Als in Stalins Lagerhölle die Utopie starbDeportiert, versklavt, auferstanden in der DDR: Buchpreisträger Eugen Ruge hat die Erinnerungen seines Vaters, des Historikers Wolfgang Ruge, herausgegeben. Reden wir mal über Brot. Ganz normales Brot, mausgraues, nicht mehr ganz frisches, klebriges, nacktes Brot. Das kann eine ziemlich harte Währung sein. Wenn man Bäume fällen muss bei vierzig Grad unter null in Sibirien. Mit Fußlappen statt Schuhen an den Füßen und einem Wintermantel um die Schultern, der seine Karriere gut zehn Jahr zuvor als Sommerüberzieher begonnen hatte.
Da denkt man nicht mehr daran, wie man eigentlich hierher geraten ist, dass das hier eigentlich das gelobte Land sein sollte, der Marxismus als gesellschaftliche Praxis, denkt nicht mehr daran, wie zur Hölle sich diese Utopie in ein derart endloses, tödliches Lager verwandeln konnte. Da denkt man nur noch an Brot. Und dass es einen verdammten Unterschied macht, ob man nun 500 Gramm am Tag bekommt zur wässrigen Suppe, in der nur manchmal ein Knorpelchen schwimmt, oder bloß 400. Dann will man überleben, nichts weiter, will man durchkommen.
Es ist eine vergessene Geschichte, in der von der Währung Brot und vom Überleben im Albtraum die Rede ist. Es ist die Geschichte einer in Blut und Verzweiflung platzenden Illusion und eine der zentralen Lügen, auf der die DDR gebaut war. Es ist die Geschichte von Wolfgang Ruge."Die Ideologie der DDR gründete auf eine Lüge"Nach draußen, in die vermeintlich sozialistische Welt, durfte das aber nicht. Da wäre das gefährlich gewesen, für den Nationalpreisträger Wolfgang Ruge und für die DDR. Das hätte ihre Grundfeste, ihren Gründungsmythos erschüttert . Denn, da echauffiert sich der sonst sehr ruhige Sohn zum ersten und letzten Mal,
„das Hauptproblem der DDR war doch, dass ihre ganze Ideologie der DDR eben auf einer Lüge aufgebaut war. Und diese Lüge besteht darin, dass man die Vorgeschichte, den Stalinismus und seine zwanzig Millionen Opfer, verdrängt und totgeschwiegen hat.“Eine aufklärerische Idee stand allerdings nicht hinter der Arbeit an „Gelobtes Land“. Die DDR und den deutschen Sozialismus hatte es ohnehin dahingerafft. Und die Hoffnung, dass der Marxismus als gesellschaftliche Praxis irgendwann tatsächlich funktionieren würde, hatte Ruge längst aufgegeben. Und so muss man „Gelobtes Land“, sagt Eugen Ruge, als Ergebnis einer selbstverordneten Traumatherapie verstehen, als Akt der Selbstreinigung.
Dass der Sohn „Gelobtes Land“ nun noch einmal gründlich ediert und, auf ursprüngliche Manuskriptteile zurückgreifend, überarbeitet hat, verdankt sich allerdings schon auch einem aufklärerischen Impetus. Eugen Ruge hält es für das – neben der Lenin-Biografie – vielleicht beste Buch des Vaters.
Er möchte – mit seinem Vater – die Erinnerung wenigstens ein bisschen wachhalten an die vielen Pianisten, Geiger, Ärzte, Doktoren, Architekten, die vielen einfachen Leuten, die in Stalins Lagern verreckt sind, auf der Flucht erschossen wurden, obwohl sie auch Kommunisten waren.Eben weil sie Deutsche waren, und von deren elendiglichem Ende in Stalins Lagern Wolfgang Ruge erschütternd nüchtern berichtet. Eugen Ruge will vor allem nicht, dass diese, in dieser Form nie erzählte Geschichte durch den Rost fällt. Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen, die einen, die Linken, halten sie für Nestbeschmutzerei, die andern tun sie gern ab nach dem Motto: selber schuld, was geht er auch Mitte der 30er in Stalins Reich.
"Die Welt ist nicht zu retten"Am Ende, sagt der Sohn, war der Vater, der gleich zwei gelobte Länder überlebte, die sich als ziemlich verkommene Ufer herausstellten, kein Misanthrop. Davor schützte ihn, den Goethe-Freund, sein klassisches Menschenbild, das er mit sich herumtrug. Aber ein Fatalist war er, der den Kapitalismus verachtete und das Scheitern des Sozialismus einräumen musste, wohl schon. „Ich persönlich“, hätte Wolfgang Ruge wohl am Ende gesagt, „habe insgesamt“ – „er würde das Wort ersprießlich wählen an dieser Stelle“, sagt sein Sohn – „ich persönlich habe insgesamt ein ersprießliches Dasein gehabt. Aber die Welt ist nicht zu retten.“
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