Flucht wenige Monate vor der Grenzöffnung

Flucht wenige Monate vor der Grenzöffnung

Beitragvon Interessierter » 10. Juli 2021, 11:09

Wie Henryk Müller in den Westen floh und warum er zurück in den Osten zog

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Der DDR-Flüchtling Henryk Müller auf der Suche nach der Stelle, an der früher der Grenzzaun stand. Fotos: Moritz Clauß

Henryk Müller fühlte sich vom DDR-Regime bevormundet. Mit 22 Jahren beschloss er zu fliehen. Ein Ausflug ins ehemalige Grenzgebiet, wo Wald über die Geschichte wächst.

„Hier irgendwo muss das gewesen sein“, sagt Henryk Müller. Der kleine, kräftige Mann steht auf einer großen Wiese, ringsherum dichter Nadelwald. „Hier irgendwo muss das gewesen sein“, diesen Satz wiederholt der 53-Jährige oft an diesem sonnigen Nachmittag im September. Er sucht am Waldrand und im Gebüsch, fährt mit seinem Geländewagen über schmale Wege, hält mehrfach an, steigt aus. Hier, irgendwo im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Bayern, erlebte Müller am 10. Januar 1989 die gefährlichsten Stunden seines Lebens. Doch die Landschaft hat sich in mehr als 30 Jahren stark verändert. Der Jungwald versteckt die Vergangenheit. Und Müller sucht.

Er wächst in der DDR auf, im beschaulichen Rudolstadt in Thüringen. Mit seinen Freunden baut Henryk Baumhäuser, seine Eltern lassen ihm alle Freiheiten. „Ich hatte eine herrliche Kindheit“, sagt er heute. Auch seine Jugend sei „eigentlich schön“ gewesen. Doch mit der Zeit reibt Henryk sich am DDR-System, sein FDJ-Hemd trägt er nur widerwillig. Stolz ist der junge Mann auf seine Jeans, die ihm Brieffreund*innen der Familie aus Süddeutschland schicken. Nach dem Realschulabschluss macht er eine Ausbildung als Bauverarbeiter – und fühlt sich zunehmend eingeengt vom Staat.

Eine leichtsinnige Entscheidung

„Wenn du etwas nicht darfst, beißt du dich daran fest“, erklärt er. Henryk will mehr dürfen, nicht nur in Ungarn und in der Tschechoslowakei Urlaub machen. 1986 und 1987, mit Anfang 20, stellt er mehrere Ausreiseanträge. Alle werden abgelehnt. Aus Verzweiflung betritt er zusammen mit seinem Schwager Jens die Botschaft der BRD in Ost-Berlin. Sie betteln darum, ausreisen zu können. Die Botschaftsmitarbeiter*innen schicken die jungen Männer nach draußen, wo die Polizei bereits wartet und sie vorläufig festnimmt. Henryk erkennt: „Das bringt alles nichts.“

Mit seinem Schwager ärgert er sich „über das Scheiß-Regime“, über die staatliche Bevormundung. Sie stacheln sich gegenseitig an, wollen nicht mehr in der DDR leben. Lange Zeit reden die beiden nur. Dann muss Henryk zur Musterung. Er befürchtet, im Gefängnis zu landen, wenn er den Wehrdienst verweigert, und beschließt zu fliehen.

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Nach der Grenzöffnung keine Zäune weit und breit

Das sei schon leichtsinnig gewesen, sagt Müller heute. „Aber ich hatte nichts zu verlieren.“ Der 53-Jährige spaziert von der Wiese, geht vorbei an mehreren Hochsitzen, hinein in den Wald. „Das war damals alles freigeschnitten, da konnte man richtig weit sehen“, erzählt er. Jetzt sieht man nur Bäume und eine kaputte grüne Gießkanne aus Plastik, die verlassen auf dem Waldboden steht.

Die beiden DDR-Bürger schmieden Fluchtpläne. Erst überlegen sie, sich in einem Hackschnitzel-Transporter zu verstecken, der nach Österreich fährt. Aber das scheint ihnen zu riskant: An der Grenze könnten sie von den Stäben getroffen werden, mit denen die Kontrolleure die Ladung abtasten. Die zwei verwerfen die Idee und entwickeln eine neue. Mit so wenig Material wie möglich wollen sie über den Grenzzaun gelangen. Zwei Stricke und einen Bolzenschneider, mehr wollen sie nicht mitnehmen.

Ihre Flucht proben die Männer heimlich in einer Scheune, klettern über Wochen immer und immer wieder die Stricke hinauf. Müllers Schwester und seine Mutter sind in die Pläne eingeweiht. Die Mutter versucht, ihm die Flucht auszureden. Vergeblich.

Die interessante und spannende Geschichte geht hier weiter:
http://einland.net/2019/11/09/wie-henry ... osten-zog/
Interessierter
 

Re: Flucht wenige Monate vor der Grenzöffnung

Beitragvon Ari@D187 » 10. Juli 2021, 11:38

Die jungen Männer verharren noch für kurze Zeit in ihrem Versteck, dann rennen sie weiter. Zwei kleinere Zäune trennen sie von der Freiheit. Diesmal brauchen sie keine Leiter, sondern können einfach über die Zäune klettern.

Zwei kleinere, einfach zu überkletternde Zäune anstelle des GZI. Das wäre ungewöhnlich. In den "Grenzerfahrungen Band III" wird die Tagesmeldung lapidar zitiert: "Die Grenzverletzer rannten ca. 1.000 m bis zum vorderen Zaun, überstiegen ihn an einer Betonsäule und gelangten in den Westen.".

Ari
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