Warschauer Pakt war schwächer als gedacht

Warschauer Pakt war schwächer als gedacht

Beitragvon Interessierter » 1. Juli 2016, 13:17

Vor 25 Jahren zerfiel der Warschauer Pakt. Welche Rolle dabei Deutschland gespielt hat, erläutert Winfried Heinemann vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam.

Wie Sie erwähnt haben, ist die Sowjetunion Anfang der 1980er-Jahre nicht in Polen einmarschiert. War das der Anfang vom Ende des Warschauer Pakts?

Der Warschauer Pakt war von Anfang an deutlich schwächer, als wir im Westen angenommen hatten. Als ich junger Offizier bei der Bundeswehr war, sagte man, der Warschauer Pakt sei völlig monolithisch: Die Sowjetunion sagt etwas und alle anderen tun es. Heute wissen wir, dass das von Anfang an nicht so war. So hat die rumänische Führung nach 1968 Vorkehrungen getroffen, um sicherzustellen, dass sich ein ähnliches Vorgehen der Sowjetunion (Anm. d. Red.: wie der Einmarsch in der Tschechoslowakei) in Rumänien als unmöglich erweist. Die DDR hatte in den frühen 1960er-Jahren auf die chinesische Karte gesetzt. Jeder Mitgliedsstaat verfolgte ein Stück weit eigene nationale Interessen im Rahmen des Bündnisses. Aber jedes dieser Regime hatte letztlich auch ein Interesse am Fortbestand des Bündnisses, weil es auch die Existenz des jeweiligen sozialistischen Regierungssystems im eigenen Land garantierte.

Wann begann denn der Zerfall des Warschauer Pakts - 1987 mit der neuen sowjetischen Militärdoktrin?

In der Tat, mit der Aufhebung der Breschnew-Doktrin und der Beschränkung darauf, was eigentlich im Vertragstext steht, nämlich auf Bedrohungen von außen, verlor der Pakt ein wesentliches Rational für seine Existenz: die Sicherung gegen konterrevolutionäre Umtriebe im Inneren. Es dauerte nicht mehr lange, bis sich der Pakt auflöste.

Hat Deutschland, wie bei der Gründung des Warschauer Pakts, auch bei dessen Zerfall - durch die deutsche Wiedervereinigung - eine wichtige Rolle gespielt?

Die deutsche Wiedervereinigung basiert nicht zuletzt darauf, dass die Sicherheitsgarantie der Sowjetunion für das Ostberliner Regime weggefallen war. Die DDR-Bürger kamen zur Überzeugung, dass man dieses Regime vielleicht beseitigen könnte, ohne dass erneut wie 1953 russische Panzer rollen. Dann entstand in der DDR eine Regierung, die auf die deutsche Einheit hinarbeitete und damit ein Ausscheiden der DDR aus dem Warschauer Pakt wollte.


Ein interessantes und längeres Interview:
http://www.dw.com/de/heinemann-warschau ... a-19369658

Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann ist seit 2013 Chef des Stabes im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Militärgeschichte des Kalten Krieges in Ost und West.
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