Das Nazigold von Osterode/Harz

Das Nazigold von Osterode/Harz

Beitragvon Volker Zottmann » 24. September 2017, 15:09

Osteroder Echo vom 14.01.1982:

Osterode (cap). „Auf Anordnung des ersten Oberstaatsanwalts Reimann der Staatsanwaltschaft Göttingen wurde beim Regierungspräsidenten in Hildesheim eine Sonderkommission gebildet mit dem Auftrag, eine intensive Nachforschung nach dem Verbleib der angeblich zu Kriegsende in den Stollen eines Osteroder Gipswerkes eingelagerten NS-Unterlager» anzustellen. Das meldete am 4. Februar 1965 das Göttinger Tageblatt unter der Überschrift „Sonderkommission sucht Nazi-Schatz," Und dann setzte ein wahrer „Goldrush" in Osterode ein, Aber fündig wurden nur die Journalisten, die, wie es eine Tageszeitung in milder Übertreibung schrieb, „die Kreisstadt am Harzrand in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit rückten."

Was war geschehen? In Stuttgart hatte sich ein Juwelier über die „Bild"-Zeitung mit der Vermutung an die Öffentlichkeit gewandt, daß die Nazis beim Zusammenbruch des Dritten Reiches Dokumente und Goldbarren in den Osteroder Gipsstoilen versteckt hätten. Der Juwelier wollte das von ehemaligen Häftlingen der Konzentrationslager Sösegrund und Nordhausen erfahren haben.

[Osterode (cap). Bundeswehreinheiten durchwühlten die Stollen nach dem „Schatz"...] Gerüchteküche kochte

Die Osteroder griffen diese Nachricht geradezu dankbar auf. Nazi-Schatz, das war die Zutat, die die Gerüchteküche zum Kochen brachte. Journalisten aus dem ganzen Bundesgebiet und von allen Medien interessierten sich plötzlich Für die Stadt am Harzrand. Schließlich war Osterode zu jener Zeit nicht der einzige Ort, an dem Nazi-Schätze vermutet wurden. In München machte in dieser Zeit der Prozeß um den Tod eines Tauchers Schlagzeilen, der 1963 beim Tauchversuch nach angeblichen Nazi-Schätzen im Toplitzsee ums Leben gekommen war.

Sogar „Zeugen" gab es

Die Osteroder - plötzlich wenn auch nicht weit weit, so doch bundesweit in den Mittelpunkt des Interesses gerückt - reagierten unterschiedlich. Viele schüttelten die Köpfe und tippten sich an die Stirn. Andere aber „erinnerten" sich. Einer will dem Gauleiter Lauterbacher den Weg zum Stollen gezeigt haben, andere hatten gesehen, wie SS-Männer zwei Lastwagen mit eisenbeschlagenen Kisten abluden, ein Steinbrucharbeiter flüsterte geheimnisvoll: „In den Stollen liegen noch Tote von damals" - und schon stand es tags darauf in allen Zeitungen. Dazu trieb Phantasie die tollsten Blüten. Das Bundesinnenministerium wurde aufmerksam, das Bundesjustizministerium, das Bundesverteidigungsministerium...

Der Fund: ein alter Helm und eine Champignonkiste

Die Suche wurde „amtlich". Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, die „Nachrichten Polizei"schaltete sich ein, das Bergamt schaltete sich ein, aus Holzminden kam eine Pioniereinheit und legte mühsam einen verschütteten Stolleneingang frei, eine „Sonderkommission" wurde gebildet, und Zeitungen, Fernseh- und Rundfunksender und Nachrichtenagenturen schickten ihre Journalisten nach Osterode, die täglich von der „Sagen-Schatz-Front" berichteten. Und nach acht Tagen, in denen Bundeswehrsoldaten und Polizisten das Stollensystem durchwühlt hatten, stellte sich heraus, daß die Medien eine „Ente" nach der anderen auf die Menschheit losgelassen hatten. Von einem „Schatz" keine Spur: die „Jäger des verlorenen Schatzes" fanden nicht mehr als einen alten Stahlhelm und eine Kiste, wie man sie für die Champignonzucht benutzte. Ach ja, eine alte Feldflasche soll auch noch gefunden worden sein...

Das „Nachspiel"

Die ganze Geschichte erwies sich als Mär - als erstunken und erlogen. Die meisten konnten darüber lachen. Nicht lachen konnten die „offiziellen Stellen", die diesem Gerücht auf den Leim gegangen waren, nicht mehr lachen konnten die Eigentümer und Mitarbeiter des Gipswerkes, die der wochenlange Wirbel regelrecht „lahmlegte" -und nicht mehr lachen konnte schließlich auch der Urheber der ganzen Geschichte, der Stuttgarter Juwelier. Er wurde als DDR-Agent überführt und „verknackt". Seine Aufgabe war: gezielt Desinformationen zu verstreuen. Und das war ihm in Osterode ganz ausgezeichnet gelungen...


Die Stasi war immer und überall.... [flash]

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Re: Das Nazigold von Osterode/Harz

Beitragvon augenzeuge » 25. September 2017, 16:29

Danke für diese hervorragende Beweisführung. Also, im Zweifel, gegen die Stasi. [grins]

AZ
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Re: Das Nazigold von Osterode/Harz

Beitragvon Volker Zottmann » 25. September 2017, 17:06

augenzeuge hat geschrieben:Danke für diese hervorragende Beweisführung. Also, im Zweifel, gegen die Stasi. [grins]

AZ

Gerne, warum nicht?
Es war die Zeit des Kalten Krieges! Im umgekehrten Falle wären es die BBUs gewesen! [laugh] Aber nette Geschichte, oder?

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Re: Das Nazigold von Osterode/Harz

Beitragvon Spartacus » 25. September 2017, 17:41

Johann Wolfgang von Goethe: Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles. Ach wir Armen! [flash] [flash]

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Re: Das Nazigold von Osterode/Harz

Beitragvon augenzeuge » 25. September 2017, 18:09

Spartacus hat geschrieben:Johann Wolfgang von Goethe: Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch alles. Ach wir Armen! [flash] [flash]

Sparta


Gold kauft die Stimme großer Haufen, kein einzig Herz erwirbt es dir.
Goethe

AZ [grin]
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