauf in den Westen.

Der Tag, der sein Leben aus den Fugen brachte, begann für Heinz Homuth wie jeder andere. Er war früh aufgestanden, hatte sich Karohemd und Zimmerer-Wams übergestreift, den Bauarbeiterhut auf den schmalen Schädel gestülpt, eine Kippe in den Mundwinkel gesteckt und war aus dem Küchenfenster geklettert. Da stand er nun, wie jeden Tag, auf einem Baugerüst im Hinterhof des Blocks E-Süd und wartete, bis seine Arbeitskollegen aus dem Umland in der Frankfurter Allee eintröpfelten, die jetzt Stalinallee hieß.

Anfang des Jahres war Homuth mit seiner Frau in den künftigen Vorzeigebau der Deutschen Demokratischen Republik eingezogen. Ein Traum vom Wohnen: Fahrstuhl, Bad, Zentralheizung, mehrere geräumige Zimmer, ein Beton gewordenes Aufbruchsignal inmitten einer kriegsvernarbten Stadtlandschaft, in der sich noch immer Trümmer türmten. Homuth war kein Parteigänger der SED, aber ein Bauarbeiter, ein verdammt guter, deswegen durfte er trotzdem einziehen in die Allee, auch wenn Block E-Süd noch nicht vollendet war, die Fassade schon, wie so oft in der DDR, aber nicht die Rückseite. Sie fertig zu stellen war der Auftrag von Zimmerer-Brigadier Heinz Homuth und seiner Kolonne. An diesem Morgen jedoch rührte keiner seiner Kollegen Säge oder Spatel an. Die Männer hatten anderes zu tun. Besseres. Es war der 16. Juni 1953.

Es hatte seit Wochen bereits unter den Bauarbeitern gegrummelt. 1,75 Mark Stundenlohn bei 48 Wochenstunden: Wer da auf einen grünen Zweig kommen wollte, der musste, so oft es ging, die Norm überschreiten und einen Quadratmeter Wand eben in einer halben statt in einer Stunde einschalen. Das gab Zusatzmünzen. Damit war auszukommen. Als nun aber die Parteiführung eine Normerhöhung verkündete, hieß das: rund 40 Mark weniger im Monat. "40 Mark", ruft Homuth und saugt an einer Selbstgedrehten, "das war damals der Mietdurchschnitt, dagegen hatten wir was." Wie viel die Bauarbeiter dagegen hatten, sollte sich schneller zeigen, als es den Technokraten an der Staatsspitze lieb sein konnte.

Am 15. nachmittags wandte sich ein Putzer aus Block E-Süd an Brigadier Homuth: "Heinz, wir wollen morgen protestieren, macht ihr mit?" Es gibt ein Bild von Heinz Homuth aus dieser Zeit - die Augen: zwei verwegene Balken im Halbschatten, die geballten Fäuste am Revers, die Fluppe wie bei Lucky Luke zwischen die Lippen geklemmt. Es ist ein Bild wie aus einem Halbstarken-Film, bevor die Clique loszieht, den Gegner zu vermöbeln. Entschlossener kann man nicht wirken. Verwegener auch nicht. Natürlich machte Homuth mit. Tonangeber, der er war, marschierte er noch am selben Tag zu den anderen Brigaden auf der Allee, zu den Maurern, Steinmetzen, Malern und schwor sie auf den Protesttag ein. Morgen Früh, bei Dienstbeginn, Block 40. 50 Jahre ist das her.

"Nein", sagt Heinz Homuth, "ick seh' nich, dass ich damals 'n Fehler jemacht hab." Er ist 75 heute, ein hoch gewachsener, hagerer Mann, der seinen Lebensabend zwischen furnierter Eiche und gusseisernen Schiffsreliefs in Neukölln verbringt, auf der anderen, der westlichen Seite Berlins. Er kann kaum noch laufen, der Krebs hat seinen Oberschenkel-Knochen zerfressen, seine Frau hat ihn nach 40 Jahren verlassen, die vier Kinder sind längst aus dem Haus. Aber Heinz Homuth wirkt nach wie vor wie ein Mensch, der Zweifel mit einer kurzen Wischbewegung seiner knorrigen Hände zur Seite schiebt. Seine Nase hat sich mit dem Alter, wie es scheint, noch ein wenig weiter hervorgewagt. Er raucht noch immer wie ein Schlot. Widerspruch, Zwischenfragen empfindet er auch heute noch als eher lästig.

Nein, sagt also der Rentner Homuth, er würde, käme es drauf an, noch einmal alles so machen wie damals. Auch wenn es wieder hieße, seine Freunde zu verlieren und seine Heimat und seine Traumwohnung und noch einmal von ganz unten anzufangen, nur weil man einmal - am falschen Ort, zur falschen Zeit - seinen Mund aufgemacht hat, um nach Gerechtigkeit zu rufen und nach Fairness. "Wenn man den Leuten heute das zumuten würde, was sie uns damals zugemutet haben", sagt der alte Mann, "dann würden se ooch alle streiken."

Es waren einige Dutzend Bauarbeiter, die sich am frühen Morgen des 16. Juni 1953 an Block 40 der Stalinallee einfanden. Was genau dort passieren würde, wusste keiner so recht. Man wartete. Darauf, dass ein Vertreter vom "Freien Deutschen Gemüsebund", so Homuth, vorbeikäme und eine Ansprache hielte. Das konnten sie ja gut, diese feinen Gewerkschafter. Allein: So lange die Männer auch warteten, es kam keiner, um zu reden. Stattdessen stießen irgendwann, atemlos, zwei Kollegen von der Baustelle am Krankenhaus Friedrichshain zur Gruppe und berichteten gehetzt, die Klinik sei von Polizisten umstellt, keiner werde durchgelassen, um auf der Allee zu demonstrieren. Darauf nun hatten die Bauarbeiter gewartet, da hörte sich alles auf, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Einer rief: "Wir holen unsere Jungs raus." Und alle setzten sich in Bewegung. "So", sagt Homuth, "begann der Marsch der Bauarbeiter von der Stalinallee."

Auf dem Weg Richtung Osten passierte dann das, was Heinz Homuth noch heute ein Lächeln auf die harten Züge zaubert: Wo immer die Handwerker vorbeikamen, schlossen sich ihnen Menschen an, folgten dem Ruf "Berliner reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein". Aus dem Häuflein Demonstranten wurde ein Haufen, später eine Masse, und als das Krankenhaus Friedrichshain erreicht war, sahen sich die Volkspolizisten mehreren tausend entschlossenen Mitbürgern gegenüber. Also wich die Staatsmacht zur Seite. Zum ersten Mal in diesen denkwürdigen Tagen im Juni.

Weiter geht es hier:
https://www.fr.de/politik/ploetzliche-w ... 29928.html
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Re: Zeitzeugen berichten 2

Beitragvon Interessierter » 20. März 2019, 14:42

Zeitzeuge Holger Rossmann über sein Leiden in Bitterfeld

RÜCKBLENDE. Die DDR Anfang der 70er-Jahre. Holger Rossmann (23) aus Hagenow verliebt sich in Christa, die Brieffreundin seiner Schwester. Ein schweres Verbrechen im Arbeiter- und Bauernstaat – denn die junge Frau kommt aus dem Westen!

„Ich wurde bespitzelt, dann nahm man mir den Pass ab, schmiss mich von der Hochschule und ließ meine Freundin nicht mehr in Ost-Berlin einreisen“, sagt er. „Wir trafen uns trotzdem weiterhin alle paar Wochen – heimlich in Tschechien.“ Bis man ihm eines morgens um sechs die Wohnungstür eintritt, ihn mitnimmt und einsperrt.

Rossmann wird zu Zwangsarbeit in der Bitterfelder Kunststoff-Produktion verurteilt – wegen angeblicher Propaganda für den Staatsfeind.


Nach dem Prozess in Hainichen kommt er 1975 in das Lager am Rande vom Bitterfeld, direkt neben dem Tagebau. Wie die meisten anderen DDR-Bürger hat er noch nie etwas von Zwangsarbeit gehört.

„Etwa 80 Leute schliefen in einem Saal in einer großen Baracke. Morgens holte uns der Bus ab, die Wärter trugen Maschinenpistolen, wir hatten schwarze Sträflingskleidung an. Dann brachte man uns ins Werk, die Fenster der Halle waren vergittert oder zugemauert. Wer sich weigerte, wurde geschlagen“, erinnert sich Rossmann. Nicht mal sein Vater – selbst ein ehemaliger Richter – darf ihn dort besuchen.

Die Haft in Bitterfeld hatte Methode, weiß der Hallesche Historiker Julius Vesting (33), der dieses düstere Kapitel mit Hilfe von Opfern wie Rossmann in seinem neuen Buch „Zwangsarbeit im Chemiedreieck“ (Chr. Links Verlag, 24,90 Euro) erstmals ausführlich beleuchtet.

In den 70er und 80er Jahren mussten Vestings Recherchen zufolge mindestens 1200 politische Gefangene und inhaftierte Kriminelle in Bitterfeld schuften.

„Wegen der berüchtigten Zustände in der Chemieindustrie fand man kaum Arbeitskräfte, setzte deshalb schon in den 60er Jahren Zwangsarbeiter ein“, so der Autor. „Aus den veralteten Anlagen traten Quecksilber, Chlor und ätzende Laugen aus. Havarien und Explosionen gehörten zum Ablauf, es gab mindestens zwei Todesfälle.“

Auch Holger Rossmann erleidet Verbrühungen und Verätzungen; noch heute weist sein Blut erhöhte Quecksilberwerte auf.


1976, nach einem Jahr, wird er entlassen, darf kurz darauf die DDR verlassen – und heiratet seine Christa. Sie bekommen fünf Kinder, leben bei Frankfurt/Main. Rossmann ist zunächst Hausmann, arbeitet später als Techniker.

Er ist heute ein Mann, der zufrieden wirkt. Über die Albträume, die ihn immer wieder heimsuchen, spricht er nicht viel, sagt nur: „So eine furchtbare Zeit prägt einen. Für immer.“

Die Hölle Bitterfeld – wie könnte er sie je verdrängen oder gar vergessen?


https://www.bild.de/regional/leipzig/dd ... .bild.html
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