Bruno Sattler – mein "unschuldiger" Vater

Bruno Sattler – mein "unschuldiger" Vater

Beitragvon Interessierter » 5. Juni 2016, 10:31

Eine erschütternde Geschichte, wie die Tochter das Leben und Handeln ihres Vaters im II. Weltkrieg recherchiert.

Ich bin im Juni 1942 geboren, da war mein Vater "im Krieg". Zu meiner Einschulung im Jahr 1948 wurde mein Familienstand mit "Halbwaise" angegeben. "Halbwaisen" waren fast die Hälfte meiner Mitschüler, also nichts, worüber ich nachdachte. Peinlich und peinigend empfand ich es nur, meine nötigen Schulutensilien (Hefte, Stifte, Bücher etc.) vor den Augen der anderen Schüler am Lehrerpult in Empfang nehmen zu müssen. Es handelte sich um eine Spende, die alle "Halbwaisen" an meiner Schule erhielten.

Anfang der 50er Jahre gab es eine große Aufregung in der Familie. Mein Vater lebte – in einem Zuchthaus in der DDR. Meine berufstätige Mutter – sie arbeitete als Ge­schäfts­führerin eines kleinen Polizeibeamtenverbandes, des "Schrader-Verbandes"1, dessen Büroräume sich in unseren jeweiligen Wohnungen befanden – war noch nervöser und noch weniger ansprechbar als gewöhnlich. Die Todeserklärung aus dem Jahr 1949 musste aufgehoben werden, damit natürlich auch die damals erfolgte Entnazifizierung. Meiner Mutter gelang es, das Originalurteil aus den Akten des DDR-Pflichtverteidigers meines Vaters stehlen zu lassen. Es wurde vom Westberliner Senat als "Unrechtsurteil" aufgehoben. Der erste Entna­zifi­zierungsbeschluss wurde jedoch noch einmal bestätigt. Mein Vater wurde rechtlich wie ein Dienst tuender Berliner Polizeibeamter behandelt. Dies hatte zur Folge, dass meine Mutter sein Gehalt bekam, später dann seine Pension und nach seinem Tod die Witwenpension.

1955/56 kamen – aufgrund der Gespräche des damaligen Bundeskanzlers Adenauer in Moskau – deutsche Kriegsgefangene aus der UdSSR zurück. Wir putzten die Wohnung, es wurden Wäsche und Anzüge gekauft, wir standen viele Nächte auf dem Bahnhof "Zoologischer Garten" und warteten auf die Rückkehr meines Vaters.2 Es kamen viele Männer, mein Vater nicht. Jahrzehnte später – bei einem Abendessen in Bombay – stieß ich erneut auf diese Geschichte. Mein Gastgeber, auch Jahrgang 1942, hatte als Kind genau wie ich auf dem Bahnhof "Zoologischer Garten" gestanden und auf die Rückkehr seines Vaters gehofft. Sein Vater war tatsächlich bei den Entlassenen dabei gewesen.

Weiter mit dem längeren Beitrag hier:
http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... -48/04810/

Die Lehrmittelfreiheit als Halbwaise habe ich 1949 identisch erlebt, wie im 1. Absatz beschrieben.
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Bruno Sattler – mein "unschuldiger" Vater

Beitragvon Volker Zottmann » 5. Juni 2016, 21:48

Da hat Beate Niemann ja was durch!
Was hat die Frau psychisch gelitten. Erst hauptsächlich wegnen des Vaters Inhaftierung und später doch mehr, als alle seine düsteren Seiten für sie beleuchtet waren.
Mielke rächte sich wohl erst mal, konnte so seinem Ermittler aus den 1930 Jahren (Polizistendoppelmord) rachsüchtig noch eins auswischen.
In Westberlin weggefangen, ereilte dann allerdings einen wirklichen Täter am Massenmord die Strafverfolgung.
Gleichzeitig quälte die Tochter ein Leben lang die Ungewissheit.
Erschütternd.
Wilfried, ich habe all die vielen Zeilen interssiert gelesen.

Gruß Volker
http://baupionier.zottmann.org/
http://Mein-DDR-Leben.de/

Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Bruno Sattler – mein "unschuldiger" Vater

Beitragvon Interessierter » 6. Juni 2016, 06:11

Ja Volker, wie entsetzlich diese Erkenntnisse der Tochter über den eigenen Vater gewesen sein müssen, kann man sich wohl kaum vorstellen.
Auch aus Steinen die einem in den Weg
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Re: Bruno Sattler – mein "unschuldiger" Vater

Beitragvon icke46 » 6. Juni 2016, 14:09

Bleibt noch zu ergänzen, dass das Buch von Frau Niemann den Titel hat: "Mein guter Vater: Leben mit seiner Vergangenheit. Biografie meines Vaters als Täter".

Leider ist es wohl vergriffen und nur noch antiquarisch verfügbar.

Gruss

icke
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