John J. Mearsheimer
https://de.wikipedia.org/wiki/John_J._M ... raine_2022 Maxim Trudoljubow, Senior Fellow des Kennan Institute und leitender Redakteur von Meduza, kritisierte, Theoretiker, die wie Mearsheimer versuchten, Kriege geostrategisch zu verstehen oder gar zu rechtfertigen, sprächen die Sprache der „Großmachtpolitik“, einer „Entmenschlichung“ der Welt.
Für die öffentliche Kultivierung externer Bedrohungen, die Schaffung von Feindbildern und den Handel mit angeblich durch die besetzten Gebiete verursachten nationalen Missständen sollte kein Platz sein. Die Grenzen müssen ihre gegenwärtig erfundene Heiligkeit verlieren. Denn Grenzen sind immer künstlich. Dies sind die Ergebnisse von Kriegen, dem Zusammenbruch von Imperien, Verhandlungen, zufälligen Entscheidungen, Fehlern. Dies sind Schlachten, die im Boden begraben sind. Ihr Graben sollte verboten werden.[68]
Adam Tooze analysierte die neorealistische Position Mearsheimers und ihre Konsequenzen im New Statesman[69] besonders nach einer millionenfach geteilten Videovorlesung der Universität von Chicago[70] und Mearsheimers Telefoninterview mit dem New Yorker,[67] mit dem Mearsheimer nach Toozes Aussage „blanken Hass“ auf sich zog. Außerdem hatte auch die russische Regierung auf Mearsheimer verwiesen. Dies führte zu Verdächtigungen, Mearsheimer arbeite mit der russischen Regierung zusammen, was auch von Anne Applebaum insinuiert wurde. Nach Tooze vertritt Mearsheimer die neorealistische These, dass entsprechend der politischen Logik Russland wie jede Großmacht, auch die USA, seine Sicherheitsinteressen durch die Errichtung und Verteidigung von Einflusssphären schütze. Die Monroe- oder die Carter-Doktrin werden als Beispiele für die Außenpolitik der USA genannt. Solche Einflusssphären würden, wenn nötig, mit aller Gewalt verteidigt, da die Sicherheitsinteressen als existenzielle Interessen eines Staates höher stünden als das Völkerrecht.
Der Spielraum der Ukraine wird nach dieser Auffassung davon bestimmt, wieweit es ihr gelingt, zwischen Westorientierung und Rücksicht auf russische Sicherheitsinteressen eine Balance zu finden. Mearsheimer leugnet dabei nicht die Aggression Russlands, seine Kritik wendet sich aber gegen die EU und die NATO: „Dem westlichen Winken mit einer möglichen EU-Assoziation und einer NATO-Mitgliedschaft konnte die ukrainische Politik einerseits kaum widerstehen, was sie aber andererseits unweigerlich dem geballten Zorn Moskaus auslieferte.“ Mearsheimer äußerte außerdem am 3. März 2022, „wenn die ukrainische Regierung klug wäre, dann würde sie ihre Beziehung zu den U.S.A. beenden“. Nur so könne ein Modus Vivendi mit Russland erreicht werden.[71]
Tooze führt den Ansatz Mearsheimers im Anschluss an den Germanisten Matthew Specter ideengeschichtlich auf das sozialdarwinistisch begründete geopolitische Denken des Imperialismus und dessen „rigiden moralischen Relativismus“ zurück, vor allem auf deutsche Theoretiker wie Karl Haushofer und Carl Schmitt. „Specter zieht eine gerade Linie, die von den Politischen Geografen und Seemacht-Theoretikern des späten 19. Jahrhunderts wie in Deutschland Friedrich Ratzel oder in den USA Alfred Mahan über die deutschen Geopolitiker der Zwischenkriegszeit – etwa Karl Haushofer und Carl Schmitt – zu den Klassikern des amerikanischen ‚Realismus‘ führt, zum Beispiel zu Hans Morgenthau.“ In den USA hätte man diese „deutsch-amerikanische Linie“ und den Ursprung im US-amerikanischen Imperialismus mit einer Pseudoerklärung kaschiert, zu der oft Thukydides’ Melierdialog beigezogen werde. Tooze findet diese Herleitung „verengt“ und betont Mearsheimers Kritik am Imperialismus. Er sieht auch Affinitäten mit Edward Hallett Carr, Goldsworthy Lowes Dickinson und politisch links orientierten Historikern wie Charles Beard, die den Realismus dafür schätzen, „die brutale Logik der Mächte unverblümt auszusprechen“. Tooze konstatiert außerdem, Mearsheimers Optik, die tatsächlich Einblick in das Geschehen gebe, werde von einer großen Mehrheit des außenpolitischen Establishments in den USA geteilt. Er kritisiert jedoch, dass der Kriegseintritt Russlands gerade unter realistischen Vorzeichen nicht sinnvoll gewesen sei und Krieg auch allgemein keine guten Ergebnisse liefere.
„Wahrer Realismus ist die endlose Aufgabe, unsere politischen Ziele und die Wege, diese zu erreichen, vernünftig zu bestimmen. Im Ergebnis dessen zum Mittel des Krieges zu greifen, sollte so deutlich verurteilt werden, wie es ein derartiger Schritt verdient. Eine solche Entscheidung darf nicht als eine „logische“ und letztlich auf der Hand liegende Reaktion auf irgendwelche gegebenen Umstände normalisiert werden. Wer immer in politische Entscheidungen involviert ist oder sich darüber öffentlich und wissenschaftlich äußert, ist an diesem Imperativ zu messen.“
– Adam Tooze[72]