Die Grenzöffnung 1989

Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Dille » 9. April 2015, 21:16

Ich habe eben in einem Anderen Forum einen Beitrag gelesen, und bin dessen Link gefolgt auf ein Rechtfertiger - Forum (ISOR) zur Grenzöffnung 1989, da kommen höhere Verantwortliche in Ost- Berlin zu Wort, gruselig zu lesen ! Natürlich sind immer die mangelnden Befehlsstrukturen schuld (den Schwanz haben'se halt eingekniffen), wie gelernt (aber Gottseidank), aber mir fielen so diese heute noch präsenten Kampfbegriffe auf, wie "Panzermauer" am Brandenburger Tor (da brach mal ein schwerer Lkw durch -- aber von Ostseite) -- es ist wirklich schwer erträglich, das Zeugs zu lesen.

Was mir vor allem an solchen Beiträgen von diesen "Ehemaligen" fehlt -- sie rühmen sich ihrer Friedfertigkeit in dieser Nacht an der Grenze (Vorher und nachher ja auch), beklagen andererseits aber jede fehlende Befehlsgewalt von "oben" (da war totale Maulstarre) -- ich habe von diesen Typen noch nirgendwo ein Wort gelesen, wie sie sich verhalten hätten, wenn dann der Befehl von "oben" gekommen wäre, "draufzuhalten" an der Bornholmer Straße z.B.

Meine schlichte private Meinung -- diese schleimigen heutigen Typen hätten diesen Befehl ohne Skrupel weitergegeben, sie hätten "draufhalten" lassen !

Gruß, Dille
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Jago » 9. April 2015, 21:31

genau so wie du kann ich mir das auch vorstellen Es wurde nicht umsonst bei jedem Abzeichen gesagt " Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik "
Oben die waren doch immer fein raus . Unten der Pöpel ist ja an der waffe und soll den Arsch hinhalten


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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 9. April 2015, 22:56

Dille hat geschrieben:Ich habe eben in einem Anderen Forum einen Beitrag gelesen, und bin dessen Link gefolgt auf ein Rechtfertiger - Forum (ISOR) zur Grenzöffnung 1989, da kommen höhere Verantwortliche in Ost- Berlin zu Wort, gruselig zu lesen ! Natürlich sind immer die mangelnden Befehlsstrukturen schuld (den Schwanz haben'se halt eingekniffen), wie gelernt (aber Gottseidank), aber mir fielen so diese heute noch präsenten Kampfbegriffe auf, wie "Panzermauer" am Brandenburger Tor (da brach mal ein schwerer Lkw durch -- aber von Ostseite) -- es ist wirklich schwer erträglich, das Zeugs zu lesen.

Was mir vor allem an solchen Beiträgen von diesen "Ehemaligen" fehlt -- sie rühmen sich ihrer Friedfertigkeit in dieser Nacht an der Grenze (Vorher und nachher ja auch), beklagen andererseits aber jede fehlende Befehlsgewalt von "oben" (da war totale Maulstarre) -- ich habe von diesen Typen noch nirgendwo ein Wort gelesen, wie sie sich verhalten hätten, wenn dann der Befehl von "oben" gekommen wäre, "draufzuhalten" an der Bornholmer Straße z.B.

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Gruß, Dille



@Dille,
die hätten aber nie mehr berichten können, wären dann Dank ihrer Befehlserfüllung alle in "Ehren" gestorben. Noch in selber Nacht. Ein wirkliches Wunder ist die totale Friedfertigkeit des VOLKES gewesen! Der militärische Rest war hilflos, weiter nichts, wie die schon länger gelähmte politische Führung.

Gruß Volker
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon AkkuGK1 » 10. April 2015, 07:32

die Befehlslosigkeit war doch garantiert beabsichtigt - Schabowski hat sich "verlesen", es gab wohl den Befehl das unter keinen Umständen geschossen werden darf und dann nahm die Geschichte ihren Lauf. Die nach den Erichsen kamen wussten, das es vorbei war.

Als ich an der Grenze war, hatten wir auch mal das Gedankenspiel unter Kameraden, was machst wenn da mal ein ganzer Bus kommt mit Flüchtlingen? Flinte in den Baum hängen und mitgehen war mein Fazit. Berlin war ja ein ganz anderes Pflaster, da kamen die 100% hin - naja sicher waren welche 90% und andere 150% [blush]
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Werner Thal » 17. September 2015, 18:43

"Der andere Mauerfall - Die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989

Nach Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz am 9. November 1989 drängten
DDR-Bürger nicht nur in Berlin gegen die Mauer. Astrid M. Eckert erinnert in diesem
Artikel an den "anderen Mauerfall" - die Öffnung der innerdeutschen Grenze, das Ende
des Grenzregimes und die vielfältigen Begegnungen im Grenzland."

Hier kann man den Artikel weiterlesen:

http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschi ... -mauerfall

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25 Jahre Mauerfall

Beitragvon Werner Thal » 22. September 2016, 13:12

Mitteldeutsche Zeitung vom 14.05.2014:

25 Jahre Mauerfall Wer sagt heute noch "Jammerossi" und "Besserwessi"?

Viele Wörter, die um die Zeit des Mauerfalls in Mode waren, sind heute fast vergessen,
andere haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Manche klingen inzwischen
nicht mehr so abwertend wie vor 25 Jahren. Sprachwissenschaftler forschen zu Fragen
nach dem Aufkommen und Verschwinden von Wörtern rund um die Teilung sowie zu
deren Bedeutungswandel.

"Aus der russischen Besatzungszone wurde eben die DDR"

Die "Zone" zum Beispiel geht auf die Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg
zurück. "Aus der russischen Besatzungszone wurde eben die DDR, die der Westen nicht
anerkennen wollte. Bei den Ostdeutschen kam das Wort gar nicht gut an", sagt Sprach-
wissenschaftlerin Doris Steffens vom Mannheimer Institut für Deutsche <Sprache (IDS).

Die jahrzehnte lange Teilung hinterließ ihre Spuren, auch im Vokabular der Menschen -
viele von ihnen erzählen eine Geschichte. "Ossi" und "Wessi" seien zum Beispiel
Inbegriffe für die Schwierigkeiten des Vereinigungsprozesses, erläutert die Forscherin,
die sich schon in der DDR an der Akademie der Wissenschaften mit Sprache beschäftigte.
Ihren sehr negativen Zungenschlag haben die beiden Begriffe aus ihrer Sicht inzwischen
weitgehend eingebüßt.

Wie Ostdeutsche von einigen Westdeutschen nach der Wende gesehen wurden -
undankbar und jammernd - zeigt der Ausdruck "Jammerossi". Andersherum war es nicht
besser. Das Klischee vom besserwisserischen, arroganten Westler brachte den
"Besserwessi" hervor. Beide Begriffe sind heute seltener zu hören als direkt nach dem
Mauerfall.

"Wende" mittlerweile ein neutraler Ausdruck

Andere Wörter aus dem Dunstkreis der deutschen Teilung sind hingegen immer noch
präsent, mit am stärksten wohl die "Wende": "Wenn wir heute ´Wende´ hören, denken
wir sofort an 1989", sagt Steffens. "Das Wort hat also ganz schön Karriere gemacht. Es
steht sogar mit dieser Bedeutung im Duden." Der letzte Staatschef der DDR, Egon Krentz,
gelte als der Erstverwender des Wortes. "Er sprach im Oktober 1989 davon, eine
Wende einzuleiten, wollte aber keine wirkliche Richtungsänderung."

Bürgerbewegung und SED hätten beide für sich beansprucht, die "Wende" eingeleitet zu
haben, erläutert Sprachforscher Manfred Hellmann. "Die Bürgerbewegung hat gewonnen -
auch den Kampf um die Hoheit über die Wörter." Heute habe sich die "Wende" einge-
bürgert als relativ neutraler, wenn auch blasser Ausdruck für ein sehr emotionales
Ereignis. "Das Wort ´Wende´ hat sich so weitgehend durchgesetzt, weil es so wenig
aussagt über die politische Einstellung des Sprechers."

"Antifaschistischer Schutzwall"

Manchen Begriffen ist hingegen ihr ideologischer Gehalt stark anzumerken.
"Die Bürgerbewegung sprach von revolutionärer Erneuerung, später vom Umbruch",
erläutert Hellmann. "Die Westzeitungen sprechen (schreiben) vom Zusammenbruch des
SED-Regimes." Friedliche oder sanfte Revolution, Wandel, Veränderung, Umsturz,
Reform, Wiedervereinigung - neben "Wende" gibt es viele Möglichkeiten, das zu
benennen, was 1989 passierte. "Später kam noch Zusammenbruch dazu, aber erst im
Nachhinein", sagt Hellmann. Und was im Westen der "Eiserne Vorhang" war, nannte das
Ost-Regime "Antifaschistischen Schutzwall".

Seit den späten (19)-60er Jahren bis zum Mauerfall wurde in Westdeutschland sogar
diskutiert, ob die Teilung am Ende auch die deutsche Sprache teilen würde, wie der
annheimer IDS-Forscher Albrecht Plewnia erzählt. "Es war der Ausdruck einer politischen
Sorge; Wenn nicht bald etwas passiert, bekommen wir sogar zwei unterschiedliche
Sprachen." Das habe aber wohl niemand ganz ernsthaft geglaubt. (z.B. SED parteichinesisch)
Die Teilung habe denn auch die deutsche Sprachlandschaft nicht grundlegend
durcheinandergewirbelt. "Die Ost-West-Teilung läuft den historischen Dialektgrenzen
total zuwider."

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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Interessierter » 15. Juli 2017, 09:42

Zuerst fiel die Grenze zwischen Rudow und Schönefeld

Details über die Ereignisse am 9. November 1989: Noch vor dem Übergang an der Bornholmer Brücke war die Mauer im Süden Berlins offen

Berlin/Schönefeld - Der einstige Grenztruppen-Oberstleutnant Heinz Schäfer kann sich noch genau an seinen Befehl an die Wachhabenden erinnern: „Aufmachen! Durchlassen!“ Die etwa einhundert wartenden DDR-Bürger spazierten am Abend des 9. November 1989 nach West-Berlin. In der Aufregung sah so mancher auf die Uhr, um sich später an das schier unfassbare Ereignis erinnern zu können: Es war 20.30 Uhr. Schäfer schüttelt deshalb beim Lesen der vielen Geschichten rund um den Mauerfall den Kopf: „Nicht an der Bornholmer Straße öffnete sich der erste Schlagbaum, sondern bei uns an der Waltersdorfer Chaussee“, erzählt er.

„Wir waren mindestens zwei Stunden vorher dran, denn die Massen strömten auf der Bornholmer Straße doch erst gegen 22.30 Uhr in den Westen.“ Selbst die hier um 21.30 Uhr ergangene Anweisung an die Grenztruppen, „Krawallmacher“ einzeln ausreisen zu lassen, geschah demnach erst eine Stunde nach der weitgehend unbekannten ersten Maueröffnung im Süden Berlins.

Mehr hier:
http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/230418/
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon augenzeuge » 15. Juli 2017, 10:24

Interessierter hat geschrieben:„Nicht an der Bornholmer Straße öffnete sich der erste Schlagbaum, sondern bei uns an der Waltersdorfer Chaussee“, erzählt er.[/b]

„Wir waren mindestens zwei Stunden vorher dran...


Genau, so wars auch. Und ich war damals direkt dabei. Hab ich aber schon mal erzählt. [wink]

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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Interessierter » 12. September 2017, 09:41

Hans-Hermann Hertle, 9./10. November 1989: Grenzübergang Checkpoint Charlie: Druck von Ost und West


Checkpoint Charlie: Druck von Ost und West

Der endgültigen Öffnung aller innerstädtischen Übergänge war eine dramatische Entwicklung an dem für die Blockkonfrontation weltweit berühmtesten Schauplatz der geteilten Stadt vorausgegangen, der im Ostteil „GÜST Friedrich- /Zimmerstraße", im Westteil „Checkpoint Charlie" hieß. Hier hatten sich nach dem Mauerbau im Oktober 1961 amerikanische und sowjetische Panzer drohend und scheinbar kampfbereit gegenübergestanden, und die Todesschüsse auf Peter Fechter unweit des Übergangs stießen weltweit auf Empörung.

Im Januar 1974 hatte der Volkspolizist Burkhard Niering den ersten Posten der Paßkontrolle an der GÜST Friedrich- / Zimmerstraße als Geisel genommen. Sein Versuch, mit ihr den Kontrollpunkt zu überrennen, wurde mit tödlichen Schüssen gestoppt.[1] Nur zwei Monate später hätte um ein Haar ein amerikanischer Soldat einen Weltkonflikt ausgelöst. Am 2. März 1974 walzte er mit einem Panzer alles nieder, was ihm auf West-Berliner Seite die Zufahrt zur Kontrollstelle versperrte, drang bis zur Mauer vor – und fuhr wieder nach West-Berlin zurück.[2] Wenn es auch in den achtziger Jahren ruhiger geworden war, so besaß der Kontrollpunkt in der Friedrichstraße für alle Seiten nach wie vor die höchste Symbolkraft für die Machtverhältnisse in der geteilten Stadt.

Am Abend des 9. November 1989 erlebten die Paßkontrolleure schon kurz nach 19.00 Uhr ihre erste Überraschung. Unmittelbar nach Schabowskis Pressekonferenz versuchte der Pressesprecher der Ständigen Vertretung, Eberhard Grasshoff, die Befehlslage am Übergang zu erkunden, und fragte bei seiner Überfahrt einen ihm seit Jahren bekannten Posten, ob er bereits neue Anweisungen für den Reiseverkehr habe. Als Antwort erhielt er ein irritiertes Nein.[3]

Eine Stunde später steuerte der Pächter aus dem nur hundert Schritt entfernten Café Adler in Begleitung mehrerer Kaffeehaus-Gäste mit einem Tablett voller Sektgläser und frischgebrühtem Kaffee auf die erste Linie der DDR-Kontrolleure zu, um mit den Posten auf die Öffnung der Grenze anzustoßen. Die Posten, an dieser Frontlinie des Kalten Krieges von West-Berliner Seite eher an feindselige Handlungen und Beschimpfungen gewöhnt, wußten nicht, was ihnen warum widerfuhr. Sie verweigerten freundlich, aber bestimmt die Annahme jedweden Getränkes und schickten die „Provokateure" über den weißen Strich nach West-Berlin zurück.

Während in der Bornholmer Straße Ost-Berliner auf den Übergang drückten und auf der Westseite absolute Ruhe herrschte, schien am Checkpoint Charlie zumindest vordergründig das Feindbild zu stimmen: Die östliche Seite blieb anfangs menschenleer; statt dessen versammelten sich auf der Westseite, mithin feindwärts, rund um die amerikanische Kontrollstelle immer mehr Menschen, darunter mehrere Fernseh-Teams. Entsprechende Meldungen gab der Diensthabende der PKE an das Operative Leit-Zentrum der HA VI weiter. Um 21.33 Uhr kam von dort die Weisung, alle PKE-Mitarbeiter zu alarmieren und an der GÜST zusammenzuziehen.[4]

Der Kommandant der GÜST hatte um 17.00 Uhr Dienstschluß und war nach Hause gefahren. Gegen 21.30 Uhr unterrichtete ihn sein Diensthabender Offizier, daß sich feindwärts mehrere hundert Personen versammelt hätten, aber nun auch auf der DDR-Seite vor dem Schlagbaum die ersten Bürger stünden, die sich nach den neuen Ausreisemöglichkeiten erkundigten. Als der Kommandant gegen 22.00 Uhr am Grenzübergang eintraf und sich selbst einen Überblick über die Lage verschaffte, schlug ihm zu seiner Überraschung von West-Berliner Seite keine aggressive, sondern eine ausgesprochen freundliche und friedliche Stimmung entgegen. Auch er beorderte zunächst alle verfügbaren Kräfte seiner Sicherungskompanie heran. Zusätzlich bekam er auf Anforderung einen Zug der als Reserve in Berlin gehaltenen Offiziershochschüler zur Verstärkung. Von seiner übergeordneten Dienststelle, dem Grenzregiment-36 in Rummelsburg, erhielt er auf Anfrage lediglich die allgemeine Orientierung, Ruhe zu bewahren. Auf einen Befehl – gleich welcher Art – wartete er vergebens.[5]

Zwischen 22.00 und 23.00 Uhr spitzte sich die Lage am Grenzübergang dramatisch zu. Um 22.05 Uhr spazierten 60 bis 70 West-Berliner über die weiße Grenzlinie auf das Territorium der DDR, kamen aber dann der Aufforderung nach, sich auf das West-Berliner Gebiet zurückzubegeben. Eine halbe Stunde später waren es bereits 120 Personen, die von den Sicherungskräften der Grenztruppen auf die Westberliner Seite zurückgedrängt wurden.[6] Danach ließ der Kommandant seine Grenzer eine Sperrkette bilden, die fünf bis sechs Meter hinter der Grenzmarkierung, aber noch vor der Mauer stand.

Ihre Maschinenpistolen hatten die Soldaten zuvor in der Waffenkammer deponiert. Noch immer wurde der grenzüberschreitende Verkehr regulär abgewickelt, doch die Spannung wuchs: „Die Situation an der Grenzübergangsstelle spitzt sich zu", notierte der Diensthabende Offizier der PKE um 22.45 Uhr in seinem Rapport. „Im Vorfeld der Grenzübergangsstelle, bis unmittelbar zur Postensteinmauer, circa 3000 Bürger aus Westberlin. Im Hinterland der Grenzübergangsstelle mehrere 100 DDR-Bürger zu Fuß und Kfz."[7] Verzweifelte Anrufe des GÜST-Kommandanten bei seinen Vorgesetzten folgten. Seine Meldungen wurden ordnungsgemäß bis hinauf ins Kommando der Grenztruppen weitergegeben und „als Verletzung der Staatsgrenze der DDR vom Hoheitsgebiet Berlin (West)" registriert.

Als Maßnahme erfolgte von dort die Unterrichtung der für die Grenztruppen zuständigen Hauptabteilung I des MfS. Befehle oder Weisungen nach unten aber blieben weiterhin aus. Als der Druck von West-Berliner Seite auf die Sperrkette der Grenzsoldaten zunahm, ließ der Kommandant die GÜST schließen und alle Tore hinten und vorn, freundwärts wie feindwärts, verriegeln. Der Grenzverkehr kam zum Erliegen. In dem Bereitschaftsraum, in den sich die Grenzsoldaten zurückgezogen hatten, hörten sie vorn die West-Berliner rufen: „Laßt uns rein!" Und hinten forderten die Ost-Berliner unüberhörbar: „Laßt uns raus!"[9]

Hier geht es weiter:
http://www.chronik-der-mauer.de/materia ... t-und-west

Momente die sich unwiderruflich in die Köpfe und Herzen der Menschen eingebrannt haben.
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 18. September 2017, 21:32

Ich habe heute meine sehr betagten Eltern noch mal nach Tanne , Elend und Schierke gefahren.... Was haben die sich gefreut. Dann zum Brockenbäcker und noch schnell in den Westen, nach Hohegeiß. Wie schön und normal das heute wieder ist, fantastisch! Sogar das Wetter hat gut mitgespielt.

Am 13.11.89 ließ ich meinen B1000 vor dem Grenzzaun an der heutigen B27 hinter Elend stehen. Dann lief ich durch das einzige frische Zaunloch 5km weiter nach Braunlage, voller Glückseligkeit. Am nächsten Tag wieder dort, aber das Fahrrad mit. So konnte ich mir mehr in gleicher Zeit ansehen.

Genau an diesem Grenzloch des 1. Zauns hat KUKKI heute einer seiner vielen Gulaschkanonen stehen und verdient sich dumm und albern, der ehemalige Grenzoffizier Jürgen Kurkiewicz. Heute Erbsensuppenmillionär! Damals dachte er sicher noch, sein Ende sei gekommen.... Wie verrückt so Kommunistenhirne tickten. Dachten nur mit eingesperrten Menschen käme ihr Sozialismus/Kommunismus ins Laufen.

Nun in Freiheit wollen sie sich am Liebsten nicht mehr daran erinnern lassen!
http://www.kukki.de/
https://www.noz.de/deutschland-welt/pol ... lend-reich

Gruß Volker
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon augenzeuge » 21. September 2017, 18:09

eine Portion Kukki's Erbsensuppe mit Bockwurst 4,50 Euro

Ist ja teurer als in Köln..... [shocked]

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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon SkinnyTrucky » 22. September 2017, 07:12

augenzeuge hat geschrieben:
eine Portion Kukki's Erbsensuppe mit Bockwurst 4,50 Euro

Ist ja teurer als in Köln..... [shocked]

AZ


Ich hab schonmal gesagt, die strammsten Genossen haben sich am Besten in der neuen Zeit zurecht gefunden.... [wink]


groetjes

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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 22. September 2017, 08:20

Im Jahr 1990 war ich auch mal in Nordhausen. Dort standen bestimmt 100 Gulaschkanonen zum Verkauf. Auch LOs und W-50.
Da hätte man locker 20 oder 30 bekommen. An die "verfressenen Ostdeutschen" hab ich da aber auch nicht gedacht. Das Stück kostete ladenneu damals keine 300 DM.
Selbst als Spekulationsobjekt wäre die Anlage mehr als Gold gestiegen.

Aus ihrer "Not" haben einige wenige Insider aber die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Warum auch nicht. Es stand ja jedem frei, so zu entscheiden.

Gruß Volker
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Danny_1000 » 6. November 2019, 16:48

Tagesthemen vom 09.11.1989 um 22.30 Uhr in voller Länge

eine zu Recht historische Sendung im Deutschen Fernsehen mit:

- Dem Aufmacher der Sendung und dem unvergessenen Hajo Friedrichs;
- Live- Reportagen von Grenzübergängen in Berlin und anderswo;
- Statement vom Walter Momper (Regierungschef von Westberlin);
- dem Geschwurbel von Schabowski;
- einem ziemlich ratlosen Kanzler Kohl in Polen;
- Reaktionen aus einer parallel stattfindenden Bundestagssitzung;
- dem Kommentar des damaligen SFB- Intendanten;
- einem sehr weitsichtigen Statement von Johannes Rau (Damals MP von NRW) im Interview mit Frierdrichs anlässlich der Kulturtage von NRW in Leipzig und
- dem Apell eines Poliklinikchefs von Leipzig im Interview mit Friedrichs u.a.
;

Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben
dafür einsetzen, dass du es sagen darfst !
(Evelyn Beatrice Hall 1868; † nach 1939)
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon augenzeuge » 6. November 2019, 17:00

Das Interview zwischen Friedrichs und Rau war auch bezüglich Krenz interessant. Dieser betrachtete zu diesem Zeitpunkt die letzten Wahlen immer noch als korrekt. [flash]

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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Interessierter » 14. November 2019, 08:13

Maueröffnung vor 30 Jahren - "Als wenn jemand einen Reißverschluss aufzieht"

Am 9. November wurde die Berliner Mauer durchlöchert. Aber was passierte nach dieser Nacht? Bernd Blumrich, Fotograf aus Kleinmachnow, interessierte sich nicht für Jubelbilder - er blieb nah bei den Menschen.


Erst mit einigen Stunden Verspätung hörte Manfred Graulich morgens in den Nachrichten, was in der Nacht geschehen war. Tausende Menschen waren von Ost- nach West-Berlin geströmt, Trabis über den Kudamm gefahren. Den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 hatte der Bürgermeister der Kleinstadt Teltow bei Berlin nach einem anstrengenden Arbeitstag völlig verpasst.

An jenem 10. November kam Graulich nicht mehr zur Ruhe. Nachmittags um 16 Uhr traute er seinen Ohren kaum, als der Rat des Kreises Potsdam bei ihm anrief. Binnen weniger Tage sollte in Teltow ein neuer Grenzübergang entstehen.

Bernd Blumrich arbeitete zu der Zeit schon seit Jahren als selbstständiger Fotograf in Kleinmachnow. Am Morgen nach dem Mauerfall wollte auch er mit seinem Auto nach West-Berlin fahren. Am Grenzübergang Dreilinden musste er in einer langen Schlange warten. "Es gab einen riesigen Stau, die Grenzposten waren völlig überfordert", erinnert er sich. "Man brauchte nur noch den Personalausweis vorzuzeigen, niemand fragte mehr nach einem Visum. Das erschien mir unglaublich."

Als damals die ganze Welt nach Berlin schaute, hielt Blumrich mit seiner Kamera fest, wie auch an der Peripherie des Geschehens plötzlich Menschen aus Ost und West aufeinandertrafen. Auf seinen prägnanten Schwarz-Weiß-Aufnahmen sieht man, dass in Mauern und Zäunen bald Lücken klafften. Man konnte einander nun von einer Seite zur anderen zuwinken. Grenzsoldaten, die bis dahin auf sogenannte Republikflüchtlinge schießen mussten, legten ihre Waffen ab und bekamen Blumen geschenkt.

16 interessante Fotos findet man im Link:
https://www.spiegel.de/geschichte/mauer ... 95349.html
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 14. November 2019, 11:01

augenzeuge hat geschrieben:Das Interview zwischen Friedrichs und Rau war auch bezüglich Krenz interessant. Dieser betrachtete zu diesem Zeitpunkt die letzten Wahlen immer noch als korrekt. [flash]

AZ

... Und bewies damit, dass er ein Lügner war und ein Leugner bleibt.

Gruß Volker
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Interessierter » 16. November 2019, 10:41

„Man ging in etwas Fremdes“

Frau Manke-Hengsbach, Sie haben die Wendezeit als DDR-Bürgerin in Berlin erlebt. Wovon haben Sie geträumt?

Wir haben alle mit der Hoffnung gelebt, dass es anders wird, dass endlich Schluss ist mit der DDR. Wir wollten freier sein. Wir haben ja alle nicht ehrlich gelebt.

Wie meinen Sie das?

Ich war damals im Berliner Haus für Kulturarbeit angestellt und habe immer mehr mitbekommen: Da stimmt was nicht. Wir haben unter anderem Moderatoren ausgebildet, die dann aufpassen mussten, was sie sagen. Unsere Direktoren, das waren sozusagen die Kapitalisten der DDR, waren auch gar keine Kulturmenschen. In Wirklichkeit haben die nur in ihren Büros gesessen und gebechert. In der DDR hatte jeder seine Pulle im Schrank. Einmal hatte ich einen Westjoghurtbecher als Stifthalter auf dem Schreibtisch, da wurde ich schon angezählt. Am 4. November war ich bei der Demonstration am Alex. Das war für mich das größte Ereignis. Da habe ich nur noch geheult. Man konnte dieses Glück kaum fassen.

Neben Euphorie und Glück liest man in ihren Erinnerungen auch immer von Unsicherheit und Angst.

Bei den Demonstrationen am Alexanderplatz gab es plötzlich Plakate, auf denen Politiker mit Eselsohren zu sehen waren. Die Leute haben sich öffentlich lustig gemacht. Das ist heute nichts Besonderes, aber damals gehörte unglaublicher Mut dazu. Ich hatte zu der Zeit einen guten Bekannten, der mich unglaublich enttäuscht hat, weil er sich als Oberleutnant freiwillig für die Demos in Leipzig gemeldet hat. Ich wusste ja, dass der da rumprügelt.

Sie haben auch in Berlin Ausschreitungen befürchtet.

Wenn ich nur an den 4. November denke, da stand Mensch an Mensch. Da hätte ja nur mal jemand ausflippen müssen. Wir hatten ja keine Erfahrung mit so etwas, wir kannten das nur aus dem Westfernsehen.

Sie denken an die Straßenschlachten der Studentenbewegung oder an die Chaostage in Hannover.

Ja, genau. Wir hatten Angst, dass man jetzt in etwas hineingerät, was man sich nicht vorstellen kann.

Wie haben Sie die Tage nach dem 9. November erlebt?


Es war eine Phase der Verunsicherung und Irritation. Das Ende der DDR war ein Zusammenbruch unseres Alltags. Von einem Tag auf den anderen stimmte alles nicht mehr. Bei aller Freude merkten wir, da ist etwas, das in unser Leben einbricht, das unser Leben zerstören könnte. Es hatte etwas von Krieg. Ich hab damals in der Warschauer Straße in Friedrichshain gewohnt. Von einer Nacht auf die andere war der Bäcker mit Leucht- und Westreklame behangen, wo vorher alles trist war.


Das vollständige Interview und Fotos findet man hier:
https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/ ... aren-frei/
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon augenzeuge » 16. November 2019, 11:23

Einmal hatte ich einen Westjoghurtbecher als Stifthalter auf dem Schreibtisch, da wurde ich schon angezählt.


Das kenn ich noch. Ja, das war sehr verbreitet. Als Becher für Schrauben waren sie auch üblich. Manche hatten ganze Regale voller leerer West-Bierdosen.... [flash]

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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Volker Zottmann » 16. November 2019, 11:56

Interessierter hat geschrieben:
Frau Manke-Hengsbach, Sie haben die Wendezeit als DDR-Bürgerin in Berlin erlebt. Wovon haben Sie geträumt?

Wie meinen Sie das?

Ich war damals im Berliner Haus für Kulturarbeit angestellt und habe immer mehr mitbekommen: Da stimmt was nicht. Wir haben unter anderem Moderatoren ausgebildet, die dann aufpassen mussten, was sie sagen. Unsere Direktoren, das waren sozusagen die Kapitalisten der DDR, waren auch gar keine Kulturmenschen. In Wirklichkeit haben die nur in ihren Büros gesessen und gebechert. In der DDR hatte jeder seine Pulle im Schrank. Einmal hatte ich einen Westjoghurtbecher als Stifthalter auf dem Schreibtisch, da wurde ich schon angezählt. Am 4. November war ich bei der Demonstration am Alex. Das war für mich das größte Ereignis. Da habe ich nur noch geheult. Man konnte dieses Glück kaum fassen.


Am 1. März 1977 fing ich in einem Harzgeröder VEB an. Wenige Tage später war ich wegen Büroumräumerei verdonnert, auch das Büro des Technischen Direktos zu beräumen. Beim Aktenschränke öffnen, sagte ich noch, wir sollten Vorsicht walten lassen, weil ein Ordnerrücken immer eine Schnapspulle verdeckt. Kaum ausgesprochen, fanden wir schon eine Flasche feinsten Quedlinburger Kastell. Unser Technischer kam dazu, griente, und verteilte erstmal ne Runde Weinbrand....

Als mich vor vielleicht 2 Jahren dieser besuchte, war das auch ein Thema zum Schmunzeln.
Ich kannte kein Büro ohne Flasche. Bei unseren damaligen Technologen wurde wegen langer Weile ununterbrochen geschluckt. Soetwas war bekannt, nicht besonders in der berauschten Republik.

Gruß Volker
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon augenzeuge » 16. November 2019, 14:49

weil ein Ordnerrücken immer eine Schnapspulle verdeckt. Kaum ausgesprochen, fanden wir schon eine Flasche feinsten Quedlinburger Kastell. Unser Technischer kam dazu, griente, und verteilte erstmal ne Runde Weinbrand....


Den Sosialismuß in seim Loof, hältste nur mitem juhden Weinbrand off. (frei nach Honecker) [grins]

AZ
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Interessierter » 26. November 2019, 10:14

Ergreifende Stimmung - Ein besonderer Aussichtsposten

Am 10. November machte sich Tagesspiegel-Leser Matthias Ziegfeld sofort von seinem Studienort Bremen aus auf die Reise nach Berlin, um die historischen Ereignisse mitzuerleben. Mit seinen Freunden fuhr er sofort Richtung Brandenburger Tor und erklomm dort die Mauer. Dort hatte er eine ganz besondere Begegnung.

Die Nachricht von der Maueröffnung erreichte mich an meinem Studienort Bremen erst durch den telefonischen Weckruf eines Berliner Freundes früh am 10. November. Sprich, ich hatte diese historische Nacht schlichtweg verschlafen. Umso schneller die Entscheidung, an diesem Tage nur noch wirklich unvermeidliche Uni-Termine wahrzunehmen und dann mit meiner Ente sofort nach Berlin zu fahren. Mitfahrer waren bei der Mitfahrzentrale schnell gefunden, denn alle wollten dabei sein. Die Fahrt nach Berlin war ein patriotisches warm-up für die folgenden aufreibenden Tage, konnte ich doch den drei Wessis noch mal kurz einen Abriss der Berliner und gesamtdeutschen Geschichte geben, bis wir sie am Grenzkontrollpunkt Marienborn dann selbst erleben durften.

Nie werde ich das Bild der dort in vielen Reihen wartenden Autos vergessen. Bei fast jedem Fahrzeug waren an diesem kalten Novemberabend die Fenster heruntergelassen, der Atem der Insassen quoll heraus und vor allem war eines wahrnehmbar. Aus jedem Auto schall die Rede von Willy Brandt, der in diesen Minuten am Schöneberger Rathaus sprach. Welch’ ergreifende Stimmung, an diesem Abend in Marienborn die beglückten Worte des früheren Regierenden Bürgermeisters Berlins und des Wegbereiters der Entspannungspolitik zu hören.

Das Unfassbare der Situation spiegelte sich auch in der Verunsicherung der Grenzpolizisten wider. War die Freundlichkeit mancher der sonst so strengen Kontrolleure eine stille Freude, dass es endlich so gekommen war? Fast greifbar war die Ungewissheit, was denn jetzt weiter passieren würde, denn von den weiteren Entwicklungen konnte ja noch keiner etwas erahnen.

Die 180 km durch die DDR verflogen rasch, und auch die Kontrolle in Dreilinden war fast nur noch eine Formalie. Das Ziel in Berlin war klar, nicht etwa ins heimatliche Schmargendorf, sondern wir fuhren direkt zum Brandenburger Tor, um mitzukriegen, was dort los war. Da ja die Mauer dort noch nicht offen war, bin ich natürlich wie alle Leute raufgeklettert auf die oben ja erstaunlich breite Mauer. Die Euphorie der Menschen war unfassbar, jeder half einander hoch und die Menschen standen dicht gedrängt auf diesem einzigartigen Aussichtsposten zwischen West- und Ost-Berlin.

Absolut unglaublich jedoch war es, dort oben auf diesen paar qm Mauer zufällig meinen eigenen Bruder zu treffen, der genauso von der Faszination des Momentes mitgerissen war wie ich. Wir lagen uns sofort in den Armen, aber das tat man an diesem Abend ja ständig mit irgendjemandem. Für uns Brüder schloss sich hier gleichsam ein persönlich-historischer Kreis, denn wir beiden erlebten 1975 ein echtes DDR-Abenteuer. Im Alter von 15 und 17 Jahren waren wir bei einer „Grenzverletzung“ im Niemandsland zwischen Kladow und Sakrow von Grenztruppen mit Gewehren im Anschlag festgenommen und stundenlang verhört worden. Wir verbrachten daraufhin drei Tage im DDR-Gewahrsam im Kinder- und Jugendheim Alt-Stralau und wurden nach diesen nervenaufreibenden Tagen auf der Oberbaum-Brücke einem Mitarbeiter des Berliner Senats übergeben. Der seinerzeitige glückliche Ausgang ließ uns eher stolz auf dieses insgesamt nicht ganz ungefährliche Abenteuer blicken, was unsere Eltern damals nicht ganz so sahen.

Die Erinnerungsstücke dieses Erlebnisses habe ich natürlich aufgehoben und sie führen mir die geschichtliche Dimension meiner Kindheit und Jugend in Berlin genauso vor Augen wie ein großes Originalschild „You are leaving the American Sector“, das heute in meiner Küche hängt. An den hier beschriebenen Abend auf der Mauer vorm Brandenburger Tor erinnert mich auch immer ein Flicken auf der damals bei der Mauerbesteigung zerrissenen Lederjacke, eben meiner Mauer-historischen Jacke.

Im November 1989 wurde mir dann schnell klar, dass es nun an der Zeit wäre, als Berliner schnellstmöglich wieder herzuziehen, um diesen einmaligen historischen Prozess mitzuerleben. Diesen Entschluss habe ich in den spannenden letzten 20 Jahren nie bereut.

https://www.tagesspiegel.de/themen/mein ... 94806.html
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon Interessierter » 29. November 2019, 08:09

Als Johannes B. Kerner eine große Versöhnung sah

Fernsehmoderator Johannes B. Kerner erzählt hier seine ganz persönliche Geschichte vom 9. November 1989 in Berlin. Durch Zufall wurde er Zeuge einer Versöhnung.

Unterschwellig haben wir alle gewusst, dass da vielleicht was passieren würde, aber am Ende haben wir doch lieber Fußball geguckt. Nach dem Spiel, 3:0 für Stuttgart, waren wir noch Billard spielen, und irgendwie hatten wir so eine komische Ahnung, so etwas gibt es ja. Einer hat gesagt: Wollen wir nicht zur Mauer fahren? Wir sind erstmal zum nächsten Taxifahrer, der war ja über Funk mit seinen Kollegen verbunden. Wir haben ihn also gefragt, ob er was wüsste, und der Mann hat uns im besten Ton Berliner Taxifahrer angeblafft: Sagt mal, wo kommt ihr denn her, habt ihr den ganzen Abend verschlafen?

Irgendwann hab' ich mich auch getraut

Im Taxi sind wir dann gleich weiter zum Brandenburger Tor. Wir waren zu dritt: Andreas Witte, mein späterer Trauzeuge und ich. Am Brandenburger Tor war noch nicht so viel los wie an den Grenzübergängen an der Bornholmer Brücke oder der Invalidenstraße. Die ersten Leute waren schon oben auf der Mauer, vielleicht hundert, höchstens. Ich bin ja nun nicht einer der Mutigsten, aber irgendwann hab’ ich mich auch getraut. Das war schon unheimlich, denn vor dem Brandenburger Tor stand eine Gruppe von Grenzsoldaten, die schauten zu uns herüber, und wir hatten auf der Mauer ja nichts verloren, aber es passierte erst einmal gar nichts. Plötzlich ist eine Frau von der Mauer gesprungen, aber nicht zurück in den Westen, sondern zum Pariser Platz, auf die Ostseite: Wir haben alle einen Riesenschreck bekommen, einer hat gerufen: keine Provokation! Wir wussten ja nicht, wie die Soldaten reagieren würden. Die Frau ist dann ganz langsam auf das Brandenburger Tor zu gegangen, und die Soldaten sind zur Seite gegangen, und die Frau durfte durch das Tor spazieren, einfach so.

Ich hab’ mich noch eine Viertelstunde zurückgehalten, aber nachdem immer mehr runtergesprungen sind, haben wir uns hinterher gewagt, erst durchs Brandenburger Tor, weiter Unter den Linden bis zum Metropol-Hotel an der Ecke Friedrichstraße. Da saßen die Ost-Bonzen und verhandelten mit Geschäftsleuten aus dem Westen, die hatten alle noch nicht gemerkt, dass sich ein paar Meter weiter gerade die Welt veränderte. Wir haben im Metropol jeder für sechs Mark West ein Radeberger getrunken und sind dann wieder raus auf die Straße und haben uns auf den Weg gemacht in Richtung Invalidenstraße, weil wir zurück in den Westen wollten.

Auf der Weidendammer Brücke ist uns der damalige West-Berliner Bau-Senator Wolfgang Nagel über den Weg gelaufen, der ging da mit seiner Frau spazieren. Am Grenzübergang war es so, wie man es schon tausendmal im Fernsehen gesehen hat. Die Kolonnen von Trabis, die in den Westen wollten, und die West-Berliner, die immer wieder auf die Autodächer klopften. Ein junges Pärchen hat uns gefragt, wie man denn am besten zum Kurfürstendamm kommen würde. Das geht ganz einfach, hab’ ich gesagt, und noch einfacher ist es, wenn ihr uns einfach mitnehmt.

Wie würde diese Szene enden?

Am Kudamm haben wir uns verabschiedet und sind noch in das griechische Lokal von diesem Lindenstraßenwirt an der Grolmannstraße. Mittlerweile war es bestimmt schon drei Uhr, aber immer noch riesiger Betrieb. Kein Wunder, in so einer Nacht. An einem Tisch saß Manfred Krug mit seiner Frau, die beiden wohnen ja dort irgendwo in der Ecke. Ich dachte mir noch: Der Mann hat die DDR in den Siebzigern aus politischen Gründen verlassen, für den muss das doch eine ganz besondere Nacht sein. Wie es der Zufall so wollte, saß ein paar Tische weiter Stefan Heym, der Ende der Achtzigerjahre zum Vorstand des DDR-PEN-Zentrums gehörte. Ich kannte den persönlichen Hintergrund der beiden und wusste, dass Heym seinem früheren Freund Krug die Ausreise in den Westen nach der Biermann-Affäre nie verziehen und ihn dafür hart kritisiert hatte. Heym war schon Mitte Siebzig, und plötzlich ist er aufgestanden und hinüber gegangen zu Krugs Tisch. Im dem großen, lauten Lokal war es mucksmäuschenstill. Jeder hat gewusst, dass gleich etwas ganz besonders passieren würde, aber was? Wie würde diese Szene enden?

Heym ging also zu Krug, er, der alte Mann, machte den ersten Schritt zur Versöhnung, und als er ihm die Hand gab, da war es mit der Stille im Lokal vorbei und alle Gäste haben applaudiert. Alle! Das war ein wahrhaft erhabener Augenblick, und danach bin ich nach Hause gefahren, beseelt von dem Gefühl, etwas ganz besonderes erlebt zu haben. Den Fall der Mauer im Großen und im Kleinen und die Versöhnung zweier großer Männer.

https://www.tagesspiegel.de/themen/mein ... 32690.html

Eine Begegnung, die mich auch heute noch beim Lesen sehr bewegt.
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Re: Die Grenzöffnung 1989

Beitragvon augenzeuge » 29. November 2019, 17:48

Interessierter hat geschrieben: An einem Tisch saß Manfred Krug mit seiner Frau, die beiden wohnen ja dort irgendwo in der Ecke.

Seit 1988 wohnten sie in Charlottenburg, in der Rankestraße. Etwa 1 km entfernt.

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