Ehefrau und Neffe schafften es, Ehemann ertrunken

Ehefrau und Neffe schafften es, Ehemann ertrunken

Beitragvon Interessierter » 22. Januar 2022, 12:04

Horst Ristau

geboren am 2. März 1935 in Welden | ertrunken am 20. August 1965 | Ort des Vorfalls: Pötenitzer Wiek (Mecklenburg-Vorpommern/Schleswig-Holstein)

Gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Neffen wollte Horst Ristau durch die Pötenitzer Wiek in den Westen schwimmen. Er kam dort nie an.

Mit seiner Frau Brigitte wohnte Horst Ristau in der Sperrzone an der Pötenitzer Wiek in unmittelbarer Grenznähe. Er hatte dort bis ins Jahr 1960 bei der DDR-Grenzpolizei in der 1. Grenzkompanie gearbeitet. Zuletzt war er als ungelernter Arbeiter bei dem Volkseigenen Gut (VEG) Gosdorf beschäftigt. Seine Frau, eine frühere Landarbeiterin, war nun Hausfrau. Wegen diverser Schwierigkeiten mit den Behörden befürchtete das Ehepaar seine Zwangsaussiedlung aus dem Sperrgebiet und entschloss sich zur Flucht in die Bundesrepublik. In den Abendstunden des 20. August 1965 machten sich die beiden 35-Jährigen zusammen mit Ristaus 16-jährigem Neffen Eberhard auf den Weg. Der Schüler entschloss sich vermutlich zur Beteiligung an dem Fluchtvorhaben, als er die letzten Tage seiner Sommerferien in Pötenitz bei Onkel und Tante verbrachte.

Horst Ristau kannte aus seiner Zeit bei der Grenzpolizei die Geländeverhältnisse und das System der Grenzsicherung in der Gegend gut. Deswegen wählte er als Fluchtweg den nicht einsehbaren Bereich eines ehemaligen Wehrmachtsmunitionslagers, in dessen Deckung sich die Gruppe bis ans Ufer der Pötenitzer Wiek bewegte. Auf dem Weg dorthin verwischte Horst Ristau, der als letzter ging, sofort wieder ihre Spuren auf dem Kontrollstreifen. Nachdem sie eine Stacheldrahtrolle überwunden hatten, mussten sie es nur noch bis ans Ufer schaffen. Das gelang ohne Probleme, da in dem Abschnitt zu dieser Zeit keine Minen verlegt waren. Das Ufer war mit hohem Schilf bewachsen, sodass die drei Flüchtlinge eine gute Deckung hatten, um ungesehen ins Wasser zu gelangen.

Am 23. August 1965, in den frühen Morgenstunden, entdeckten DDR-Grenzer bei der Strandkontrolle etwa 450 Meter südlich des Priwalls am Ufer der Pötenitzer Wiek Bekleidungsstücke von drei Personen, darunter zwei Paar Herrenschuhe und ein Paar Damenschuhe. Obwohl die Suchtrupps der Grenztruppen nirgendwo Spuren auf dem Kontrollstreifen fanden, nahmen sie an, dass hier eine Flucht aus der DDR erfolgt war. In einer Jacke befand sich schließlich ein Milchzettel, ausgestellt auf Horst Ristau aus Pötenitz. Unter den Kleidungsstücken wurde auch eine Mopedluftpumpe gefunden. Hieraus schloss man, dass die Flüchtlinge zur Überwindung der Pötenitzer Wiek aufblasbare Hilfsmittel verwendet haben. Tatsächlich nutzten sie luftgefüllte Mopedschläuche als Schwimmringe. Später stellte sich heraus, dass sich Grenzposten zum Zeitpunkt der Flucht nur etwa 300 Meter entfernt von der Stelle aufgehalten hatten, an der die drei Flüchtlinge ins Wasser gestiegen sind. Der Kommandostab reagierte beunruhigt, da man dort nicht nachvollziehen konnte, wie drei Personen unbemerkt an den Grenzposten vorbeikommen konnten.

Ein späterer Bericht zum Vorkommnis vermerkt: „[ausreichend] Kräfte seien […] im Einsatz gewesen. Der Kompanie-Chef entschloss zur Verbesserung [der Grenzsicherung] den zusätzlichen Einsatz von Diensthunden an Laufseilen.“ Allerdings hatten Grenzposten gegen 20.30 Uhr Hilferufe gehört und beobachtet, wie kurz danach Boote des Bundesgrenzschutzes die Pötenitzer Wiek absuchten. Brigitte Ristau und ihr Neffe Eberhard hatten kurz zuvor den Priwall am westdeutschen Ufer erreicht und die Suche nach Horst Ristau ausgelöst. Einen Tag später kreiste auch ein Hubschrauber des Deutschen Roten Kreuzes über dem Küstengewässer. Danach brach man die Suche ergebnislos ab. Erst eine Woche später, in den Vormittagsstunden des 30. August 1965, machte ein Fischer aus Lübeck-Schlutup einen schrecklichen Fund. Die Pötenitzer Wiek gab nun, sieben Tage nach dem Fluchtversuch, die Leiche des Ertrunkenen frei.

Mit Poststempel vom 21. August 1965 erreichte Horst Ristaus Mutter eine Karte ihres Enkels Eberhard, der seiner Oma mitteilte, dass sie gut gelandet seien und um die Zusendung von Kleidungsstücken bat. Das Schicksal seines Onkels wollte der Enkel in diesem Schreiben dessen Mutter nicht offenbaren. Die traurige Nachricht sollte sie behutsam erfahren. Darum schrieb er noch am gleichen Tage seinem Vater eine Postkarte: „gitta und ich gut durchgekommen horst nicht durchgehalten versuche es den anderen schonend beizubringen“.


https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/ ... st-ristau/
Interessierter
 

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