Einführung in die Geschichte des Osmanischen Reiches

Einführung in die Geschichte des Osmanischen Reiches

Beitragvon pentium » 23. Mai 2019, 17:19

Das Osmanische Reich

Inhalt:

Man kann die osmanische Geschichte in vier Abschnitte unterteilen:
1. Aufstieg und Expansion (1281? (1288/89) –1481)
2. Zwischen Ost und West (1481–1600)
3. Mühsam errungene Erfolge und ernste Rückschläge
(ca. 1600–1774)
4. "Das längste Jahrhundert des Reiches" (von Küçük Kaynarca 1774 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 sowie Ende des Reiches 1922)

1. Aufstieg und Expansion (1281? (1288/89)–1481)

Nach dem Untergang des türkischen rum-seldschukischen Reiches ("Rum"=römisch) in Kleinasien (1307), wurden die meisten anatolischen Fürstentümer Vasallen der mongolischen Ilkhaniden Irans. Nach dessen Auflösung ab 1335 wurden die anatolischen Fürsten unabhängig - das osmanische Emirat wurde schon eher unabhängig. Das Osmanische Reich entstand aus einem von vielen Emiraten in Kleinasien. Als erster Emir, Khan und Begründer des Osmanischen Reiches gilt Osman I., der dem Reich seinen Namen gab. 1281(?) oder 1288/89 starb sein Vater Ertuğrul und Osman I. machte sich an der Grenze zum byzantinischen Reich (in Bithynien) daran sein Fürstentum zu konsolidieren. Um 1299 Erklärung der Unabhängigkeit durch Namensnennung in der Freitagspredigt. Die frühen Osmanen erwiesen sich als Realpolitiker. Mit ihren muslimischen und christlichen Nachbarn gingen sie um, wie es die Lage gebot, nicht wie eine Doktrin es vorschrieb. Insbesondere mit dem byzantinischen Reich bestand ein enges vertragliches Geflecht, das zum Teil mit Eheverbindungen geknüpft wurde. Osman nutzte die Schwäche seines Nachbarlandes Byzanz und anderer türkischer Nachbaremirate aus, sie anzugreifen und sein Gebiet langsam auf eine Fläche zu vergrößern, die in etwa der Fläche Rheinland-Pfalz entsprach. Dabei zeigten sich schon Ansätze, die später charakteristisch für das osmanische Reich werden sollten, nämlich die Vergrößerung nicht nur durch militärische Mittel, sondern auch durch Diplomatie, Bündnispolitik, christliche und muslimische Überläufer, etc. Dabei wurde das Reich im Zuge der Expansion multiethnisch, bis in die höchsten Ämter hinein, so dass man bis zum verstärkten Aufkommen des Nationalismus Ende des 19. Jahrhunderts von Osmanen statt von Türken spricht, zudem diese Bezeichnung bis dato abschätzig nur anatolischen Nomaden vergeben wurde. Außerdem hatte die vertikale Gliederung der Gesellschaft Vorrang vor der horizontalen.

Osmans Sohn und Nachfolger Orhan I. eroberte 1326 Bursa und machte es zur Hauptstadt des Reiches. Neben den weiteren militärischen Gebietsgewinnen von byzantinischem und türkischem Boden, setzte auch Orhan politische Mittel zum Ausbau der Macht ein. So verbündete er sich 1346 mit dem byzantinischen Thronprätendenten Johannes Kantakuzenos, heiratete seine Tochter und verhalf ihm zum kaiserlichen Thron.
In der Folge half Orhan ihm 1349 gegen die Serben und setzte mit einem ca. 20.000 Mann großen Heer über die Meerenge der Dardanellen nach Europa über. Sie zogen sich nach ihrem Sieg über die Serben und der Befreiung von Saloniki/Thessaloniki wieder auf anatolisches Gebiet zurück, aber als es zu weiteren byzantinischen Thronwirren kam, setzten sie auf Europa über und eroberten 1354 Gallipoli/Gelibolu, welches bei den Dardanellen lag (im selben Jahr wurde auch Angora/Ankara, eine der größeren Städte in Zentralkleinasien, vorübergehend osmanisch). Eine weitere militärische Allianz wurde 1351 mit Genua gegen Venedig geschlossen.

Nach Orhans Tod 1360 zählte sein Land zu den bedeutendsten Fürstentümern in Anatolien - mit einer Fläche fast so groß wie das heutige Österreich. Der kulturelle Einfluss der Byzantiner auf die Osmanen wuchs, da nicht nur der Basileus (byzantinischer Kaiser) der Schwiegervater von Orhan war, sondern auch z.B. in den mehr oder minder friedlich übernommen byzantinischen Städten Nicomedia (Izmit) und Nicaea (Iznik) ein intakter Verwaltungsapparat vorgefunden und übernommen wurde. 1361 (oder 1366/1369) gelang es dem Nachfolger Orhans I., Murad I. (auch Murat/Murât I.), Adriananopel/Edirne zu erobern, welches kaum vier Jahre später neue Hauptstadt des Osmanischen Sultanats wurde. Von dieser Zeit an hatte die europäische Reichshälfte die größere Bedeutung als die asiatische. Byzanz wurde tributpflichtig und erhielt als Gegenleistung Getreide.
Auf dem Balkan formierte sich unter den slawischen Staaten ein Widerstand, der jedoch nicht lange anhielt: die Serben erlitten 1389 in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosowo Polje) trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit eine vernichtende Niederlage. Die Folge war das Herabsinken Serbiens zum Vasallenstaat der Osmanen. Im anatolischen Teil waren neben Feldzügen, in denen erstmals in der osmanischen Geschichte Kanonen eingesetzt wurden, weiterhin politische Methoden, wie z.B. durch Heirat, durch Kauf, etc. für Gebietsgewinne verantwortlich, so dass beim Tode Murads I. das Osmanische Reich etwas größer als das heutige Großbritannien war. So ist es kein Wunder, dass der Herrscher nunmehr ständig eigenmächtig und selbstbewusst den arabischen Titel Sultan (= arab. "Herrschaft", u.a.) oder Hudavendigar (persisch: Herrscher) führte. Vorher nannte sich der Herrscher Beg oder Bey ("Herr"), sowie dann nach mongolischer Tradition Khan/Han. Daneben kommt das persische Wort Padischah ("Großherr") immer häufiger vor.
Das Haus Osman kannte keine ausdrückliche Nachfolgeregelung. Im Unterschied zur Praxis ihrer seldschukischen Vorgänger erwogen sie keine Aufteilung ihrer Länder. Deshalb kam es beim Tode eines Sultans regelmäßig zu Thronkämpfen oder unter den Thronprinzen zu Wettläufen in die Hauptstadt um den Thron zuerst zu besteigen.
Bis in die Zeit Mehmeds II. wählten die Osmanen Töchter angesehener muslimischer und christlicher Häuser als Ehefrauen. Erst später traten Sklavinnen an ihre Stelle. Die Einrichtung der Prinzen-Statthalterschaften sorgte für eine Einübung der Thronprinzen in staatliche und militärische Angelegenheiten.

So heiratete auch Sultan Bayezid I. (auch Beyazıt, Bâyezîd, Beyazıd, Bayezit, Bayezıd) die Tochter des byzantinischen Kaisers Johannes Palaiologos und setzte die Eroberungen in Europa und Kleinasien fort, z.B. wurde die Walachei ein Vasall und die mächtigen westanatolischen Emirate wurden einverleibt. 1396 wurde das Kreuzfahrerheer bei Nikopolis vernichtend geschlagen. Auf diesen Erfolg hin soll der abbasidische Scheinkalif in Kairo den Osmanenherrscher offiziell den Titel "Sultan des 'Römerlandes'" (= Rum) verliehen haben. Die Osmanen nannten ihr Herrschaftsgebiet die "osmanischen Länder" bzw. den "osmanischen Staat", in abendländischen Quellen wurde das osmanische Reich "Imperium" genannt.
Inzwischen umfasste das Staatsgebiet große Teile des Balkans und nahezu ganz Anatolien, eine Fläche, erheblich größer als das heutige Frankreich und den Benelux-Staaten zusammen.
Im Jahre 1402 erlitten die Osmanen eine vollständige Niederlage gegen den aus dem türkischen Clan der Barlas stammenden Mongolenfürsten Timur Lenk mit seinem mehr als doppelt so großem Heer, doch schafften sie es, nach einem zehnjährigem Interregnum sich langsam wieder aufzurichten. Dieser Bruderkampf und die drohende Vernichtung des Osmanischen Reiches waren u.a. die Auslöser für Mehmed II., der Eroberer, das Gesetz einzuführen, nach der Thronbesteigung die männlichen Familienmitglieder zu liquidieren (Brudermord) - "zur Wahrung der Weltordnung". Diese Praxis wurde bis ins frühe 17. Jahrhundert beibehalten. Eine der Primogenitur
vergleichbare Regelung gab es zu dieser Zeit nicht; alle Söhne eines regierenden Sultans waren wie erwähnt gleichermaßen nachfolgeberechtigt.

Seit 1438 (vorher nur vereinzelt) wurde für die stets einsatzbereite Elitetruppe der Janitscharen (= neue Truppe) und für die Verwaltung und Administration die Praxis der sog. Knabenlese (devschirme/devşirme) eingeführt, indem besonders geeignete Christenknaben als Tribut genommen wurden, in Bauernfamilien in Anatolien umerzogen, islamisiert und die osmanische/türkische Sprache und Kultur lernten, und durch das Leistungsprinzip durchweg die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg selbst in höchste Staatsämter erhielten. Die Knabenlese betraf nur wenige Dörfer in zudem großen Abständen und hatte nach neuerer Forschung wohl keine demographischen Folgen.
Unter dem Eindruck der ungarischen Artillerie übernahmen die Osmanen im umfangreicheren Maße diese neue Militärtechnik, neben der ersten Generation von Feuerwaffen (Osmanisches Reich = sog. "Schießpulver Imperium").
Die militärische Stärke des frühen Osmanenstaats beruhte zum größten Teil auf der Vergabe von Lehen/Pfründe (timar). Der Inhaber eines solchen Militärlehens hatte als Gegenleistung für die Geld- und Naturalsteuern eines oder mehrerer Dörfer mit einer Anzahl von Knechten, mit Reittieren und Rüstung Kriegsdienst zu leisten. Diese Pfründen waren grundsätzlich nicht erblich.

Der Enkel Bayezids I., Murad II., konnte schließlich bei seinem Tode 1451 einen Staat hinterlassen, der zu den bedeutenderen Mächten in Europa wie im westlichen Asien zählte mit einer Fläche etwa wie das heutige Frankreich. Der Gebietsverlust, der durch Timurs Einfall 50 Jahre vorher verursacht worden war, war schon nahezu wieder behoben, zudem wurde die Walachei unter ihm wieder tributpflichtig.

Mit Mehmed II. (auch Mehmet II.), der Eroberer (= Fatih), gelange einer der bedeutendsten Sultane auf den Thron, nicht primär wegen seinen Eroberungen, sondern eher wegen seinen Maßnahmen, die die innere Struktur des Reiches maßgeblich änderte (Bodenreform, Justizreform, z.b. mit Gesetzesbüchern (= kanunname), Verwaltungsreform, usw.) Ein Kanunname schrieb beispielsweise die Struktur der Zentralverwaltung fest. Die Hauptaufgaben des Staates wurden auf drei Säulen verteilt: Die "politische" Spitze bildete der Großwesir. Zog der Sultan nicht selbst ins Feld, war er Oberbefehlshaber der osmanischen Armeen. Der Leiter der zentralen und provinzialen Finanzverwaltung war ein defterdar (= Buchführer). Für die Einhaltung des Rechts waren die kadiasker (= Heeresrichter) zuständig. Staatskanzleichef war der nişancı (= Schütze), der auch für die Zeichnung des großherrlichen Namenszuges (= tuğra/Tughra) zuständig war. Dieses Schema sollte im Großen und Ganzen bis zu den Tanzimat-Reformen (1839) seine Gültigkeit behalten.

Am 29. Mai 1453 fiel Konstantinopel, die Hauptstadt von Byzanz, nach 54-tägiger Belagerung und Mehmed II. erhob es zur neuen Hauptstadt. Dadurch erlangte das Osmanische Reich einen immensen Prestigegewinn innerhalb der islamischen Welt. Vor der Eroberung hatte Konstantinopel ca. 40.000-50.000 Einwohner, 1480 hatte sie durch Umsiedlungen und Zuwanderungen schon wieder fast 100.000 Einwohner, und im 16./17. Jahrhundert war sie mit ca. 700.000 Einwohnern die größte Stadt der westlichen Welt. Konstantinopel wurde inoffiziell nun verstärkt als Istanbul bezeichnet. Sultan Mehmed II. sah sich nach der Eroberung endgültig als legitimer Nachfolger der römisch-byzantinischen Kaiser, und gebar sich als Mäzen, ähnlich wie die Renaissancefürsten seiner Zeit. Bis zu seinem Tode mit 51 Jahren konnte er das Reich um 40% vergrößern, und es war 20% größer, wie vor dem Einfall Timurs. So grenzte es nun durch die Einnahme weiterer Teile Anatoliens an die Einflusssphäre des ägyptischen Mamlukenreiches. Der osmanische Brückenkopf auf dem italienischen Festland in Otranto wurde kurz vor seinem Tode erobert, und kurz nach seinem Tode (1481) wieder aufgegeben.
Ohne Vasallen (z. B. das Krim-Khanat ab 1475) betrug die Fläche nun in etwa die Ausdehnung Frankreichs, der Beneluxstaaten und Deutschlands.

Quelle: Geschichtsforum.de
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Re: Einführung in die Geschichte des Osmanischen Reiches

Beitragvon pentium » 23. Mai 2019, 18:16

2. Zwischen Ost und West (1481–1600)

Mit seinem Sohn Bayezid II. trat das Osmanische Reich in eine Konsolidierungsphase, die Küsten des Schwarzen Meeres wurden weitgehend erobert und somit dieses Meer ein osmanisches Binnengewässer. Diese Konsolidierungsphase wurde wichtig, da durch die tief greifenden Reformen seines Vaters einige Gruppierungen unzufrieden wurden, und man diese befriedigen musste. In seine Zeit fielen 1492 die Einwanderungswellen durch die vertriebenen spanischen und portugiesischen Juden, aber auch kürzlich getaufte iberische Christen, die sich in Thrakien, Thessaloniki, Tunesien und Istanbul ansiedelten. Später, in der Mitte des 16. Jh. kamen weitere Wellen, diesmal west- und mitteleuropäischer Juden schutzsuchend in das Osmanische Reich, als im Zuge der Hetze Martin Luthers und anderer die Pogrome und Vorbehalte an Juden stark zunahmen. Mit diesen Flüchtlingen kam auch die neue Erfindung des Buchdrucks in das Osmanische Reich. (Diese Tradition der Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen fand ihren Abschluss in den letzten Flüchtlingen um den 2. Weltkrieg herum, nun allerdings in die neu gegründete Türkei.)
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Re: Einführung in die Geschichte des Osmanischen Reiches

Beitragvon pentium » 2. Juni 2019, 16:24

2. Zwischen Ost und West (1481–1600)
Die acht Jahre der Regierung Selim I. (Selîm I.) im 16. Jahrhundert brachten wiederum eine Phase der rapiden Ausdehnung, allerdings diesmal nicht auf dem Balkan, sondern im Nahen Osten. Im Iran hatte sich zudem ein neuer gefährlicher Gegner mit der türkischen Dynastie der Safawiden gebildet. Ab 1502 etabliertem sich die Safawiden, die das Schiitentum zur Staatsreligion erhoben, wodurch Persien sukzessive erstmalig schiitisch wird. Die Safawiden besiegte Selim I. 1514 bei Çaldiran (Čāldirān) und drang bis nach Westiran vor. Allerdings weigerten sich die Janitscharen, dem Sultan noch weiter in den Osten zu folgen und der einsetzende harte Winter machte den Rückzug erforderlich. Die Safawiden wurden in Folge zur ständigen Bedrohung im Osten, da sie auch in Anatolien missionierten. Dadurch konnten sie dort immer wieder Revolten anzetteln.
Die Eroberung Syriens und Palästinas schloss sich an, und 1517 gelang es dem Sultan, mit der Eroberung Kairos auch Ägypten und den arabischen Westen mit Mekka und Medina bis zum Jemen einzuverleiben, da die Mamluken das Angebot des Sultans, Vasallen zu werden ausschlugen. Bei dieser Gelegenheit fiel den Osmanen der Kalifentitel zu, der ihnen vom abbasidischen "Schattenkalifen" vielleicht übertragen wurde. Vom Titel als Legitimationsgrundlage wird allerdings erst am Ende des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert Gebrauch gemacht. Wichtiger war die Rolle des Sultans als Verteidiger des sunnitischen Islams gegenüber z.B. dem Schiismus etwa ab 1530 beginnend. Durch die Eroberungen wurden nun die Muslime zur Mehrheitsbevölkerung im Reich.
Nach der Einnahme Ägyptens kam es zu Konflikten der osmanischen Flotten und Portugal, zeitweilig segelten die Osmanen sogar bis nach Indien, ohne allerdings dabei auf Portugiesen zu stoßen. Nach einer verlorenen Schlacht gegen die portugiesische Flotte im Persischen Golf beschränkten die Osmanen ihre Aktivitäten auf Militärhilfe an muslimische Herrscher, z.B. bis hin nach Indonesien.
Nachdem Selim nun der unumstritten mächtigste islamische Herrscher war, wandte er sich wieder dem Westen zu. Um die Insel Rhodos einzunehmen, benötigte er eine starke Flotte, so dass er den berüchtigten Seeräuber Hayreddin Barbarossa (auch Barbaros Hayreddin, Khair ad-Din Barbarossa)in seine Dienste nahm, der speziell die algerische Küste beherrschte, die erstmalig die osmanische Oberherrschaft akzeptierte. Der ehrgeizige Sultan konnte allerdings seinen Plan nicht mehr verwirklichen, da er unerwartet 1520 verstarb.
Er konnte das Osmanische Reich in etwa auf die Größe von Westeuropa ausdehnen, es erstreckte sich nun auf drei Kontinente.

Nachfolger auf dem Sultansthron war Selims vierundzwanzigjähriger Sohn, der den Namen Salomons trug, des weisesten der biblischen Könige: Süleyman I. (Süleymân I.; 1520-1566). Im Westen ist er als "der Prächtige" bekannt, in osmanisch-türkischer und muslimischer Tradition trägt er den noch rühmlicheren Beinamen al-Qanuni/Kanuni, "der Gesetzgeber". Die absichtsvolle Anlehnung an Kaiser Justinian soll die rechtmäßige Kontinuität von Römischem und Osmanischem Reich unterstreichen. Er ist neben Mehmed II. einer der bedeutenderen osmanischen Herrscher, und seine Herrschaft brachte eine erneute Expansion.

In Südosteuropa rückte nach dem Fall Belgrads 1521 das osmanische Heer nach Ungarn vor. Nach der Schlacht von Mohács 1526, in der König Ludwig II. von Ungarn und Böhmen fiel, kamen seine Ländereien an den Habsburger Ferdinand I. und an seinen Kontrahenten Johann Zápolya. Süleyman bestätigte den ihm wohlgesonnenen Johann Zapolya in seinem gerade erlangtem Königsamt. Da aber dieser bald starb, und der habsburgische König Ferdinand I. Erbansprüche geltend machte, denen er durch einen Feldzug Nachdruck verlieh, kam es zu einem längeren osmanisch-habsburgischem Krieg in dem der größere Teil Ungarns osmanische Provinz wurde, die von Buda (Budapest) aus verwaltet wurde. Der Habsburgische Kaiser Karl V. wurde in dieser Zeit dem Sultan gegenüber tributpflichtig. Siebenbürgen blieb ein von den Osmanen abhängiges Fürstentum und im Zuge dieser Auseinandersetzungen mit Ferdinand kam es 1529 auch zu einer kurzen knapp dreiwöchigen ersten erfolglosen Belagerung des kaiserlichen Wien. Um 1520-35 lebten in den südosteuropäischen Provinzen des Reiches nach Ausweis der Register inzwischen ca. 19% Muslime, teilweise durch Zuzug, teilweise durch Konvertierung (z.B. Bosniaken). Der Anteil stieg im Verlauf des Jahrhunderts auf gut 30%.

Der diplomatische Austausch mit Ost und West intensivierte sich. Allein im 16. Jahrhundert weiß man von 85 habsburgischen Gesandtschaftsreisen nach Konstantinopel. Aus dem Gegensatz zu Habsburg erklärt sich der Bündnisvertrag, den der Sultan mit dem französischen König Franz I. abschloss. Mit Frankreich wurden auch die ersten "Kapitulationen" genannten Verträge eingegangen, die u. a. den französischen Kaufleuten Handelsvorteile und rechtlichen Schutz einräumten. In diesen Privilegien wurde aber auch die Höhe der Zölle bestimmt, die die Untertanen des betreffenden Herrschers zahlen sollten. Zu Ende des 16. Jahrhunderts hatten neben den Franzosen auch die Venezianer und Engländer solche Kapitulationen erhalten. Im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, als sich die Machtverhältnisse umgekehrt hatten, sollten diese Kapitulationen zu einer starken Einschränkung osmanischer Politik werden.

Der systematische Aufbau einer Flotte verschaffte den Osmanen mithilfe des nun zum Groß-Admiral ernannten Hayreddin Barbarossa nach der siegreichen See-Schlacht von Preveza gegen die päpstlich-venezianisch- kaiserliche "Heilige Allianz" (1538) für einige Dekaden die absolute Vorherrschaft im Mittelmeer, und mit der Eroberung von Tunis vermochten sie ihren Einfluss zu Lande bis nach Nordafrika auszudehnen. Weitere wichtige Siege Süleymans waren die Eroberungen von Rhodos, Abessinien, Libyen, Algerien, Jemen, Aserbaidschan und des Irak (1534).

Süleymans lange Regierungszeit war nicht nur wegen der immensen Ausdehnung seines Reiches, diesmal auch zur See, bedeutsam, sondern ebenso wie im Falle von Mehmed II. wegen den beträchtlichen innenpolitischen Innovationen, besonders die gesetzgeberischen Tätigkeiten (z.B. Harmonisierung von weltlicher Gesetzgebung und religiösem Recht) und die Systematisierung der Administration. Es gab zu seiner Zeit auch durch Zunahme der Diplomatie bedingt, einen starken Ausbau der Bürokratie. Des Weiteren trat er als großer Förderer der Künste auf, unermessliche Summen flossen z.B. in sein umfangreiches profanes und religiöses Bauprogramm (Architekt Mimar Sinan). Die Einbeziehung des Osmanischen Reiches in die abendländische Politik war ein Phänomen, das sich erst unter Süleyman so deutlich zeigte. Unter seiner Herrschaft dehnte sich der Handel stark aus, die Istanbuler jüdische Handelsfamilie der Mendes hat man gar mit den Fuggern verglichen.
Interessanterweise sind unter seiner glanzvollen Herrschaft erste Wegmarken gelegt worden, die die weitere Entwicklung prägen und die den späteren Generationen noch Schwierigkeiten bereiten sollten, z.B. die erweiterte Machtstellung des Großwesirs, die Zunahme des Ämterkaufs und Korruption, usw.
Sultan Süleyman I. der Prächtige starb 1566 im Feldlager vor Szigetvár während eines Ungarnfeldzugs.

Süleymans Nachfolger nach 46-jähriger Herrschaft, Selim II.
(1566–1574), war von einem eher schwachen Charakter, der von nun an kennzeichnend für zahlreiche der Sultane der nächsten Jahrhunderte sein sollte. Wenn auch die mangelnde Qualität zahlreicher Herrscher nicht den Niedergang des Osmanischen Reiches ab dem 18. Jahrhundert erklären kann, so ist dies doch einer der Faktoren gewesen. Zudem wurden zunehmend die Thronprinzen nicht mehr als Gouverneure in den Provinzhauptstädten ausgebildet, sondern im Sultanspalast (Stichwort: "Goldener Käfig").
In Selims Zeit fällt die Niederlage und fast vollständige Vernichtung der osmanischen Flotte bei Lepanto und die Einnahme Zyperns im gleichem Jahr (1571). Moralisch ein bedeutender Sieg der christlichen Flottenallianz, gegen die als unbesiegbar geltenden Osmanen, politisch hingegen eher unerheblich, da zudem die Osmanen schon ein Jahr später ihre Flotte vollständig wieder aufbauen konnten und der Status quo vor der Schlacht erhalten blieb. Venedig musste gar Reparationszahlungen leisten, und einer Erhöhung ihrer Tributzahlungen zustimmmen, behielten dafür ihre Handelsprivilegien - die Osmanen intensivierten fortan ihre Beziehungen zu den Franzosen, Engländern und Holländern.
Ende des 16. Jahrhunderts wurde der offene Konflikt des Osmanischen und Spanischen Weltreiches beendet und die Spanier zogen sich endgültig aus dem Mittelmeer zurück, während sich die Osmanen mehr und mehr auf das östliche Mittelmeer zurückzogen.

Seine wahre Stärke zeigte die Sultanherrschaft in der Anpassungsfähigkeit an die wechselnden regionalen Gegebenheiten. Den neu erworbenen Gebieten wurden in der Regel die lokalen Gewohnheiten weitgehend belassen. Der Sultan entlohnte Loyalität mit Aufstiegschancen, die auch christlichen Untertanen nicht vorenthalten wurden. Zu seiner Blütezeit war das Osmanische Reich ein ausgesprochener Rechtsstaat. Die Kadi-Ämter boten auch christlichen Handwerkern und Gewerbetreibenden in mancherlei Geschäften notarielle und schiedsrichterliche Hilfestellung. Allen Untertanen stand zudem das Petitionsrecht an den Sultan offen.

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