"Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon andr.k » 4. Mai 2015, 20:57

Peinlich ist eigentlich auch, dass entweder absichtlich nicht richtig kopiert, bisschen dazu gedichtet wird und bestimmte Zeilen weggelassen werden. Warum dieses so in dieser Form geschieht, ist mir unverständlich. Sonst wird doch alles Negative über das MfS, SED und anderen "Organen" in absoluter Korrektheit eingestellt.

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Wosch » 5. Mai 2015, 05:45

andr.k hat geschrieben:Peinlich ist eigentlich auch, dass entweder absichtlich nicht richtig kopiert, bisschen dazu gedichtet wird und bestimmte Zeilen weggelassen werden. Warum dieses so in dieser Form geschieht, ist mir unverständlich. Sonst wird doch alles Negative über das MfS, SED und anderen "Organen" in absoluter Korrektheit eingestellt.

AK



In aller Deutlichkeit möchte ich mich bei dem User INTERESSIERTER für seine Bemühungen bezüglich des Einstellen von themengebundenen Link's bedanken.
Was die angeführte angebliche "Peinlichkeit" betrifft, ich kann sie nicht aus seinen eingestellten Link's herauslesen, selbst nach mehrmaligen Nachlesen nicht!!

Wosch. [hallo] ,
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Volker Zottmann » 27. Juli 2015, 16:24

Streufdorf in Thüringen , knapp fünf Kilometer von der Grenze entfernt, ist ein besonderes Dorf. Am 27. Mai 1952 macht es in der „Aktion Ungeziefer“ von sich reden. Es ist wie eine Vorahnung des 17. Juni 1953.
Die Glocken läuten, einige Hundert Streufdorfer holen Baumstämme und errichten Barrikaden auf der Straße, um sich gegen ihre Deportation zu wehren. Sie entreißen Polizisten die Gummiknüppel und verprügeln die Staatsmacht, Polizisten wie Parteifunktionäre. Im Bericht der Staatssicherheit ist über den Widerstand in dem Dorf im Kreis Hildburghausen zu lesen:
In Streufdorf ließen sich die Einwohner durch reaktionäre Elemente verleiten, Barrikaden zu errichten und damit den Ortseingang zu versperren. Agitatoren der SED wurden tätlich angegriffen, VP-Angehörige mit Steinen beworfen. Ein eingesetzter Löschzug der Feuerwehr erzwang die Räumung der Barrikaden. 15 Personen wurden festgenommen, von denen sich 5 heute noch in Haft befinden und dem Gericht zur Aburteilung übergeben werden. (Sie werden im September 1952 wegen Boykotthetze zu Zuchthausstrafen zwischen drei und acht Jahren verurteilt.)
Der Funke des Widerstands ......
Weiter gehts hier:
http://www.thueringer-allgemeine.de/web ... -593637472

Gruß Volker
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Edelknabe » 27. Juli 2015, 17:02

Im Atlas für Motortouristik der DDR, Redaktionsschluss:Januar 1973 ist der Ort Streufdorf noch verzeichnet. Wer sollte gleich nochmal deportiert....weil, der Ort blieb ja bestehen? Denn davon steht nichts davon im Zeitungsartikel?

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon pentium » 27. Juli 2015, 17:14

Edelknabe hat geschrieben:Im Atlas für Motortouristik der DDR, Redaktionsschluss:Januar 1973 ist der Ort Streufdorf noch verzeichnet. Wer sollte gleich nochmal deportiert....weil, der Ort blieb ja bestehen? Denn davon steht nichts davon im Zeitungsartikel?

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Der Ort wurde ja nicht komplett geräumt, Rainer-Maria. Ein paar Familien durften dort wohnen bleiben!

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon manudave » 5. August 2015, 16:59

Dass es keinen Cent/Pfennig Entschädigung gab, stimmt als Pauschalaussage nicht.
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Edelknabe » 5. August 2015, 18:09

Bitte David spann uns nicht auf die Forumsfolter. Trage somit bei mit deinem Wissen....und ich nehme einmal an von Zeitzeugen, mit denen du in deiner Funktion als Fremdenführer in Point Alpha Kontakt hattest?

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon manudave » 26. August 2015, 06:39

Für einige Familien gab es in den 50ern einen Betrag auf ein Sperrkonto, der natürlich in der Höhe ein Witz war. Dieses Geld war oft nur theoretischer Natur, da man da nicht ran durfte oder manchmal auch was für den Betrieb des zurückgelassenen Besitzstandes abgezogen wurde. Faktisch blieb man aber auch oft Besitzer dieser Grundstücke, was in den 90ern für große Probleme sorgte, da die Grundbücher der damaligen Zeit oftmals nicht "aufzufinden" waren.
Wer nach der Vereinigung entschädigt werden wollten, hatte es natürlich schwer - wenn man man überlegt, was es für ein Drama war überhaupt Entschädigung für strafrechtliche Fälle zu bekommen...da war ein zivilrechtlicher Fall wesentlicher komplizierter und wurde gern mit den berühmten 4.000 D-Mark abgespeist.

Natürlich ist das alles ein trauriger Witz, was die Summen angeht. Aber damit will ich nur aufzeigen, dass es nicht "Nichts" gab.
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Edelknabe » 26. August 2015, 07:23

Hatte ja lange gedauert David aber eines muss man dir lassen, du arbeitest wenigstens deine Beiträge ab. Und Danke somit.

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon manudave » 26. August 2015, 18:53

Ja, Rainer - leider habe ich tatsächlich nur noch wenig Zeit. Habe viele Führungen, bin ja Vater von zwei Kids, Schiedsrichter und seit neuestem noch nebenberuflich Kameramann auf den Fußballplätzen der Region - da sucht oft nur noch die Couch nach mir. [hallo]
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Interessierter » 18. Mai 2016, 12:32

Ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte wird aufgeschlagen

Tausende Ostdeutsche wurden aus dem 5-km-Sperrgürtel der innerdeutschen Grenze zwangsausgesiedelt. Das Bürgerkomitee Thüringen legte für das Eichsfeld erstmals eine Studie zu diesem dunklen Kapitel vor.

Punkt 6 Uhr donnerte es morgens an die Haustür der Familie Büttner im Thüringer Eichsfelddorf Schönau. "Sofort aufmachen!", ertönten raue Stimmen. Kaum haben sie geöffnet, stürmten Männer herein. "Einer las uns etwas von ,das Anwesen verlassen müssen vor, der Rest der Meute lief durch die Schlafzimmer, auch das meiner Eltern, riss aus den Schränken alles wahllos heraus", erinnert sich die heute 72-jährige Annegret Büttner. Dann sei ihr Hab und Gut aufgeladen worden. Gegen Mittag setzten sich schließlich vier Lastwagen in Bewegung. Ziel: Ein noch unbekannter Ort im Hinterland. Es sollte Bad Berka werden.

Entlang der gesamten deutsch-deutschen Grenze fanden am 3. Oktober 1961 in den Dörfern auf DDR-Seite ähnliche Willkürakte statt. Die Aktion war stabsmäßig vorbereitet. Im Bezirk Erfurt trug sie den Tarnnamen "Kornblume", im Bezirk Magdeburg "Neues Leben", im Bezirk Karl-Marx-Stadt "Frische Luft".

Das Anliegen sei es gewesen, das Grenzgebiet undurchlässiger zu machen und hierzu "politisch unzuverlässige" Bürger sowie "asoziale Elemente" aus der 5-km-Sperrzone zu entfernen, erzählt Martin Montag, der katholische Pfarrer in der Eichsfeldgemeinde Beuren. Zuweilen hätten auch Nachbarn Gerüchte lanciert oder Spitzel die Betroffenen denunziert.

So finden sich im Polizeiarchiv von Heiligenstadt Begründungen wie diese: "hat vollkommen negative Einstellung zu unserem Staat", "verherrlicht laufend die Verhältnisse in Westdeutschland", "hört eifrig RIAS", "beschimpft LPG-Bauern als Feiglinge" oder "war Ortsbauernführer der NSDAP und hat seine faschistische Einstellung nicht geändert". All das dokumentiert eine Studie, die jetzt vorgestellt wurde. Unter dem Titel "Terror, über den niemand spricht" behandelt sie erstmals exemplarisch die Zwangsumsiedelungen in einer ganzen früheren Grenzregion - dem Eichsfeld. Erschienen ist sie in der Schriftenreihe des Thüringer Bürgerkomitees, das Martin Montag seit 1989 ehrenamtlich leitet.

Wie Montag mit weiteren Aktivisten in Gesprächen und durch Archivrecherche herausfand, wurden 1961 allein in Thüringen 1700 Menschen zwangsumgesiedelt. Daneben habe man rund 30 Ortschaften und mehr als 200 Einzelgebäude entlang der Grenze ausradiert. Hinzu kämen noch weitere 3500 Leidtragende einer Vorgängeraktion, die bereits 1952 unter dem Decknamen "Ungeziefer" ablief. Insgesamt, so Montag, hätten bei diesen Umsiedelungen fast 12 000 Ostdeutsche ihre Heimat verloren.

Die Studie gibt aber auch "manch zivilem Ungehorsam gegen die SED-Diktatur, den es im Zuge der Zwangsaussiedlungen auch gab, Namen und Gesicht", sagt Montag. So fand er heraus, dass Menschen nur um Haus und Hof gebracht werden konnten, wenn stets drei Leute aus dem Dorf die "Missetaten" schriftlich bestätigten. "Das konnte der Bürgermeister sein, ein Polizist, Nachbarn oder Kollegen", erzählt er. Doch dies gelang nicht überall. Montag entdeckte, dass im Dorf Steinbach keine einzige Person deportiert wurde, weder 1952 noch 1961.

Die Forscher gingen der Sache nach und fanden heraus: Der damalige Bürgermeister weigerte sich stets, die Zwangsaussiedlung von vier Bauernfamilien zu unterzeichnen. Deshalb musste die Aktion schließlich abgeblasen werden. "Offenbar waren Systemträger in ihrem Handeln recht frei", vermutet Montag. Nicht ohne Risiko. Montag stieß auch auf Fälle, wo der Bürgermeister selbst samt Familie abtransportiert wurde.

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/polit ... 306,790824
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Nostalgiker » 18. Mai 2016, 12:40

Wenn kath. Priester anfangen zu Vermuten dann ist es mit der exakten Arbeit eines Historikers nicht allzu gut bestellt. Nun ja, ist ja auch nur ein Hobby von ihm .....
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich gerne hätten.

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Nostalgiker » 18. Mai 2016, 12:40

Wenn kath. Priester anfangen zu Vermuten dann ist es mit der exakten Arbeit als Historiker nicht allzu gut bestellt. Nun ja, ist ja auch nur ein Hobby von ihm .....
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich gerne hätten.

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon augenzeuge » 18. Mai 2016, 15:54

Na Thoth, schon so zittrig, dass du den Button 2x drückst? [laugh]
Oder gehts nach "Doppelt glaubt man besser?"

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Volker Zottmann » 18. Mai 2016, 16:21

Zu dem vom Wilfried eingestellten Artikel sei festzustellen, dass nur das Eichsfeld benannt wurde. Tatsächlich aber zog sich dieses Unrecht durch 1400km Grenzland.
Seit 1952 hatte auch der Grenzort Tanne im Harz ein ganzes Einfamilienhaus frei, um einen Kindergarten einzurichten.... Na so ein Zufall!
In den ging ich dann 1953 und 1954.
Bemerkenswert aber ist, dass meine angestrebten Recherchen dazu voll ins Leere liefen. Ich habe von den Alten im heutigen Dorf niemanden gefunden, der Auskuft zu den früherern Bewohnern gab.
Es kann im Harz so schön still sein, so lauschig! Pssssssst! [mundzu]

Gruß Volker
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Interessierter » 13. Oktober 2016, 10:40

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Interessierter » 4. Dezember 2017, 15:43

Gedemütigt, enteignet, verjagt

Stasi und Volkspolizei vertrieben vor 65 Jahren Tausende Menschen von der innerdeutschen Grenze. Zynischer Tarnname: "Aktion Ungeziefer". Ein Dorf in Thüringen wehrte sich - bis Wasserwerfer anrollten.

Bild
Mit dem Sofa Richtung Westen: Eine Familie rettet sich mitsamt Hausrat in die Bundesrepublik (Foto vom 1. Mai 1952). Auf Druck der Sowjets begann die SED 1952 mit der Abriegelung der innerdeutschen Grenze. Offiziell ging es laut DDR-Ministerrat darum, "Spione, Diversanten, Terroristen und Schmuggler" fernzuhalten, die von den Westmächten über die Demarkationslinie Richtung Osten geschleust würden. Tatsächlich ging es im Zuge der Westbindung der Bundesrepublik darum, die eigene Staatlichkeit demonstrieren - die Unterbindung der Flucht Richtung Westen war ein willkommener Nebeneffekt. Im Grenzgebiet siedelte die DDR Tausende von Menschen zwangsweise um.

Die Streufdorfer wehren sich mit Händen und Füßen, mit Äxten, Sensen und Mistgabeln. Einige parken ihre Heuwender mitten auf der Hauptstraße, andere errichten Barrikaden aus Holzscheiten und Wurzelstöcken. Wutentbrannt spannen Bürger des 1200-Seelen-Dorfs Stricke quer über die Fahrspur. Sie bilden Menschenketten, bewerfen die Volkspolizisten mit Steinen und Aststücken.

Die Glocken im südthüringischen Streufdorf läuten Sturm an diesem 5. Juni 1952, Hunderte sind auf den Beinen, um sich der Staatsmacht in den Weg zu stellen und den Abtransport der Mitbürger zu stoppen. "Das war ein richtiger kleiner Bauernkrieg", sagt Edith Fehringer. David gegen Goliath, Streufdorf gegen Staatssicherheitsdienst.


Mehrere Stunden währte der Aufstand, zweimal forderte die Volkspolizei Verstärkung an. Am Ende siegte die Brutalität - und auch die Familie von Edith Fehringer musste das Dorf verlassen. Die gelernte Schneiderin und ihre Eltern gehörten zu den 63 Menschen, die damals aus Streufdorf ausgesiedelt wurden. Gedemütigt, enteignet, der Heimat beraubt.

"Wir fühlten uns weniger wert als der Dreck unter den Schuhen", sagt die inzwischen 86-Jährige. Immer wieder bricht die alte Dame beim Erzählen in Tränen aus, so tief sitzt der Schmerz, noch heute, 65 Jahre später. Mehr als 8300 Menschen wurden im Mai und Juni 1952 aus dem deutsch-deutschen Grenzgebiet ins Innere der DDR zwangsumgesiedelt. "Aktion Ungeziefer" - dieser Deckname bringt die geballte Menschenverachtung der SED-Diktatur zum Ausdruck.

Bild
Von der Landkarte getilgt: Auch der kleine Ort Lenschow (Nordwestmecklenburg) verschwand von der Erdoberfläche. Diese Luftbildaufnahme entstand in den Sechzigerjahren.

Bild
Im Jahre 1975 wurde der Ort geschleift, wie auf diesem Foto zu sehen. Seit 2009 erinnert ein Gedenkstein an das zerstörte Dorf.

Mit dem Bericht und 24 Fotos geht es hier weiter:
http://www.spiegel.de/einestages/aktion ... 51163.html
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon augenzeuge » 4. Dezember 2017, 19:05

Der ganze Wald auf 10 Uhr wurde ja gerodet? [shocked]

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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Interessierter » 22. Mai 2018, 10:36

DER VERGESSENE AUFSTAND

„Aktion Ungeziefer“ – vor 60 Jahren wurden zehntausende Menschen von der DDR-Führung zwangsumgesiedelt. Nur ein kleines Dorf in Thüringen wehrte sich.

Die Lastwagen kamen leise. Niemand sollte sie hören. Es war tiefe Nacht. Mit den Lastwagen kamen Volkspolizisten, die einen Auftrag hatten.

Um drei Uhr 30 standen sie krachend im Hausflur der Familie Bauer. Vor den Eltern und ihren halbwüchsigen Zwillingssöhnen. Die Polizisten zeigten den erschreckten Erwachsenen im Schein von Taschenlampen mehrere Schriftstücke, die sie nicht erklärten. Dann nahmen sie ihnen die Ausweise ab. Jene Papiere, in die Wochen zuvor bereits der Stempel „Sperrzone“ geknallt worden war.

Man sagte den Eltern, dass sie innerhalb von zwei Stunden gepackt und ihr Haus verlassen haben sollten. Ihr Haus, das seit Generationen im Besitz der Familie war. Wohin sie gebracht würden, sagte man ihnen nicht. Sie sollten aber unterschreiben, dass sie „freiwillig“ wegzögen.

Familie Bauer sollte in jener Frühsommernacht vor 60 Jahren aus Streufdorf in Südthüringen umgesiedelt werden. Wie acht weitere Familien aus dem 1400-Einwohner-Örtchen auch. Wie mehr als zehntausend Menschen, die im innerdeutschen Grenzgebiet wohnten und deshalb nach einem Ende Mai 1952 ausgemachten Plan der DDR-Führung von dort verschwinden mussten.

Aber in Streufdorf war alles anders: Das Örtchen leistete als einziges offenen Widerstand gegen die Aktion. Doch sollte das gemeinsame Aufbegehren auch das Ende der Gemeinschaft werden.

Martin Bauer sitzt auf der Couch im Wohnzimmer seines großen neu erbauten Gehöfts, zu dem moderne Maschinenhallen gehören. Er ist ein gedrungener Mann mit scharfen Falten und schütterem Haar, dem man anmerkt, dass er anpacken kann. Über seiner Couch hängt ein Holzschnitt mit einem pflügenden Bauer hinterm Pferd. Aus dem Fenster blickt er über das weite Land. Er hat das veränderte Dorfgefühl deutlich gemerkt, als er nach der Wende aus Bayern zurückkam nach Streufdorf. „Lump“ hätten ihn manche geschimpft, und Neider habe es gegeben. Erst 15 Jahre nach der Wende hat er sein einstiges Land zurückerhalten und das Haus, das nur noch eine Ruine war.

Dabei hatten in jener Nacht vor 60 Jahren alle füreinander eingestanden, als kleines Dorf gegen eine Staatsmacht, die zu ihrer groß angelegten „Aktion Ungeziefer“ geblasen hatte. „Aktion Ungeziefer“ – ein Name wie aus dem Wörterbuch der Unmenschen. Das war der Tarnname der Zwangsumsiedlung zur „Festigung“ der innerdeutschen Grenze: neun Jahre vor dem Mauerbau um West-Berlin und der endgültigen Abriegelung der Grenze zur Bundesrepublik mit Stacheldraht, Todesstreifen und Minenfeldern. Ganze Ortschaften wurden ausgelöscht, weil sie zu nahe an der Grenze waren. Streufdorf war rund sechs Kilometer vom Westen entfernt.

Wie sich herausstellte, waren es in Streufdorf vor allem die Wohlhabenden, die auf der „Ungeziefer“-Liste standen, auch weil sie als Gegner der Kollektivierung galten: der Fabrikbesitzer, Geschäftsleute oder eben der „Großbauer“. Über das Wort kann Martin Bauer nur lachen; 22 Hektar bewirtschaftete die Familie – heute hat er 300 Hektar unter dem Pflug.

Er erzählt, wie es damals in Streufdorf zuging. „Wir gehen nicht“, habe der Vater gesagt, statt das Freiwilligkeitspapier zu unterschreiben. „Wir haben doch nichts verbrochen.“ Auch andere weigerten sich, wie der damalige Bürgermeister Fritz Pfeifer von der CDU, der zugleich dafür sorgte, dass andere Dorfbewohner informiert wurden. Pfeifer war eine jener vom SED-Ministerrat als „politisch unzuverlässig“ eingestuften Personen, eins der „Elemente, die weg müssen“, wie die Polit-Funktionäre im Jargon der ideologisch aufgeheizten Endzeit der Stalin-Herrschaft formulierten. So steht es in den Akten.

Innerhalb kürzester Zeit sprach sich trotz der frühen Stunde in Streufdorf herum, dass Familien „abgeholt“ wurden. „Abgeholt“ war ein Schreckenswort, wie auch „Sibirien“, woran damals jeder dachte, als Menschen und deren Habe auf die Pritschen der Lkw gehievt wurden. Aufgeschreckt liefen im Morgengrauen alle Bauern auf die Straße, der Lehrer alarmierte seine Schüler, und die Kindergärtnerin hat auf dem Kirchturm die Glocken geläutet. Mehr als 350 Streufdorfer, notierte die Stasi, beteiligten sich am spontanen Widerstand.

Mit dabei war auch Karl Westhäuser, damals 16 Jahre alt und Schneiderlehrling. Er erinnert sich gut an jenen Tag. „Die Vopos standen mit Waffen auf den Trittbrettern der Laster, konnten aber gegen die vielen Menschen nichts machen“, erzählt er.

Auf dem Marktplatz wurden den Polizisten die Gummiknüppel entrissen und sie selbst damit verprügelt; auch die entsandten „Aufklärer“ der Partei bezogen Schläge. Die Lastwagen wurden blockiert, auf denen wie zum Hohn die Parole stand: „Wir kämpfen für Frieden und Demokratie“. Machtlos mussten die Volkspolizisten zuschauen, wie die Streufdorfer Baumstämme auf die Straßen rollten, um die Abfahrt der Lkw zu blockieren. „Elemente“, so heißt es im Bericht der Staatssicherheit, hätten mit „Ackerwagen, Ackergerät, Holzvorräten usw. Straßenbarrikaden errichtet am Dorfbrunnen“. Die Kinder schauten zu, wie meterhohe Wegsperren gebaut wurden, Jugendliche luden die aufgeladenen Möbel wieder von den Lkw ab.

Weiter geht es hier:
https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel ... 22702.html
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon augenzeuge » 22. Mai 2018, 12:12

Eine bemerkenswerte Aktion, welche Respekt abverlangt.

Beethoven, stell dir nur mal vor, du hättest das alles so erlebt. Hättest du dann immer noch deinen früheren Weg beschritten?

AZ
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Re: "Aktion Kornblume/Ungeziefer"

Beitragvon Wosch » 22. Mai 2018, 14:52

augenzeuge hat geschrieben:Eine bemerkenswerte Aktion, welche Respekt abverlangt.

Beethoven, stell dir nur mal vor, du hättest das alles so erlebt. Hättest du dann immer noch deinen früheren Weg beschritten?

AZ




Du erwartest doch nicht etwa ein Wunder, der von Dir angesprochene.ehemalige Berufsoffizir hatte ja auch nicht das Handtuch geworfen als er von den damaligen Vorfällen Bescheid wußte.
Egal was er uns erzählen wird, er hätte sich an den Schweinereien auch beteiligt wenn's vom Alter und vom Befehl her gepasst hätte. Das ist meine persoenliche Meinung und ich glaube nicht daß ich mit der besonders falsch liege.


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