Den Weg in den Fluchttunnel versperrte die Kalaschnikow

Den Weg in den Fluchttunnel versperrte die Kalaschnikow

Beitragvon Interessierter » 20. Mai 2018, 10:55

Im Juli 1962 grub Rudolf Müller einen Tunnel nach Ost-Berlin, um seine Familie zu holen. Als Grenzer ihn stellen wollten, fielen tödliche Schüsse. Jetzt gibt der Boden am Ort sein Geheimnis preis.

Die Spur ist wahrlich unscheinbar: Ein halbes Dutzend Gehwegplatten im Standardformat 30 mal 30 Zentimeter sind leicht eingesunken und liegen deshalb lose im nördlichen Bürgersteig der Zimmerstraße, genau an der Bezirksgrenze von Berlin-Mitte nach Berlin-Kreuzberg. Eine Stolperfalle, gewiss, aber nicht wirklich ungewöhnlich – normalerweise deutet so ein Schaden auf ein Leck in einem Versorgungsrohr im Boden.

In diesem Fall steckt mehr dahinter. Genauer: darunter. Dietmar Arnold, der Vorsitzende des Vereins Berliner Unterwelten und rührige Erforscher historischer Spuren unter der Oberfläche der Bundeshauptstadt, ist sich sicher: Exakt unter dieser Absackung des Bürgersteigs ist schon einmal der Boden eingebrochen – vor fast genau 56 Jahren.

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Der Einstieg des Müller-Tunnels in West-Berlin (1). Im Vordergrund die Y-Träger für den Stacheldraht auf der Mauer
Quelle: BStU


Die ersten Tage ging das Graben gut voran. Doch als der Tunnel schon mehr als ein Dutzend Meter unter DDR-Gebiet verlief, passierte es. Rudolf Müller erinnert sich: „Ich hörte nur ein dumpfes Geräusch hinter mir, wo mein Bruder Horst, den wir ,Hotti‘ nannten, gearbeitet hatte. Er nahm mir die vollen Körbe mit Aushub ab und reichte mir leere zu.“

Rudolf Müller drehte sich in dem engen Stollen um: „Hotti war weg! Ich sah nur noch einen großen Haufen Erde. Die nicht abgestützte Decke des Tunnels war heruntergekommen. Panik ergriff mich.“ In einem engen Stollen, stickig und mit zu wenig Sauerstoff versorgt, über sich jederzeit patrouillierende DDR-Grenzer, abgeschnitten vom rettenden Ausgang in Richtung West-Berlin, war das alles andere als erstaunlich.

Rudolf rief leise und hoffte, dass er nach hinten entkommen konnte. Doch er bekam keine Antwort. Plötzlich meldete sich Klaus Müller, ein anderer Bruder von Rudolf: „Bist du noch vorne, Rudi?“ So laut wie gerade eben möglich kam die Antwort: „Ja, aber Hotti ist verschüttet.“ Von beiden Seiten schaufelten die beiden Brüder mit bloßen Händen die Erde zur Seite. Horst Müller brauchte Luft zum Atmen.

Nach dem Schock des Erdeinbruchs organisierten die Brüder Müller und ihre Helfer Holzlatten zum Abstützen des Tunnels und des „Doms“. Danach konnten sie weitergraben. Am 18. Juni 1962 waren sie fertig, standen unmittelbar vor dem Durchbruch in den Keller des Grenzhauses Zimmerstraße 56.

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Eine Skizze der Stasi zur Flucht durch den Müller-Tunnel 1962
Quelle: BStU


Rudolf Müller, ehemals selbst in einem DDR-Gefängnis inhaftiert, nahm das Risiko auf sich, aus dem Stollen nach Ost-Berlin zu gehen und seine Familie abzuholen. Doch er fiel zwei DDR-Grenzern auf. Auf dem Weg zurück zum Kellereingang forderte der gerade 20-jährige Gefreite Reinhold Huhn die beiden Frauen, die zwei Kinder und Rudolf Müller auf, stehen zu bleiben und sich auszuweisen.

„Frauen und Kinder bleiben alle stehen, oder ich schieße“, rief Huhn und hob drohend seine Kalaschnikow. Rudolf Müller, an sich starr vor Schreck, reagierte instinktiv. Er schaute in die Mündung des Sturmgewehrs, das seine Familie und ihn bedrohte. Er wollte seine Kinder leben und in Freiheit aufwachsen sehen. Zwischen dem Grenzer und ihm war ein Stacheldrahtzaun, der junge Mann in Uniform konnte ihn also nur stoppen, indem er schoss.

Da riss Rudolf Müller die belgische Pistole heraus, die ihm einer der Helfer an diesem Nachmittag zugesteckt hatte – „für alle Fälle“, hatte er gesagt. Ein oder zwei Schuss, aus wenigen Meter Entfernung abgefeuert, ließen Reinhold Huhn zusammenbrechen. Sekundenbruchteile später schlugen Kugeln eines weiteren DDR-Grenzers um die Müllers ein. Gerade noch schafften sie es, sich in den Schutz des Kellereingangs zu retten, dann in den Tunnel zu springen und die gut 20 Meter hinüberzukriechen – auch durch den abgestützten „Dom“.


https://www.welt.de/geschichte/article1 ... nikow.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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