Der Fall Gartenschläger

Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 26. Mai 2010, 18:57

Dann wartete am Großen Grenzknick im Hinterhalt ein Stasi-Mordkommando...

von hpf

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Ein Kreuz und ein Feldstein erinnern an der Kreisstraße 28 zwischen Bröthen und Langenlehsten an die Ermordung von Michael Gartenschläger am 30. April 1976 durch Stasischergen. Foto: Volker Frisch
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Stasi-Chef Erich Mielke kochte vor Wut, als er die Meldung bekam. An der Zonengrenze hatten am 30. März 1976 Unbekannte nachts eine Selbstschussanlage SM 70 geklaut. Und das an einer der am stärksten verbarrikadierten und bewachten Grenze der ganzen Welt. Und selbst am Morgen danach hatten die eigenen Grenzpatrouillen noch nichts bemerkt. Erst „der Klassenfeind“ in Gestalt eines Bundesgrenzschutz-Beamten musste zwei Grenzsoldaten höhnisch aufmerksam machen, das an ihrem Grenzzaun eine SM 70 fehlt. Im westdeutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel war am 12. April zu lesen, wer das Ostberliner Regime und seine Grenztruppe an der Nase herumgeführt hatte: Ein vom Westen freigekaufter politischer Gefangener, der 32jährige Bürgerrechtler Michael Gartenschläger, der nun in Hamburg lebte. Die nächste Hiobsbotschaft bekam Mielke am 24. April zu schlucken. An der Zonengrenze hatte der Neu-Hamburger in der vergangenen Nacht erneut einen Selbstschussapparat erbeutet. Mielke tobte und setzte ein aus Stasi-Elitesoldaten bestehendes Mordkommando seiner Hauptabteilung I in Marsch. Diese Abteilung überwachte alle militärischen Einheiten einschließlich der Grenzer in der DDR.

Nur mit dem Mauerbau und dem unmenschlichen Grenzregime stoppte die DDR 1961 die Fluchtwelle aus der SED-Diktatur in die Freiheit nach Westdeutschland. Zweieinhalb Millionen Menschen hatten bis dahin die 12 Jahre bestehende DDR verlassen, meist über die bis dahin offenen Westsektoren von Berlin. Wer nach dem 13. August 1961 versuchte, über den sogenannten „Antifaschistischen Schutzwall“ zu fliehen, riskierte in den Minenfeldern an der Berliner Mauer und der Zonengrenze bei lebendigem Leibe zerfetzt oder unter dem Kugelhagel der schießenden Grenzer zu sterben. Diesen Tötungsterror an der innerdeutschen Grenze „perfektionierte“ das SED-Regime ab 1970 noch mit der Installation der Selbstschussanlagen SM 70. Doch die DDR-Führung gierte auch nach internationaler Anerkennung. Deshalb maskierte sich das Regime – inzwischen waren beide deutschen Staaten Mitglieder der UNO - auf internationalem Parkett, beispielsweise der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975 in Helsinki, nach außen als „menschlicher Staat“. SED-Chef Honecker bestritt die Selbstschussanlagen an der Zonengrenze, während sein Außenminister Oskar Fischer von „harmlosen Attrappen“ sprach...


Schon als 17jähriger Autoschlosserlehrling hat der am 13. Januar 1944 in Strausberg geborene Michael Gartenschläger die Gewalt des Staates zu spüren bekommen. Als Fan von Rock´n´Roll-Musik gründete er in seiner Heimatstadt, die ab 1956 Sitz des ostdeutschen Ministeriums für Nationale Verteidigung war, mit anderen Jugendlichen einen Ted-Herold-Club. Mehrmals fuhr er mit seinen Freunden über die damals noch offene Sektorengrenze nach West-Berlin, kaufte Schallplatten, Westernhefte und Jeans und besuchte das Amerikahaus. Der Strausberger Ted Herold-Club wurde schließlich von der Volkspolizei, im Volksmund spöttisch Vopos genannt, verboten. Als der damalige SED-Chef Walter Ulbricht am 13. August die Berliner Mauer bauen ließ, malten Gartenschläger und seine Freunde nachts politische Protestparolen wie „SED-Nee“ oder "Nieder mit der Mauer" an die Häuser und Mauern der Stadt Strausberg. Sie steckten in ihrem jungen Hass auf das Ostberliner Regime sogar eine Feldscheune einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Brand. Sie glaubten, damit ein Zeichen zu einem Aufstand gegen die SED zu geben. Die fünf Jugendlichen wurden verhaftet. In der Stasi-U-Haft in Frankfurt/Oder reagierten sie mit jugendlichem Trotz und entgegneten den Vernehmern, sie hätten ja auch NVA- und Russen-Kasernen überfallen und mit dort erbeuteten Waffen in den Westen durchbrechen können. Die Stasi-Verhörer schrieben alles eifrig ins Protokoll, auch wenn die Jugendlichen sich nur ihren Frust von der Seele reden wollten und es gar nicht ernsthaft so meinten.

Lebenslang für Gartenschläger

Unter Regie der Staatssicherheit, der SED-Bezirksleitung und der Justiz wurde ein Gerichtsverfahren vorbereitet, in dem ein Exempel republikweit für andere Jugendliche statuiert werden sollte, die sich ebenfalls offen zu Westmusik und ihren Idolen wie Elvis Presley oder Ted Herold bekannten - aber politisch wenig auf der Wellenlinie der FDJ-Parolen "von der drohenden Kriegsgefahr des westdeutschen Imperialismus und seiner Frontstadt Westberlin" waren. In einem öffentlichen Schauprozess im Volksarmee-Kulturhaus Strausberg wurden die fünf vom Ted-Herold-Club wegen "staatsgefährdender Hetze und Gewalt, wegen staatsfeindlicher Propaganda und Zerstörung von Volkseigentum (Diversion)" zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt, Gartenschläger und einer seiner Freunde sogar zu lebenslänglicher Haft. Sie hätten "sich zum willfährigen Werkzeug westdeutscher Kriegshetzer wie Adenauer und Brandt gemacht und im Westberliner Amerikahaus Kontakt zu Agenten und Saboteuren gegen die DDR gesucht", bellten Staatsanwalt und Richter in wütendem SED-Vokabular. Erst 1971 kaufte der Westen den politischen Gefangenen Michael Gartenschläger in einer humanitären Aktion aus dem Zuchthaus Brandenburg frei.

Als frischer und freier Bundesbürger im Westen vergaß der nunmehr 27jährige Gartenschläger nicht die Gewalt und Verlogenheit der SED-Diktatur. Er brannte völlig darauf, dieses unmenschliche Regime zu bekämpfen. Wobei er auch bereit war, seine gerade gewonnene Freiheit und sein Leben in die Waagschale zu werfen. Sechs Menschen chauffierte er persönlich versteckt im Auto über die Transitstrecke aus Ostdeutschland in die Bundesrepublik. Insgesamt half er bei der Flucht von 31 Menschen. Doch das genügte Gartenschläger nicht, der in der Haft eine Ausbildung zum Dreher gemacht hatte und handwerklich sehr begabt war. Ihn reizte es nun, eine Selbstschussanlage von der innerdeutschen Grenze in die Hand zu bekommen, um die Menschenfeindlichkeit des DDR-Regimes anhand solch eines grausamen Tötungsapparates international anzuprangern.

Aber so ein Vorhaben war nicht einfach. Das Risiko lag darin, über das Vorland hinter den Grenzpfählen, das ebenfalls schon DDR-Gebiet war, zum Grenzzaun vor zu kriechen, dort eine SM 70 zu entschärfen, sie abzuschrauben und damit unbemerkt wieder zurück auf bundesdeutsches Gebiet zu gelangen. Gartenschläger und zwei Helfer fuhren in der mondlosen Nacht des 30. März 1976 mit dem Auto nach Bröthen im Schleswig-Holstein´schen Kreis Herzogtum Lauenburg an die ostdeutsche Grenze. Der Bürgerrechtler und einer der Helfer, ein Freund von ihm, streiften dunkle Kleidung über und schwärzten sich die Gesichter. Alles war ruhig. Mit einer selbst zusammengezimmerten Leiter robbten der 32jährige und sein Begleiter vorsichtig etwa 30 Meter zum Sperrzaun, an dem die Selbstschussanlagen in regelmäßigen Abständen auf östlicher Seite installiert waren. Der dritte Helfer sicherte als Beobachter das Vorhaben von bundesdeutschem Terrain aus. Gartenschläger stellte die Leiter, die sein Freund festhielt, an den drei Meter hohen Zaun und stieg hinauf. Es gelang ihm im Dunkeln, die elektrischen Kabel, die die SM 70-Schüsse auslösen sollten, wenn ein Flüchtling die Signaldrähte am Zaun berührte, zu ertasten und zu durchtrennen. Etwas mehr Kraft erforderte das Abschrauben. Auch der Rückweg gelang ungehindert. Ähnlich funktioniert es am 23. April beim Kapern des zweiten Selbstschussgerätes.

Der Bürgerrechtler ging jedoch erst nach ermutigendem Zureden von Freunden mit der erbeuteten Selbstschussanlage an die Öffentlichkeit. Als er im Hamburger Verlagshaus des Nachrichtenmagazins Der Spiegel den Redakteuren den Apparat auf den Tisch legte, dessen gerade gerichtetes Horn man in Unwissenheit auch für eine Rummeltröte halten konnte, staunten die Presseleute Bauklötzer. Doch nachdem sie die ganze Geschichte als wahr gecheckt hatten, bekam Gartenschläger ihre volle Aufmerksamkeit. Der Spiegelartikel schlug weltweit ein. Das ostdeutsche Regime war gleich doppelt blamiert: Einmal wegen dieser menschenfeindlichen Mordapparate, aber auch, weil sie ein ehemaliger politischer Gefangener aus der DDR und nun in Hamburg lebender Bürgerrechtler heimlich an der gefährlichen DDR-Grenze ungehindert abbauen und der weltweiten Öffentlichkeit präsentieren konnte. Verständlich, das nun auch das Haus am Checkpoint Charlie in West-Berlin – das Fluchtmuseum an der Ostberliner Mauer – so ein Requisit für seine ständige Ausstellung haben wollte. Gartenschläger fühlte sich ungeachtet der Warnungen von Freunden, des Spiegel und des Bundesgrenzschutzes sowie ernst zunehmender ostdeutscher Drohungen nochmals gefordert.

Die Stasi hatte inzwischen in Hamburg Spitzel auf den 32jährigen angesetzt. Einer dieser Stasi-IM´s stammte direkt aus dem Freundeskreis des Bürgerrechtlers und verriet dem ostdeutschen Geheimdienst, Gartenschläger wolle - "bewaffnet mit Pistole und Handgranate" - nochmals am sogenannten Großen Grenzknick bei Bröthen "zuschlagen". Der Stasi-IM wusste bloss nicht wann. Aber Gartenschläger plante längst, die dritte Selbstschussmaschine woanders im Raum Uelzen an der Zonengrenze abzubauen, wie Freunde von ihm nach seinem Tod eröffneten. Aus dem Bergholzer Forst zwischen Bröthen und Langenlehsten wollte er in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1976 eigentlich bloß noch eine dort versteckte Leiter holen. Auf einmal bekam Gartenschläger jedoch die Schnapsidee, hier am Grenzzaun bei Bröthen, wo er schon zwei SM-70 erbeutet hatte, noch schnell eine Selbstschussanlage detonieren zu lasssen: "Damit die wissen, dass ich hier war..." Und das, obwohl alle drei bemerkten, dass die nach dem SM-70-Klau installierten Scheinwerfer entlang des Grenzzaunes an der Grenzknick-Spitze an diesem Abend unerklärlicherweise nur schwach glimmten. Zwei Freunde, die ihn zum Bergholzer Forst begleitet hatten, versuchten ihn davon zurückzuhalten. Sie sagten ihm aber nichts von dem metallischen Klicken, dass sie vom Grenzzaun her gehört hatten.

Die Falle am Großen Grenzknick

Der 32jährige schlich allein geduckt, bewaffnet mit einer Pistole, über den vorgelagerten nur 30 Meter breiten Zonengrenzstreifen zum Zaun. Plötzlich krachten genau auf diesem Grenzstreifen vor dem Sperrzaun etliche Schusssalven. Die am Bergholzer Forst wartenden Freunde sahen die Mündungsfeuer. Ringsum schlugen auch in die Baumstämme auf westdeutschem Gebiet ostdeutsche Geschosse ein. Wie auf Kommando flammten die Scheinwerfer am Grenzzaun wieder auf und tauchten die Szene in schrecklich helles Licht. Einer von Gartenschlägers Helfern schoss geschockt aus einer abgesägten Schrotflinte auf die vor ihm liegende Grenze. Es half aber nichts mehr. Michael Gartenschläger starb im Zonengrenzstreifen an seinen Schussverletzungen aus drei Kalaschnikow-Maschinenpistolen AK 47 und einem leichten Maschinengewehr (lMG) des Typs Kalaschnikow. Und das metallische Klicken, das seine Begleiter zuvor gehört hatten, war möglicherweise das Durchlade-Geräusch von einer dieser drei Kalaschnikow-Maschinenpistolen gewesen, deren Magazin 30 Patronen vom Kaliber 7,62 mm fasste, oder dem Maschinengewehr. Es konnte mit einem Trommel- oder einem schon vom AK 47 bekannten leicht gebogenen Stangenmagazin ausgerüstet werden, dessen Fassungsvermögen je nach Magazinart 30, 40, 75 oder gar 100 Patronen vom Kaliber 7,62 mm betrug.

Die Mörder waren keine normalen DDR-Grenzsoldaten. Es waren Angehörige eines insgesamt 21 Mann starken, auf den 32jährigen angesetzten Stasi-Elitekommandos der MfS-Hauptabteilung I, die statt der regulären Grenzkompanie dort nachts die Grenz-Bewachung übernommen hatten. "Heiß gemacht" wurden sie bei ihrer Einweisung mit der Warnung, Gartenschläger sei mit Pistole und Handgranate bewaffnet. In der Erwartung des "gefährlichen Grenz-Provokateurs" hatten sich die Stasi-Elitesoldaten an der Zonengrenze zwischen Bröthen (Schleswig-Holstein) und Leisterförde (DDR, Landkreis Hagenow) entlang des gesamten Großen Grenzknicks verteilt.

Bereits seit einigen Nächten hatten sie "feindwärts" (in Richtung Bundesrepublik - die Red.) auf dem noch zur DDR gehörenden Grenzstreifen vor dem Zaun auf der Lauer gelegen. Sogar der Strom für die drei Reihen Selbstschussanlagen am Zaun war "aus Sicherheitsgründen" abgeschaltet worden, so dass keine Detonationsgefahr von dort drohte. Vorn an der Spitze des später im DDR-Grenzer-Jargon genannten "Gartenschläger-Knicks" war der Bürgerrechtler in den Hinterhalt von vier Angehörigen dieser Stasi-Sondereinheit geraten, die dort im völligen Dunkeln im Heidekraut in Deckung lagen - jeweils zu zweit vorn rechts und links vom Grenzzaunknick. Gartenschläger war völlig ahnungslos zwischen den lauerden MfS-Häschern gebückt durchgeschlichen bis fast drei Meter an den Zaun heran, nur fünf bis maximal zehn Meter von einem der Elitesoldaten entfernt, als alle vier auf ihn feuerten.

Der Plan zum Vorgehen gegen Michael Gartenschläger war am 26. April 1976 vom Chef der Stasi-Hauptabteilung I, dem General Kurt Kleinjung, unterzeichnet worden. "Weitere Angriffe auf die SM 70 zu verhindern und den oder die Täter festzunehmen bzw. zu vernichten", war dort als Ziel festgelegt, aber ebenso, dass nur quer zur Zonengrenze gefeuert werden dürfe und keinesfalls auf westdeutsches Terrain. (Der Begriff "vernichten" habe im MfS "nichts anderes bedeutet", als den Gegner "kampfunfähig" zu machen, ihn beispielsweise "durch gezielte Schussverletzungen außer Gefecht zu setzen, ihn aber nicht zu töten", belehrte 24 Jahre später Ex-Stasi-Major Frank Osterloh, nunmehr Rechtsanwalt, als Verteidiger einer der Gartenschläger-Mörder das Landgericht Schwerin.) Die Sondereinheit hatte sich noch am gleichen Tag des 26. April 1976 in einem Nebengebäude der Grenzkompanie von Leisterförde "konspirativ" einquartiert und war ab sofort am Großen Grenzknick jeweils von 21 abends bis 3 Uhr morgens verdeckt in Stellung gegangen.

Plötzlich tauchte tagsüber am 28. April 1976 sogar Gartenschläger höchstpersönlich mit Filmleuten am Grenzknick auf. Sie hatten sich als ARD-Team vorgestellt und sich mit ihm verabredet, um nochmals zu drehen, wie er beim Abbau der beiden SM-70 vorgegangen war. Gartenschläger traute sich sogar am hellerlichten Tag etwas mehr als geschätzte zehn Schritte auf den vorgelagerten Zonengrenzstreifen der DDR - sehr zum Verdruss von Westseite auftauchender Beamten des Bundesgrenzschutzes, die den Hamburger mittlerweile von seinen Aktionen bestens kannten. --- Nach dem Tod Gartenschlägers recherchierten Freunde von ihm misstrauisch nach dem angeblichen Filmteam bei ARD und ZDF: Doch keine der beiden Fernsehanstalten hatten zur fraglichen Zeit eine Crew an besagten Grenzabschnitt zu einem Drehtermin mit dem 32jährigen geschickt. Gehörten die angeblichen "Fernsehleute" zum MfS und zum Mordplan an Gartenschläger, um von ihm persönlich "noch rechtzeitig" seine Vorgehensweise "auszukundschaften.

Silbener Kampforden und 1500 Ostmark Mordprämie

Der Staatssicherheitsdienst wertete die „Operation SM 70“, so hieß der mörderische Plan, als „vollen Erfolg“. „Sehr gut“ hieß es auch im Einsatzbuch der Sondereinheit. Die Mordschützen wurden zur "Belobigung" nach Ostberlin beordert. Mielke überreichte ihnen den Kampforden in Silber und jedem 1500 Ostmark „Mord-Prämie“. Die Vier vom Stasi-Sonderkommando haben nach Unterlagen des MfS, die erst nach der Wende auftauchten, in der Mordnacht in einer Zeitspanne von knapp 60 bis 80 Sekunden mit mehreren Feuerstößen insgesamt mehr als 80 Patronen verschossen. Michael Gartenschläger wurde laut dem damals unter MfS-Aufsicht gefertigten Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin Schwerin von neun Schüssen getroffen. Einige Feuerstöße der Stasi-Schützen waren auch auf bundesdeutsches Gebiet gerichtet. Den beiden Helfern Gartenschlägers "pfiffen" nach ihren Schilderungen einige Geschosse über die Köpfe, so dass sie unabhängig voneinander aus Angst in den Bergholzer Forst flüchteten. Einer sprang in Gartenschlägers BMW, fuhr in die nahe Stadt Büchen und alarmierte von einer Telefonzelle aus den Bundesgrenzschutz (BGS). Und die BGS-Beamten stellten später bei ihren Ermittlungen ebenfalls den Einschlag ostdeutscher 7,62-mm-Patronen zwischen 70 Zentimetern und 3,40 Metern Höhe an mehreren Bäumen auf westdeutschem Gebiet fest. Seine letzte Ruhe fand Michael Gartenschläger im Stasi-Jargon auf „konspirative Art“. Er wurde als „aus der Elbe gefischte Wasserleiche“ anonym auf einem Schweriner Friedhof verscharrt. Heute ist seine letzte Ruhestätte bekannt. Ein Grabstein steht dort auf dem Schweriner Waldfriedhof. Zwischen Bröthen und Langenlehsten erinnern ein Kreuz und ein Feldstein an den wirklichen Tod des Bürgerrechtlers.

In einer sogenannten „Analyse über Delikte und politisch-operative Sachverhalte sowie feindlich-negative Pläne, Absichten und Aktivitäten mit terroristischem Charakter“ schrieb Stasi-Generalleutnant Kleinjung, der mit seiner MfS-Hauptabteilung I für den Hinterhalt und Mord an Gartenschläger verantwortlich war, im Oktober 1977: „In der Nacht vom 30.4.1967 zum 1.5.1976 betrat im Abschnitt des Grenzregiments 6 Schönberg, auf Höhe der Grenzsäule 231, der Gartenschläger das Territorium der DDR mit dem Ziel, eine weitere SM 70 abzubauen. Seine Komplizen L. und U. sicherten ihn von der Grenzlinie aus. Bevor er die Tat ausführen konnte, wurde Gartenschläger durch Sicherheitskräfte der DDR liquidiert.“ – In diesem Bericht steht kein Wort darüber, dass der Erschossene zuerst das Feuer aus einer Pistole auf die vier Angehörigen des Stasi-Sonderkommandos eröffnet haben soll.

Die Variante, dass Gartenschläger zuerst das Feuer aus seiner Pistole auf die Stasi-Sondereinheit eröffnet habe, behaupteten die vier vom MfS auch "Kämpfer" genannten Mordschützen das erste Mal zu Beginn der 90er Jahre, als Untersuchungsbeamte der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) die einstigen Angehörigen der HVA I-Einsatzkompanie zu den Ereignissen in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1976 am großen Grenzknick befragten. Der Zugführer des vierköpfigen Kommandos, vom Dienstgrad Leutnant, sagte aus, er und die drei Unteroffiziere seien gerade entlang eines Trampelpfades auf dem "feindwärts" (zur Bundesrepublik - die Red.) liegenden Grenzstreifen vor dem Zaun nachts Patrouille gegangen (schon das war eine Lüge -die Red.), als Gartenschläger aufgetaucht sei und sie zuerst beschossen habe. Die damaligen Aussagen widersprachen sich auch in der Art und Weise der Schussfolge. Der Leutnant behauptete während den ersten Vernehmungen, er habe "den Grenzverletzer" nach dessen ersten Schuss angerufen "Halt stehen bleiben" und einen Warnschuss abgegeben. Darauf habe Gartenschläger erneut gefeuert, worauf die "Kämpfer" das Feuer aus Notwehr erwidern mussten... Ein anderer Angehöriger der Sondereinheit, der hinter dem Grenzzaun in jener Nacht am Kraftfahrzeug-Hindernisgraben als Beobachter eingesetzt war, entgegnete dagegen damals dem ZERV, er habe keinen einzelnen Schuss vernommen, sondern sofort Dauerfeuer.

Nach der Wende und der Wiedervereinigung mussten sich drei ehemalige Stasi-Leute der Sondereinheit wegen der tödlichen Schüsse auf den Bürgerrechtler vor dem Landgericht Schwerin verantworten. Nun sagten sie aus, ihre Aufgabe sei die Festnahme Gartenschlägers gewesen. Aber er habe nach ihrem Warnruf zuerst einen Schuß aus seiner Pistole abgefeuert, bevor sie in Deckung liegend „deshalb aus Notwehr das Feuer auf ihn eröffnen mussten“. Doch auf beweiskräftige Schmauchspuren sind 1976 weder der Tote noch seine Waffe von der Stasi oder der ostdeutschen Gerichtsmedizin untersucht worden. Die beiden Freunde Gartenschlägers, die den Mordanschlag von westdeutschem Boden aus verfolgt hatten, bestritten dagegen, dass er mit seiner Pistole geschossen habe. Die Stasi-Leute hätten, als der 32jährige noch zum Zaun schlich, ohne jegliche Warnung sofort aus allen Rohren auf ihn gefeuert.

Das wichtigste Beweismittel fehlt im Gerichtsprozess

Nochmals zu Gartenschlägers Pistole: Für kurze Zeit gingen in jeder Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 1976 am Großen Grenzknick die nach dem Feuerüberfall auf Gartenschläger urplötzlich aufgeflammenten Scheinwerfer wieder aus. Die Stasi brauchte keine Zeugen, als die Mörder den leblosen Körper Michael Gartenschlägers durch das extra für den Hinterhalt geschaffene Schlupfloch zerrten und ihn dann wegschleppten. Einer von ihnen hatte die Pistole Gartenschlägers in dessen Manteltasche gefunden und nahm die Waffe mit auf die andere Seite des Grenzzauns. Dabei will er festgestellt haben, dass im achtschüssigen Magazin nur noch sieben Schuss waren und eine Geschosshülse im Lauf klemmte. Das vertrat der "Kämpfer", der die Waffe angeblich selber inspiziert hatte, auch vor dem Landgericht Schwerin. Er war als vierter Mann des Kommandos allerdings nicht angeklagt und trat in Schwerin als Kronzeuge des Staatsanwaltes gegen seine drei ehemaligen Kollegen auf. Und den angeklagten Todesschützen und ihren Anwälte kam die Aussage des vierten "Kämpfers" zum Thema Pistole gerade recht.. Sie werteten sie als Beweis dafür, dass der "Grenzprovokateur" zuerst angegriffen habe und die Leute vom Kommando der MfS-Einsatzkompanie "in Notwehr zurückschießen mussten". Als Beweismittel lag jedoch Gartenschlägers Pistole in der Gerichtsverhandlung nicht vor. Unauffindbar, hieß es. Und auch nach der geründlichen Absuche des noch zur DDR gehörenden Grenzstreifens am Großen Grenzknick damals am 1. Mai 1976 durch Stasibedienstete verfügte das Gericht später nach der Wende nicht über beweiskräftige Gegenstände aus jener Mordnacht. Auch kein Geschoss aus Gartenschlägers Waffe, das man bei wirklich gründlichem Absuchen des Tatortes hätte finden müssen. Oder gab es gar kein angeblich von Gartenschläger abgefeuertes Geschoss?

Ungeklärt blieb in dem Prozess der Widerspruch, warum man aus allen Rohren auf jemanden ballert, den man eigentlich lebendig festnehmen wollte? Oder stand doch in Wahrheit laut Befehl Mielkes von vorn herein fest, den Bürgerrechtler „zu liquidieren“, zu erschießen? Die Staatsanwaltschaft ging in dem Verfahren genau davon aus: Mit einer zweiten Salve hätten die drei Todesschützen den bereits wehrlos am Boden liegenden endgültig getötet. Der vierte, aber nicht angeklagte Stasi-Mann des Kommandos stützte in seiner Aussage aks Kronzeuge diesen Vorwurf: Er sei nach den ersten Schußsalven zu dem vor Schmerzen stöhnenden Schwerverwundeten gerobbt und habe seinen Stasi-Genossen zugerufen: "Der lebt noch!" Der Führer des Kommandos habe aber gebrüllt: "Weg da vorn!" Dann sei nochmals Dauerfeuer geschossen worden. Die drei Angeklagten behaupteten dagegen, sie hätten nur "zur BRD hinüber in die Luft geschossen" weil sie dort noch "weitere Angreifer vermuteten..." Schon bei den Untersuchungen und den Vorbereitungen ihrer Anklage hatte es die Staatsanwaltschaft nicht für nötig erachtet, der Frage nach dem ominösen Fernsehteam nachzugehen. Nach Einschätzungen von Freunden des Ermordeten eine möglicherweise wichtige Spur, falls es MfS-Leute waren, die für die Mordtruppe noch einen entscheidenden "Informationsfilm" lieferten, sozusagen "exklusiv" über das und vom "Zielobjekt persönlich"...

Die drei Stasi-Schützen wurden in Schwerin von dem Vorwurf „der Tötung aus niedrigen Beweggründen“ freigesprochen. Mit den Worten "Es ist alles möglich, aber nicht beweisbar" schloß der Vorsitzende Richter die Verhandlung vor dem Landgericht. Der Staatsanwalt hatte mit einer Revision keinen Erfolg. Der Stasi-Oberstleutnant, der die auf Gartenschläger angesetzte Sondertruppe befehligte, wurde zwar vom Landgericht Berlin "der Anstiftung zum Mord" für schuldig befunden, kam aber „wegen zwischenzeitlicher Verjährung“ ebenfalls straffrei davon. Aber letzendlich sprach ihn der Bundesgerichtshof Leipzig von allen Vorwürfen frei.

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Der Schießbefehl für die Stasisondereinheit der Hautabteilung I, die auch Gartenschläger tötete. Ehemalige MfS-Offiziere bezeichnen dieses Papier dagegen nur als Dienstanweisung für die Sondertruppe. Der Begriff "tschekistisch" ist von der Geheimpolizei Lenins aus der russischen Oktoberrevolution 1917, von den grausam gegen Revolutionsfeinde vorgegangenen Tschekisten unter Felix Dshershinsky "entlehnt" - die Stasi sah sich als Nachfolger. Und genau dieser erst 2007 in der Birthler-Behörde in Berlin aufgetauchte Befehl weckt Zweifel an den Aussagen, die die MfS-Schützen 2003 bei ihrem Prozess vor dem Landgericht Schwerin gemacht hatten. In der ZDF-Sendung Frontal sagte Dr. Jochen Staadt vom Forschungsverbund "SED-Staat" der Freien Universität Berlin am 2. Oktober 2007: "Ich gehe davon aus, dass weder Warnrufe vorher abgegeben wurden, noch Warnschüsse, sondern dass man Gartenschläger kaltblütig töten wollte und auch getötet hat.

1983 vermittelte der damalige bayrische Minsterpräsident Franz Josef Strauß der DDR einen dringend benötigten Milliardenkredit der Bundesrepublik, genauer der Bayrischen Landesbank. Denn schon damals war das Ostberliner Regime fast pleite. Als „Gegenleistung“ sicherte SED-Generalsekretär Erich Honecker die Demontage der weit mehr als 55 000 Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze zu, die dann auch von den Grenztruppen entfernt wurden.1984 bekam die DDR auf dieser Schiene nochmals einen Kredit von einer Milliarde D-Mark. Diesmal ließ das SED-Regime 40 000 Menschen ziehen, die einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik gestellt hatten, ohne dafür vom Westen die übliche Freikaufsumme zu verlangen.

Die Einsatzkompanie des MfS

Die Einsatzkompanie genannte Sondereinheit der Hauptabteilung I des Ministeriums für Staatssicherheit rekrutierte sich aus Absolventen der Grenztruppen-Unteroffiziersschule VI in Perleberg, die ein weiteres halbes Jahr in MfS-Spezialschulen auf ihren „spezifischen Einsatz“ vorbereitet wurden. Sie hatten den Status von Hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeitern im besonderen Einsatz (HIME), traten aber nach außen weiterhin als reguläre Angehörige der Grenztruppen auf. Ihre Vorgesetzten (z.B. Zugführer) waren Offiziere im besonderen Einsatz. Stationiert war die Einsatzkompanie zeitweilig in Stolpe (Kreis Oranienburg) und in Schulzendorf (Kreis Königs Wusterhausen), nach außen abgedeckt als Grenzkompanie des Grenzregimentes 42. Kompaniechefs waren Eberhard Starke (1968–1979), Wolfgang Singer (1979–1983) und Alexander Baier (1983–1985). 1968 gehörten zehn HIME zur Einsatzkompanie, 1969 bereits 30, in den folgenden Jahren schwankte die Zahl zwischen 50 und 70. Das Aufgabenspektrum der Kompanie war vielfältig: von der Durchführung von Sicherungs- und Beobachtungsaufgaben über getarnte militärische Operationen an der Grenze bis hin zu personenbezogenen Überwachungsmaßnahmen. Häufig wurden Angehörige der Einsatzkompanie konspirativ in Einheiten der Grenztruppen, teilweise auch der NVA, eingeschleust, um dort zu ermitteln. In den achtziger Jahren agierten sie auch unter den Bausoldaten. 1985 wurde die Einsatzkompanie aufgelöst; die Grenztruppen besaßen inzwischen eine eigene Einheit mit entsprechendem Aufgabenprofil.


Quellen des gesamten Gartenschläger-Berichtes: "Michael Gartenschläger - Kampf gegen Mauer und Stacheldraht" von Freya Klier,
wikipedia.de "Martin Gartenschläger",
"Todesautomatik - die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger" von Lothar Lienecke und Franz Bludau,
BStU, die Bundesbeauftragete für die Stasiunterlagen,
"Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost,
und eigene Recherchen


Nachklapp:
„Grenztruppen der DDR“ nennt sich eine Homepage für ehemalige Angehörige des ostdeutschen Grenzregimes im Internet. Dort ist noch heute über den Tod von Michael Gartenschläger in der Nacht des 30. April 1976 folgendes zu lesen: „ In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai dringt der BRD-Bürger Michael Gartenschläger mit zwei weiteren Provokateuren auf das Hoheitsgebiet der DDR und versucht am „Großen Grenzknick“, im Grenzabschnitt des GR-6 Schönberg die 3. SM-70 am Grenzzaun abzubauen und zu entwenden. Er wird durch die Eingesetzten Kräfte überrascht und zum Anhalten aufgefordert. Er eröffnet sofort das Feuer auf die Sicherungskräfte. Beim Fluchtversuch wird er auf dem der Sperre vorgelagerten Hoheitsgebiet der DDR erschossen.....................................................................................“
Hans-Peter
 

Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 26. Mai 2010, 19:33

Zum Gartenschläger-Bericht:
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Das nachgelieferte Bild zum Abschnitt "Der Schießbefehl..." gruß hp [wink]
Hans-Peter
 

Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon augenzeuge » 26. Mai 2010, 20:38

Hallo Hans-Peter,

das ist eine sehr gute Dokumentation, die nichts auslässt. Es bringt aber nicht nur Zweifel daran, ob wirklich top-ausgebildete Spezialkräfte jemanden festnehmen wollten oder nicht.
Hier muss entweder viel schief gelaufen sein, oder man hat es wirklich geschafft, alle Beweise zu vernichten....wie die Pistole.

Für jeden Laien ist klar, dass die Schuldigen hier nicht verurteilt worden sind......

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 26. Mai 2010, 21:53

[hallo] Hallo Jörg.Die Staatsanwaltschaft konnte vor dem Landgericht Schwerin trotz ihres Kronzeugen nicht nachweisen, dass Gartenschläger nicht zuerst geschossen und ob es Mord oder Totschlag von seiten der drei Angeklagten damals vor 34 jahren in jener Nacht war. Und der Kronzeuge des Staatsanwaltes, der vierte nicht angeklagte von dem Kommando, erwies der Staatsanwaltschaft mit seiner Aussage einen Bärendienst, er habe an Gartenschlägers Pistole festgestellt, dass ein Schuss fehlte und noch eine Geschosshülse im Lauf klemmte. Daraus leiteten die Angeklagten und ihre Verteidiger - darunter EX-DDR-Innenminister Diestel und Ex-Stasimajor Osterloh (2004 gestorben) - den Beweis ab, dass Gartenschläger doch zuerst geschossen habe und die vier von der MfS-Einsatzkompanie in Notwehr zurückschießen mussten. Wie der Vorsitzende Richter am Schluss der Urteilsbegründung in Schwerin sagte: Alles sei möglich gewesen, aber nichts beweisbar. Die drei Angeklagten mussten freigesprochen werden. Das Gericht hatte in der Beweisnotlage keine andere Möglichkeit. Und wenn ehemalige MfS-Leute das Urteil heute als Maßstab für die völlige 100 prozentige Unschuld der drei ehemaligen Angehörigen der MfS-Sondereinheit verkaufen wollen, unterschlagen sie dabei das Rechtssprechungsprinzip unseres demokratischen Landes, das da heißt: Im Zweifel immer für die Angeklagten.
Versuche mal als Staatsanwalt eine Anklage vor Gericht durchzubringen, wenn Dir als Beweismaterial nur das Erinnerungsvermögen der Prozessbeteiligten bleibt, und die einzige waage Hoffnung, vielleicht durch einen Versprecher der Angeklagten das Blatt wenden zu können. Es ist auch für ein Gericht schlimm, wenn es nach nach mehr als 20 Jahren eine Tat verhandeln und klären muss, was an den geäußerten Erinnerungen noch glaubhaft ist oder nur noch Fiktion.
Und ich gehe davon aus, dass das MfS - die BV in Schwerin oder gar direkt von der Zentrale in Lichtenberg aus - noch in seinen "besten" DDR-Zeiten Ende der 70er oder Anfang der 80er sorglos ja ziemlich schlampig mit möglichem Beweismaterial oder Aktenvermerken umgegangen ist nach dem Motto: Wir haben die Macht und wir bestimmen was Recht ist. Wer will uns was? Von MfS-Seite bestand gar kein Interesse an einer wirklichen Aufklärung des Falls. Es gibt ja Historiker und Waffenexperten, die schon aus dem hohlen FF Rechenspiele um die sieben verbliebenen Patronen in Gartenschlägers Waffe veranstalten und meinen, des Rätsels Lösung in einer solchen "Erbsenzählerei" zu finden. Ich denke, heute liegt der Fall noch länger zurück. Und ich sehe an dem, was uns bekannt ist, das sehr wohl schon zum Anfang der Planungen für die Aktion SM 70 die Tötung Gartenschlägers festgestanden hat. Denn hätten sie ihn gefangen genommen, später wieder zu lebenslänglich oder gar zum Tode verurteilt - die Proteste aus aller Welt, womöglich sogar im eigenen Land hätten dem Regime mehr Ärger, Probleme und weiteren Immageverlust gebracht. Also durfte es gar nicht erst soweit kommen. Also war die Falle so stellen, dass der Bundesbürger Gartenschläger nicht überlebt. Und dann Deckel drauf, damit das Ganze bald in Vergessenheit gerät. meint hp [wink]
Hans-Peter
 

Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 27. Mai 2010, 15:00

Ich finde es schade, dass dieses Thema scheinbar auf so wenig Interesse stößt...
Nun eine neue Info dazu:


Lienecke, Gartenschlägers engster Freund, war Stasi-IM

von hpf

Lothar Lienecke war Gartenschlägers bester Freund im Westen, war bei den beiden Aktionen zum Abbau der SM-70-Selbstschussanlagen an der DDR-Grenze am Großen Grenzknick dabei und musste als einer von Gartenschlägers beiden Begleitern in der Nacht vom 30.April zum 1.Mai 1976 kurz vor Mitternacht von westdeutschem Gebiet am Großen Grenzdreieck mit ansehen und erleben, wie Gartenschläger in eine tödliche Falle des MfS lief. Nun schreibt der Journalist und Buchautor Olaf Kappelt in seinem neuesten „Braunbuch der DDR“, in dem er sich mit den in der DDR nach den Zweiten Weltkrieg untergekrochenen ehemaligen Nazis auseinandersetzt: „Lothar Lienecke, einer meiner politischen Bekannten, berichtete unter dem Tarnnamen IM Robby dem MfS über berufliche und private Angelegenheiten meiner Person.“

Als Kappelt 1981 sein erstes Braunbuch der DDR im Westen auf den Markt brachte , mit Biografien hunderter in der DDR untergekrochener und in der SED und der Blockflötenpartei NDPD mit teils hohen DDR- Ämtern versehen wieder auftauchten, machte Mielkes Geheimdienst mit „operativen Maßnahmen“ und zahlreichen IM auf internationaler Ebene Front gegen den Enthüllungs-Autoren. Dass sogar Lienecke im MfS-Auftrag gegen ihn gespitzelt hatte, erfuhr Kappelt erst nach der Wende, als er in den Stasiunterlagen einen von Lienecke verfassten IM-Bericht fand.

Lienecke am 16. November 1999 im Gartenschläger-Prozess vor dem Landgericht Schwerin

Aus „Michael Gartenschläger: Der Prozess“ von Andeas Frost, Kapitel Der erste Zeuge (Zitatbeginn) : „Lienecke äußerte sich auch zu seinen Kontakten zum MfS. Er habe versucht, auf diesem Wege mehr über den Tod Gartenschlägers herauszufinden. Über Umwege kam es 1980 zu einem Treffen mit höheren Stas-Offizieren in Budapest. Dort wurde ihm unter vielem gesagt, Gartenschläger habe nie geschossen, „das steht auch in den verschiedenen Trefferakten“. Offiziell ließ er sich 1983 von der Stasi anwerben, so Lienecke. Dies sei aber mit dem Bundesnachrichtendienst abgesprochen gewesen. Berichtet habe er nur Dinge, die sowieso in der Zeitung standen, etwa von den jährlichen Gedenkfeiern am 1. Mai am Gedenkkreuz für Gartenschläger unmittelbar neben der Grenzsäule 231. Auf die Frage, warum er sich habe anwerben lassen, sagte Lienecke : Wenn die nach Kopenhagen gekommen wären, wollten wir uns einen schnappen.“ (Ende des wörtlichen Zitats aus dem Buch von Andreas).

Lienecke selber auf Spitzeljagd

Lienecke berichtet in dem Buch „Todesautomatik – Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger“, von Franz Bludau und Lienecke als Mitautor, überarbeitete Neuausgabe und 2. Auflage 2008: Lienecke und andere Freunde Gartenschlägers begaben sich nun auf die Suche nach einem möglichen Verräter an das MfS aus ihren Reihen in Hamburg. Aus Lübeck stellte sich bei Gartenschlägers Freundin ein (echter!) Kriminalhauptmeister Franke aus Lübeck vor, der selber an dem Fall dienstlich arbeitete, wer der mögliche Verräter gewesen sein könnte: Gartenschläger hatte bei staatsanwaltschaftlichen Vernehmungen in Lübeck zum Thema SM 70 angedeutet, dass es einen MfS-Spitzel in seiner (Gartenschlägers) Nähe gäbe, den er bald selber den Behörden präsentieren wollte. Lienecke wörtlich in dem Buch: „… und ebenso klar und deutlich sah ich in dem Moment den Verräter vor mir, Riediger, den Michael Gartenschläger ja schon länger verdächtigte.“ Lienecke , Gartenschlägers Freundin und noch ein Bekannter trafen sich mit jenem Riediger und setzten ihn solange unter Druck, bis dieser seine Stasi-Kontakte und die Bespitzelung Gartenschlägers gestand. Das der Überführte auch entscheidende Tipps zum letzten Gang Gartenschlägers an die Grenze an die Stasi weitergab oder mit der MfS-Falle Am Großen Grenzknick etwas zu tun haben könnte, erhärtete sich während der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen in Lübeck nicht. Riediger wurde vom Schleswig-Holsteinschen Oberlandesgericht in Schleswig wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Als ein weiterer MfS-IM, der Gartenschläger bespitzelt haben soll, galt Udo Albrecht. Er war ein Rechtsextremist, einige Male vorbestraft. 1981 entkam er der westdeutschen Justiz bei einem Ortstermin unter den Augen westdeutscher Staatsanwälte durch ein Loch im Grenzzaun hinüber in die DDR – „eskortiert von MPi-bewehrten Ost-Grenzern“, wie Spiegel Online am 20. August 1990 unter „Wir finden dich überall berichtete“.

Quellen:
"Braunbuch der DDR" von Olaf Kappelt,2. überarbeitete Neuauflage, Seite 13 Einleitung "Erich Mielkes Machenschaften nach der ersten Auflage",
"Todesautomatik - die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger" von Lothar Lienecke und Franz Bludau,
BStU, die Bundesbeauftragete für die Stasiunterlagen,
"Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost,
Spiegel Online,
eigene Recherchen


PS: Muss mich hier leider rar machen auf einige Wochen, Ärzte haben "Vorrang"... Gruß Hp [wink] bis danne
Hans-Peter
 

Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon augenzeuge » 27. Mai 2010, 15:21

Hans-Peter hat geschrieben: Über Umwege kam es 1980 zu einem Treffen mit höheren Stas-Offizieren in Budapest. Dort wurde ihm unter vielem gesagt, Gartenschläger habe nie geschossen, „das steht auch in den verschiedenen Trefferakten“.



Hallo Hans-Peter,

obwohl es eine Überraschung ist, vermutet hatte ich das schon immer. Das hatte ich schon im alten Forum geschrieben. Aber die bekannten Herren riefen gleich nach Beweisen......ok, sie können ja nicht anders.

Auch wenn es bei dir vielleicht nicht ganz ankommt, ich schätze deine Arbeit sehr, Hans-Peter. Und ich bin garantiert nicht der Einzige.

Dir alles Gute!

AZ [hallo]
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Zermatt » 27. Mai 2010, 17:24

Nachdem ich über einen längeren Zeitraum zahlreiche Berichte und Bücher gelesen und gesehen habe sage ich-
Der Junge ist erschossen worden,bevor er selber die(schwer nachweisbar)Möglichkeit hatte,von seiner Waffe Gebrauch zu machen.
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon 94 (OvA) » 27. Mai 2010, 18:22

_Hans-Peter_> ... Es waren Angehörige eines insgesamt 21 Mann starken, auf den 32jährigen angesetzten Stasi-Elitekommandos der MfS-Hauptabteilung I, die statt der regulären Grenzkompanie dort nachts die Grenz-Bewachung übernommen hatten.

Hallo Patriot, ja, so stelle ich mit forumsübergreifenden Wissensaustausch vor. Im alten Forum stellt ein junges Mädel 'ne Frage und Du machst hier diesen Fred auf. *grins* Jetzt aber zu meiner Frage, die mir auch schon im alten Forum keiner beantworten konnte. Wo habt ihr denn alle nur die 21 her? Da paßt doch auch auf der anderen Seite nicht die checksum zum file! Dazu zitiere ich mal die Wikipedia (1):

In der Nacht zum 1. Mai 1976 wollte Gartenschläger mit zwei Unterstützern eine dritte SM 70 abbauen. Alle drei Personen waren bewaffnet. In Kenntnis des Vorhabens, ohne jedoch Ort und Zeit genau zu wissen, waren auf DDR-Seite seit dem 24. April 1976 weiträumige Sicherungsmaßnahmen durch eine 29-köpfige Einsatzgruppe der Hauptabteilung I des Ministeriums für Staatssicherheit angelaufen. Das Ziel der Maßnahme bestand darin, Gartenschläger nach dem Betreten des DDR-Territoriums festzunehmen oder zu töten. Als Gartenschläger eine SM 70 zur Explosion bringen wollte, wurde er durch mehrere Schüsse aus einer AK-47 tödlich getroffen, wobei die Gefährten Gartenschlägers aussagten, das DDR-Kommando habe das Feuer ohne jede Vorwarnung eröffnet. Lediglich einer der Begleiter Gartenschlägers, der unmittelbar an der Demarkationslinie auf westdeutschem Gebiet zurückgeblieben war, habe mit einer abgesägten Flinte zurückgeschossen, woraufhin Mitglieder des DDR-Sonderkommandos das Feuer kurzfristig sogar in Richtung Bundesrepublik erwiderten. In den DDR-Medien wurde dagegen berichtet, Gartenschläger habe den Schusswechsel begonnen. Als Beweis diente einzig die von ihm mitgeführte Pistole, die jedoch in der Gerichtstechnik nicht einmal auf eventuelle Schmauchspuren hin untersucht wurde.

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Gartenschl ... t.C3.A4nde
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 27. Mai 2010, 18:55

Moin 94er, ich weiß nicht wie die 29 Mann bei Wikipedia reingekommen sind, und ich weiß auch nicht wie von "schwerbewaffneten" Drei die Rede ist... Gartenschläger und Lienecke waren mit je einer Pistole bewaffnet, Uebe mit einer abgesägten Schrotflinte in der Nacht vom 30.4. zum 1. Mai 1976. Schwerbewaffnet ist mindestens Pistole und Karabiner pro Person oder? Und bei Wikipedia kannst Du morgen auch reinschreiben, es waren 27 Mann... Das geht da durch [laugh]. Lese bitte wenigstens "Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost, einen umfangreichen Bericht über die Verhandlung vor dem Landgericht Schwerin 1977. Das hilft Dir weiter. Ich habe mich sehr gründlich mit dem Fall Gartenschläger in den 90ern befassen müssen und nun noch mal zum Hobby. Und ich bin parteilich und achte Michael Gartenschlägers tatkräftiges Eintreten, die mörderische SM 70 in die Hand zu bekommen, um die Verlogenheit der SED-Diktatur und ihre menschlich grausamen Machenschaften zu entlarven. Man kann sich jetzt streiten. Und es bleibt jedem selbst belassen, ihn als halbverrückten Abenteurer abzutun. Ich halte es wie Freya Klier, die in ihrem Buch zum "Michel Gartenschläger: Kampf gegen Mauer und Stacheldraht" zum Abschluss feststellt: "Die juristische Aufarbeitung des Mordes an Michael Gartenschläger gilt als gescheitert, die Schuld derTerrorschützen bleibt ungesühnt. Sie bekamen für ihre Taten einen der höchsten (ganz so hoch war der Kampforden doch nicht - hp.) DDR-Orden und 1500 Mark Prämie - doch ist es sicher das sie bis heute ruhig schlafen können? Das neue Jahrhundert schafft Gerechtigkeit im moralischen Sinn. Und so finden wir Michael Gartenschläger in der Geschichte des deutschen Widerstandes in einer Reihe mit all den Menschen, die einem Unrechtsregime die Stirn boten - irgendwann zwischen dem Volksaufstand 1953 und den Montagsdemos im Herbst 1989. Die ihr Leben riskierten um für uns heute selbstverständlicher Menschenrechte willen. Michael Gartenschläger war einer der Glaubwürdigsten von ihnen und einer mutigsten."

Oder um up Plattdütsch to seng: Hei har een Mors in sien Büx un een starke Rückgrot... [hallo] [wink] in diesem Sinne halt die Ohren steif 94. Grüße Dich hp
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon 94 (OvA) » 27. Mai 2010, 19:03

Na dann nenne mir doch bitte eine ordentliche Quelle für die 21. Dann sorge ich schon dafür, das in der Wiki dieser Fehler 'korregiert wird'. Ein erster Versuch endete kurz vor einem Edit-War und momentan macht für mich die Quelle der 29 aus der Wikipedia einen seriöseren Eindruck. Tschüß und Logoff
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon SkinnyTrucky » 27. Mai 2010, 19:21

Hans-Peter hat geschrieben:Ich finde es schade, dass dieses Thema scheinbar auf so wenig Interesse stößt...
Nun eine neue Info dazu:


Nun ja, ich hab kaum Zeit Hans-Peter....und muß mich ja auch erst einlesen....

....ich jedenfalls glaube deiner Zusammenfassung ganz oben im Fred....die Stasi als Apparat ist nun nich grad ne humanitäre Truppe gewesen.....nee im Gegenteil, kalt und berechnend....viel berechnender als Gartenschlägers eigene Spontanität....

groetjes

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 28. Mai 2010, 02:11

94 (OvA) hat geschrieben:Na dann nenne mir doch bitte eine ordentliche Quelle für die 21. Dann sorge ich schon dafür, das in der Wiki dieser Fehler 'korregiert wird'. Ein erster Versuch endete kurz vor einem Edit-War und momentan macht für mich die Quelle der 29 aus der Wikipedia einen seriöseren Eindruck. Tschüß und Logoff



Hallo 94. Sorry. Eigentlich hatte ich unten unter meinem Beitrag am 27.5.2010 "Lienecke und seine IM-Tätigkeit für die Stasi" mit einem kurzen Satz deutlich zu machen versucht, dass ich auf unabsehbare Tage oder Wochen hier nicht präsent sein werde, da mir offenbar keine leichte OP bevorsteht und ich noch nicht genau weiß, was dort oder danach auf mich zukommt.
Von meinem Wissenstand aus - und aus meinen Quellen plus meiner Beobachtung des Prozessgeschehens seinerseit in Schwerin - waren von der Einsatzkompanie der MfS-Hauptabteilung I "ganze" 21 Leute in der Zeit vom 26.4. bis 1.5.76 im Bereich des Grenzregiments 4 am sogenannten Großen Grenzknick im Einsatz waren. Wenn jemand in Wiki von 29 schreibt, dann sind dort mit Sicherheit auch andere Stasi-Offiziere der HA I und der Unterabteilung Äußere Abwehr enthalten, die den Einsatz von der Grenzkompanie-Kaserne Leisterförde koordinierten oder leiteten. Vor der bevorstehenden "Sonderschicht" nachts vom 30. 4. zum 1.5.1976 der vier direkt an der Spitze des Großen Grenzknicks von 21 bis 03 Uhr eingesetzten Posten, gab es dort noch eine Umbesetzung. Der bisherige dort eingeteilte "Zugführer" dieser Gruppe wurde gegen Leutnant L. ausgewechselt. Und kaum hatten die Vier den Leichnam von Gartenschläger sowie seinen Mantel und seine Waffe unten durch das extra für die Aktion SM 70 geschaffene - aber sonst tagsüber wieder geschlossene - "Schlupfloch" auf die andere Seite des Grenzzaunes "transportiert", wurden diese Vier, die Gartenschläger niedergestreckt hatten, sofort vom Großen Grenzknick weg in den ständigen Kasernenstandort der Einsatzkompanie bei Berlin zurück gefahren. Dort kamen sie in ihren verdreckten Uniformen am ganz frühen Morgenan, konnten sich erst dort schnell duschen und mussten ihre Ausgangsuniformen anziehen, um sofort weiter direkt nach Ostberlin zu einem Empfang frühmorgens zu fahren, wo sie Mielke noch vor der Maidemonstration begrüßte und sie mit dem Kampforden in Silber dekorierte.
Bei der Maidemonstrationam Vormittag soll Mielke auf der Tribüne Honecker über den aus seiner Sicht erfolgreichen Abschluss der Operation SM 70 und den Tod Gartenschlägers informiert haben.

Und hier noch mal die Quellen zum nachlesen:
"Michael Gartenschläger - Kampf gegen Mauer und Stacheldraht" von Freya Klier,
wikipedia.de "Martin Gartenschläger",
"Todesautomatik - die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger" von Lothar Lienecke und Franz Bludau,
BStU, die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen,
"Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost,
und eigene Recherchen

gruß hp [wink]
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon S51 » 28. Mai 2010, 07:00

Was für eine Pistole war es denn nun?
Handelte es sich tatsächlich um eine Star S.I. im Kaliber 7,65 mm, so ist anzumerken, dass diese Waffe ein Magazin nicht für 8, sondern für 9 Patronen hat. Dann würden bei einem rest von 7 Patronen zwei Schüsse fehlen.
Abgefeuerte Geschosse zu finden, ist nicht so einfach, wie hier geschildert. Pistolengeschosse 7,65 dringen bis zu 20 cm in den Boden ein und haben eine Reichweite von bis zu 1500 Metern. Dass die bundesdeutsche Seite ein besonderes Interesse daran hatte, etwas anderes zu finden als die Einschüsse vom Kaliber 7,62x39 möchte ich doch stark bezweifeln. Und ohne wenigstens in etwa zu wissen, wo sich der Schütze befand und in welche Richtung er geschossen hat, ist das in freier Botanik sehr ähnlich dem Lottospiel. Zumal mit den damaligen Methoden.
Wenn von ca. 80 Schuss auf eine Distanz von vermutlich um die 4 bis 10 Meter gerade mal 9 Treffer sind, hat das eher was mit zufälligen Treffern als mit gezielten Schüssen zu tun. Zwar hat die Kalaschnikow einen gewissen Rückstoß und bei Dauerfeuer sitzen die letzten Schüsse selten da, wo hingezielt wurde. Das gilt jedoch bei normaler Kampfentfernung von 100 bis 300 Metern. Aber auf eine derart geringe Distanz von maximal 10 Metern wäre die Abweichung im Zentimeterbereich geblieben.
Nach wie vor und wie auch woanders geschildert bin ich der Meinung, dass bei diesem Einsatz damals alles schiefgelaufen ist. Einsätze von HA I oder den SIK waren nie durch Aufsehen oder gar Waffenanwendung gekennzeichnet. Ich habe in meinem Abschnitt einige miterlebt und immer ging alles still und heimlich ab. So sollte es wohl auch diesem Fall sein. Klammheimlich festnehmen und dann einbuchten, das hätte hierzu gepasst. Doch etwas ist schiefgegangen. Vielleicht hat G. wirklich geschossen, die Grenzer haben es mit der Angst bekommen und dann nach dem Motto "Wenn schon, dann du..." einfach draufgehalten. Wer mir erzählt, ihm könne so etwas nicht passieren, der kennt eben nur Filmalltag. In der Praxis will niemand zweiter Sieger sein, denn diese Ehrung gibt es dummerweise oft nur nach dem Tode. Dass G. keine Rücksicht nehmen würde, hat er oft genug selbst kundgetan.
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon SkinnyTrucky » 28. Mai 2010, 07:49

Dumme Frage, ich weiß...ich hab ja keine Ahnung von Waffen.....aber mal angenommen, das Magazin Gartenschlägers Waffe war ursprünglich garnich voll.....könnte doch sein, oder....

....oder weiß man es, das er zum Ort des Geschehens mit vollem Magazin erschienen ist....????

groetjes

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon S51 » 28. Mai 2010, 10:09

SkinnyTrucky hat geschrieben:Dumme Frage, ich weiß...ich hab ja keine Ahnung von Waffen.....aber mal angenommen, das Magazin Gartenschlägers Waffe war ursprünglich garnich voll.....könnte doch sein, oder....

....oder weiß man es, das er zum Ort des Geschehens mit vollem Magazin erschienen ist....????

groetjes

Mara


Unmöglich ist das nicht. Doch irgendwie extrem unwahrscheinlich. Ich kenne niemanden (mich eingeschlossen), der vor einem Einsatz nicht seine Waffe mit dem maximal Möglichen aufgemumpelt hätte. Wo Reservemagazine vorhanden waren, waren/sind die auch voll. Selbst ich habe diese nette Angewohnheit, wo rechtlich möglich und gerechtfertigt mit meinen 30 Schuß herumzulaufen, obwohl ich nie mehr als zwei Schuß am Stück verbraten habe. Man könnte sie ja mal brauchen..., dann wäre es megadämlich, ausgerechnet wegen einer nicht gestopften Kugel die ewigen Jagdgründe vorzeitig kennen zu lernen...
Bei Ganovenkreisen habe ich es als Regel erlebt, dass auch der eine Schuß zusätzlich im Patronenlager ist, obwohl das Laden damit umständlich ist. Da G. vor einem Hinterhalt gewarnt war, setze ich bei ihm durchaus eine ähnliche Haltung voraus. Nach den Büchern und Berichten war er alles Mögliche, nur nicht dickfellig.
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon icke46 » 28. Mai 2010, 10:44

Hans-Peter hat geschrieben: Lese bitte wenigstens "Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost, einen umfangreichen Bericht über die Verhandlung vor dem Landgericht Schwerin 1977.


Hans Peter,

bist Du sicher, dass das Fettgedruckte so stimmt?

Gruss

icke
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon augenzeuge » 28. Mai 2010, 11:02

icke46 hat geschrieben:
Hans-Peter hat geschrieben: Lese bitte wenigstens "Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost, einen umfangreichen Bericht über die Verhandlung vor dem Landgericht Schwerin 1977.


Hans Peter,

bist Du sicher, dass das Fettgedruckte so stimmt?

Gruss

icke


Nee, Icke, die Zahl ist wohl ein Schreibfehler, 2000 ist wohl richtig.


Es sieht so aus, als ob der BGS einen Fehler gemacht hatte:

"Über Funk verständigen sich trottelige Bundesgrenzschützer, ein besonderes Augenmerk sei auf einen BMW 2500 zu legen. Der Besitzer dieses Wagens sei wahrscheinlich unterwegs, um eine weitere SM 70 zu holen.

Die DDR-Truppen, die das Gespräch mithören, reagieren sofort. Generalleutnant Karl Kleinjung, Chef der Hauptabteilung I, alarmiert alle seine Einsatzkräfte im Grenzkommando Nord und schickt weitere Verstärkung an den Abschnitt rund um die Grenzsäule 231. In seinem ausführlichen "Maßnahmeplan" verlangt Kleinjung wiederum, "die Täter festzunehmen bzw. zu vernichten". "

Der ganze Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15045561.html

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 28. Mai 2010, 22:20

94 (OvA) hat geschrieben:Na dann nenne mir doch bitte eine ordentliche Quelle für die 21. Dann sorge ich schon dafür, das in der Wiki dieser Fehler 'korregiert wird'. Ein erster Versuch endete kurz vor einem Edit-War und momentan macht für mich die Quelle der 29 aus der Wikipedia einen seriöseren Eindruck. Tschüß und Logoff


@ 94 (OvA) und @ S51. habe erst nächste Woche op entfernen gutartiger Tumor. Befund heute bekommen. Deshalb von mir in Beantwortung von Deiner Frage 94er und Deinen Betrachtungen zum möglichen Waffentyp von Gartenschlägers Pistole damals:

zu 94: merkur hatte Dir in einer anderen Community geantwortet, dass 21 Mann von der Einsatzkompanie zur Aktion SM 70 an den Großen Grenzknick abkommandiert waren. Das stimmt. Und ich habe mein bisheriges Wissen nach Deinem Veto auch nochmals überprüft. Die Wikipedia-Angabe ist falsch. Ich akzeptiere zwar nicht merkurs politische Meinungen und Ansichten; aber wenn er sich dazu aufrafft, Dir Zahlen oder kurze Zusammenhänge zu nennen, dann kannst Du dich darauf verlassen, das das stimmt. Das tut merkur mit seinem verdammt guten Hintergrundwissen aus DDR-Zeiten aber selten, meist mauert er lieber... Und damit DU nun überzeugt bist, dass es 21 von der MfS-Einsatzkompanie der HA I im Einsatz am Großen Grenzknick waren, hier von mir die Namen:
Leutnant Reinhard Kasten als verantwortlicher Leiter für die Einsatzgruppe, sowie die Unteroffiziere Knut Borowsky, Detlef Braun, Klaus Hasselhuhn, Norbert Heidenreich, Bernd Helmsdorf, Uwe Hertel, Wilfried Himpel, Ralf-Uwe Röhn, Arend Holschuh, Carl-Heinz Jorck, Wolfgang Kliebe, Bernd Kramer, Herbert Linß, Hans-Jürgen Lübke, Jürgen Meyer, Peter Raupach, Hartmut Riehmann, Uwe Wienhold und zum 30.April 1976 kurzfristiger Austausch des Zugführers Krech gegen Leutnant Walter Lieberamm.
(Aber dafür werde ich Dir keine Quelle nennen, denn als früherer Tageszeitungsredakteur einer nicht kleinen nieders. Zeitung habe ich noch heute meine Berufsehre, meine Informanten zu verschweigen und nicht bloßzustellen. Sonst hätte ich in meinem Job damals kaum Informationen über Aktionen korrupter Politiker oder andere krumme Sachen erfahren, aus denen ich selber nach eigenen gründlichen Recherchen und Checken auf ihren Wahrheitsgehalt manchen Artikel geschrieben habe, der sich gewaschen hat.)

zu S51: Ob es eine Star S.I. mit einem Magazin für neun Patronen vom Kaliber 7,65 mm war, kann ich Dir nicht bestätigen, weil die Produktpalette der Pistolen der spanischen Waffenfarikanten Echeverria groß ist - vom Nachbau einer 9mm-Brownnig über andere 9mm-Modelle bis hin zu einer ganzen Reihe Pistolen für 7,65mm-Patronen, von denen es Waffenmodelle gab und gibt, deren Magazin 9 Patronen fasste oder auch nur acht Geschosse. Ich weiß aber aus einer dem früheren MfS anzusiedelnder Quelle als Pistole wie Du nur den Typ Espana Star, Kal. 7,65, aber auch die Nummer der Waffe: 1094483. Allerdings habe ich im Moment nicht die Zeit, in den Analen Echeverrias zu recherchieren. Und wo Gartenschlägers Pistole verblieben ist, weiß natürlich niemand [laugh]
grüße euch hp [hallo]
Zuletzt geändert von Hans-Peter am 28. Mai 2010, 22:41, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 28. Mai 2010, 22:36

icke46 hat geschrieben:
Hans-Peter hat geschrieben: Lese bitte wenigstens "Michael Gartenschläger: Der Prozess" von Andreas Frost, einen umfangreichen Bericht über die Verhandlung vor dem Landgericht Schwerin 1977.


Hans Peter,

bist Du sicher, dass das Fettgedruckte so stimmt?

Gruss

icke


[hallo] Moin Icke, segg mol, häst Du in dien Läwen noch keen Feihlers mokt? Denn Du weitst jau, wegger arbeiten deit, mokt ok Feihlers. Un wegger keen Feihlers mokt, de arbeit nich [laugh] [hallo] [rose] [ich auch] Su nu een schoine Sünnomd un Sünndag för Di un Dien Familch. hp [wink] [ich auch]

[raus] achso nu har ich beinahs de Korrektur vun mien Feihler vergäten: Also richtig möt dat heiten November Nägenteinghunnertnägenunnägentich (1999) un Mart Tweedusend (2000).
Hans-Peter
 

Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Edelknabe » 31. Mai 2010, 21:50

Ich bleibe dabei, hatte es so sinngemäß im anderen Forum schon mehrmals geschrieben: Keine Mauer war zu dick für seinen Kopf, kein Schornstein zu hoch, er war ein Unbequemer in Ost und West, wobei ich die Höhe seiner Haftstrafe nicht nachvollziehen kann und möchte, aber die damalige Gesetzgebung der DDR war dieser Zeit der des kalten Krieges geschuldet.
Lese ich das Buch seiner Freunde, dieses "Todesautomatik" muss ich weiterhin sagen: Er hatte mehrmals die Chance, im DDR-Strafvollzug seinem Leben eine andere Richtung zu geben, er hat diese Chance nicht genutzt, hat sie leichtfertig aus Trotz, aus jugendlicher Dummheit und anderen Gründen vertan.Er hat sie weggeworfen, diese Chance.
Schon das zeigt mir, das er eben Einer war, der überhaupt nicht anders wollte, unbelehrbar war und das Ende, sein trauriges Ende war die logische unaufhaltsame Konsequenz seiner Handlungen.

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon SkinnyTrucky » 31. Mai 2010, 22:22

Edelknabe hat geschrieben:Schon das zeigt mir, das er eben Einer war, der überhaupt nicht anders wollte, unbelehrbar war und das Ende, sein trauriges Ende war die logische unaufhaltsame Konsequenz seiner Handlungen.


RMR, warum unbelehrbar....immerhin hat genau er die Sch****dinger, die du an den Zaun schrauben mußtest erst richtig publik gemacht....du hast es ja nich auf die Kette gebracht, der Welt die Dinger zu präsentieren.....

.....und ausserdem, nicht jeder muß angepaßt und spießig leben.....Rebellen gibt es viel zu wenige, darum verkrustet ja jede Gesellschaft.....

just another view from

Mara aus Cisterna di Latina.... [hallo]
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Edelknabe » 31. Mai 2010, 23:04

Rebellen schön und gut Bella und es ist richtig, das die Gesellschaft Menschen braucht, die mehr wagen wie Andere aber welches System, egal ob Ost oder West lässt sich auf der Nase herumtanzen? Keines, nicht Eines.
Schon das alte Westdeutschland reagierte 1968 eklig und mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln, als eine Jugend Änderungen wollte.Fazit der schönen Geschichte, die Jugend passte sich an ans System des Kapital. Siehst du da irgendwo heute Fortschritte, etwa Änderungen? Also ich nicht, und ich habe neben meiner normalen Brille noch eine sehr gute Lesebrille.
Um nochmal auf die SM-70, sein des Michael Objekt der Begierde zu kommen. Für mich waren die Dinger für den damaligen Klassenfeind und der stand hinterm Zaun und nicht in meiner DDR.
Tut mir ja leid, aber damals habe ich das so einfach gesehen. Warum was komplizieren, es war die Zeit des Kalten Krieges, so sah ich das und da trug ich noch keine Brille.

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Hans-Peter » 1. Juni 2010, 20:11

von Edelknabe » 31. Mai 2010, 22:50

Ich bleibe dabei, hatte es so sinngemäß im anderen Forum schon mehrmals geschrieben: Keine Mauer war zu dick für seinen Kopf, kein Schornstein zu hoch, er war ein Unbequemer in Ost und West, wobei ich die Höhe seiner Haftstrafe nicht nachvollziehen kann und möchte, aber die damalige Gesetzgebung der DDR war dieser Zeit der des kalten Krieges geschuldet.
Lese ich das Buch seiner Freunde, dieses "Todesautomatik" muss ich weiterhin sagen: Er hatte mehrmals die Chance, im DDR-Strafvollzug seinem Leben eine andere Richtung zu geben, er hat diese Chance nicht genutzt, hat sie leichtfertig aus Trotz, aus jugendlicher Dummheit und anderen Gründen vertan.Er hat sie weggeworfen, diese Chance.
Schon das zeigt mir, das er eben Einer war, der überhaupt nicht anders wollte, unbelehrbar war und das Ende, sein trauriges Ende war die logische unaufhaltsame Konsequenz seiner Handlungen. Rainer-Maria


@Edelknabe, edel ist das nicht, was Du da von Dir gibst. Billigste Schublade, Schablone, Tausende aber tausende Male in 40 Jahren DDR abgedroschen von SED-treuen Lehrern, auf SED-Linie getrimmte Staatsanwälten, Richtern, Stasivernehmern… Typen, die allen jungen DDR-Menschen vorschreiben und zwingen wollten, den von der SED und FDJ geforderten und vorgegebenen Weg zu gehen haben. Wer nicht so denkt und Fragen nach dem warum stellt, der hat noch die Chance, im Strafvollzug das Parrieren zu lernen und seinem Leben die von der SED-Diktatur geforderte Richtung zu geben. Und weil Gartenschläger das nicht wollte, so schreibst Du RMR, sei sein trauriges Ende „die logische und unaufhaltsame Konsequenz seiner Handlungen“ Ach Du lyrischer RMR, der von Dir selber früher vertretene Humanismus scheint Dir plötzlich abhanden gekommen zu sein? Gartenschläger hat durch den Klau zweier SM 70 den wahren Charakter der SED-Diktatur entlarvt, ihre Grenze mit Selbstschußautomaten zu bestücken, damit Menschen davon bestialisch getötet oder schwer verletzt werden durch scharfkantige Geschosse, die furchtbare Wunden in den Körper getroffener Menschen reißen. Und wenn es ein Schicksal geben sollte, so war dies seine Bestimmung.

Hallo peter hat mich gebeten, das von ihm hier reinzustellen. Er grüßt Sie alle und hat den Eingriff heut gut überstanden. Freitag ist er wieder zu Hause. Angela Wilhelm.
Hans-Peter
 

Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon augenzeuge » 1. Juni 2010, 20:22

Hans-Peter hat geschrieben:
Hallo peter hat mich gebeten, das von ihm hier reinzustellen. Er grüßt Sie alle und hat den Eingriff heut gut überstanden. Freitag ist er wieder zu Hause. Angela Wilhelm.



Hallo,

da freuen wir uns alle und das ganze Team wünscht ihm gute Besserung!

AZ [rose]
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Edelknabe » 1. Juni 2010, 20:59

Angela, danke für deine Übermittlung von Hans Peters Text. Hier mein Text an ihn.
Es bedurfte keines Michael Gartenschläger, um die Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze zu ..."ich nenn es mal entlarven".
Wenn ich richtig informiert bin, begannen die Pioniere der Grenztruppem im Jahr 1972 mit der Montage der 501-Anlagen.Es leuchtet mir also nicht ein, das erst vier Jahre später Einer, so M.G kommen musste, um ausgerechnet eines dieser Dinger zu demontieren und sie der "bundesdeutschen Öffendlichkeit auf dem Tablett zu servieren".
Hätte das alte Westdeutschland gewollt, wäre dies schon viel eher über die militärische Aufklärung erfolgt, ohne das Einer zu Tode kommt. Zeit war genug vorhanden, aber nein....in einer Phase der wirtschaftlichen Entspannung bestand überhaupt kein Interessse daran.Es hätte wohl dem Kapital geschadet, denn die Werktätigen in der DDR waren doch für sie billige Arbeitskräfte, sie bekamen also ihr Produkt billig, billiger ging es nicht, sie brauchten es bloß noch zu vergolden und Otto-Normalverbraucher unterzujubeln. So Hans Peter, so sehe ich es heute und damals, nicht das ich mich wiederhole waren diese Anlagen für Den da hinterm Zaun, den Klassenfeind.
Ich müsste lügen, hätte ich es vor gut 33 Jahren anders gesehen, hatte damals auch mehr meine kleine Familie im Kopf, war wohl nie einhundert Prozent bei der Sache, was die Minen betraf. Das war nur eine ganz normale Arbeit, um die Zeit, die achtzehn Monate schnell hinter mich zu bringen. Du bist ein gebranntes Kind des Sozialismus, mein Freund und ich verstehe deine Beweggründe, kann sie sogar nachvollziehen, aber mir ging es gut, in diesem Sozialismus, du wirst es doch nicht glauben, ohne das ich mir von Lehrern oder Scharfmachern etwas erzählen lies.
Zumal, ich hatte immer meinen eigenen Kopf, lies mir in mein Leben nicht reinquatschen.
"Billigste Schublade usw"...nein, mein älterer Freund, das ganze Gegenteil, das war gelebtes Leben ohne sich zu verbiegen müssen in diesem Sozialismus.
Wenn du gegen Mauern angerannt bist und nichts daraus gelernt hast, so wie Michael hab ich noch nicht mal Mitleid, denn ich hätte es irgendwie anders gemacht, hätte den Staat DDR nicht auf Teufel komm raus gereizt, um anschließend dafür zu bluten. Ich komme aus einer sehr weltoffenen Familie, vom ostdeutschen Kapitalisten( Privatbetrieb) über Juden, selbständigen Handwerker bis hin zum einfachen Werktätigen ist alles vertreten und was ich in dieser Familie schon früh gelernt habe: Lege dich nie mit den obersten Zehntausend an, aber umgehe Sie diplomatisch ohne dabei dein Gesicht zu verlieren.
Als kleiner Junge liebte ich meine Fabrikantentante, denn Sie hatte sie alle, die Genossen um den Daumen gewickelt, wenn es um ihre ureigensten privaten Interessen ging. Das war eine gute Schule fürs Leben, für mein Leben.

Rainer-Maria, nichtsdestotrotz unserer unterschiedlichen Weltanschauung wünsche ich dir hiermit eine gute Genesung.
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon SkinnyTrucky » 2. Juni 2010, 08:52

RMR hat geschrieben:Rebellen schön und gut Bella und es ist richtig, das die Gesellschaft Menschen braucht, die mehr wagen wie Andere aber welches System, egal ob Ost oder West lässt sich auf der Nase herumtanzen? Keines, nicht Eines.


Ein Staat muß Kritik einstecken können....dein Staat konnte es nicht, schon die kleinste Kritik war ja meistens schon 'ne kriminelle Handlung.....


RMR hat geschrieben:Schon das alte Westdeutschland reagierte 1968 eklig und mit Wasserwerfern und Gummiknüppeln, als eine Jugend Änderungen wollte.Fazit der schönen Geschichte, die Jugend passte sich an ans System des Kapital. Siehst du da irgendwo heute Fortschritte, etwa Änderungen? Also ich nicht, und ich habe neben meiner normalen Brille noch eine sehr gute Lesebrille.


Ja auch die Bundesrepublik hat oft überreagiert....oft aber auch nicht....ich erinner mich an unsere erste Hausbesetzung in Lüdenscheid, in der es echt gegen Spekulantentum ging....ein anssonsten intakter Wohnblock, sanierungsfähig, wurde gezielt verkommen lassen um später die schönsten Villen dort bauen zu können....wie jeder weiß ist gerade Lüdenscheid eine Stadt der Millionäre, deren Anteil ist höher als im Bundesdurchschnitt.....

....nun gut, wir haben erreicht, das unsere Argumente gehört wurden, wir holten die lokalen Schlagzeilen....und abends kam oft ne Streife der Polizei vorbei, die doch durch uns herzlich empfangen wurde und die sich unsere Probleme angenommen hat....einmal war ein Nazi-Aufmarsch gegen unsere Gruppe angekündigt und ja, die Polizei stand in dem Moment auf unserer Seite und wir sahen, das sie zu dem Nazi-Termin eine extra Hundertschaft nach Lüdenscheid beordert hat um die anreisenden Nazis retour zu schicken.....ich fand's echt klasse....


RMR hat geschrieben:Um nochmal auf die SM-70, sein des Michael Objekt der Begierde zu kommen. Für mich waren die Dinger für den damaligen Klassenfeind und der stand hinterm Zaun und nicht in meiner DDR.
Tut mir ja leid, aber damals habe ich das so einfach gesehen. Warum was komplizieren, es war die Zeit des Kalten Krieges, so sah ich das und da trug ich noch keine Brille.


Sehr naiv he RMR....selbst ohne Brille konnte man erkennen, das in dem Fall der ganze Aufwand falsch herum stand.....wie gesehen, hatte gerade der *Klassenfeind* es geschafft, so'n Ding abzumontieren und zwar aus der *Feindrichtung* kommend....aus der *Freundrichtung* kommend war das echt unmöglich.....

....und nein, komplizieren tut man es nicht, wenn man es mit offenen Augen betrachten....mir scheint eher deine Betrachtungsweise komplizierter als die meine.....

groetjes uit Orte

Mara
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Edelknabe » 2. Juni 2010, 17:29

Bella, man muss in der Zeit zurückgehen. Ende der 70er Jahre in der DDR war wieder eine andere Zeit wie Ende der 80er Jahre, so deine wilde Zeit in der Radarstation.So einfach sehe ich es, nicht kompliziert.
Man kann mir Naivität wie etliche Jahrzehnte vorher einem Soldaten der Wehrmacht vorwerfen, für den eben der Bolschewismus der Feind war, ich kann wunderbar damit leben, schlafe auch heute wie ein Bär, ohne mir über Irgendeinen, der damals den Versuch unternahm, den Zaun I zu überwinden, heute noch Gedanken zu machen. Ich registriere es, höre mir seine Geschichte an, ob traurig oder glücklich aber mehr ist da nicht,ich bewerte es und denke kann es gut einordnen dank meiner eigenen Erfahrungen vorn am Zaun I aber es berührt mich nicht und halte mich bitte nicht für gefühlskalt, ich bin eher das ganze Gegenteil.
Ansonsten alles Geschichte, alles gut abgelegt.Dieser Oberst Baumgarten hatte einmal so sinngemäß in seinem Buch zu begründen versucht, warum die SM-70 damals freundwärts, also auf DDR-Seite montiert wurden, er meinte glaube ich ..wegen der leichteren Wartung, wegen der eventuellen Vorbeugung vor Demontage durch den Klassenfeind. Man könnte es fast für logisch erachten/ betrachten.

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon augenzeuge » 2. Juni 2010, 17:48

Edelknabe hat geschrieben:Dieser Oberst Baumgarten hatte einmal so sinngemäß in seinem Buch zu begründen versucht, warum die SM-70 damals freundwärts, also auf DDR-Seite montiert wurden, er meinte glaube ich ..wegen der leichteren Wartung, wegen der eventuellen Vorbeugung vor Demontage durch den Klassenfeind. Man könnte es fast für logisch erachten/ betrachten.

Rainer-Maria


Nun, Rainer, diese Begründung ist der Hammer. Mich würde mal interessieren, wieviele Leute das geglaubt haben....bzw. an welcher Krankheit Herr Baumgarten gelitten hat und welche Medikamente er hierfür bekam.....
[shocked]

Gruß, AZ [hallo]
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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Edelknabe » 2. Juni 2010, 18:24

Jörg, ich muss einmal den Absatz bei Baumgarten in " Die Grenzen der DDR"heraussuchen. Also logisch ist das schon, das mit der eventuellen Demontage...siehe damaligen eventual Kriegsfall und demzufolge Beseitigung der ersten Sperre, nenn es wie im ersten Weltkrieg diese Stacheldrahtsperren durch Pioniereinheiten der Bundeswehr.
Damit eben die Infanterie freies Feld gehabt hätte.
Du beziehst immer gleich Alles auf das Häuflein Ausreisewillige oder Eventualgrenzverletzter aus der DDR, da muss ich immer so lächeln weil eben mein Feind nicht Ende der 70er Jahre im eigenen Land stand. Er stand doch davor, der treue Bündnispartner der Vietnamkrieger überm großen Teich, genannt die Bundeswehr.

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Re: Wie Gartenschläger das DDR-Grenzregime und seine tödlichen SM 70 entlarvte

Beitragvon Zermatt » 2. Juni 2010, 18:33

Rainer,

ich hab das Buch vor mir liegen,wo soll das stehen ?

Hm,die SM auf der Feindwärts gelegenden Seite des Zaun-eine völlig neue Perspektive.
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