Die Schrippenkirche im Wedding

Die Schrippenkirche im Wedding

Beitragvon Interessierter » 1. Oktober 2015, 08:22

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Ende des 19. Jahrhunderts zogen Zehntausende verarmte Menschen vom Land in die sich gerade entwickelnde Industriemetropole Berlin. Hier erhofften sie sich eine gute Arbeit und eine Unterkunft. Doch die Stadt war diesem massiven Zustrom von Menschen nicht gewachsen; Tausende lebten obdachlos, hungrig und ohne Perspektive in den Straßen. Aus dieser Not heraus entstand die Idee, den Armen eine Mahlzeit zu bieten und dann mit ihnen eine gemeinsame Andacht zu begehen. Diese Armenspeisung wurde seitdem nicht mehr aufgegeben, es gibt sie auch hundert Jahre wieder.

Begonnen hatte es 1882, als der Journalist Constantln Liebich an einem Treffen der “Deutschen Jünglingsvereine” im Teutoburger Wald teilnahm. Liebich war Mitgiied der Evangelischen Versöhnungsgemeinde, die in der Bernauer Straße 4 angesiedelt war. Gleichzeitig war er im “Älteren Evangelischen Jünglingsverein” aktiv, unter dem Vorsitz des Antisemiten Adolf Stöcker. Die Rede eines amerikanischen Evangelisten am Hermannsdenkmal hatte Liebich so beeindruckt, dass er im Oktober 1882 in einem Vortrag zur “aktiven, christlichen Liebestätigkeit”, in erster Linie für Obdachlose, aufrief. Fünf Personen meldeten sich spontan und ein Spendenaufruf unter den etwa 100 Versammelten ergab neun Mark. Mit geringen Mitteln und viel Enthusiasmus wurden zunächst in der Oranienstraße 19 Morgenandachten mit Frühstück für Obdachlose organisiert und dabei auch die Stöcker’schen Predigten verteilt. Die erste Andacht fand am 22. Oktober 1882 mit 25 Gästen statt. Am dritten Sonntag war die Zahl bereits auf 43 gestiegen. Jeder erhielt eine Tasse Kaffee und zwei Schrippen: Der Name “Schrippenkirche” machte die Runde. Bald wurde ein neues Vereinslokal notwendig. Es fand sich in dem Tanzlokal “Fürst Blücher” am Weddingplatz, Müllerstraße 6. Dieses Haus war von der Nazareth-Gemeinde aufgekauft worden, um es zu einem christlichen Vereinshaus umzubauen. In den Folgejahren hatte die Schrippenkirche dort ihr Domizil. Ebenfalls 1882 gründete Liebich mit sechs christlichen Handwerkern den Verein “Dienst am Arbeitslosen”. Geld hatte der Verein kaum, doch Spendenmittel und freiwillige Helfer ermöglichten es, die Obdachlosen in den Wintermonaten regelmäßig einzuladen. Die Prediger für diese Gottesdienste suchte sich Liebich in den umliegenden Gemeinden, wie auch den bekannten Pastor von Bodelschwingh. Mit der finanzkräftigen Unterstützung eines Vereinsmitglieds konnte das Grundstück Ackerstr. 52 / Hussitenstr. 71 erworben werden, später kam durch Schenkung noch das Grundstück Ackerstraße 51 dazu. 1902, ein Jahr nach der Grundsteinlegung, war das Vereinshaus fertiggestellt. Darin versammelten sich bald bis zu 600 Menschen zu den sonntäglichen Gottesdiensten mit Kaffee und Schrippen. Von 1902 bis 1908 leitete Constantin Liebich den Verein hauptamtlich. Hier war nun endlich Platz genug, die Vorstellungen des Vereins “Hilfe zur Selbsthilfe” zu realisieren. Ein Heim zur vorübergehenden Unterbringung von Jugendlichen wurde eingerichtet, auch jugendliche Obdachlose, die zu öffentlichen Wärmehallen keinen Zutritt hatten, fanden hier einen Raum. Die Jugendhilfe und die Arbeitsvermittlung erhielten eigene Büroräume. In der Schreibstube wurden diverse Aufträge angenommen und damit für einige der zahllosen Arbeitslosen eine Arbeitsmöglichkeit geschaffen.

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http://www.berlinstreet.de/11303
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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