Eigentlich war Dmitri Medwedew nicht als Lautsprecher bekannt, doch nun fällt der russische Ex-Präsident durch seine radikalen Äußerungen auf. Warum?
Wer wissen will, was Dmitri Medwedew gerade denkt, muss einen Blick in seinen Kanal beim Messengerdienst Telegram werfen. Dort veröffentlichte der russische Politiker zuletzt etwa eine Liste von Dingen, an denen Russland in diesen Tagen keine Schuld trage: Etwa, dass die Amerikaner mit ihrem Präsidenten Joe Biden einen "seltsamen Großvater mit Demenz" gewählt hätten. Oder dass es in den Wohnungen vieler Europäer im Winter "bitterkalt" sein werde – oder dass die Ukraine bald "von der Weltkarte verschwinden könnte". Nahezu täglich streut der 56-Jährige auf seinem Kanal Vernichtungsfantasien gegen den Westen und die Ukraine. Warum er so harte Worte wähle? "Weil ich sie hasse. Sie sind Bastarde und Abschaum. Sie wollen den Tod für uns, Russland. Und solange ich lebe, werde ich alles tun, damit sie verschwinden", sagte er Anfang Juni auf Telegram.
Die vergangenen zehn Jahre waren dann durch einen langsamen Abstieg des 56-Jährigen gekennzeichnet: Nachdem er mit Putin die Rollen getauscht und Premierminister geworden war, wurde er vom russischen Präsidenten häufig öffentlich als Sündenbock benutzt, wenn Probleme auftraten. Enthüllungen des Kremlkritikers Alexej Nawalny machten ihn im Volk zu einer Lachnummer: Ausgehend von Medwedews Vorliebe für teure Nike-Turnschuhe, enthüllte ein Film ein ganzes Geflecht aus korrupten Machenschaften des Ex-Präsidenten. In einem anderen Film zeigte Nawalny auf, dass auf einem seiner riesigen Landsitze ein kleines Haus in einem Ententeich errichtet wurde. Seitdem sind gelbe Enten ein beliebtes Symbol unter Demonstranten, die die russische Korruption kritisieren.
Burkhardt glaubt dagegen, dass Medwedew mit seiner aggressiven Rhetorik versucht, wieder mehr Macht zu erlangen: "Man muss heute ganz klar Loyalität zu Putin signalisieren, um überhaupt im Spiel zu bleiben." Dass der Ex-Präsident dabei auf soziale Medien zurückgreife, sei ungewöhnlich, aber trotzdem nachvollziehbar: Medwedew müsse diesen Weg wählen, um im Kreml für Aufmerksamkeit zu sorgen. "Wer den direkten Zugang zu Putin hat, muss eigentlich nicht in den sozialen Medien rumschreien."
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